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Utzgolf in der zerbrochenen Stadt
Magie zählt nicht zu Utzgolfs Steckenpferden, doch ein Held kann
ihr nicht immer ausweichen - und ein großer Held landet gleich nahe
den Wurzeln der Magie. Phiarae, eine zerbrochene Stadt, garniert mit Rätsel-Gedichten
und gar einem Stadtplan, müßte das nicht jeden klassischen Recken
in den Wahnsinn treiben? Nicht Utzgolf - er behält die Ruhe, entwickelt
erstaunliche Gewitztheit, wenn es darauf ankommt, vergißt nicht einen
Herzschlag seine Galanterie der schönen Eoreina gegenüber und
kann nebenher seine Kontakte zu anderen Berühmtheiten wie Waroniel
und Xaroch pflegen. Utzgolf ist einfach der Größte...
Koldewaiht von Hautzensteyn
In alter Zeit, als die Götter noch regelmäßig durch
die Welt wanderten, gab es eine Stadt in Heligonia, die war so reich, daß
ihre Straßen, wie auch die Mauern der gewaltigen Bauwerke, aus Silber
waren. So gigantisch waren ihre Ausmaße, daß man länger
als einen Tag benötigte, um sie einmal zu durchqueren, dazu waren
die Wege und Straßen so verwirrend, daß man lange Jahre des
Studiums brauchte, um sicher an ein weit entferntes Ziel innerhalb der
Stadt zu gelangen. In der Mitte befand sich ein riesiges Kuppelgebäude
mit hohen Bogenfenstern, durch die man auf die ganze Stadt und auf ganz
Heligonia hinabsehen konnte, so hoch war es über alles andere erhoben.
Man sagt nun, daß es wohl dieser Ausblick auf ihr herrliches Werk
und auf den hohen Himmel war, der sie schließlich zu Fall brachte.
Geblendet von ihrem eigenen Licht schmähten sie die Götter und
wollten so die Heliosscheibe ersetzen. Voller Zorn trug Helios Saarka auf,
Stürme zu entfachen, welche die Stadt zerstören und ihr arrogantes
Volk auslöschen sollten. Und so geschah es, daß die Stadt
zerbrach und Trümmer bis weit ins Umland geschleudert wurden. Durch
die Ruinen aber streiften nunmehr die Rächer der Saarka, um selbst
die Steine an das Vergangene zu erinnern. Es dauerte Ewigkeiten, bis endlich
die Kinder der Poëna, die Bäume und die Gräser, ihre Hand
des Vergessens über die einst so herrliche Stadt legten und sie so
vor den Blicken der Menschen verbargen.
Eines Tages nun, Helios stand hell am Firmament, Saarka hatte sich schon
in ihre unterirdischen Höhlen zurückgezogen, zog Utzgolf durch
die tiefen Wälder Heligonias. Er pfiff eine fröhliche Weise vor
sich hin, die Waroniel ihm vor nicht allzu langer Zeit auf der Harfe gespielt
hatte. Die Melodie war nicht nur ein einfaches Liedchen, sie barg einen
Zauber in sich, der die Sinne des Vortragenden schärft. Utzgolf hatte
nämlich seit geraumer Zeit das seltsame Gefühl, er werde beobachtet.
Und tatsächlich, schon fünf Schritte später erspähte
er seinen Verfolger aus den Augenwinkeln im Gestrüpp. Noch ließ
er sich nichts von seiner Entdeckung anmerken, sondern lief gemächlich,
sein Lied beendend, weiter, bis er an einen Baum kam, dessen Stamm breit
genug schien, um ihn zu verbergen. Dort kauerte er nun, bis sein heimlicher
Gefährte ihn überholt hatte. So leise es Rüstung, Waffen
und der Waldboden zuließen, schlich sich Utzgolf an den nunmehr selbst
Verfolgten heran. Als er gerade seine Hände nach der verhüllten
Gestalt ausstreckte, trat er unglücklich auf einen Ast, der laut knacksend
in zwei Hälften zerbrach. Der Unbekannte drehte hastig seinen Kopf.
Die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen. Utzgolf blickte
in das Antlitz einer hübschen, jungen Frau. Ihr vom Schreck erstarrtes
Gesicht begann langsam wieder aufzutauen, die Gesichtszüge veränderten
sich, so daß sie leicht verärgert dreinblickte.
Es mußten noch einige Augenblicke verstrichen sein, bis sie schließlich
lieblich aber bestimmt sprach: "Könntet Ihr mich bitte loslassen?
Ihr brecht mir noch meinen Arm, wenn Ihr weiter so zudrückt!" Verdutzt
bemerkte Utzgolf erst jetzt, daß er ihren Oberarm in seiner kräftigen
Rechten festhielt. Er lockerte seinen Griff und entschuldigte sich für
seine Roheit.
"Verzeiht, ich war zu überrascht, daß eine Frau ... in diesen
Wäldern ..."
"Ich beobachte Euch schon mehrere Tage. Mein Name ist Eoreina und ich
versuche, meinen Vater aus den Fängen der seltsamen Feenwesen zu befreien,
die diesen Wald bewohnen. Doch ist es mir allein nicht gelungen und so
wollte ich sehen, ob Ihr nicht ein rechtschaffener Mensch seid, der mir
dabei helfen könnte. Leider hatte ich bisher nicht die Möglichkeit,
Eure Fähigkeiten zu beobachten, daher bin ich Euch immer noch heimlich
gefolgt."
"Eoreina, Ihr habt den richtigen Helfer gefunden. Mein Name ist Utzgolf
und ich werde Euch Euren Vater retten, wenn Ihr dies wünscht, denn
dem Wunsch einer hübschen Frau vermag ich mich nicht zu widersetzen."
Bei diesem Kompliment errötete Eoreina, dann sagte sie: "So folgt
mir, ich werde Euch zu den Toren der zerbrochenen Stadt führen."
Eine halbe Ewigkeit, so kam es Utzgolf vor, schritten die beiden durch
den tiefen Wald. Manchesmal schienen die Bäume sich auf seltsame Weise
zu biegen, manchesmal verschwommen ihre Umrisse für einen kurzen Moment,
manchesmal wurde es Utzgolf leicht schwummerig, doch er folgte der schönen
Maid
ohne Murren.
Endlich kamen sie an einen Torbogen, dessen Pracht unter den Ranken
Poënas kaum noch zu erkennen war. Utzgolf schritt sogleich darauf
zu, dicht gefolgt von seiner Begleiterin. Als er das Tor erreicht hatte,
erschienen plötzlich wie aus dem Nichts zwei Gestalten in schwarzen
Umhängen, deren Gesichter von weißen, mit fremden Zeichen geschmückten
Masken verdeckt waren.
Die
linke Gestalt begann mit hoher Stimme zu sprechen: "Wohin des Weges?"
"Wir wünschen, die zerbrochene Stadt zu betreten", erwiderte Utzgolf.
"Wir wünschen uns auch vieles, wenn das Licht leuchtet", spottete
die rechte Gestalt.
Und wie aus einem Munde sprachen beide: "Wollt Ihr ein Spiel mit uns
spielen? Der Sieger hat einen Wunsch beim Verlierer frei."
Utzgolf ging auf den Handel ein, obgleich er von der List der Phiarae,
der Feenwesen, wußte, welche schon viele Menschen einen hohen Preis
gekostet hatte. Fröhlich klatschten die Phiarae in die Hände
und waren verschwunden. Dies verwunderte Utzgolf, denn er hatte erwartet,
daß die Feen sofort beginnen wollten. Er wartete noch einige Minuten,
in denen er sich mit Eoreina unterhielt. Als seine Ungeduld zu groß
wurde, beschloß er, die Suche nach dem verlorenen Vater fortzusetzen
und die beiden schritten durch das Tor. Nun erkannte Utzgolf, warum die
Stadt weithin als die zerbrochene Stadt bekannt war. Die Mauern, Häuser
und Straßen waren tatsächlich zerbrochen wie ein Spiegel von
einem Hammerschlag. Und doch zeigte sich in jedem Bruchstück die ehemalige
Pracht des Ganzen, gleich wie jedes Spiegelteil noch immer einen Teil des
Antlitzes dessen zeigt, der hineinblickt. Als die beiden sich von ihrem
Staunen ob der Schönheit dieser Ruinen erholt hatten, erkundeten sie
die Straßen der Stadt. Doch schon nach kurzer Zeit hatten sich die
beiden verirrt. Als ihnen das klar wurde, erschienen wie auf ein Zeichen
die beiden Phiarae wieder.
"Das Spiel hat begonnen", sagte die Rechte zur Linken, worauf diese
antwortete: "... und wir sind schon am Gewinnen."
Utzgolf rief barsch: "Nur die Spielregeln sind noch nicht geklärt
worden. Darum seid Ihr auf unredliche Weise im Vorteil!"
Eoreina erkannte Utzgolfs Weisheit und sprach: "Außerdem habt
Ihr einen weiteren Vorteil, denn wir sind hier fremd!"
Die beiden Phiarae sahen sich an und begannen zu kichern. Endlich sprach
die rechte: "Nun gut, da Ihr uns so viel Spaß und Freude bereitet,
hört dies:"
Und die Phiarae begannen zu singen. Utzgolf versuchte, sich das ganze
Lied einzuprägen, und als es zu Ende war, bat er um eine Wiederholung.
Wortlos stimmten die Phiarae das Lied erneut an, und als sie es ein zweites
Mal endeten, verschwanden sie wieder.
Das Rätsellied lautete:
Hauch wird Atem wird Wind
Bunte Webmuster im Wandel
Aus dem Greis wird ein Kind
Für uns ein leichter Handel
Hauch wird Kristall wird Eis
Graue Webmuster verharren
Aus dem Kind wird rasch ein Greis
Für Euch kein Zurück, Ihr Narren
"Waroniel sei Dank, ich hab’s!", schrie Utzgolf aus und nahm Eoreina bei
den Händen, um mit ihr im Kreise zu tanzen. "Die Zeit ist es, die
Zeit, die uns Menschen oft fehlt, von der die Phiarae aber haben, soviel
sie brauchen." Just in diesem Augenblick waren Utzgolf und Eoreina nicht
mehr allein am Tanzen. Die Phiarae hatten sich in den Reigen eingefügt
und hüpften und kicherten mit. Als die Freude sich wieder etwas dämpfte,
zeigten die Phiarae ihren Respekt vor der Klugheit Utzgolfs und überreichten
den beiden eine brotfladengroße Steinplatte und verschwanden abermals.
Auf der Steinplatte war ein Muster aufgemalt und Utzgolf brauchte nicht
lange, um zu erkennen, daß dies eine Karte der zerbrochenen Stadt
sein mußte. Jetzt brauchten die Gefährten nurmehr einen Orientierungspunkt
finden, um herauszubekommen, wo sie gerade waren. Alsbald kamen sie auf
einen etwas größeren Platz, den sie auch auf der Karte entdeckten.
In der Mitte des Platzes stand ein Brunnen. Als Eoreina sich dem Brunnen
näherte, schoß eine Wasserfontäne empor. Utzgolf konnte
das Mädchen gerade noch zur Seite ziehen, bevor der Wasserschwall
sie traf. Dieser schlug mit solcher Gewalt auf den Boden, daß ein
großes Loch aufbrach und die Erde erbebte. Eoreina und ihr Beschützer
robbten an eine geschützte Stelle. Aus dem Loch im Boden stieg Rauch
auf, der sich zu einer Faust verdichtete. Utzgolf erkannte die auf sie
zukommende Gefahr noch rechtzeitig und so konnten er und Eoreina sich in
Sicherheit bringen, ehe die Rauchfaust die Mauer, hinter der sie gekauert
hatten, zerbröckelte. Mit Hilfe des Stadtplans eilten die Gefährten
weit weg von dem seltsamen Platz. Nach einer kleinen Verschnaufpause schrie
Utzgolf nach den Phiarae. Als diese erschienen, fluchte er über deren
unlautere Mittel. Die Feenwesen jedoch waren nicht die Auslöser dieser
Phänomene, auch wenn sie sehr amüsiert waren, wie Utzgolf mit
hochrotem Kopf schimpfte, die Arme in der Luft fuchtelnd, soweit sein Brustpanzer
das zuließ. Als er sie auch einmal zu Wort kommen ließ, erklärten
diese ihm die Umstände. Die Götter waren die Ursache für
die kleinen Probleme, die die beiden hatten. Denn kein Mensch dürfe
mehr in der zerbrochenen Stadt ungestraft wandeln.
Da wußte Utzgolf, was zu tun war. Er nahm ein kleines Ledersäckchen
aus seiner Tasche, aus diesem wiederum zog er zwei Amulette hervor. Diese
enthielten geheimnisvolle Runen. Die einzigen Zeichen, die Eoreina erkennen
konnte, waren die Symbole der vier Götter. Stolz erklärte Utzgolf
ihr: "Diese Talismane werden uns vor dem Zorn der Götter schützen."
Und mit diesen Worten legte er ihr sanft eines davon um den Hals. Eoreinas
Wangen röteten sich und sie brachte nur ein leises "Dankeschön"
über die Lippen. Die Zeit verstrich, während sich beide in die
Augen sahen und sich langsam ihre Gesichter näherten. Doch das plötzliche
Gekicher der immer noch anwesenden Phiarae ließ die Gefährten
zurückschrecken. Als Utzgolf sich ärgerlich nach ihnen umdrehte,
waren sie jedoch verschwunden.
Der Held nahm den Stadtplan hervor und die beiden machten sich wieder
auf die Suche. Stundenlang irrten sie in den Straßen und Gassen umher,
ohne jedoch auf irgendeinen Hinweis über den Verbleib des verschollenen
Vaters zu stoßen. Die Nacht brach schon herein.
"Wenn wir nicht bald etwas finden, sollten wir uns einen Unterschlupf
suchen, um dort zu rasten und etwas zu essen. Ich glaube nicht, daß
wir in Saarkas Dunkel viel sehen werden. Auch mit einer Fackel werden wir
vielleicht an wichtigen Hinweisen vorbeilaufen", meinte Utzgolf und Eoreina
nickte zustimmend. Und bald schon saßen die beiden in einem noch
recht gut erhaltenen Gemäuer und aßen bei Fackelschein eine
Notration aus Utzgolfs Gepäck. Da sie einen langen Weg hinter sich
und noch eine mühsame Suche in der großen, überwachsenen
Stadt vor sich hatten, legte sich Eoreina schon bald zum Schlafen nieder.
Tür und Fenster hatte Utzgolf notdürftig verriegelt, dennoch
hielt er Wache. Sehnsüchtig betrachtete er die Schatten und Lichter,
die die Fackelflammen auf dem Gesicht der Schlafenden malten. Wie oft hatte
er sich schon verliebt und mußte seine Liebe dann zurücklassen,
wenn er weiterzog. Aber wie schön war dennoch die Zeit mit den Frauen
gewesen, trotz all der Unberechenbarkeit und der Fremdheit des anderen
Geschlechts ... oder vielleicht gerade deswegen? In süße Gedanken
versunken, sank Utzgolf schließlich am Boden sitzend in den Schlaf.
Ein knallendes Geräusch riß den Helden aus wundervollen Träumen.
Hellwach blickte er um sich. Das war nicht der Raum, in dem er eingeschlafen
war. In der Kammer standen zwei Betten. Sie war von einem seltsamen, unnatürlichen
Licht erhellt. Es roch leicht verbrannt. Utzgolf stieg aus dem einen Bett
und sah, daß Eoreina im anderen lag. Die Tür ließ sich
öffnen, doch er schloß sie gleich wieder, denn es quoll dicker
Rauch von außerhalb in das Zimmer. Sein Husten weckte nun auch seine
Begleiterin, die sich ebenfalls verwundert umsah.
"Wo sind wir?", fragte sie. Utzgolf antwortete: "Ich weiß es nicht,
aber ich denke, wir werden es sogleich erfahren."
Er hatte recht, denn vor der Tür waren Schritte zu hören.
Rasch hastete Utzgolf nach seinem Schwert, das neben seinem Bett lag. Als
er es ziehen wollte, schoß ihm durch den Kopf, daß ein Feind
nicht so dumm wäre, ihm seine Waffen zu lassen. Also legte er es wieder
beiseite und wartete, bis sich die Tür einen Spalt weit öffnete.
Ein Mann in greisem Alter, mit weißem Haar, steckte den Kopf durch
den Spalt. Noch immer quoll Rauch herein. Eoreina rannte auf den Mann zu
und die beiden fielen sich in die Arme. Freudig stellte sie Utzgolf und
ihren Vater Sandorn einander vor. Sowohl Utzgolf als auch Sandorn hatten
viele Fragen, die sie nun in den Raum warfen: "Wo sind wir und wie sind
wir hergekommen?" "Wie seid Ihr in die Stadt gekommen?" "Seid Ihr nicht
von den Feenwesen gefangengenommen worden?" "Wie habt Ihr den Zorn der
Götter überlebt?" Eoreina unterbrach die beiden, denen sicher
noch einige Fragen mehr eingefallen wären. "Wollen wir diese Fragen
nicht bei einem Frühstück klären?" Dem stimmten die beiden
Männer zu. Sandorn führte sie durch den verrauchten Gang in einen
Raum, in dem schon ein gedeckter Tisch stand.
Beim Essen erklärte Sandorn ihnen, wie er und ein paar andere aus
seiner Magiergemeinschaft sie in dem Ruinenhaus aufgefunden hatten. Utzgolf
hätten sie mit einem ätherischen Öl zum Schlafen gebracht,
so daß sie sie dann in die sicheren Gefilde der Stadt bringen konnten,
die die Magier bewohnten. Nach den sehr knappen Ausführungen des alten
Mannes waren nun Utzgolf und Eoreina an der Reihe, ihre abenteuerliche
Suche zu berichten. Utzgolf zeigte sodann auch die Stadtkarte, die sie
von den Phiarae erhalten hatten. Der Gelehrte sah sich die Karte lange
an, entschuldigte sich dann und verschwand mit der Karte aus dem Raum.
Utzgolf wollte ihm schon nacheilen, doch Eoreina hielt ihn auf. "Es ist
zwar ein seltsames Verhalten, aber mein Vater weiß schon, was er
tut. Sicher wird er bald wieder hier sein." Utzgolf nickte, setzte sich
wieder und wandte sich der hübschen Frau zu. "Ich denke, Du hast mir
auch einiges zu erklären ... Dein Vater ist nicht von den Feenwesen
gefangengenommen worden, nicht wahr?"
"Nun ja", begann Eoreina mit verschämtem Blick, "ich habe etwas
geschummelt. Mein Vater lebt schon immer hier in der Stadt, er besucht
mich und meine Mutter jedes Jahr einmal in unserem Haus am Rande des Waldes.
Doch ich durfte ihn niemals tief in den Wald hinein begleiten, er fürchtete,
ich könnte mich verlaufen oder den Phiarae zum Opfer fallen. Schon
als Kind habe ich versucht, ihm heimlich zu folgen. Doch ich war nicht
achtsam genug. Denn irgendwo muß ich immer die falsche Abzweigung
genommen haben. Erst vor zwei Monden habe ich es geschafft, ihn bis zu
den Toren der Stadt zu beschatten. Aber die Stadt selbst konnte ich nicht
betreten. Ich weiß nicht, warum es mir nicht gelungen ist. Betrübt
ging ich zurück nach Hause. Als ich jedoch von Gerüchten hörte,
daß ein heldenhafter Mann unsere Wälder bereist, habe ich mich
sogleich auf die Suche nach Euch gemacht. Ich wußte, Ihr würdet
mich in die Stadt bringen. So, jetzt kennst Du die Wahrheit. Bitte entschuldige
mein Vorgehen, aber ich hatte das Bedürfnis, endlich die geheimnisvolle
Stadt zu betreten, die mein Vater nur in der längsten und dunkelsten
Nacht des Jahres verlassen darf."
Vorsichtig blickte sie ihren Zuhörer an und stellte fest, daß
dieser sie mit verträumten Augen anstarrte. Als er bemerkte, daß
sie gar nicht mehr redete, war er es, der errötete. "Ja, äh,
eine interessante Geschichte. Und nun sind wir also hier ... ähm ..."
Eoreina stand auf und zog Utzgolf aus seinem Stuhl. Endlich umarmten
sie sich und Utzgolf gab ihr einen leidenschaftlichen Kuß, als auch
schon die Tür aufging und Sandorn hereintrat."Warum wird man immer
in den schönsten Augenblicken des Lebens gestört?", dachte sich
Utzgolf. Sandorn trat mit für den alten Mann schnellem Schritt auf
die beiden zu und reichte Utzgolf die Steinplatte mit der Karte mit den
Worten: "Ihr könnt nicht hierbleiben. Das Unsichtbare ist wieder auf
uns aufmerksam geworden. Bitte nehmt die Platte und bringt sie zu Xaroch,
einem guten Freund, der in den Höhlen tief unter dem Schlangenkamm
lebt. Nur er kann die Steinplatte zerstören. Es ist überaus wichtig
für das Weiterleben unserer Gemeinschaft hier, daß diese Karte
nicht in falsche Hände gerät. Und bitte, beeilt Euch."
Schon schob der Zauberkundige das Paar aus dem Raum. Während Utzgolf
seine Sachen packte, erklärte Sandorn, daß er ihnen nicht mehr
verraten dürfe, damit sie nicht weiter gefährdet seien. Eoreina
beschloß, Utzgolf zu begleiten und er willigte freudig ein. Rasch
brachten die Magier Proviant für mehrere Tage. Der Abschied war kurz
und schmerzlos, denn Eoreina ging gerne mit ihrem Liebsten auf Reisen ins
Ungewisse.
Schon bald hatten sie Ruinenstadt und Wald hinter sich gelassen, nur
an den Toren der Stadt wurden sie noch einmal von den Phiarae aufgehalten,
die ihnen nur Passage gewährten, wenn sie den Feen die Götter-Talismane
überließen. Eine lange Reise lag vor ihnen. Arm in Arm drehte
sich das Paar noch einmal um zu den hohen Eichen, die den Wald säumten.
Utzgolf gab Eoreina einen Kuß auf die Stirn und sie wanderten weiter.
"Habe ich Dir eigentlich schon erzählt, wie ich damals den dreiköpfigen
Drachen besiegte ... ?" Die Worte verhallten im Wind, als die beiden sich
langsam immer weiter entfernten.
Hier endet die Geschichte von Utzgolf in der zerbrochenen Stadt. Ob
und wie Utzgolf die Steinplatte zu Xaroch gebracht hat, und wie es ihm
und Eoreina weiterhin erging, sind andere Geschichten, die ein andermal
erzählt werden sollen.
Wer weitere Geschichten über Utzgolf, seine Geburt, sein Leben,
seine Abenteuer, seine Gefährten etc. wissen will, kann das komplette
Buch für den Unkostenbeitrag von DM 13,- bei der heligonischen Schreibstube
anfordern (solange Vorrat reicht oder auf Vorbestellung).
© Copyright dieser Geschichte und der Bilder Marc
Hermann
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