Vorwort

1.Kapitel: 

Der Xurl Schrein von Jarun


1. Der Bau des Xurl Schreines in Jarun

2. Die Versetzung des Xurl Schreines von Jarun

3. Der Schatz des Xurl Schreines von Jarun

4.Die Heilung des Xurl Schreines von Jarun

2.Kapitel: 

Die Sagen und Mythen um die Camwasser Burg

 


1. Vogt Xhaxhes wildes Gejäg

2. Vogt Xhaxhe, der Herr der Camwasser Burg

3. Vogt Xhaxhe und der faule Knabe

4. Vogt Xhaxhes steinernes Bildstöcklein

5. Vogt Xhaxhes Tochter

6. Vogt Xhaxhe, der letzte Ritter der Camwasser Burg

3.Kapitel: 

Thaler Mythen und Sagen

 

 

 

1. Die Klage auf die Koronsteiner

2. Des Glöckleins Mahnung in Fürstenbrunn

3. Des Gorogals Glöcklein

4. Hildegard von Burg Moorstein

5. Des Bergmanns letzte Ruhe

6. Die Kraft der Bäume

7. Die feurigen Augen

8. Der Bruderstreit von Eulenbach

9. Die ewige Inschrift

 

Vorwort


Nicht unter die gelehrten Bücher der Interpretationen und Deutungen der Geschichten und der Geschichte will ich dieses Buch eingeordnet wissen. Vielmehr ist es eine Sammlung vieler Geschichten die in den Dörfern und Weilern unseres Fürstentums Thal erzählet werden, in ihrer schlichten Form und aus dem ursprünglichen Volksmund gesammelt. Wo aus bemoosten Steinen, silberreine Bäche entspringen, wo über steilen Felsen und letzten Mauerresten unbekannte Wesen schweben, wo in den schmucken Dörfern und Städten entlang des südlichen Brazach die Schreine und Tempel von einem reichen, gläubigen und erfüllten Ogedentum erzählen, da träumt eine reiche Vergangenheit, von der sich singen und erzählen lässt. Die Sagen und Mythen der Thaler lassen uns viele Zusammenhänge des Lebens und seltsame Kräfte erkennen, die zwischen Himmel und Erde wirken. Sie erschließen uns die große Buntheit des Lebens und des Landes Thal mit seinen tausend Schicksalen, mit seinen Tönen, Formen, Farben, Bildern und Menschen. Allerorten breitet sich, südlich des Brazach und östlich des Jolborns, eine geheimnisvolle Schönheit aus, die in den zahlreichen Sagen und Mythen wiederklingt, dass unser Herz sich weitet und freudig aufschließt für die traumhaften Überlieferungen.
Mythen und Sagen erzählen von alten Zeiten und von Geschichten aus jenen verflossenen Tagen. Deswegen machen sie sich fest an Orten, Stätten und Gebäuden. Die Sagen sind verwoben mit jenen Orten, erzählen von jener fernen Zeit und von den Menschen jener Zeit. So sind diese Orte und Gebäude Lesezeichen im großen Buch der Erinnerung der Menschen. Wenn eine Sage an ihrem Orte von Mund zu Ohr gewandert ist, wird sie demjenigen, der die Sage vernahm jedes mal von neuem einfallen, wenn er an den Ort zurückkehret.
Mögen die Kräfte und die tiefen Schätze aus unserer Heimat, unserem Fürstentum Thal, für die Stunden der Heimkehr und der Einkehr des Lesers zu Kleinodien seines Herzens und seiner Seele werden.

Mit güldenen Thaler Grüßen,
Ritinus Federschwinger,

im Auftrage seines Gönners und Mäzen,
Prinz Anselm von Thal


Kapitel I 

Der Xurl Schrein von Jarun


1  Der Bau des Xurl Schreines von Jarun

Vor langer Zeit, als die Wälder um Jarun noch standen, waren die Bäume in diesem Wald hoch und dicht und nur selten verirrte sich ein Lichtstrahl bis auf den Boden dieses Waldes. Kaum ein Weg war gebahnt, noch ward ein hölzernes Täfelchen mit dem Namen der nächsten menschlichen Siedlung dem Wanderer zur Hilfe. In dieser Zeit streifte ein Ritter mit seinem Knappen durch diesen Wald. Den ganzen Tag über hatten sie einem besonders schönen Hirschen hinterher gejagt, der ihnen schon am Morgen aufgefallen war. Sie hatten ihn bemerkt, als sie ihr Zelt verließen, welches sie im Wald zum Nächtigen aufgeschlagen hatten. Gegen Abend verfolgten sie den Hirschen durch eine enge Flucht von schlanken Bäumen die vor einer dichten Gruppe von jungen Birken endete. Der Ritter und sein Knappe schlugen sich so gut es ging durch das Unterholz, doch bis sie sich auf die andere Seite vorgearbeitet hatten, war der Hirsch längst über die nächsten Büsche gesprungen und war verschwunden. Nun ritten die Beiden kreuz und quer durch den Wald, denn sie hatten, ob der wilden Jagd, ihren Weg verloren. Sie hatten einen Fluss gequert, doch wo waren sie von der anderen Flussseite her durch das kühle Nass geschritten? War die Stelle Flussauf, oder doch Flussabwärts? Die Dunkelheit hatte beide schon umfangen und sie begannen sich darauf, einzurichten die Nacht schutzlos im Wald verbringen zu müssen.
Beim Sammeln des trockenen Holzes für ein kleines Feuer bemerkte der junge Knappe plötzlich ein Lichtlein zwischen den Stämmen. Er rannte zu seinem Ritter um ihm das Lichtlein zu zeigen. Sie rafften in aller Eile die wenigen Dinge zusammen die sie bei sich trugen und gingen dann auf das Schimmern zu, das je nach dem ob ein Stamm das Licht verdeckte oder nicht, immer wieder kurz aufflackerte. Als sie den Ursprung des Lichtes erreicht hatten, fanden sie einen alten Einsiedler bei einer sprudelnden Quelle sitzen. Der alte Mann erhob sich und begrüßte beide sehr freundlich und lud sie ein, die Nacht über in seiner Klause zu bleiben. Sehr dankbar nahmen der Ritter und sein Knappe, die von Heliosaufstieg bis Heliosuntergang den schönen Hirschen erfolglos gejagt hatten die Einladung an. Alle teilten das Wenige das sie hatten. Nur die Pferde die an einen Baum angebunden wurden, fanden genug um auch ihren Hunger zu stillen. Nach dem Essen legten sich der Ritter und sein Knappe ermattet nieder und beide schliefen sofort ein.
Der liebliche Duft von Lavendel, der überall um die Klausnerhütte wuchs, begleitete den Ritter in seine Träume. Im Traume sah er, dass die Hütte in der er schlief, am Fuße eines Hügels lag. Dieser Hügel war nur am Saume von dichtem Wald umkränzt und sein oberer Teil war felsig und steil und kahl. Doch kletterte er im Traume unerschrocken die Felsen empor und endlich stand er auf des Hügels flachem Haupt und betrachtete voller Staunen den Glanz des nächtlichen Firmamentes. In der Ferne sah er im Lichte Saarkas den breiten Brazach schimmern. Nun wusste er wohl wo er schlief. Dann sah er sich mit den bloßen Händen in den Fels des Hügels greifen. Wäre er wach gewesen, so hätte er sich gewundert, wie er in den Fels hätte greifen können. Doch im Traume packte er ein Stück Stein, löste es aus dem Boden und begann Stein für Stein eine Wand aufzuschichten. Da hörte er wie jemand von Ferne seinen Namen rief. Verwirrt wachte der Ritter auf, rieb sich die Augen und zwickte sich, um auch sicher sein zu können, dass er nun wachte und nicht mehr schlief. Auch fand er sich nicht mehr auf dem Haupt des kahlen und kalten Hügels, sondern er war wohlig und warm in seine Decke gehüllt. Überrascht ob des Rufens seines Namens stand er auf und ging vor die Klausnerhütte, fand aber niemanden. Vielleicht suchte man schon nach ihm? Er lauschte, doch so sehr er sich auch anstrengte zu lauschen, hörte er nichts außer den nächtlichen Geräuschen des Waldes. Und aus der Klause hörte er das ruhige und gleichmäßige Atmen seines Knappen und das Schnarchen des Einsiedlers. So also hatte der Einsiedler die Lichtung im Wald geschaffen, dachte der Ritter bei sich und schmunzelte. Wahrscheinlich hatte er das Rufen seines Namens nur geträumt und er rollte sich wieder in seine Decke ein. Kurze Zeit später war er wieder eingeschlafen.
Unsichtbare Schwingen der Nacht trugen nun den Träumer vom Fuße zum Haupt des Berges. Dort stand inzwischen ein kleiner Götterschrein. Er näherte sich dem Eingangsportal des Schreines und erkannte das Zeichen des Gottes des Wasser und des Herbstes, das Zeichen Xurls. Die ineinander verschlungene Welle war mit äußerster Sorgfalt in den steinernen Bogen gemeißelt. Er trat hindurch und er betrat das Innere des Schreines. Die Wände waren reich verziert und bemalt mit Szenen aus der Göttergeschichte Xurls, doch befand sich an der rechten Wand eine Bilderszene, die er noch nie in einem Xurl Tempel zuvor gesehen hatte. Es war ein Mensch auf einem Pferd darauf zu sehen, der durch einen hellen Frühlingswald ritt. Doch der Blick des Reiters spiegelte nicht die Freude wieder, die die Natur um ihn ausstrahlte. Vielmehr schien der Reiter verzweifelt, so als ob er seinen Weg nicht fände, und das Ross auf dem er ritt war ein schönes, kräftiges und edles Tier, doch schien es erschöpft und ausgelaugt, wie nach tagelangem Ritt. Das nächste Wandbild zeigte den Reiter neben seinem Ross, am Boden kniend. Er kniete vor einem kleinen Xurl Schrein und betete. Im Hintergrund, in die Ferne gerückt, sah man eine stolze Burg und man sah wie Xurl seine Hand schützend über die Burg hielt und allen Unbill, gemalt in vielfacher, geifernder Fratzengestalt von der Burg fern hielt. Im nächsten Gemälde sah man den Reiter stehend. Offensichtlich hatte er sein Gebet beendet und zerstreute die Steine wieder, aus denen er den kleinen Altar für dies eine Gebet gebaut hatte. Was der Reiter nicht sah, war die Burg in der Ferne, die Xurl mit seiner Hand ebenso in alle vier Winde zerstreute, wie der Reiter im Vordergrund den Altar.
Da hörte der schlafende Ritter im Traume, der in der Klausnerhütte lag, wieder seinen Namen. Er wendete sich ab von den Traumwandgemälden, wachte auf und fand sich abermals nur in Gesellschaft des Knappen und des  Einsiedlers wieder, die beide fest schliefen. Er suchte nach dem Rufer, doch fand niemanden.
Der Ritter war zwar beunruhigt, doch legt er sich wieder hin. Kaum jedoch war er wieder eingeschlafen, als er auch schon wieder aufschreckte, weil er wieder seinen Namen gehört hatte und zwar laut und deutlich und näher als das letzte Mal. Da wunderte sich der Ritter nicht mehr und wusste plötzlich, dass so sehr er auch suchen möge, er keinen Rufer finden würde. Und er wusste auch, dass wenn er diesem Fingerzeig Xurls nicht folgen würde, dann würde er seine Burg niemals wieder sehen.
Er trat vor die Klausnertür, kniete mit nackten Füßen auf den blanken Boden, senkte sein Haupt und sprach mit fester Stimme: "Ja! Ich will es tun." Von da an konnte der Ritter ungestört bis nach Heliosaufgang schlafen.
Als am nächsten Morgen, sein Knappe ihn weckte, frug er seinen Knappen, ob er in der Nacht etwas gehört habe. Der Knappe und der Einsiedler verneinten beide. Daraufhin erzählte der Ritter beiden von den nächtlichen Träumen und Rufen und endete erst, als er von seinem Gelübde erzählt hatte, hier auf dem Haupt des Hügels einen Xurl Tempel zu errichten. Tief bewegt dankte der greise Einsiedler dem Ritter für sein Vorhaben.
Als sie zu dritt zur Höhe des Hügels hinaufstiegen, da gesellte sich ein stattlicher Hirsch mit seinen Jungen zu ihnen. Der Ritter erkannte sofort das schöne Tier hinter welchem er und sein Knappe den ganzen gestrigen Tag hergejagt waren. Auf dem Berg angekommen, legten sich die Tiere ins flache Gras und waren zutraulich. Sie blieben sogar liegen als die drei Menschen sich näherten und sprangen nicht davon, so wie es sonst ihre Art ist.
"Dies ist ein Fingerzeig der Viere!", rief der alte Einsiedler, "hier müsst ihr den Schrein errichten." Der Ritter nickte dem Einsiedler zu und markierte die Stelle durch ein paar Holzpflöckchen. Von der Kuppe des Berges konnte er nun auch den Brazach sehen, ganz wie in seinem Traume. Der Ritter und sein Knappe  verabschiedeten sich freundlich von dem Einsiedler und da sie nun wussten in welche Richtung sie zu reiten hatten, fanden sie leicht nach Hause. Dort, in der Burg des Ritter wartete man schon Bange auf ihn. Sein Gelübde hatte er zu Hause jedoch schnell vergessen, auch die Träume, die Rufe und den Einsiedler.
Eines Tages verlangte eine Tochter des Xurl den Ritter zu sprechen. Sie überreichte ihm ein kleines, unscheinbares und hölzernes Kästchen und erinnerte den Ritter an sein Gelübde. Sie sprach, er solle sein Versprechen einlösen, denn tue er es nicht, so würde sein ganzes Geschlecht aussterben. Zu Tode erschrocken wollte der Ritter sofort Maurersleut und Steinbrecher, Fuhrleute und Arbeiter dingen, um den Schrein schleunigst bauen zu lassen. Da der Ritter aber arm war, wandte er sich an den Xurl Hochgeweihten der Gegend und bat diesen, er möge ihm doch das Geld für den Schrein vorstrecken, damit er sein Gelübde gegenüber Xurl auch halten könne. Da lachte der Xurl Hochgeweihte ihn aus und sprach: "Wenn ich soviel Geld mit mir herumtrüge wie ihr, dann würde ich gleich mehrere Xurl Schreine bauen lassen."
Als der Ritter ihn verwundert fragte, was er denn damit meinte, antwortete der Xurl-Hochgeweihte: "Xurl liebt die, die ihn lieben und er hilft jenen, die ihm helfen. Vertraue auf Xurl, denn er gab dir schon mehr als du brauchst. Dinge Leute zum Bau des Schreines und Xurl baut einen Tempel. Das Geld welches du brauchst, findest du auf dem Berg. Doch vergiss das Kästchen nicht!"
Der Ritter zog von dannen, warb Leute für den Bau des Schreines, ritt mit ihnen auf den Berg und ließ, zur großen Freude des Einsiedlers, sofort mit dem Bau beginnen.

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2  Die Versetzung des Xurl Schreines von Jarun


Voller Erinnerungen ist der Ort des Xurl Schreines etwas südlich von Jarun. Viele verschiede Geschichten ranken sich um seine Entstehung, die, wenn man sie vor sich ausbreitet, dann doch ein Bild ergeben, einem Mosaike gleich.
Von Osten fließt der Fluss Koron vom Koronsee in die Stadt und unweit des Gerberviertels fließt ein kleinerer Fluss, der von Süden in die Stadt eilt in den Koron um sich dann mit ihm zusammen unweit des Hafenbeckens von Jarun mit dem mächtigen Brazach zu vereinigen.
Ursprünglich wollte ein Ritter den Xurl-Schrein auf dem Hügel errichten, der heute mitten in der Stadt Jarun liegt, die zu jener fern in der Vergangenheit liegenden Zeit nicht mehr war als ein paar Höfe am Brazachufer. Alle Vorarbeiten waren getan, das Fundament gegraben und das Baumaterial, Balken und Steine waren auf den Hügel, mit schweren Ochsenkarren geschleppt worden. Der Bau selbst sollte in den nächsten Tagen in Angriff genommen werden. Allein am Tage darauf fand man alles Material am Ufer des kleinen Flusses ein ganzes Stück südlich von Jarun. Als sich dies herumgesprochen hatte und auch der Xurl Priester und der Helios Priester mit dem Baumeister und dem Ritter beraten hatten, war man sich einig, das dies kein menschlicher Kraftakt gewesen sein konnte. Eine ganze Woche hatte man die Ochsen den Hügel hinauftreiben müssen um Holz und Steine hinaufzubringen und nun war alles nach nur einer Nacht mehrere heligonische Meilen versetzt worden? Man war sich einig, das dies ein Fingerzeig Xurls gewesen sei, wo sein Schrein stehen solle. Einige der Bauern die in der Nacht unter freiem Himmel geschlafen hatten erzählten, dass in der Nacht dichter Nebel aufgezogen sei, was für die Jahreszeit völlig verkehrt sei. Der Nebel sei geblieben, bis Helios über den Horizont stieg und als man zu dem Hügel aufschaute, sei dort das Baumaterial verschwunden gewesen. Alle waren sich einig, dass Xurl daselbst seine Hand im Spiel gehabt hatte. Darum wurde, nach seinem offensichtlichen Wunsche der Schrein am Ufer des kleinen Flusses erbaut.
Mit der Zeit wussten die Leute der Gegend südlich von Jarun von so manchem Hochwasser und so mancher Flut zu berichten. Doch sah man nie den Xurl Schrein von Jarun unter Wasser stehen.
An der Stelle auf dem Hügel, an der ursprünglich der Schrein gebaut werden sollte, steht heute das Brunnenhäuschen für das Schloss von Jarun.


 3  Der Schatz des Xurl Schreines von Jarun

Nun war man sich also einig geworden, dass Xurl den Schrein wohl nicht auf dem Berge haben wollte, sondern wohl doch in der Nähe seines Elementes. Man begann erneut die Fundamente auszuheben, diesmal in der Nähe des kleinen Koronzuflusses. Als die Fundamente gelegt waren, kamen der Baumeister und die Maurersleut auf den Ritter zu und verlangten ihren Lohn. Der Ritter versprach den Lohn am nächsten Morgen auszuzahlen. Er hatte nämlich das unscheinbare Kästchen in einer kleinen Höhle am Abhang des Berges versteckt, damit er es nicht verliere und musste erst dorthin reiten. Wie erstaunte er, als er statt des kleinen und unscheinbaren hölzernen Kästchens einen ganzen Krug voller aurazithener Münzen vorfand. Tief bewegt dankte er Xurl für seine Hilfe und er schämte sich, ihm nicht mehr vertraut zu haben und er erinnerte sich an die Worte des Xurl Hochgeweihten: "Vertraue auf Xurl, denn er gab dir schon mehr als du brauchst." Der Erwählte des Xurl hatte sofort erkannt was er nicht begriffen hatte, welches Geschenk Xurl ihm durch die Hand seiner Tochter hatte überreichen lassen.
Voller Eifer ließ er den Schrein nun zu Ende bauen, größer und schöner als zuerst gedacht. Es wurde ein ansehlicher Tempel. Einige der Maurer und Maler die an diesem schönen Flecken bleiben wollten, stattete der Ritter mit besonderen Rechten, Land und Geld aus. Den Rest des Schatzes wollte er mit nach Hause nehmen. Er stand mit dem Krug in der Hand vor dem fertigen und prachtvollen Tempel am Ufer des Flusses und bezahlte die letzten Löhne der Zimmermänner. Er griff in das volle Aurazith und nahm die Münzen heraus und zahlte reichlich. Als die Zimmersleut sich zum Gehen gewendet hatten, schaute der Ritter in den Krug um zu sehen, wie viel für ihn übrig war. Wie erschrak er, als er den kahlen Boden des irdenen Kruges sah. Wutentbrannt warf er den Krug an die Wand des neuen Tempels. Da rauschte und klirrte es, eine Aurazithflut rann an der Tempelwand hernieder und versank in der Tiefe des Flusses. Um den versunkenen Schatz aus dem Kies des Flusses zu heben ließ er an Ort und Stelle graben. Doch umsonst. Jedes mal, wenn die Münzen im Wasser des Flusses schimmerten und man den Stein hob unter welchem die Münzen lagen, rutschen die Münzen schon zwischen die nächsten Steine, rasch in noch größere Tiefen.
Seither sind Jahrhunderte vergangen. Oft und oft ist dem Schatz schon nachgegraben worden. Manche haben ihn auch schon gesehen, doch allen erging es wie dem Ritter. Sobald der Schatz eben sichtbar wurde, und man ihn greifen wollte, versank er wieder ein Stück tiefer.
Vor vielen Jahren, als man den Tempel erweiterte, hoffte man ob der alten Sage vom Ritter, dass Xurl wieder helfen möge. Man suchte in den Fluten des Flusses wieder nach dem Schatz und fand ihn auch. Doch in der Überraschung des Anblicks all des Auraziths tat einer der Sucher einen Fluch und der ganze Schatz fuhr wieder in die Tiefe und rieselte wie Sand zwischen den Steinen hinfort.
Es ist nicht bekannt, ob seither wieder einmal jemand versuchte den Schatz zu heben. Es heißt jedoch, dass in schweren Zeiten der Not, der Schatz wieder zum Vorschein käme, wenn zwölf Familien, ohne Wissen voneinander, zur selben Zeit um die Mitternachtsstunde dasselbe Bittgebet zu Xurl sprechen würden. Dann werde der Schatz mit einem Donnerschlag aus den Fluten auftauchen und alle Mitbetenden hätten Teil an ihm.


4  Die Heilungen des Xurl Schreines von Jarun

Richtung Norden von Jarun, noch vor den Dungun-Auwäldern gibt es ein Waldstück, welches die Melkwiesen genannt wird. Dort steht heute eine kleine Hütte und fließt ein Bächlein mitten durch das Gehölz. Ein sonderbarer Name einen Wald wie eine Wiese zu benennen, denkt man. Doch einst stand an jener Stelle ein stattlicher Hof und ringsum erstreckten sich große Weideflächen und weite Äcker. Heute erinnert nur noch der Namen an diesen Hof.
Der Melkwiesen Bauer war reich gewesen, denn seine Kühe fraßen auf den fettesten Weiden und ihre Milch duftete nach Kräutern. Er hätte nichts zu klagen gehabt, wäre nicht sein einziges Kind, sein Erbe nicht mit einem Fluch geschlagen worden, der es ganz unmöglich machte, dass es je seinen Hof übernehmen und weiterführen könnte. Das Kind war nämlich blind. Der Melkwiesen Bauer ließ nichts unversucht um seinem armen Kinde zu helfen, doch wussten selbst die erfahrensten Heilkundigen kein Kraut gegen die Blindheit.
Als er dann von den Wundern hörte, die bei dem Jaruner Xurl Schrein geschehen sollten, holte er zwei seiner schönsten Ochsen von der Weide, wusch sie und spannte sie vor seinen Ochsenkarren. Dann setzte er seinen blinden Sohn darauf und er gelobte bei Xurl, er wolle dem Schrein von Jarun diese beiden Ochsen schenken und den Karren selbst nach Hause zurück ziehen, wenn Xurl die Blindheit von seinem Sohn nehmen wolle. Und voller Hoffnung fuhr er mit dem Ochsengespann gen Jarun.
Sie waren sehr früh aufgebrochen und als sie in die Nähe des Schreines kamen, dürstete es den Jungen. So hob der Vater den Knaben vom Wagen und führte ihn an den klaren Bach der auch am Xurl Schrein vorbeifließt. Der Junge trank aus der hohlen Hand und dabei netzte etwas Wasser die blinden Augen des Jungen. Und als er sich erhob zeigte er nach vorn und sprach: "Sag mein Vater, was ist das für ein feuriger Ball am Himmel?" Damit meinte er die Sonne die eben über den Gebäuden des Xurl Schreines von Jarun aufging. Da begriff der Vater, das sein Sohn zum ersten Mal in seinem Leben den Feuerwagen von Helios durch seine eigenen Augen sah. Der Vater umarmte und herzte seinen Sohn.
Das Wunder ereignete sich aber nicht im Xurl Schrein selbst, sondern weit davor am Fluss. Sollte der Melkwiesen Bauern nun seine beiden besten Ochsen einfach dem Fluss schenken? Die Ochsen durfte er wohl behalten dachte er, da er ja nicht versprochen hatte sie dem Fluss, sondern dem Schrein zu schenken. So wendete er seinen Karren und fuhr zurück. Der Knabe staunte über die Vielgestaltigkeit der Natur die er vom Karren aus beobachten konnte und löcherte seinen Vater mit hunderten von Fragen, was dies sei und wie jenes heiße. Der Vater, überglücklich über das Wunder antwortete geduldig und gern auf alle Fragen. Und das Gefühl des vollkommenen Glückes ließ dieses ungute Gefühl in der Magengegend, welches der Vater hatte, nicht recht zur Geltung kommen und er tat es ab. Da sie schon früh aufgebrochen waren und lange nichts gegessen hatten, war es wohl der Hunger der ihn quälte.
Wie der Karren also in den Hof einbog, da war es von einer Minute zu anderen wieder Nacht in den Augen des Sohnes. Der kreischte und quiekte vor Angst, weil er nicht verstand wie ihm geschah. Warum er so plötzlich wieder in die ewige Dunkelheit der Blindheit zurückgestoßen wurde. Doch keine Bittfahrt zum Xurl Schrein von Jarun brachte dem Jungen wieder sein Augenlicht zurück, um das ihn die Gier seines Vaters gebracht hatte. Er blieb sein Leben lang blind.
Von einer glücklicheren Bitte an Xurl erzählt eine andere Sage. Ein Mädelein vom Flechtberg, der so heißt, da dort die besten Weiden zum Körbe flechten wachsen, soll an der fallenden Krankheit gelitten haben. Sie war bereits völlig abgemagert und konnte kaum mehr das Bett verlassen und nur wenige Schritte gehen. Da beteten die Eltern zu Xurl und versprachen eine Fahrt zum Jaruner Xurl Schrein zu unternehmen, welcher von ihnen einige Tagesreisen zu Fuß entfernt war. Wenige Nächte darauf erschien dem Mädchen im Traume ein in blauen Samt gekleideter vornehmer und imposanter Herr. Auf einem weißen Schimmel ritt er vor das Mädchen, welches sich barfuss in einer Wiese stehen sah, selbst nur mit einem weißen Spitzenleibchen bekleidet. Der hohe Herr hielt an und zog sie sanft auf den reich verzierten Sattel seines Rosses. Er ritt mit ihr zu einem Acker, stieg ab und begann mit der bloßen Hand zu graben. Nach wenigen Augenblicken richtete er sich wieder auf und reichte dem Mädchen auf dem Schimmel eine knorrige Wurzel die in der Abenddämmerung von innen heraus zu leuchten schien.
Das Kind wachte schweißgebadet auf und rief mit seiner kränklichen und schwachen Stimme nach seiner Mutter. Die hörte im Schlaf das Wimmern ihrer Tochter, nahm eine Kerze und ging zu ihr. Nachdem sie das Kind beruhigt hatte und die hitzige Stirn mit kalten Lappen und Wandenwickeln gekühlt hatte, setzte sie sich auf den Bettrand und hörte der Erzählung ihrer Tochter zu, die den ganzen Traum getreulich wiedergab. Die Tochter wollte sich sofort aufmachen um nach der Wurzel zu suchen, doch ließ die Mutter dies nicht zu. Am anderen Morgen hörte auch der Vater die Erzählung des Traumes, doch hielt er ihn ebenso wie die Mutter für einen Fiebertraum. Doch der Traum wiederholte sich in der folgenden Nacht bei der Tochter wieder und in der darauf folgenden träumte sie in zum dritten Male. Da nahmen die Drei, die Mutter und der Vater der seine kranke Tochter in festen Armen trug sich ein Herz und machten sich auf. Ob es vielleicht doch ein Zeichen Xurls war, das sie so sehr erbeten hatten?
Als sie alle am Acker ankamen sahen sie in der Ferne einen Reiter auf einem Schimmel der sich vor dem dunklen Nachthimmel deutlich abhob. In übermenschlicher Sturmeseile raste der Reiter vom Hügel herab auf den Acker zu. Schon wollten sich die Drei auf die Erde werfen, damit sie nicht niedergeritten würden, da verlangsamte der Reiter mit einem leichten Zug am Zügel den schnellen Schritt seines Schimmels und hielt vor den erstaunten Augen der Familie an. Er sprang vom Pferd, kniete im Acker nieder und grub mit der bloßen Hand in der Erde. Er grub eine knorrige Wurzel aus, die von innen heraus zu leuchten schien, rieb mit einem Finger an der Wurzel und es war als ob blaue Farbe aus der Wurzel floss und mit dieser malte der hohe Herr das Symbol Xurls, die verschlungene Welle auf die Stirn des kranken Mädchens. Dann legte er die Wurzel wieder zurück und bedeckte sie mit Erde, stieg auf sein Ross und ritt so schnell wie er gekommen war über den Hügel davon.
Der Vater trug seine nun völlig erschöpfte Tochter zurück und legte sie ins Bett. Drei Tage schlief sie und wälzte sich in Fieberträumen. Doch die blaue Farbe wagte keiner wegzuwischen. Das Zeichen verschwand nur langsam und schien wie eine Salbe in die Haut einzuziehen. Nach drei Tagen wachte die Tochter auf und nach einer weiteren Woche Pflege war sie wieder bei Kräften und hatte wieder rosige Wangen. Sie war von der fallenden Krankheit geheilt. Alle kamen überein, dass der hohe Herr, der in blauen Samt gekleidet war, wohl Xurl selbst gewesen sein musste. Und so unternahmen alle drei zusammen die weite Dankfahrt zum Xurl Schrein nach Jarun.



Kapitel II  

Die Sagen und Mythen um die Camwasser Burg

 


1  Vogt Xhaxhes wildes Gejäg

Im Osten Anthans, kurz vor der Grenze zur heutigen Niederlormark, thront auf halbem Weg zwischen Sethnara und Castera eine mächtige Burgruine über dem Tal der Camwasser. In den Woll- und Spinnstuben auf den Dörfern zwischen diesen beiden Städten weis man noch sehr wohl wer auf der Burg einst lebte. Es war ein grausamer gewalttätiger Vogt gewesen, ein wilder Jäger, der Vogt Xhaxhe von der Camwasser Burg. Mit solcher Leidenschaft konnte er sich dem Waidwerke widmen, dass er darüber alles andere vergaß. Oftmals zwang er die Bauern seiner Vogtei von Casteradorf, Einsamhofen, Fürstental, Fellbronn und Eichingen ihm jagen zu helfen. Wenn ihn die Lust dazu packte konnte er die Bauern aus dem Tempel holen um mit ihnen eine Treibjagd abzuhalten, oder er holte sie während der Ernte von den Feldern.
Der Vogt war ein herzloser "Dingeler". Er und sein Gefolge wüteten bei den Jagden in Wald, Flur und Feld wie nachmals das wilde Heer. Xhaxhe nahm es an Leibeskräften mit einem Hirsche auf. So traf er einmal einen stattlichen Edelhirschen, den er so fest am Geweih packte, dass das prächtige Tier am ganzen Körper zitterte und keinen Schritt mehr tun konnte. Das Ausnehmende und Gefährliche liebte er, so auch die Wolfs- und Bärenjagd. Gelegenheiten dazu fand er im Überfluss. Spürte er solches Wild auf, so sammelte er alsbald seine Grundholde, auf das sie ihm auf der Jagd das Wild auftreiben sollten.
Er schonte weder Tier noch Mann und wer ihm widersprach, der bekam sogleich den Zorn des Vogtes zu spüren. Wilderer, Wildschützen oder nur des Wildbret schießens Verdächtige wurden im meist überfüllten Burgverlies festgesetzt.
Das die Bauern den Vogt nicht in ihre Bitten zu den Vieren einschlossen, sondern ihn am liebsten direkt zur ewigen Schlange Zerberus wünschten, ist wohl begreiflich. Dieser Wunsch scheint zum Teil in Erfüllung gegangen zu sein. Saarka wog seine Seele und schickte sie an den Ort seiner Untaten zurück. Seit jener Zeit treibt er als Geist noch weiterhin sein Unwesen. Mit Geisterross und Gespensterwagen fährt der Geist den Steilhang des Berges auf dem die Camwasser Ruine steht herab, durch die Mühle am Vogelbach und hinüber zum Tempel. Hat er diesen in rasendem Tempo umfahren, dann geht es wieder zurück auf die Camwasser Burg, begleitet von seinem ganzen Jagdgefolge und der bellenden Meute. Über das ganze Tal der Camwasser und vom Vogelbach her hört man den Jagdruf des wilden Vogtes: "Hoss! Hoss!", der von seinen Waidgesellen getreulich wiederholt wird. Deshalb spricht man in der Gegend auch nur vom "wilden Jäger" oder dem "wilden Gejäg".


2  Vogt Xhaxhe, der Herr der Camwasser Burg

Auf der Camwasser Burg, die heute nur noch eine Ruine über dem Tal des Flusses Camwasser ist, geht der Geist des Vogtes Xhaxhe um. Er reitet von der Ruine aus gen der Grenze zur heutigen Niederlormark, über die Hügel Richtung Casteradorf oder auch durchs Camwassertal Richtung Süden nach Sethnara bis Eichingen. Von da übers Feld herein bis zu den Krautgärten von Einsamhofen und sprengt durch den Wald, den Dachshau wieder hinauf zu seiner Burg zurück.
Im tiefen Kellergewölbe seiner verfallenen Burg ruht er dann aus, bis seine Zeit wieder kommt. Dann reitet er aus und jagt wild in den Wäldern herum, so dass der Wiederhall selbst die Tiere erschreckt. Sein Ritt ist mit dem Brausen eines heftigen Windes verbunden. Wer zufällig in seine Nähe kommt, muss die Arme über die Brust schlagen und sich auf das Angesicht legen, wenn er nicht vom wilden Vogt mitgenommen werden will. Es ist äußerst gefährlich ihn anzurufen.


3  Vogt Xhaxhe und der faule Knabe

Ein Mütterlein ging mit ihren beiden Knäblein von Einsamhofen in den Dachshau um Beeren zu sammeln. Es war die Zeit der Walderbeeren aus denen sich so manche, bei einfachen Leuten seltene, Leckerei machen lässt. Jeder der beiden Knaben hatte einen Korb bekommen den sie bis zum Nachmittage gefüllt haben sollten. Der eine Knabe machte sich den Rücken krumm und las in windes Eile die schönsten Erdbeeren vom Boden auf. Der andere Knabe war aber von Geburt an ein Fauler und wollte nicht gut tun. Lustlos lief er zwischen den Beeren umher und bückte sich nur um sich dann und wann eine in den Mund zu stecken. Sein Körblein blieb leer am Wegesrand stehen. Dies erhitzte das Gemüt des Mütterleins und in ihrem Unmut sagte sie: "Ließ fleißig oder ich rufe den Vogt!"
"Ruf du nur zu", erwiderte der unflätige Faule frech.
"Vogt Xhaxhe, komm, komm!" hallte das Echo des Mütterleins durch den Dachshau.
Und wahrlich! Der Vogt ließ nicht mit sich spaßen. Auf einmal erhob sich ein furchtbarer Sturm im Dachshau. Es sauste und brauste gar schrecklich durch das Holz. Die Luft zitterte. Die Buchen und Holunderbüsche und Salenstämme bogen sich bis auf den Boden herab. Es war, als wenn ein Sturm mit Regen und Hagel ein schönes, stolzes Roggenfeld dahinweht und gebücket hält.
Schrecken durchzuckte nun auch das Herz des bockbeinigen Jungen. Ein solches Grausen und Entsetzen durchfuhr alle drei, dass sie die Arme über die Brust schlugen und sich auf das Angesicht legten. Denn hätten sie sich nicht schnell hingelegt, so hätte der Geist des Vogtes sie geholt und in sein unterirdisches Verließ verschleppt. Aber so ward die Gewalt des Geistes gebrochen und alle drei kamen mit dem Schrecken davon. Und zum ersten und einzigen Male hatte der faule Knabe mehr der süßen Erdbeeren gelesen als sein Bruder, der nach der Heimkehr bleich und krank drei Tage lang im Bette lag.

 
4  Vogt Xhaxhes steinernes Bildstöcklein

Wanderer, wenn du von Einsamhofen durch den Dachshau nach Casteradorf gehst, so kommst du an ein steinern Bildstöcklein. Der Vogt Xhaxhe von der Camwasser Burg ließ es dort aufstellen, damit man sich seiner Tat erinnere die an jener Stelle geschah.
Einstmals hatte der Vogt, einen ganzen Tag über, seine Leute wie das Wild in Feld und Flur umhergehetzt. Des Abends hatte er sich in Einsamhofen am Biere etwas zu gütlich getan und machte sich erst des nächtens auf den Heimweg.
Da wurde er auf dem Wege von drei kräftigen Burschen angefallen. Vielleicht mögen es Knechte gewesen sein, die den Vogt wegen seiner Grausamkeiten hassten. Da er angetrunken und allein unterwegs war und nur sein Schwert bei sich trug, dachten sie, dass der Vogt leichte Beute für drei Männer und die Gelegenheit günstig sei.
Doch der Vogt wusste sein Schwert auch betrunken wohl zu führen und schlug damit so kräftig und ungut drein, dass seine Feinde ihr Heil in der Flucht suchen mussten. Noch lange rühmte der Vogt sich dies blutigen Streiches und ließ an der Stelle das noch heute stehende Bildstöcklein errichten. Gegen die Leut wurde er aber noch wilder, so dass sie ihm noch häufiger fluchten. Saarkas Wohlgefallen erwarb er sich aber nicht mehr. Er starb und geht heute noch als Geist um.


5  Vogt Xhaxhes Tochter

Auf der Camwasser Burg lebte Vogt Xhaxhe mit seiner wunderschönen Tochter. Doch mit Angst und Schrecken blickten die Bewohner der Umgebung nach dem Burgberge hinauf.
An der Südseite des Berges, die mit schöner, dichter Laubwaldung geschmückt, ragen oben hohe und mächtige Felsen empor. Schaut man von ihnen aus ins Tal hinab, so befällt einen der Schwindel. Gerade auf der südwestlichen Seite hat sich eine ziemlich große Felsenhöhle gebildet. Sie führt nicht tief in den Fels hinein, doch kann sie mehreren Menschen eine trockene Schlafstätte bieten. Zu Lebzeiten des Vogtes war die Haupthöhle noch nicht verschüttet, von der aus eine Verbindung zum unterirdischen Gange der Burg bestand, der sich die ganze Felsenwand entlang zog.
Jedermann wusste von den reichen Schätzen im Fels des Burgberges, denn jeder hatte den Vogt mit schwer beladenen Packpferden von einem seiner Raubzüge von jenseits der Grenze zurückkommen sehen. Auch der abgelieferte Zehnte und der Aufwand, die Lebensführung des Vogtes der Camwasser Burg, sein vieles Jagen, das nur noch "das wilde Gejäg" genannt wurde, gaben Veranlassung zur Überlieferung, dass in den Kellergewölben ein großer Schatz verborgen sei. Auch lagerten dort einst viele gute Rebenhainer Tropfen. So manch volles Fässlein zogen die Lastpferde mit sichtlicher Anstrengung den Burgberg hinauf und so manch leeres rollte den Weg hinab. Rauschende Festgelage schworen die Ritter der Umgebung auf den Vogt ein, während der einfach Mann der Scholle schales Wasser schlürfte. Selbst nach der Zerstörung der Burg sprachen die Leute, dass im Keller neben dem Schatze noch Fässer voller Wein lagerten.
Auch die Verließe, voll von vermeintlichen Wilderern, Gepressten und willkürlich Verurteilten befanden sich dortens. Und nicht wenige Beraubte schmachteten in der ewigen Dunkelheit des Felsens.
Für alle diese unaufzählbaren Missetaten muss nicht nur der Vogt selbst büßen. Wenn er nicht in den Wäldern als Geist umgeht, ist er in den alten Felsgewölben und muss immerfort seine Schätze zählen und sie nach jedem vollendeten Helioslauf in eine andere Kammer schleppen.
Des Vogtes wunderschöne Tochter wurde ebenso in den Felsen verbannt. Ihr eigener Vater, der Vogt daselbst sperrte sie dort ein. Ob ihrer Schönheit war das Fräulein von der Camwasser Burg weithin bekannt und von weither und aus der Nähe kamen die Ritter und machten ihr den Hof und schickten Gedicht um Gedicht und Minnesang um Minnesang zum offenen Fenster des Burgfräuleins hinauf. Doch keiner erhielt mehr als ein Lächeln, nur wenige einen gehauchten Kuss. Auch wies sie alle von ihrem Vater zugeführten Heiratswillige ab. Sie änderte ihren Sinn selbst dann nicht, als ihr Vater ihr drohte er werde eine Entscheidung fällen, wenn sie nicht vermählte sei, bis sich die Blätter der Burglinde verfärbt hätten.
Bei einem der vielen Ausritte des Burgfräuleins, strauchelt ihr Ross, und der Sohn des Müllers war es, der ihr aufhalf. Lange trafen sie und der Müllersohn sich heimlich, wenn der Vogt wieder zur Jagd war. Es war die Liebe zu dem Müllersohn die sie so halsstarrig gemacht hatte. Die Monde des Xurl kamen, und sie ward immer noch nicht vermählet. Die Blätter der Linde färbten sich und als das letzte Blatt nicht mehr grün war und die Tochter des Vogtes immer noch keinen Ring trug, da sperrte sie der Vogt Xhaxhe daselbst in das tiefste Verließ der Camwasser Burg. Dort führte sie noch kurze Zeit ein jammerwürdiges Leben.
Während der Geist des Vaters froh ist in den Tiefen des Burgfelsens bei seinen Schätzen zu sein, möchte der Geist seiner Tochter, welcher nicht verblendet ist, erlöset sein von ihrem Umgehen und dem dunklen Felsengefängnisse entfliehen. In einem schmalen Seitentälchen sucht sie seit jener Zeit zu entfliehen. Mit einer Hand greift sie oben ins Tal, mit der anderen weiter unten. Wie aber ihre Fingerspitzen den Felsen durchbrechen und ans Lichte Helios kommen wollen, strömt aus ihnen klares Blut heraus, unaufhörlich und stirbt doch nie. Manches mal im Sommer, wenn kein Blut mehr fließt, glaubt sie ihr Ende, ihre Erlösung kommen zu sehen. Dann geht sie durch die Wälder in der Nähe der Burgruine um und so man dort einem besonders schönen, in einem langen, weißen Gewande gekleideten Mädchen begegnet, so wird dies wohl das Burgfräulein sein. Doch sehe sich jeder vor, wenn er des Abends oder gar des Nächtens bei Saarkas fahlem Lichte mit dem Geiste der Tochter des Vogtes zusammentrifft. So man ihr ins Antlitz sieht und sie den Blick erwidert wird man sich unweigerlich verlieben und sein Lebtag lang an einer nicht zu stillenden Sehnsucht leiden.


6  Vogt Xhaxhe, der letzte Ritter der Camwasser Burg

Die Herren der Camwasser Burg gehörten nicht immer zu den Besten im Lande. Besonders der Letzte, der Vogt Xhaxhe, war ein ganz Entarteter. In modrigen, unterirdischen Verließen schmachtete manch Unschuldiger und manch Beraubter oder auch Gepresster. Unzählig die Untaten die er beging, unfassbar die Grausamkeit, unberechenbar sein Gemüt. Denjenigen den er Tags zuvor reich beschenkte, mit Amt und Ehr` auszeichnete, saß am nächsten Tage um die Mittagszeit im Felsenverließ, des Hochverrats angeklagt und wartend auf den Strang. Der Wehrlose der Tags zuvor auf offener Straße vom Vogt wie ein räudiger Köter getreten und geschlagen worden war, durfte am nächsten Tage an der Tafel zur Rechten des Vogtes speisen und sich den selben edlen Tropfen munden lassen wie der Vogt selbst. Doch dieser Gunst konnte sich der Beschenkte nicht sicher sein. Dem einen gönnte er zwei Tage dieses leichten Lebens, dem anderen schickte er von der Tafel fort aufs Feld als Knecht, den Dritten ließ er gar im Saale vor aller Augen von seinen Jagdhunden zerreißen.
So drehte sich das Schicksalsrad für einen jeden in der Nähe des Vogtes schneller, als man einen Krug Bier reichen und leer trinken kann. Wer im Poena noch Knecht war, übte die hohe Kunst des Bierbrauens aus im Xurl, der Förster schlug Felsbrocken zu Mauersteinen klein und der Söldner hatte sein Schwert gegen den Pflug zu tauschen und die Krume des Feldes umzugraben.
Da hatte schließlich auch die Geduld der einfachen Leut`, der Handwerker und Bauern ein End. Mit der Unterstützung eines göttergefälligen Herren, der ihre Klage vernommen hatte, schlossen sie die Feste Camwasser ein.
Zwar versuchte der wilde Vogt zu entrinnen, doch war der Fluchtgang letzten Winter eingebrochen, nach dem der Vogt die liebliche Bäckerstochter nach wenigen Tagen der Gunst in seinen Gemächern und an seiner Tafel, zur Hüterin des Ganges bestimmt hatte. Bei diesem Einsturz wurde auch sie selbst verschüttet.
Doch da, in einer mondhellen Nacht, vernahmen die Belagerer im Berg ein Rollen und Stampfen. Zufürderst glaubte man der Vogt grabe im geheimen Gange oder der schwarze Wolf gehe im Berge um. Im selben Augenblick jedoch, sprengte aus dem Burghof kommend, in mächtigen Sätzen eine hohe, weiße Gestalt auf schaumbedecktem Rosse daher. Jetzt stand die Gestalt auf der äußersten Burgmauer. Davor lag der tiefe Abgrund. Allein, es gab nun kein Zurück mehr. Ein gellender, beinahe unirdischer Aufschrei des Reiters und dann stürzten sie beide, Ross und Vogt in die dunkle Tiefe hinab.
Niemand wagte es in der Nacht in das steile, steinige Tal zu steigen, in welches sich der Vogt mit seinem Rosse zu Tode gestürzt hatte. Erst am nächsten Tage wagte man es. Doch beim Morgengrauen fand man an jener Stelle niemanden mehr. Nur einige sehr mutige und beherzte Männer sahen, wie ein Talnebel in Gestalt eines gespenstischen Reiters über die nächsten Höhen verschwand. 



Kapitel III

Thaler Mythen und Sagen



1  Die Klage auf die Koronsteiner


Unweit des Koronsees, hoch über der Stelle an der der obere Koronfluss in den See mündet, erhebt sich der Koronstein. Es ist ein senkrecht aufsteigender Felskoloss der mit seinem Fuße im Blausteiner Gebirge in Güldental wurzelt, mit seinem Haupt aber vom Rand desselben absteht und dazu noch absichtlich durch einen Graben von ihm getrennt wird. Dieser Felsen trug eine Burg, deren wuchtige Gestalt noch jedem Güldentaler gut in Erinnerung ist. Auf dieser Burg hauste das Geschlecht der Koronsteiner, die sich bei der Besiedelung Heligonias hier niedergelassen hatten und große Landstriche besaßen. Ihrer Eitelkeit ist es auch zuzuschreiben, dass viel Gegend einfach den Namen ihres Geschlechtes trägt, so wie der See und die Flüsse. Die Koronsteiner waren nicht nur ein eitles, sondern auch ein wildes Geschlecht, die Geißel der Bauern und der Schrecken der Wanderer und Händler.
Am schlimmsten von allen trieb es der Ritter Adalbert. Er scheute sich vor keinem Menschen und fürchtete nicht die Götter. Ritt er hinab ins Tal, so ward es ihm ein Vergnügen, sein Pferd querfeldein durch die Saat oder das reife Korn zu jagen. Bat ihn der Landmann jammernd und händeringend um Gnade und Schonung, so hieb er ihm die Peitsche um die Ohren und ritt Hohn lachend davon.
Sein Burgverlies war stets gefüllt mit gefangenen, unschuldigen Menschen, die er von der Straße aufgegriffen und in die Burg verschleppt hatte, um von ihnen Lösegeld zu erpressen. War ihm ein guter Fang gelungen, dann saß er Tag und Nacht mit seinen Gesellen bei Trunk und Spiel und ihr rohes lachen, fluchen und toben erfüllte die Burg.
Diesem wüsten Treiben war Kunigunde, des Ritters liebliches Töchterlein, ganz und gar abhold. Sie hatte das heliosgefällige Gemüt ihrer Mutter geerbt und tat alles um gut zu machen, was der Vater und die Brüder verbrochen hatten. Wenn diese auf Beutejagd auszogen, so stieg sie mit einem Korb ins Tal hinab, besuchte die Armen und Kranken und erquickte sie mit Trost und reichen Gaben. Auch den Gefangenen in der Burg ließ sie Milde erfahren, um ihnen die Qualen der furchtbaren Kerkerhaft zu lindern.
Eines Tages, als ihre Brüder und der Vater ausgeritten waren, führte sie einen Greis, der im modrig, feuchten Verlies krank geworden war, herauf auf den Burghof. Bei der Linde am Burgbrunnen setzte sie ihn auf die Bank in den Sonnenschein. Des Koronsteiner Töchterlein war voller Freude als sie sah, wie wohl die frische Luft und die Wärme Helios dem Alten bekamen. Eben schenkte sie einen irdenen Becher mit stärkendem Wein ein, als sie auf der Zugbrücke den Hufschlag eines Pferdes vernahm. Es war ihr Vater der zum Burgtore hereingesprengt kam. Sein Antlitz war vom Zorn gerötet, denn der Anschlag den er auf einen Händlertross ausführen wollte war misslungen. Diese elenden Würmer hatten es gewagt gegen einen echten Koronsteiner aufzubegehren und sich und ihre Habe bestens zu verteidigen und nun musste er auch noch mit ansehen, wie seine Tochter, sein eigen Fleisch und Blut gegen ihn paktierte und einem Gefangenen einen Becher seines Weines reichte. Da schwoll der Zorn von neuem an und er riss sein Schwert aus der Scheide, eilte auf den Alten zu, um seine Wut an ihm zu kühlen.
Sein Töchterchen hatte vor Schreck den Becher fallen lassen und dunkel ergoss sich der Wein auf den Boden. Flehentlich warf sie sich ihrem Vater entgegen, aber es war zu spät. Der Stoß gegen den Alten war schon geführt und nur mit ihrer eigenen Brust konnte sie ihn noch auffangen. Blutüberströmt brach sie zusammen und hauchte gleich darauf mit einem tiefen Seufzer ihre reine Seele aus. Wie vom Blitze getroffen stand der Ritter vor der Leiche seiner gemordeten Tochter, das blutige Schwert in der Hand. Als nun aber der Greis seine Stimme erhob und rief: " Verflucht seiest du und deine ganze Koronsteiner Brut, verruchter Mörder!", da erwachte Adalbert aus seiner Betäubung. Neuer Zorn packte ihn und er bohrte sein Schwert mitten durchs Herz des Greises, dass sein Blut hoch aufspritzte und er tot neben dem Töchterlein niedersank. Blut mischte sich mit Blut und Blut mischte sich mit Wein und rollte dunkel am Boden.
Von Stund an lastete ein schreckliches Verhängnis über den Rittern vom Koronstein. Keiner starb mehr eines natürlichen Todes. Ritter Adalbert, der Kindsmörder, wurde bald nach seiner grauenvollen Tat unter dem Felsen der Burg zerschmettert aufgefunden. Er hatte im Wein Vergessenheit gesucht und war, als er des Nachts zur Burg heimkehrte, in seiner Trunkenheit in den Abgrund gestürzt. Ein weiterer der Ritter ersoff beim Bade im Koron, ein Dritter kam auf der Jagd durch einen verirrten und unglücklichen Pfeil eines Weidgenossen ums Leben, ein Vierter wurde von einem tollwütigen Wolf tot gebissen.
Von allen hörte man, dass eine wunderbare Frauengestalt den verfluchten Koronsteinern ihren baldigen Tod angezeigt habe. Im weißen Kleide und am Gürtel einen leeren Becher tragend, sei sie ihnen erschienen und habe sie mit erhobenen Händen und flehenden Gebärden ermahnt, ihr nahes Ende zu bedenken und heliosgefällig zu Leben. Bei den ersten Siedlern Heligonias waren die Vorfahren der Koronsteiner dabei gewesen, und ihnen gehöre das Land und die Menschen und sie seien niemandem etwas schuldig, auch keinem der Götter. So sagten sie.
In der reinen und weißen Frauengestalt erkannte ein jeder, der sie erblickte, die hingemordete Tochter des Ritters Adalbert und die Leute sagten, dass Sorge und Gram um das Seelenheil ihrer Verwandten und um das Haus Koronstein selbst, sie im Grabe keine Ruhe finden lasse. Auch wurde gesehen, wie das Fräulein des Nachts die Burg umschwebte und dann wie sie auf dem Felsen saß, klagte und weinte.
So geschah es, dass letztendlich nur mehr die Witwe eines Koronsteiners auf der wuchtigen Burg lebte. Sie hatte einen einzigen Sohn und war voll banger Sorge, dass auch er dem Fluch zum Opfer fallen könnte. Mit Beten und einem poenagefälligen Leben und Schenkungen an die Armen glaubte sie den Fluch von ihrem Sohne abwenden zu können. Doch all ihr Mühen war vergebens. Eines Tages ritt die Jagdgesellschaft, die fröhlich und mit Jagdhornschall ausgezogen war, langsam und mit gebeugten Häuptern auf den Koronstein zur Burg zurück. Des Junkers Pferd war im Sprung gestürzt und hatte seinen Reiter abgeworfen. Dabei hatte er sich den Hals gebrochen. Über dem Grabe des Junkers wurden Schild und Wappen der Koronsteiner zerschlagen, denn mit ihm war der Letzte von ihnen gestorben und das Geschlecht erloschen. Seine Mutter starb bald nach ihm aus Gram. Auch die Burg selbst entging nicht ihrem Schicksal. Nachdem sie eine Zeit lang als Fluchtburg einem abtrünnigen Freiherrn gedient hatte, wurde sie von Truppen des Fürsten unerbittlich belagert. Zwei volle Jahre hielten die Burg und ihre Mannen stand. In der Nacht jedoch, als das weiße Fräulein zum letzten Mal erschien, erstürmten die fürstlichen Truppen die Burg und zerstörten sie völlig. Noch heute sind behauene Steine am Fuße des Koronsteines zu finden. Sein Haupt ist aber kahl und völlig eben. Nichts deutet mehr darauf hin, dass auf diesem Felsen jemals jemand lebte.


2  Des Glöckleins Mahnung in Fürstenbrunn

In dem waldbekränzten Talkessel, der Fürstenbrunn mit den heutigen Schmiedewerkstätten umschließt, stand vor alter Zeit nur der kleine Flecken Springen. Er hatte seinen Namen von den Quellen der Bilo und der Felsquelle, die hier unweit voneinander entspringen und durch ihre Vereinigung ein Flüsschen bilden. Die mächtigere der beiden Quellen ist die Felsenquelle, die mit solch einer Wasserfülle aus dem überhängendem Felsen hervorspringt, dass sie sofort einen kleinen See bildet und eine Mühle zu treiben im Stande ist.
Das stille, anmutige Wiesen- und Waldtal mit seinem wunderbaren Brunnenquell gefiel dem Thaler Fürsten so wohl und das Wasser der Quelle erquickte ihn nach seiner Reise derart gut, dass er daselbst zum Dank an die Götter einen Xurl-Tempel bauen ließ. Dieser steht noch heute und der Ort der sich um den Tempel entwickelte heißt zur Erinnerung an seinen Gründer: Fürstenbrunn. Was aus dem Flecken Springen geworden ist, weis man nicht so recht. Wahrscheinlich sind seine Häuser längst Teil von Fürstenbrunn und sein Name existiert nur noch in diese Sage aus Tolens. Fürstenbrunn jedoch entwickelte sich zu einer ansehnlichen Ortschaft und wurde schon in alter Zeit mit Marktrecht ausgestattet. Der Fürst und seine Nachfolger bedachten den Tempel reichlich und auch die Freiherren von Helfenstein opferten nicht wenig.
Eine besonders große Wohltäterin des Tempels und der Armen war die Freiherrin Beatrix von Schlüsselberg, die Gemahlin Ulrichs von Helfenstein. Sie stiftete auf dem heiligen Gorogalstag, dem Schutzpatron der Gerechtigkeit, Geld und Korn zur Austeilung an die Armen. Diese Stiftung war ihr so wichtig, dass sie sogar drohte aus dem Grabe im Poenagarten zu kommen und zu mahnen, wenn ihr Gebot vergessen würde. Als die Freiherrin starb wurde ihr eine besonders schöne Inschrift in den Obelisk des Poenagartens der zum Xurl-Tempel gehört, gemeißelt. Diese ist noch vorhanden und stellt die Freiherrin mit einem Bund Schlüssel in der einen und einen Korb voller Brot in der anderen Hand dar. Auch wird noch jedes Jahr am Gorogalstag die Stiftung an die Armen in Fürstenbrunn austeilt.
Einige Male in der langen Zeit in der es die Stiftung schon gibt, soll es vorgekommen sein, dass die Austeilung der Spenden vergessen wurde. Da wurde die Tempelglocke von unsichtbarer Hand geläutet. Die bereits schlafenden Priester und Priesteranwärter schreckten auf und an das Vergessene gemahnt, holten sie das Versäumte sofort nach. Auch der Xurl-Priester Steinwasser vergaß einmal in den Wirren der Tolenser Freiherrenkriege den Tag. In der Nacht kam die Schlüsselbergerin, klirrte mit ihren Schlüsseln und zog an der Glocke, dass es laut durch den stillen Tempel gellte und der Priester aus den tiefen Träumen auffuhr. Heute noch sagen die Leute in der Gegend, wenn sie an ein Versprechen erinnern wollen: "Hörst du des Gorogals Glöcklein?"


3  Des Gorogals Glöcklein

Wer zieht das Glöcklein vor dem Fenster?
Das Glöcklein schallt mit voller Macht,
Wer weilt zur Stunde der Gespenster,
In tiefer, stiller Mitternacht
Noch unten, an des Tempels Schwelle?
Doch ringsum ist es öd und still,
Vielleicht ein neckender Geselle,
Der nur die Schläfer stören will?

Und wieder mit verstärktem Klange,
Ertönt das Glöcklein - und der Ruh,
Erteilt der Priester flink und bange
Und rennt aufs Neu dem Fenster zu.
Doch schweigend, wie die Totenhalle,
Ruht unter ihm des Hofes Plan
Wie vorhin: Nur der Hahn im Stalle
Kräht, schon erwacht, den Morgen an.

Und wie er nun am and`ren Tage,
Das Rätsel sich zu lösen, saß,
Erscheint ein Ogede mit der Frage:
"Ob er den Gorogal vergaß?
Sonst", sprach er, "teilten Eure Hände
Am Gorogal in Xurles Haus,
Dem armen Volk die fromme Spende
Der Edlen Beatrix aus."

Wo aus hoher Felsenhalle,
Der Fluss kristall`ner Quell entspringt,
Des Eisens störrige Metalle,
Der Esse Glut zu schmelzen zwingt,
Dort lebte längst schon Beatrix,
Vom alten Stamm der Helfenstein,
In Ihres Schlosses stillem Banne,
Nur sich und ihrem Xurl allein.

Sie trug im Leben mild Erbarmen
Mit and`rer Missgeschick und Not,
und hinterließ zum Trost der Armen
Ein reich Gestift noch nach dem Tod:
"An Gorogal soll die Gabe
Aus seines Priesters Hand empfahn,
Versäumt er diesen Tag - dem Grabe
Entsteig ich selbst und mahn ihn an."

Nun war der Priester stracks im Reinen,
Und durch des Ogeden Frag ihm klar,
Dass er der sel`gen Frau erscheinen,
Und die gedrohte Mahnung war,
Er schiebt es länger nicht auf Morgen,
Eilt ungesäumt in Xurles Haus,
Sein Amt getreulich zu besorgen,
Und teilt dem Volk die Spenden aus.

Und wie sie sterbend noch gesprochen,
Hielt sie auch treu noch manches Jahr.
Ward frevelnd ihr Gesetz gebrochen,
Erklang das Glöcklein wunderbar.
Manch alter Priester kann`s bezeugen,
Der aus dem Schlummer aufgestört,
In stiller mitternächte Schweigen
Des Glöckleins lauten Klang gehört.


4  Hildegard von Burg Moorstein

Einst lebte ein mächtiges Rittergeschlecht auf der Felsenerhebung im Moor nördlich der heutigen Burg Hoheneichen in Tolens. Große Teile von Burg Hoheneichen sollen aus den behauenen Quadern der verlassenen Burg Moorstein bestehen. Wohl dünkten die Erbauer von Moorstein die tückischen Wasserlöcher und Irrlichter als natürlichen Schutz vor dem Feinde, doch schützte das Moor wohl allzu gut und nachdem mehrere der Herrschaften der Burg daselbst im Moor versunken waren, entschloss man sich die Burg an die Stelle zu versetzen wo heute Hoheneichen steht. Und doch ranken sich Sagen um die Stelle im Moor, die heute bar jeder menschlichen Behausung, geschweige denn Burg ist.
Das Geschlecht welches auf Moorstein lebte, soll ein wahrhaft ehrenwertes gewesen sein, doch ohne männlichen Nachkommen, was weiters keine Komplikationen sein sollte. Zumindest nicht für ein ogedisch gläubiges Geschlecht und Ceriden gab es zu jener Zeit noch nicht. Die Töchter, die der Burgherr sein Ein und Alles nannte, waren blühend und schön wie die Rosen im Garten der Poena und mit Wohlgefallen blickte die Burgherrin auf sie. In Heliosgefälligkeit und bestärkt im ogedischen Glauben wuchsen sie heran. Beide waren mit gleicher Schönheit geschmückt und doch jede auf ihre Art. Edeltraut hatte blonde, Hildegard schwarze Haare. Götterlauf auf Götterlauf kam und ging und als Saarkas kalter Hauch schwand und Poenas blaues Band am Himmel wehte, da wurde es für jedermann sichtlich, dass aus Mädchen zwei hübsche junge Frauen geworden waren. Die Freier minnten im Schatten der Zinnen, und um den Töchtern Gelegenheit zu geben alle Junker der Gegend kennen zu lernen, gab der Vater ein Fest auf Burg Moorstein.
Das Moor stand in schöner Sommerpracht, als das Fest an einem Heliostag seinen Lauf nahm. Zunächst fand eine große Festtafel statt, bei welcher weder feinstes Wildbret noch Bärenschinken fehlte, und güldenes Bier würzte das Mahl. Barden ließen ihre schönsten Weisen zum Klang der Laute oder Harfe erklingen. Am Abend bat die schwarzhaarige Tochter des Burgherren, dass am morgigen Tage eine Falkenjagd stattfinden möge; dies sei ihr liebster Zeitvertreib. Bei Einbruch der Dunkelheit begannen sich die Säle der Burg Moorstein zu beleben, und Hunderte von Kerzen spendeten Licht. Es knisterten die Gewänder der Edelfrauen und Edelfräulein und es wippten die Federn auf den Baretten der Ritter. Es war ein gar vortrefflicher Anblick. Zur großen Freude aller lud der Burgherr nach dem letzten Tanze des Abends, zu einer Falkenjagd am darauffolgenden Tage. Der Sohn des Burgherren von Burg Tannenstein hatte sich den ganzen Abend mit Edeltraut, der blonden Tochter des Burgherren von Moorstein, unterhalten und vergnügt. Dies wollte der schwarzhaarigen Tochter Hildegard gar nicht gefallen, denn sie war ebenfalls dem Tannensteiner sehr zugetan. Doch dieser hatte nur Augen für Edeltraut, denn er verabscheute schwarzes Haar und Augen.
So nahte der nächste Tag mit seinen Vergnügungen heran. Ein gar prächtiger Jagdzug bewegte sich aus dem Burgtor. Als das Wild in den Wäldern um das Moor aufgescheuchet ward, begann die große Jagd. Da gelang der hinterhältige Plan der Hildegard. Über einer Dornenhecke machte sie das Pferd ihrer Schwester Edeltraut straucheln und brachte es gar zum Sturze. Wolf von Tannenstein ließ sich, voll von Besorgnis, zu der Verletzten nieder. Doch so unglücklich war das Ritterfräulein in die Dornenhecke gestürzt, dass beider Augen Licht auf immer erloschen war. Verzweifelt, die Geblendete beweinend, riss der junge Ritter sein Schwert aus der Scheide um an Ort und Stelle Rache zu üben. Doch hielten ihn die anderen Herren, noch größeres Leid verhindernd zurück. Hildegard, die ihrer Lebtag nicht daran gedacht hatte solches Unheil anzurichten, wurde von einer tiefen Ohnmacht befallen. Und so endete das Fest, welches so fröhlich begonnen hatte, in tiefster Traurigkeit. Der junge Herr von Tannenstein ritt in die nördliche Fremde und blieb verschollen.
Als der Sommer ging und Xurl mit seinen Winden die Blätter von den Bäumen fegte, nahm in einer schweren Sturmnacht der Götterfalke Gwon, die Schmerz und Gram gefolterten Seelen des Herren und der Herrin von Burg Moorstein mit.
Eines schönen Tages, mehrere Götterläufe nach dem vermaledeiten Fest, stellte sich ein Freier für Hildegard ein. Er war aus der Nähe der Burg und wollte für sein Töchterlein wieder eine Mutter haben. Dann kam die Zeit in der es ernst für die Verbindung wurde, und die beiden Schwestern Edeltraut und Hildegard sollten all ihr Habe teilen. Aber der Schätze welche sie von ihrem Vater ererbt, waren zu viel als ihn bis zur letzten Münze zu zählen. Deshalb nahm die sehende Hildegard einen großen Krug von Zinn und füllte für ihren Teil das Hohlmaß bis zum Rande, hingegen für ihre blinde Schwester füllte sie nur den Bodenrand. Während dieser Arbeit kam unbemerkt der Bräutigam Hildegards und schaute dem Betruge zu. Als diese zu Ende war, trat er aus der Nische hervor und fragte die Überraschte, was dies zu bedeuten hätte. Er führe ein heliosgefälliges Leben und ward abgestoßen und zornig ob solcher Handlung und nahm Abschied von ihr. Er wolle mit niemandem den Bund vor Poena eingehen, der nicht für jeden mit dem selben Maß messe. Da fuhr ihr die rasende Wut durch alle Glieder und Hildegard schlug die blinde Edeltraut, bis diese unter den trommelnden Händen reglos liegen blieb. Bald trug man die Arme Edeltraut in Poenas Garten.
Ob dieser ruchlosen Tat starb auch Hildegard keines natürlichen Todes und muss als zottiger, schwarzer Wolf den Schatz der Herren von Moorstein bewachen. Der schwarze Wolf erschien den Leuten des Nachts immer wieder, wenn sie in der Nähe des Moores vorübergingen. Als einst ein kecker Zimmermannsbursche in die Höhle am Fuße des Moorsteins kroch, sprang der zottige Wolf mit glühendem Rachen hervor. Zurückgekehrt ist der Bursche nimmer mehr von seiner Nachtfahrt, auch hörte man von dem schwarzen Wolf seit jener Begebenheit nichts mehr.

 
5  Des Bergmanns letzte Ruhe

In der heutigen Baronie Güldental, genauer im Südosten, nahe des Weges von Sethnara nach Treppbronn, erheben sich sanft einige Hügel, die ersten Vorboten der Blausteiner Berge. Neben so seltsamen Namen wie Blutpflaumenberg und Talberg ist dort auch der Bingenberg, aus dem man früher eine ausgezeichnete Tonerde ausgrub. In den Jahren, als daselbst die Gruben bergmännisch von den Herren der Burg Forin betrieben wurden, lebten in einem benachbarten Dorfe zwei Brüder, die beide in den Bingenberger Gruben beschäftigt waren. Der eine wurde Fenlon genannt und war von sanfter und ruhiger Natur, während sein Bruder Krahn oftmals vom Zorne mitgerissen wurde und wütete, was er hernach schon so manches Mal bitter bereute.
Fenlon und Krahn verehrten und liebten das gleiche Mädchen, jedoch trugen sie dies verschlossen in ihren Herzen und keiner vertraute es dem Bruder an. Kätchen hieß sie, war wohlerzogen und lebte poenagefällig und fühlte sich mehr zu Fenlon hingezogen als zu dem zuweilen schroffen Krahn. Sie ließ Fenlon auch nicht im Ungewissen und zeigte ihm, dass er ihrem Herzen nicht ferne war.
Die Zeit des Poenafestes kam und mit ihr die fröhlichen und ausgelassenen Spiele und Tänze. Vor allem auf den Hammeltanz der sich in dieser Gegend schon seit Jahrhunderten großer Beliebtheit erfreut, freute sich Kätchen besonders. Am Festtage erwarteten die Burschen ihre Mädchen unter dem Tempeltor und beschenken sie, einem alten Brauch gemäß, mit einem seidenen Band oder einer weißen Schürze. Zum Dank dafür war dann die Beschenkte für den ganzen Tag des Burschen Tänzerin.
Als die letzten Klänge der Harfe in der reich mit Ornamenten und Bildern geschmückten Kuppel des Poenatempels verhallt war, und die Ogeden sich auf dem Tempelplatz in froher Stimmung unterhielten, hatte Fenlon kurz das satte braune Haar, welches zu einem herrlichen Zopf geflochten war, seines geliebten Kätchens erspäht. Er schenkte ihr ein gar wunderschön anzusehendes blaues Band aus Seide. Beide unterhielten sich noch, als plötzlich Fenlons Bruder Krahn neben ihnen stand, um Kätchen ebenfalls mit einem Bande zu schmücken. Kätchen musste jedoch ablehnen, war sie doch schon des Bruder Tänzerin, da er Krahn zuvorgekommen war.
Froh und vergnügt und nach dem Hammeltanz inniger verbunden als zuvor, ging der Tag für Kätchen und Fenlon zur Neige. Es war schon tiefe, finstere Nacht als Fenlon, nachdem er Kätchen nach Hause gebracht hatte, selbst nach Hause kam. Das Bett seines Bruders fand er unberührt und leer vor. Wahrscheinlich hatte er ein anderes Mädchen mit seinem Bande beschenkt und war noch auf dem Tanzboden.
Krahn jedoch hatte sich um keine andere bemüht, sondern war in dem dunkelsten Zorne und in steigender Eifersucht nicht zum Tanzboden, sondern zu den Gruben auf dem Bingenberg gegangen. In seiner unbeherrschten Wut hatte er seinem dunklen Stern folgend alle Balken und Latten angesägt, die den Stollen hielten, in dem er zusammen mit seinem Bruder arbeitete. Um einen der wichtigen Hauptstützen, den er ebenfalls angesägt hatte, band er ein langes Seil und legte es entlang des Bodens zum Ausgang und verbarg es unter etwas Erde.
Am anderen Morgen wachte der überglückliche Fenlon erst auf, als Helios wärmende Strahlen seine Nase kitzelten. Er weckte seinen Bruder und eilte rasch der Grube zu. Nichts ahnend ging er in den Stollen um die schlammigen Erden ans Licht zu bringen. Bald darauf kam auch Krahn. Er setzte sich an die Stelle an der das Seil, welches um den Hauptbalken gebunden war, endete. Schnell kam es zum Streite zwischen den beiden Brüdern und Krahn verlangte von seinem Bruder, er solle auf Kätchen verzichten. Fenlon entgegnete ihm, dass es dafür bereits zu spät sei, da Kätchen und er sich bereits versprochen hätten. Sie wollten bald die Poena-Ehe schließen. Da erwachte wieder Krahns böser Stern über ihm und während er an dem verborgenen Seil riss, schrie er: " Dann soll keiner von uns Kätchen haben!". Der Hauptbalken wurde umgerissen und die Last des Berges brach die geschwächten Latten und Balken wie dürres Gras. Der ganze Stollen brach unter donnerndem Getöse in sich zusammen.
Beide Brüder wurden im Stollen von den herabstürzenden Erdmassen begraben. Der donnernde Lärm wurde von den Männern gehört, die in einem Schacht in der Nähe arbeiteten. Mit großer Hast rannten sie an den Ort des Schreckens, nichts anderes wähnend als das der Geist des Bingenberges alles zum Einsturz gebracht habe. Augenblicklich wurde einer nach Treppbronn geschickt um weitere Hilfe zu holen. Unter der Aufsicht der Herren der Burg Forin wurde an der Bergung der beiden Brüder gearbeitet. Schon war man in die Nähe von Krahn gekommen und konnte den Geschundenen herausziehen und retten, da drangen auf einmal die unterirdischen Gewässer hervor, der Schacht stürzte zum zweiten mal ein und verschlang Fenlon endgültig und unrettbar.
So blieb das Verbrechen Krahns auf dem Bingenberg in Dunkelheit und Stein gehüllt. Saarkas Mond war in dieser Nacht voll und totenbleich am Firmament zu sehen, umrahmt vom kalten Funkeln der Sterne. Am Tage darauf sah man die Bergleute den Stollen am Bingenberg vollends zuschütten und am Grabe des Kameraden zu den Vieren beten. Lange Zeit konnte man im Dämmerlicht ein Mädchen zu dem Grabe am Stollen gehen sehn, bis man dort eines Morgens Kätchen tot auffand. Sie hatte sich mit dem Eingeschlossenen zusammengefunden. Auch Krahn verfolgte das Unglück, denn seine Kinder, ob Junge oder Mädchen, waren von Geburt an irrsinnig. So rächte Poena die Sünde des Vaters an den Kindern. An der Stelle neben dem Grabe, an der man Kätchen gefunden hatte, pflanzten die Bergleute eine Linde. Sie ist bis heute der einzige Baum der auf dem Bingenberg wächst und wird Kätchenlinde genannt.


 6  Die Kraft der Bäume

In der Nähe von Blid steht an einem kleinen Bach eine Mühle, deren Rad den Mühlstein schon ungezählte Male im Kreis bewegte. An einem klaren Morgen war die hübsche Tochter des Müllers allein zu Hause, da ihr Vater das fertig gemahlene Mehl zu den Bauern fuhr. Da kam ein Fremder daher, der ob seines Durstes nach Wasser verlangte und setzte sich sogleich an den Tisch in der Stube des Müllers, als ob er der Hausherr selber sei. Die junge Müllerstochter ahnte nichts Gutes. Sie holte eine Schüssel mit der man üblicherweise das Wasser holt und als sie wieder eintrat, da sprang der Fremde auf und wollte das Mädchen überfallen. In die Schüssel hatte sie aber nicht kühles Nass zum Trinken, sondern heiße Milch getan. Diese schüttete sie dem Fremden ins Gesicht, so dass dieser aufheulte und zu Boden stürzte. Alsdann hieb sie mit dem Holzbeil, welches neben dem Ofen lag, dem Fremden den Kopf ab.
Der Fremde war tatsächlich ein Räuber und als er nicht mehr zu seinen Spießgesellen zurückkam, machten diese sich auf nach ihm zu suchen. Schnell hatten sie die Spur ihres unvorsichtigen Räuberbruders gefunden und verfolgten sie bis zu der Mühle. Die Müllerstochter war immer noch alleine, doch hatte sie diesmal keine Möglichkeit sich gegen die zwei Räuber zu wehren. So überwältigten die beiden sie, nahmen sie gefangen und banden sie in dem nahen Wäldchen an eine Tanne. Als sie die Mühle durchstöberten fanden sie auch ihren erschlagenen Gefährten. Da packte sie die Wut und sie begannen einen Holzstoß aufzuschlichten auf dem die junge Müllerin am nächsten Tage bei lebendigem Leibe verbrannt werden sollte.
Im Räuberlager lebte ein altes Mütterlein, die am Abend, als sie die Suppe austeilte von dem Schicksal der Müllerstochter hörte welches sie am nächsten Tage ereilen sollte. Sie hatte Mitleid mit dem jungen Blut und band die Müllerstochter los, auf das sie entfliehe. Doch bemerkten die Räuber ihre Flucht und hetzten sie durch den dunkeln Tannenwald. In ihrer Not und ganz außer Atem kletterte sie auf eine mächtige Tanne. Und diese Baum ließ das Mädchen nicht mehr los; er hielt sie mit treuer Hut in seinen wundersamen Kräften so fest, dass es keinem der Räuber gelang die Müllerstochter von der Tanne herunterzuholen. Unverrichteter Dinge zogen die Tagdiebe ab.
Später entdeckte ein Knecht des Wendrum Hofes, der die Müllerstochter kannte, wie sie auf einem Ast des Baumes eingeschlafen war. Wahrscheinlich von der Erschöpfung der Flucht ermattet. Er erlöste sie und brachte sie unversehrt zu dem in Sorge wartenden Vater zur Mühle zurück, der glücklich seine Tochter in die Arme schloss.

 
7  Die feurigen Augen

Der Brückenweber war ein alter Greis, der sein Geschäft an der Steinbrücke von Hammerbach längst seinem Sohn vermacht hatte, da seine knotigen Hände schon lange kein Schiffchen mehr fangen, oder einen Faden greifen konnten. So saß er alle Tage vor der Tür der Weberei und erzählte Klein und Groß seine Geschichten. Er hatte etwas gesehen im Leben. Früher war er selbst mit seinem Karren über Land gefahren um seine Stoffe und Leinwand zu verkaufen und er konnte getrost behaupten schon mehr als nur einem Geist oder Kobold gesehen zu haben. Gefürchtet hat er sich vor keinem, denn er war ein tapferer Weber. Dies behauptete nicht nur er allein, sondern auch andere Leut`, sogar von weiters her bestätigten dies. Doch wenn er die Geschichte erzählte, was er mit der Schäferselse erlebt hatte, stockte seinen Zuhörern der Atem.
Vor zwanzig Jahren war diese Begegnung gewesen. Damals war die Schäferselse, oder wie sie auch genannt wurde die "Schaf-Lisbeth", schon eine alte und graue Frau und niemand wusste über ihr Alter mehr zu sagen als jenseits des sechzigsten Jahres nach ihrer Geburt, wenn Menschen wie die Schäferselse überhaupt geboren werden.
Der Brückenweber war zu jener Zeit die ganze Woche unterwegs gewesen um seine gewebten Stoffe auf den Siedlungen und Höfen der Umgegend zu verkaufen. Es war am letzten Tag des dritten Poena Mondes. Die Dämmerung war weit fortgeschritten und die Nacht würde bald hereinbrechen, als ihn sein Weg an der Hütte der Schäferselse vorbeiführte. Ihre Hütte lag einsam unterhalb einer großen Bergwiese nahe dem Waldrand. Der Weg lief zwischen Waldrand und der windschiefen Hütte hindurch und es war kein kleines diesen zu begehen. Viele nahmen statt dessen lieber einen großen Umweg in Kauf. Der Brückenweber aber hatte sich in seinem Leben nicht gefürchtet und ging festen Schrittes auf die Hütte zu, ohne auch nur einen Zoll vom Weg abzuweichen. Schon hatte er die Hütte ein gutes Stück hinter sich gelassen und er konnte sie fast in seinem Rücken spüren. Es war nichts geschehen.
Da hörte er plötzlich etwas hinter sich. Neben dem Knarzen seines Karrens war noch ein anderes Geräusch zu hören. Es klang wie schleichende Schritte. Doch der Brückenweber wusste nichts von Furcht und wollte sich nicht in`s Bockshorn jagen lassen. Er ging weiter ohne über die Schulter zu blicken. Er sagte sich, wenn er jetzt umschauen würde, würde er sich ein wenig Furcht eingestehen, aber er fürchte sich nicht. Und so angestrengt er auch lauschte, hörte er kurze Zeit später auch nichts anderes mehr als seine eigenen Schritte und seinen eigenen Wagen und sein Atem der etwas schwerer ging, da er den Wagen bergauf zog. Er hatte also Recht behalten und sich vorhin in der Tat nur getäuscht.
Doch da hörte er im dürren Laub wieder Tritte, ganz leise Tritte. Dies schien im nun doch sonderbar und wollte ihm allmählich doch unheimlich dünken. Obwohl er keine Angst hatte, erlaubte er sich doch nicht umzusehen. Er hatte schon oft von anderen Wanderern und fahrenden Händlern gehört, dass böse Dryaden oft mit harmlosen Tritten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen um dann dem sich Umblickenden den Hals zu verdrehen, auf das ihnen das Gesicht im Rücken stehe. Mit den Dryaden sollte man nicht spaßen, dazu brauchte man kein Angsthase sein. Einem bösen Waldgeist muss man nur ein Haar hinhalten, er flicht einen Strick daraus und erdrosselt den armen und unvorsichtigen Tropf damit.
So schritt der Brückenweber weiter und hätte um alles Aurazith in der Welt nicht umgeschaut. Doch von einem Augenblicke zum anderen hörte er die Tritte nicht mehr von hinten, sondern von vorne kommen. Doch sah er auch jetzt nicht und niemanden. Viele Geister hatte er schon gesehen, doch sogar er wünschte sich nun schnellstens nach Hammerbach zu kommen. Wenn er doch nur schon dort wäre!
Immer schneller holperte sein Karren über die Wurzeln und Steine des staubigen und unebenen Waldweges und wie gebannt starrte er in die Dunkelheit zwischen den Baumstämmen. Plötzlich huschten zwei feurige Irrlichtlein vor ihm her und er fühlte wie kalter Schweiß ihm auf die Stirn sprang.
Er schritt aus dem Wald heraus auf eine Lichtung und da sah er die beiden Irrlichtlein. Es waren die feurigen Augen einer großen schwarzen Katze. Einen anderen hätte nun eine grausige Panik gepackt, doch der Brückenweber war jetzt beruhigt, dass er sich die Tritte doch nicht eingebildet hatte, sondern nur diese Katze um ihn geschlichen war. Er wunderte sich, eine Katze so tief im Wald zu finden und nicht auf den Feldern oder bei den Scheunen, wo es vor Mäusen nur so wimmelt. Er versuchte sie fortzujagen, aber sie wollte nicht, sondern fing ängstlich an zu miauen und zu grauntzen.
Das arme Geschöpf wird sich wohl verirrt haben und seinen Weg nicht mehr zurückfinden und sucht nun einfach die Nähe eines Wanderers der sie wieder zu einer menschlichen Siedlung bringt, dachte der Brückenweber bei sich und lies die schwarze Katze neben sich her laufen.
Auch durch die Straßen von Hammerbach hindurch wich die Katze nicht von seiner Seite. Als er dann über die Brücke ging und nahe seinem Hause war, da nahm er dann doch einen Stein und warf ihn nach der Katze und trat gar nach ihr, um sie endlich los zu werden, doch wich die Katze nicht, sondern grauntze erbärmlich. Als er dann den Schlüssel im Schloss der Türe gedreht und die Tür einen Spalt breit offen war, trat er noch einmal die Katze. Diese zwängte sich aber geschwind durch den Spalt und war schon ins Haus geschlüpft.
Sein Weib hatte Mitleid mit dem armen, frierenden und zitternden Tier, denn die Nacht war sternenklar und kalt. Sie stellte dem Kätzchen ein Schüsselchen warmer Milch bereit, und vergaß auch nicht zum Dank an Poena ihr Zeichen über der Milch in der Luft zu machen und sprach ein paar Worte des Dankes, wie sie es immer zu tun pflegte. Die schwarze Katze schien jedoch keinen Hunger zu haben, denn sie trank nichts von der Milch, sondern legte sich daneben auf den Boden und schien sofort eingeschlafen zu sein.
Dem Brückenweber schien dies aufs neue verdächtig, doch beruhigte ihn seine Frau, denn für die Katze war dies doch ein langer und ermattender Weg gewesen. So dachte auch er sich weiters nichts dabei und legte sich mit seiner Frau zu Bett. Die Kinder schliefen schon in der Nebenkammer.
Mitten in der Nacht schreckte ihn ein entsetzliches Klirren aus dem Schlafe. Seine Frau und er fuhren empor. Das Mondlicht fiel durch die kleinen Fenster in die Stube und erhellte sie ein wenig. Sie sahen den Boden mit Glasscherben bedeckt und im Fenster klaffte ein großes Loch. Sofort dachte er an die schwarze Katze, doch fand sich das Tier nirgends.
Auf dem Tische jedoch, an der Stelle an der das Mondenlicht besonders hell schien, da erblickte er - er wollte seinen Augen nicht trauen - einen Batzen Aurazith. Sein erschrecken wandelte sich in Erstaunen, sein erstaunen in Freude. Da lag er. Ein glitzernder, schimmernder und funkelnder Haufen Aurazith, so schwer, dass sich der Tisch zu biegen schien.
In diesem Moment dachte er nur noch an der schwere Arbeit die er tun musste um seine fünf kleinen Würmchen, die in der Nebenkammer schliefen, jeden Tag satt zu bekommen und er dachte an die Momente in denen sie ihren Hunger nicht ganz stillen konnten. Da trat die Frau des Brückenwebers hinzu und nun hegte sie den Verdacht und machte erst das heilige Zeichen des Helios über dem Aurazith. Und wie sie dies Tat, da hörten beide einen dumpfen Knall und wurden von unsichtbarer Hand umgestoßen. Als sie sich wieder besannen und beide sich aufgerappelt hatten, da war es stockdunkel in der Kammer. Eine schwarze Wolke war vor den Mond getreten und versteckte sein Licht.
Schnell holte sie eine Kerze und entzündete diese in der kleinen Glut, die noch im Ofen lag. Sie hielten das Licht über den Haufen Aurazith und sahen, wie alles zu Unrat geworden war. Der ganze Haufen war nur noch ein breiter Fladen, der fürchterlich stank.
So blieb ihnen nichts übrig, als das ganze Katzenaurazith wegzuputzen. Die Katze mit den feurigen Augen war also doch ein Waldkobold oder böser Waldgeist gewesen, oder gar die Schäferselse selbst?

 
8  Der Bruderstreit von Eulenbach

Jedes Kind von Eulenbach kann dem reisenden Fremden in der nach dem Brazach führenden Straße die beiden Gasthäuser "Zur Eule" und "Zur Krone" zeigen. Beide Häuser sind sehr merkwürdige Fachwerkbauten deren Giebel die Zeit bereits stark zur Straße hin gebeuget hat. Doch sind beide wohlgepflegt und von den Fenstern grüßen zur Sommerszeit die buschigsten und buntesten Blumen. So freundlich die Häuser heute da stehen, so dunkel beginnt die Sage um sie aus alter Zeit.
Wo sich die beiden Gasthäuser zu Eulenbach erheben, stand zufürderst ein gar weitläufiges Gebäude, dessen Besitzer neben einer großen Landwirtschaft auch noch einen Gasthof hatte, der zu jener Zeit noch am Rande des Dorfes lag, wo heute die beiden Gasthöfe von anderen Häusern umringt sind.
Und wie heute waren auch schon zu jener Zeit Ritter und Edelfrauen, Knappen und Knechte häufig zu Gast und zechten wacker manche Nacht hindurch. Der Besitzer des Gasthofes hatte als Schild das Fürstliche Wappen, die Eule mit der Fürstenkrone, über die Tür gehängt. Als er starb wollte jeder der beiden Söhne das väterliche Anwesen haben und da sie Zwillinge waren, konnten sie nicht nach dem Recht des Älteren entscheiden. Beide Brüder standen in der Blüte ihres Lebens. Sie waren beide kräftig und fröhlich und konnten beide ebenso gut die Felder bestellen, als auch die Gastwirtschaft führen. Auch nach ihren Neigungen konnten sie nicht entscheiden.
Beide waren in den Waffen kundig, denn sie hatten oft mit den Rittern und Knappen die Gäste ihres Vaters gewesen, zur Übung gefochten. Doch hatten sich beide auch schon im Ernste ihrer Haut wehren müssen, wenn die Sturmglocke des Dorfes über dem Portal des Heliostempels die Jugend, die Männer und die Söldner zum Zuge und zur Wehr gegen die Flusspiraten des Brazach zusammenrief. Tapfer schlugen sie drein und waren geachtete Kämpfer.
Trotz des schwelenden Streites um das Gut ihres Vaters kamen die beiden Brüder recht gut miteinander aus, bis der eine sich verlobte und mit der Heiratsmitgift seiner Braut dem Bruder das Recht auf das Anwesen abkaufen wollte. Als der Bruder dies hörte, schwoll ihm der Kamm und nahm sein Schwert an sich. Voller Zorn trotzte er seinem Bruder und rief nach einigen Beschwichtigungsversuchen durch seinen Bruder voller Zornesinbrunst, dass er sein Recht auf das väterliche Gut nicht für das ganze Thaler Fürstentum verkaufen werde. Wenn er es haben wolle, dann nur über seine kalte Leiche. Ein Zweikampf solle endlich entscheiden.
Des Bruders Wut entzündete nun auch des Zwillingsbruders Gemüt und ließ es wie ein Strohfeuer aufbrennen. Rasch griff auch er nach seinem Schwerte und wenige Augenblicke später war die Stube durch die sich hauenden und stechenden Brüder verwüstet. Über die Bank stolpernd fiel der eine rücklings aus dem offenen Fenster und nachdem er sich erhoben, hatte der andere ihm bereits nachgesetzt und drosch, mehr als er hieb, mit dem Schwerte auf den Bruder ein. Beide waren schweißnass und die Hose und der Rock hingen in Fetzen. Der entsetzliche Kampf endete erst, als die Kraft der beiden merklich nachgelassen hatte und einer der Brüder nach einer schwachen Parade, das Schwert des Bruders nicht völlig abwehrte, sondern die angreifende Klinge an der Paradestange hängen blieb und auf seine Brust zuschoss. Ein hässlicher Klang begleitete das Rutschen der Klingen, als die Spitze des Schwertes ihm eine tiefe Wunde in der Herzgegend riss und er mit heißerem Aufschrei zu Boden sank.
Bei diesem Anblick war der Zorn darüber, dass sein Bruder ihm das Erbrecht auf das Gut ihres Vaters abkaufen wollte von ihm gewichen. Außer sich vor Schreck kniete er neben den im Schlamm liegenden Bruder und bemühte sich, das Blut zu stillen, welches aus dessen Wunde floss. Doch mühte er sich vergebens. Die Dienstleute und Knechte und Mägde waren herbeigeeilt und drängten ihn zu fliehen, bevor die Knechte des Büttels seiner habhaft werden konnten. Fast willenlos ließ er sich dazu bewegen ein Pferd zu besteigen. Doch als er die Zügel in die Hand genommen hatte, da schien er wie aus einer Starre oder einem bösen Traume zu erwachen und dann ritt er wie von Furien gehetzt im Galopp über die Brücke auf und davon.
Einige Tage später begegnete er dem Ritter Eisenhard, der mit seinem Fähnlein sich dem Freiherren Furtward anschließen wollte um mit ihm in die Freiherren Kriege von Tolens zu ziehen. Schnell trat der Bruder in die Dienste jenes Ritters. Bei Dewingen kam es zur Schlacht und viele Ritter, darunter auch ihr Anführer der Freiherr Furtward, fanden in dieser Schlacht den Tod. Der Bruder lag schwer verwundet auf dem Schlachtfeld und dachte nun seine Blutschuld gesühnet zu haben. Er schloss die Augen und erwartete schon die brausenden Schwingen Gwons über sich zu spüren.
Am anderen Tage gingen Tolenser über das Schlachtfeld und einer von ihnen lud sich den Verletzten auf und pflegte ihn bei sich zu Hause gesund. Viele Jahre blieb der Bruder bei den Bauersleuten in Tolens. Er war bekannt als düsterer, verschlossener Mann, den man niemals lächeln sah. Es war sein Gewissen, welches ihm keine Ruhe ließ und so oft des Nächtens quälte, so dass er schreiend und schweißnass aufwachte, das Bild des toten Zwillingsbruders vor Augen.
Er wusste nicht, wie lange er schon in Tolens war und wie lange schon die Last auf seine gepeinigte Seele drückte, als er endlich Abschied von den Tolensern nahm, die ihn ungern ziehen ließen. Schweigend wanderte er seiner Heimat zu, in banger Erwartung, was er dort vorfinden würde.
Als er die Straße in Eulenbach vom Brazach her entlang schritt, fand er das väterliche Wohnhaus nicht mehr. An seiner Stelle standen nun zwei neue Häuser, die sich in ihrem Äußeren nur wenig voneinander unterschieden. Und als er in die Wohnstube des einen Hauses trat um zu fragen, was sich hier alles verändert habe und wer dies veranlasst habe, da kam ihm gesund und munter sein Zwillingsbruder entgegen. Eben der, von dem er jahrelang geglaubt, er habe ihn getötet. Doch dieses Gespenst, für das er die Gestalt vor sich für einen Augenblick gehalten hatte, drückte ihn erfreut ans Herz und rief: "Sei hundertmal willkommen, liebster Bruder. Ich lebe und niemals mehr soll Streit und Zwietracht zwischen uns herrschen! Siehe ich habe den Grund unseres Streites, das Haus unseres Vaters abreißen lassen und stattdessen diese beiden, gleichen Häuser bauen lassen. Wähle eines davon aus und ich ziehe in das andere. Wir können in Frieden leben und beieinander wohnen." Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte und beide in der Wohnstube bei einem Humpen Bier beisammen saßen, kamen auch die Frau des Bruders und seine Kinder. Alle begrüßten freudig den lange Verschollenen. Der zurückgekehrte Bruder zog in das noch leere Haus und beide teilten auch das Gasthausschild, welches einst den Weg zur väterlichen Schenke zierte. Der eine nahm die Eule und der andere die Krone des Schildes.
Ohne Hader und Zank lebten die beiden Brüder von nun an zusammen und als der Verschollene ein hübsches Tolenser Mädel, die Tochter des Mannes, der ihm einst das Leben auf dem Schlachtfelde gerettet, heiratete, da waren die Freude und der Jubel in Eulenbach groß. Seitdem haben oft Sackpfeifen und Flöten im Gasthof "Zur Eule" und im Gasthof "Zur Krone" aufgespielt und Fenster und Tür klirrte von den Füßen der Tänzer.


9  Die ewige Inschrift

Es gehört nicht gerade zu den seltensten Ereignissen, wenn sich der untere Koronfluss vor Jarun in den Monden der Saarka mit Eis bedeckt. Einmal, da fror der Fluss vor der Stadt auf seiner gänzlichen Breite so fest zu, dass man sogar mit schweren Ochsenkarren darüber hinweg fahren konnte. Die Jaruner veranstalteten ein großes Fest auf dem Eise und nannten es das Eisfest. Es war zwar ein besonders kaltes aber auch ein besonders schönes und farbenfrohes Fest gewesen. So beschloss man am Ende der Feierlichkeiten, es mögen wohl auch schon etliche Krüge Met und Bier geleeret worden sein, zur Erinnerung an dieses einmalig schöne Fest eine Inschrift anfertigen zu lassen. Da entbrannte allerdings ein großer Streit darüber, wo man die Zeilen verewigen sollte. Der schlaue Xurlpriester von Jarun, der dem unguten Streite nicht länger zusehen wollte und schon einen friedlichen Ausgang des Festes in Gefahr sah sprach: "Dieses Fest ist ein Geschenk Xurls und Saarkas an uns. Dieses Eis ist der Grund unserer Feier, unserer Freude und ist der Götter Werk. Deshalb gibt es auch keinen würdigeren Ort für diese Inschrift, als den Koron selbst." Man ließ also einen Steinmetz kommen, der mit seinem Werkzeuge in das steinharte Eis des Flusses in großen Lettern den folgenden Vers meißelte:

    Würdig zum immerwährenden Gedenken
    Lasst diese Zeilen uns der Nachwelt schenken.
    Als man zählte der Königsherrschaft fünftes Jahr,
    Der Koron gänzlich zugefroren war,
    So fest, wie´s selten ward geseh´n im Leben.
    Davon mög´ ewig diese Urkund´ Zeugnis geben.

Mit dem "ewigen Zeugnis" dauerte es aber nicht lange. Als Poena den warmen Frühling über Güldental ausbreitete, taute auch der Koron wieder auf. Heutzutage weiß niemand mehr, wo auf dem Koron die Inschrift im Eis war und es weiß auch keiner mehr welchen Königs fünftes Regierungsjahr man zu jener Zeit schrieb. Was aber über die Zeiten hinweg blieb, ist der Spitzname der Jaruner. Sie werden "Eisklopfer" oder "Eismetze" genannt.