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Dienstag, 25. Juli 2000 Kreisnachrichten
Heidenheimer Zeitung
Beim Karlsbrunnen: Rollenspiel mit 140 Mitwirkenden
Exkursion nach ”Heligonia”
Ein improvisiertes und am Mittelalter orientiertes Treiben
TRUGENHOFEN. Der Pavillon auf dem Hügel im hinteren Bereich des
Zeltlagerplatzes ist drapiert mit Tüchern die eine fantastische, bunte
Ornamentik zeigen.
Von unserer Mitarbeiterin
Bärbel Moser-Focken
Gespieltes Mittelalter beim Karlsbrunnen in Trugenhofen
(Foto: bf)
Das akribisch mit Reagenzgläsern, Kronleuchtern, Kuhhörnern,
Messingkesseln und Kuhfellen auf den Sitzbänken eingerichtete Innere,
ähnlich der Küche eines Alchimisten, erinnert an die Kulisse
für ein Schaustück - und genau das boten die 140 aus dem gesamten
Bundesgebiet angereisten Laienschauspieler und passionierten Fans des sogenannten
Live-Rollenspiels denn auch am vergangenen Wochenende am Karlsbrunnen.
Allerdings ohne Publikum. Die Akteure blieben bei ihrer märchenhaften
Exkursion ins sagenhafte mittelalterliche Land Heligonia - (von Helios,
die Sonne) unter sich. Allein die Freude am Improvisieren, einer spontanen,
wenngleich von einer Art Drehbuch im Hintergrund geleiteten ”interaktiven
Kommunikation”, wie es der 25-jährige Medizinstudent Stefan Rampp
aus Nürnberg, einer der Organisatoren, Mitglied der Spielleitung und
Verfasser des Skripts erläutert, steht im Vordergrund für die
Teilnehmer, die alle Altersgruppen, bis hin zum Senior, repräsentieren
und von denen das Gros aus dem süddeutschen Raum kommt. ”Die Grenze
nach Norden verläuft bei Nürnberg, Erlangen”, erklärt Rampp.
”Super-Gegend” nennt er als Begründung für die Wahl des hiesigen
Zeltlagerplatzes, der bereits zum dritten Mal als Bühne für dieses
ungewöhnliche Hobby dient. ”Phantastisches Mittelalter” lautet das
Oberthema des Plots, bei dem zwei konkurrierende Ritter mit angeheuertem
Gefolge, Prinzessin inklusive um eine verwunschene, in eine Kristallkugel
verbannte Burg wettstreiten, die es im umliegenden Wald aufzustöbern
gilt. Natürlich soll das Ambiente stimmen bis ins Detail. Der Gelbe-Sack
ist verpönt, Tongefäße, rustikale Brotmesser und Zinnbecher
sind dagegen erwünscht. Kostümierung ist Pflicht. Fechtübungen
mit dem Schwert, möglichst authentisch erscheinendes Interieur in
den Zelten, Kettenhemd, Lederleible oder Bettlerkutte Usus. Wie er selbst
auf diese Freizeitaktivität gestoßen sei? Auf Kunsthandwerker-
und historischen Märkten hätten ihn Bekannte angesprochen, erzählt
der Nürnberger, der insgesamt schon an 15 Veranstaltungen dieser Art
teilgenommen hat und inzwischen etliche Burgen in Süddeutschland kennt.
Als einen Ursprung dieser Live-Rollenspiele nennt Heike Postler das Gesellschaftsspiel
”Das schwarze Auge”, bei dem eine Geschichte vorgetragen wird, die von
den Spielern dann selbst ergänzt werden muss. Damals sei wohl der
Wunsch entstanden, dies in einem größeren Rahmen zu gestalten.
Inzwischen kennt man sich, wird über Mundpropaganda oder das Internet
über geplante Veranstaltungen zu ganz unterschiedlichen Themen informiert.
Wer mitmachen will und zu den Schauspielern gehört, denn Statisten
gibt es selbstverständlich auch, bekommt vorab schon das Skript zugesandt,
um sich auf seine Rolle vorzubereiten. Letzte Instruktionen erfolgen am
Spielort. Von Freitagabend bis Sonntag dauerte der Wettstreit des Opponenten
Karl alias Andreas Riedlinger und seines Gegners um die im Feenwald verborgene
Kugel. Selbstredend, dass da erst viele Hindernisse zu überwinden
waren. Einen Sieger gibt es bei solchen Rollenspielen grundsätzlich
nicht. Allein auf das Mitmachen, auf das Erlebnis und die Freude am Spiel
kommt es an. Die Geschichte fand an diesem Wochenende keinen Abschluss,
sondern wird im Herbst auf einer echten Burg im Raum Stuttgart fortgesetzt.
Und es hat schon etwas für sich, wenn man beim Zurückschauen
das kleine Dorf bunter Zelte erblickt, von denen manche ein spitzes Dach
oder Zinnenattrappen haben, wo am Morgen Rauch aus dem Messingkessel über
dem Lagerfeuer steigt und die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumgipfel
lugen. Irgendwie ist das eine andere, verträumte Welt.

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