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Mittwoch, 3. September 1997 Lokales
Rieser Nachrichten
In der Markthalle des Dörfchens Ravani treffen illustre Gestalten
aufeinander. Anton Balluff (dritter von links), einer der Organisatoren
des Rollenspiels, schlüpfte in die Rolle des korrupten Marktaufsehers.
Aufreizende Tänzerinnen, Diebsgesindel und Fabelwesen
Für ein paar Tage entschwand der Karlshof ins
geheimnisvolle Reich Heligonia
Für ein paar Tage wurde der Karlshof zum Dörfchen Ravani im
Königreich Heligonia, die Burgruinen Hochhaus und Niederhaus zu Überresten
der sagenumwobenen Burgen Enzada und Walanec. Wilde Krieger, orientalisch
gewandete Händler, mittelalterliche Gestalten und menschähnliche
Fabelwesen bevölkerten die Gegend, die zur Kulisse eines großangelegten
Rollenspiels mit 90 Akteuren wurde.
"Das ist diesmal eine eher kleine Veranstaltung", erklärt Ines
Balluff, Spielleiterin und Mit-Organisatorin. Sie wohnt in der Region und
so kam der Kontakt zum Karlshof zustande. "Wir veranstalten auch Szenarien
mit 200 bis 300 Akteuren, die dann ganze Schlachten nachstellen." "Wir",
das sind Spielbegeisterte aus ganz Deutschland und diesmal auch aus der
Schweiz, die fünf bis sechs Mal im Jahr in die Welt des Königreiches
Heligonia eintauchen. 80 Prozent von ihnen sind Studenten, die meisten
Teilnehmer zwischen 18 und 24 Jahren alt.
Hintergrund und Spielszenario sind aufwendig durchdacht und detailliert
einstudiert wie ein großangelegtes Theaterstück: In einem 32seitigen
Heft wird das Königreich Heligonia genau dargestellt, von Geographie
und Bevölkerung über Struktur der Herrscherhäuser bis hin
zu Maßeinheiten und Preislisten in reichseigener Währung.
Phantasievolle Kostüme
Über das Rollenspiel, um das es aktuell geht, erstellten die Organisatoren
ebenfalls ausführliches Material: In dem Grenzdörfchen Ravani
findet der weithin berühmte Jahrtag statt, zu dem sich neben Händlern,
Kriegern und umherziehendem Volk auch allerlei Diebs- und Betrügergesindel
einstellt. An diesem Markttag treffen zum ersten Mal die Besitzer der vier
Teile einer geheimnisvollen Schatzkarte zusammen. Es gilt, die Karte zu
komplettieren und den Schatz, den Piraten einst in der Gegend hier versteckten,
zu bergen. "Theaterzuschauer" gibt es bei diesem Spektakel jedoch nicht,
die Akteure spielen für sich selbst.
Eine Reihe von Rollen wird genau festgelegt, die einzelnen Figuren
durch ihre Lebensgeschichte charakterisiert. Die Teilnehmer schlüpfen
ganz und gar in die Rollen und in ihre selbstgefertigten, außerordentlich
detailliert und liebevoll gestalteten Kostüme, die einem professionellen
Theaterfundus in nichts nachstehen: Keltisch anmutende Krieger in dicken
Fellen und Ledergewändern, Kämpen, die an Kreuzritter erinnern,
Händler in reichen, bunten Gewändern, Bettler in Sackleinen,
in geheimnisvolles Schwarz gehüllte Abenteurer, Fabelwesen mit spitzen
Ohren und langen Eckzähnen, Adelige, aufreizende Tänzerinnen.

Der Barbier Karimef ben Karimef zieht seinen Kunden erst die Zähne
(meistens die gesunden), dann die Dukaten aus der Tasche.

Spielleiterin Ines Balluff alias die schöne, verschlagene Tavernenwirtin
Pecunia feilscht mit Jakub, dem fahrenden Händler.
Markthalle in der Tenne
In der Markthalle, zu der die Tenne auf dem Karlshof umfunktioniert wurde,
herrscht reges Treiben, ebenso in der finsteren Taverne. In großen
Jurten auf dem Zeltplatz lagern die Krieger, ein Händler bietet farbenprächtige
Spezereien feil. Ständig passiert etwas, wird jemand verfolgt und
verhaftet, tauchen neue Gerüchte um die Kartenteile auf, werden Beutel
mit den eigens gegossenen Heligonia-Münzen "gestohlen". Ein betrügerisches
Paar bietet äußerst günstigen Met feil. Interessenten müssen
sich in die Bestelliste eintragen. Später stellt sich heraus, daß
die Kunden in Wirklichkeit Anwerbern der Armee auf den Leim gegangen sind
und eine Verpflichtung zur Heeresgefolgschaft unterschrieben haben. Sie
werden zum Soldatendienst gepreßt oder müssen sich freikaufen.
Jeder geht geheimnisvollen Hinweisen nach, die mit in die Szenenbeschreibung
eingeflossen sind. Schließlich findet "die Katze" - ein Wesen halb
Mensch, halb Tier - mit einem Häuflein Abenteurer zusammen den Schatz
unter einer alten Brücke. Als sich der Tag dem Ende neigt, findet
sich eine illustre Gesellschaft in der Taverne "Zum geprellten Zecher"
ein. Bänkelsänger geben mittelalterliche und keltische Weisen
zum Besten, feurige Flamencotänzerinnen verdrehen den von Met halb
betäubten Kriegern die Sinne, der Wirt muß Räuber mit der
Pfanne niederschlagen, Kaufleute und Gesindel würfeln um Heller und
Dukaten.
Die kommenden Rollenspiel-Abenteuer stehen schon fest. Das Highlight
im nächsten Jahr: Die Fahrt mit einer mittelalterlichen Kogge auf
der Nordsee. Einige Piraten haben sich diesen Termin schon vorgemerkt...

Mit den Kriegern von der Stammesgruppe der Angaheymer, die in stilechten
Jurten auf dem Zeltplatz lagern, ist nicht zu spaßen - die selbstgeschmiedeten
Waffen dienen allerdings nur zur Dekoration, ihre wilden Kämpfe tragen
sie mit Latex-Schwertern aus.

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