|

Donnersstag, 11. März 1999
Westdeusche Allgemeine Zeitung (WAZ)
Wo Hadebrand den Giftmischer aufspürt
Die Rollenspiele in "Heligonia"
Jetzt werden Markus, Carsten, Konrad und Guido wieder ihre Schwerter
und kiloschweren Kettenhemden, die feinen Gewänder und Fahnen ins
Auto verfrachten und in Richtung Süden aufbrechen.
Ziel der reise wird das tiefste Bayern sein. Burg Wildenstein haben
sich die "Heligonier" für ihre nächste "Con" ausgesucht. Für
eine jener geheimnisvollen Veranstaltungen, bei der sich hunderte mittelalterlicher
Gestalten während eines langen Wochenendes auf Burgen, in Schlössern
oder Wäldern zusammenfinden.
Markus, Carsten, Konrad und Guido können stundenlang von diesen
Wochenenden und ihrem Hobby erzählen. Dem Rollenspiel sind die vier
Dorstener verfallen. Nicht jenen Rollenspielen, die wie "Das schwarze Auge"
am heimischen Küchentisch ausagiert werden - sondern denen, bei dem
die Spieler wirklich in die Gestalt eines mittelalterlichen Fantasie-Wesens
schlüpfen.
Aufwendiger ist diese Art des Hobbies allemal. Dutzende Kostüme,
Waffen und Ausrüstungsgegenstände besitzen die Dorstener Heligonier.
Gepolsterte Schwerter, Armbrüste, Streitkolben und Morgensterne werden
zu den aufwendigen, größtenteils selbstgefertigten Gewändern
und Rüstungen gepackt, wenn es zu den Cons geht. Erst kürzlich
hat sich Markus ein neues Bischofsgewand zugelegt. "600 Mark waren noch
billig", sagt der markgraf und Großmeister der Templer. Sogenannte
Spieler und Nicht-Spieler finden sich auf den Cons zusammen. Die einen
kennen nur die Rahmenhandlung.

Die Dorstener "Heligonier": Markus (im Bischofsgewand), Carsten,
Konrad und Guido widmen etliche Stunden ihrer Freizeit dem Rollenspiel
in Rüstungen und unter Waffen.
WAZ-Bilder: Ralph Heeger
Sie bricht das Brot für ein gar prächtiges Hochzeits-Zeremoniell.
Auch derlei Prunk paßt in die Drehbücher der Mittelalter-Krimis.
Wissen zum Beispiel, daß ein unbekannter Giftmischer auf einem
mittelalterlichen Markt Kaufleute vergiftet. Die anderen, die Nichtspieler,
sind die Statisten, diejenigen, die die Hintergründe kennen und zum
Beispiel den Mörder und die Hintermänner spielen. Weniger spannend
ist die Rolle des Nicht-Spielers aber nicht. "Ist beides interessant zu
spielen", sagt Markus.
Markus Spree, 28, ist der Kopf der nördlichen, Dorstener Heligonier.
Stundenlang in der Woche widmet sich der Student der Wirtschaftsinformatik
seinem Hobby, schreibt die Drehbücher für die Cons, mietet Burgen
an und kommuniziert mit den befreundeten Heligoniern in ganz Deutschland.
Mitgearbeitet hat der 28jährige auch an dem hunderte Seiten starken
Heligonia-Buch, in dem die Rahmenhandlung aller Abenteuer, die Aufteilung,
Geschichte und die Bewohner des imaginären Landes Heligonia niedergeschrieben
ist. "Wichtig ist", erzählt Markus Spree, "daß die Leute sich
mit ihrem Charakter auf der Con einbringen".
Als Flucht vor der Realität wollen die vier Dorstener das Abtauchen
in die mittelalterliche Welt nicht verstanden wissen. "Es geht darum, Spaß
zu haben", sagt Hadebrand von Grauburg, der im richtigen Leben Guido Brand
heißt und Bankkaufmann ist.
Zu vier bis sechs Cons fahren die Rollenspieler im Jahr, vier bis sechs
Mal im Jahr tauschen die vier Dorstener ihre Studenten- oder Banker-Kluft
gegen die von adligen Herren oder Rittern ein. Die im Alltag oft großen
"Standesunterschiede" schrumpfen dann zusammen.

Der Aufwand der Freizeit-"Heligonier" macht auch vor kompletten
Zeltlagern - mit Bannern und allen Accesoires - nicht halt.
"Es gibt bei uns Arbeitslose genauso wie Rechtsanwälte oder Geschäftsführer",
weiß Markus Spree. "Der richtige Name ist dann uninteressant."
Sogar die Umgangs- und Alltagssprache wird auf den Cons abgelegt, verpönt
sind alle Modewörter. Statt dessen halten die Ritter um die Hand der
"gnädigen Dame" an. Manche haben sogar eigene Phantasiesprachen entwickelt
oder sich die Mittelhochdeutsche Sprache angeeignet.
(Aha)
Nicht nur zur Schau tragen die Herren - und Damen - furchteinflößende
Waffen und Langbogen, die eine geübte Schützin verlangen.

|
|