Vorweg
Dies ist kein gewöhnlicher Botenartikel. Dies ist, obwohl letztlich wenig mehr als einen Tag abbildend, ein Kriegstagebuch.
Und wie es in Kriegen geschieht, gab es auch unter den Berichterstattern Verluste. Eine Lehrlingsschreiberin, ein halbes Kind, von einer mitziehenden Spielmannstruppe zu uns geweht wie ein Blatt und wieder davon geflogen. Adalbert Gradfeder, ein begnadeter Zeichner, ich habe mich in seine Skizzen verliebt und ihn seither nie wieder gesehen. Wer wird ihn nun bezahlen? Und Bernhard Letterschwung, nervtötender Lautsprecher, den die Dunkelheit am Ende verschluckte. Bleibe ich, Zenobia Zauberfeder, um alles aufzuschreiben.
Aber genug der Vorrede.
Der Auftrag
Es war im späten Frühling, den letzten Tagen des Jahres 52 nach HA III. Wir gehörten zu einem Stoßtrupp der Drachenhainisch-Ostarischen Allianz im Krieg gegen das weiterhin geheimnisvolle Reich Stueren. Der militärische Leiter Claas von Stockbach-Jungingen war tatsächlich Offizier der ostarischen Marine. Dies entsprach aber eher einer formalen Führung und er selbst bezeichnete sich als „Verbindungsoffizier“. Der Rest des Trupps war nämlich ein buntes Häuflein, das nur zum geringeren Teil aus Heligonia selbst kam und kaum aus Soldaten des Reiches bestand. Aus Drachenhain waren mir die Ritter des Licht und der Heliosgeweihte Everthun ein Begriff, aus Tlamana kannte ich die Namen Magistra Mabignon und Magister Zauberwacht, aus Ostarien die Navigatorin Wolkenstein und den Gelehrten Schwichtenberg. Eine Fraktion von „Ossiari“ stammte aus der Stadt Ossiaris, Nurian und Bornstein waren vertreten. Es gab aber noch viele andere Truppen und Trüpplein mit Bezeichnungen wie Spital Greyshire, Ramberger Haufen, 13. Fähnlein, Orden von Lomont und weitere Geweihte und Gelehrte.
Grund hierfür war wohl folgender: Nach einem plötzlichen, gewalttätigen Auftakt schleppte sich der Krieg seit mehr als einem Jahrzehnt in Erkundungen, Scharmützeln und wenig ertragreichen Verhandlungsansätzen dahin und die eigentlichen Heere waren längst wieder heimgekehrt. Die voraussichtliche Kärrnerarbeit unseres Spähtrupps, einen Überläufer sicher aus dem stuerener Grenzgebiet nach Heligonia zu bringen, sollte im Wesentlichen von uns freiwilligen Verbündeten geleistet werden.
So marschierte unser Trupp denn über Felder und an Waldrändern, um den vereinbarten Treffpunkt vor der Dunkelheit zu erreichen und dort ein Lager aufzuschlagen. Die Plaudereien waren längst ins Private abgedriftet und ich rief mir noch einmal einige Eckdaten der weiteren Fraktionen ins Gedächtnis, die im Kriegsverlauf und möglicherweise auch hier eine Rolle spielen mochten.
Stueren: Ein Heligonia feindlich gesinntes Fürstentum, das allerdings nur noch einen Teil seines Reiches beherrscht
Die Borharcôner: Ehemaliges Sklavenvolk der Stuerener, im Kriegsverlauf befreit – zu ihnen gehörig ihre Schamanen, die Araslaker
Ossiaris: Ehemals zu Stueren gehörende bzw mit Stueren assoziierte Stadt, mittlerweile unabhängig und mit Heligonia vage verbündet
Die Dunam: Ein untergegangenes Volk, dessen Handlungen aber tief mit dem Reich Stueren verwoben sind und heute noch Auswirkungen haben
Der Herr der Schlangen
Diese Gedanken im Kopf trugen mich meine Füße in der Dämmerung einen Hügel hinauf, dem Treffpunkt entgegen, als unsere Vorhut Kontakt meldete – Feindkontakt, um genau zu sein, denn wir wurden ohne Umschweife angegriffen. Wir Schreiber konnten uns gerade noch zur Seite in ein Dickicht retten. Der Kampf war heftig, aber zum Glück kürzer als befürchtet, da wir Hilfe erhielten. Der Überläufer attackierte mit einigen sehr fähigen Mannen unsere Gegner von hinten, so dass wir letztlich mit minimalen Verlusten davonkamen.
Dieser Überläufer war ein seltsames Wesen – ein Mann mit den Augen eines Reptils, genannt der Herr der Schlangen. Vertrauenswürdig wirkte das nicht, aber wir hatten keine andere Wahl als ihn anzuhören. Er hatte diesen Treffpunkt nicht zufällig bestimmt.
In ferner Vergangenheit, so berichtete er, hätte jemand einen großen Frevel an diesen Landen begangen. Hier könne man ihn vermutlich wieder heilen, an der Grenze zum Stuerener Kernland. Allerdings sei dieser Ort auch wichtig für den Herzog von Stueren, niemand dürfe hier siedeln und es gebe Verteidigungsmechanismen.
Das bedeutete, dass unsere Aufgabe hier größer und gefährlicher war als angenommen. Denn Stueren wusste vermutlich spätestens jetzt von unserer Anwesenheit und würde alles unternehmen uns zurückzuhalten, ja auszulöschen. Es blieb wenig Zeit.
Ich greife an dieser Stelle absichtlich ein bisschen vor, weil das die folgenden Geschehnisse für den Leser verständlicher macht: Wie sich später herausstellte, bestand der Frevel darin, dass Gebiete aus unserer und einer anderen Sphäre durcheinandergebracht, quasi vertauscht worden waren – als hätte man im Hochland Dies- und Anderswelt vermengt. Das erklärte absonderliche Phänomene der Gegend wie wechselnde Geländemarken und vermutlich auch einen Teil der schwer fassbaren magischen Fähigkeiten der Stuerener, die unsere Armeen immer wieder vor Probleme gestellt hatten. Die Gefahr war also sogar noch größer als wir vermuteten.
An der Grenze
Wir schlugen hastig unser Lager auf und es näherte sich erneut ein Trüppchen, das sich zum Glück als verbündet herausstellte: Borharcôner, ehemals den Stuerenern untergeben. Einige Kriegserfahrene konnten ihre Identität bestätigen. Die Borharcôner waren gelinde gesagt nicht erfreut, den Herrn der Schlangen zu sehen, den sie als Feind betrachteten, unterstützten aber indirekt einen Teil seiner Aussagen: In einer nahen Sphäre befänden sich wohlgesonnene mächtige Wesen, die ihren Schamanen, den Araslakern, Visionen sendeten. Es sei gut und richtig, sie zu befreien und hier sei eine bessere Kontaktaufnahme möglich.
Währenddessen untersuchten unsere Späher das umgebende Gelände genauer und entdeckten Feinde im Gelände, darunter seltsame, hell leuchtende Gestalten. Sowohl die Borharcôner als auch einige von uns kannten diese und nannten sie die Gleißenden. Sie waren nur mit speziellen Schutzmechanismen zu bekämpfen, darunter Segnungen, abschirmende Umhänge und einem Augenschutz. Zum Glück hatten die Borharcôner die Rohmaterialien für diesen Schutz bei sich, so dass hastig Amulette gegossen wurden, einige verlorene Mäntel konnten rasch wiedergefunden werden. Für den Segen des Feldes, auf der unser Lager stand, sorgte ein Poëna-, für den Waffensegen der Heliosgeweihte.
Bei Überschreiten einer unsichtbarer Barriere kam es tatsächlich zu einem Kampf. Kundige erkannten, dass der Feind sogenannte „Weber“ einsetzte, die es den Gleißenden nun ermöglichten, ins Lager vorzudringen. Dank der Schutzmittel konnten sie allerdings zurückgeschlagen werden. In der Folge konzentrierten sich unsere Krieger auf die Ausschaltung der Weber. Echte Angriffe auf das Lager erfolgten danach nicht mehr, nachdem wir die Barriere respektieren, blieben die Gegner auch auf ihrer Seite. Sie waren offenbar ein auf umgrenztes Gebiet beschränkter magisch gestützter Verteidigungsmechanismus und nach Verlust der Weber ohne echte strategische Fähigkeiten.
Einige weitere interessante Stätten und Objekte wurden von den Gelehrten näher untersucht. Auffällig war vor allem eine Pforte, die mitten in waldigem, aber nicht dichtbewachsenem Gelände stand und abgeschlossen war, aber auch einfach umgangen werden konnte. Die Gelehrten werteten sie als möglichen Durchgang zur einer anderen Welt. Außerdem fanden sich ein Brunnen, für den sich vor allem die Ossiari interessierten und ein Tierschädel, der sich nicht bewegen ließ. Auch hier schien Magie am Werk zu sein und möglicherweise in andere Sphären zu weisen.
Die Araslaker sahen derweil eine Möglichkeit, an dieser Stätte tatsächlich besseren Kontakt zu einem göttlichen Wesen aufzunehmen, benötigten hierzu aber Hilfe. Einer der Araslaker unternahm mit einigen von uns eine Art Seelenreise, die nicht ungefährlich war. Letztlich gelang es, das Zelt einer Präsenz zu erreichen, die sich Herrin des Herdfeuers nannte und mit ihr zu sprechen. Sie bestätigte, dass sie und andere höhere und niedrigere Wesen durch Handlungen machtgieriger Menschen seit langer Zeit eingesperrt waren, und hoffte, die nun geistig geknüpften Bande könnten zu ihrer Befreiung beitragen. In der Dieswelt hielt ein zweiter Araslaker das Tor zum Seelenweg offen, während jeder Traumreisende von einem von uns als Ankerpunkt geistig gehalten wurde – ich war selbst einer davon und es war anstrengender als es klingt. Letztlich kehrten aber alle wohlbehalten zurück.
Der Weg nach innen
Die Nacht verging voll dräuender Träume, aber friedlich. Erst am Vormittag standen plötzlich wieder Stuerener vor dem Lager. Sie verwünschten den Herrn der Schlangen als Verräter und schnitten einer Gefolgsfrau von ihm, die sie gefangen hatten, vor unseren Augen die Kehle durch. Dann griffen sie an, konnten aber relativ leicht zurückgeschlagen werden. Gleißende hatten sie nicht dabei. Das Ganze wirkte eher wie die Drohung eines immer noch unterbesetzten Fähnleins.
In der Folge wurde das Zelt der „Bären“, der größten Einzelgruppe unseres Stroßtrupps als Beratungsort bestimmt und deren Leiterin, eine Ritterin namens Anna zur Koordinatorin bzw militärischen Befehlshaberin. Es gab im Lager allerdings weniger zu koordinieren und zu befehlen als befürchtet. Ich erinnere mich an nur einen weiteren Angriff der Stuerener, der wieder mehr wie eine Warnung wirkte, dass wir weiterhin unter enger Beobachtung stünden. Die Ossiari besetzten unter mir fadenscheinig wirkenden Gründen die am Vortag entdeckte Quelle und hissten dort ihr Banner. Letztlich ließ man sie gewähren. Es hätte keinen Sinn gemacht, sich gegenseitig zu zerfleischen.
Die Bemühungen konzentrierte sich in der Folge auf die Pforte am Waldrand, für die eine Art Abdruck eines Schlüssel gefunden wurde. Als Gussform verwendet, konnte tatsächlich eine Schlüsselkopie hergestellt werden, die die Pforte öffnete.
Dieser Mittag und Nachmittag erschienen mir wie ein Abbild der letzten Kriegsjahre. Nach dramatischem Auftakt war ein zähes Ringen um Fortschritt in Gange: hier ein kleines Scharmützel, dort eine Wendung im Detail, während die Wissenden immer weiter forschten, bohrten und weiterkamen, ohne dass die Masse des Heeres bzw unseres Trupps benötigt wurde. Ich werde die nächsten Stunden hier deshalb eher kurz zusammenfassen. Letztlich gelangten wir durch verschiedene Tore auf jeweils eine neue Lichtung, wo eine Aufgabe zu lösen war. Die Gelehrten waren sich einig, dass dieser Weg zur eigentlichen Verknüpfungsstelle führte.
Hinter der ersten Pforte lag eine kleine, von hochragenden Bäumen umstandene Lichtung, auf der riesige Spinnen von den Ästen herunter angriffen (für mich gruselig, aber für die Krieger wenig gefährlich). Ein Geist beeinflusste mehrere von uns mit dem Gefühl der Mut- und Sinnlosigkeit, konnte aber schließlich befriedet werden.
Es ließ sich ein nächstes Tor öffnen, hinter dem in etwas weitläufigerem Gelände verschiedene mit Symbolen bemalte geometrische Körper lagen. Aus diesen mussten einige ausgesucht und zu einem Muster zusammengesetzt werden. Welches die richtigen waren, ließ sich in einem Rahmen ablesen, der bei dem am Vorabend am Lager gefundenen Tierschädel erschienen war.
Das dritte Tor führte zu einem Muster aus Pfeilornamenten, das in der korrekten Reihenfolge begangen werden musste; es gab nur eine zwar logische, aber schwierig zu ergründende Möglichkeit. Falsche Tritte führten zu schweren Verletzungen. Von hier aus gelangten wir letztlich zu einem größeren Feld. Was wir vorfanden, war so faszinierend, dass sich bald ein Gutteil unseres Stoßtrupps dort versammelte.
Die Fehlentscheidung
Die Situation auf dem Feld war der, die wir verlassen hatten, in manchem erstaunlich ähnlich: Ein Lager aus kleinen Zelten, Gruppen unterschiedlich gekleideter Menschen, die aber doch zusammengehörten, Aufgaben, die zu erledigen waren für ein nicht ganz klares Ziel. Der fundamentale Unterschied war: Diese Menschen konnte es eigentlich nicht geben. Sie gehörten drei Clans eines Volkes an, das allenfalls noch Legende war. Sie waren Dunam.
Gelehrte berichteten flüsternd, dass man bereits in der Vergangenheit Kontakt zu Seelensplittern einzelner Dunam gehabt hatte, mit denen man in kleinen Blasen wie mit echten Personen interagieren konnte, denen aber ihre eigene eigentlich abgelaufene Existenz bewusst war. Dies war ein ganzes Lager. Und sie hielten sich für – und wirkten auch – absolut real.
Letztlich standen diese Dunam vor einer wichtigen, aber noch nicht genannten Entscheidung und um diese zu treffen, mussten Aufgaben erledigt werden, in die man uns, die wir als unverhoffte, aber durchaus willkommene Gäste behandelt wurden, wie selbstverständlich einbezog. Die Erfüllung dieser Aufgaben im Einzelnen zu schildern würde den Rahmen meines Berichts sprengen. Beispiele waren ein Schachspiel, ein ritueller Kampf, ein philosophisch-logisches Rätsel, ein Gedichtwettbewerb, die Zuordnung eines jungen Dunam zu einer Kaste, das Leiten einer Beerdigung. Für jede erfülle Aufgabe gab es einen Stein und es wurde immer klarer, dass sich aus diesen Steinen ein weiteres Tor bauen ließ. Wir waren immer noch nicht ganz in der Anderswelt angekommen.
Persönlich empfand ich zwei Szenen als entscheidend.
Erstens: Drei Stuerener traten wie aus dem Nichts auf, nicht als Abgesandte ihres Fürstentums, sondern als abgerissene Gestalten eines verfolgten, bedrohten Volkes, die sich unter den Schutz der Dunam stellen und sich ihnen anschließen wollten. Über diese Aufnahme sollte ein Zweikampf entscheiden, in dem sich der Stuerener Kämpfer als hinterhältig und ehrlos erwies – und meine leisen Zweifel, ob die Stuerener wirklich Täter oder nicht selbst eher Opfer in diesem Konflikt waren, zerstreuten sich.
Zweitens: Eine Priesterin taumelte verwirrt durchs Lager und murmelte: „Ich sehe nichts, das kann nicht sein.“ Es gelang uns, ihren Geist wieder soweit zu klären, dass sie ihre Worte erläutern konnte: Sie hatte von den Göttern einen Blick in die Zukunft ihres Volkes erhalten und gesehen hatte sie – nichts.
Schließlich waren alle Aufgaben gelöst, alle Steine erspielt bis auf den Abschlussstein des Torbogens und die Dunam kamen zusammen, um ihre große Entscheidung zu beraten, die nun benannt wurde: Sollten sich für die Zukunft ihrer Volkes die Dunam von ihren Göttern abwenden und einem anderen Volk, den Ybolonern helfen, diese Götter in einer anderen Sphäre einzusperren?
Die Vision der Priesterin brachte letztlich die Entscheidung: Wenn das Volk der Dunam keine Zukunft hatte, musste man etwas ändern. Sie würden den Ybolonern folgen. Die Götter mussten verbannt werden.
Wir hatten die Essenz einer Entwicklung gesehen, die vor vielen Jahrhunderten den Verlauf der Geschichte beeinflusst hatte. Stueren war zur geheimnisvollen Macht aufgestiegen. Die Dunam hatten durch ihre Entscheidung den Weg ihres Volkes geändert und er führte ins Nichts.
Wir erhielten den Torbogen. Wir errichteten das Tor. Die Dunam verschwanden.
Das tiefe Siegel
Wir durchschritten das Tor und erreichten eine ziemlich kleine Waldlichtung. An ihrem Ende stand eine Art gut mannshohe, offene Kuppel, deren sechs Bögen auf seltsame Weise leuchteten. Die Gelehrten näherten sich und begannen dieses eindeutig magische Konstrukt zu untersuchen, was Tücken hatte, denn wenn zu viele die Kuppel betraten, wurde es den Hinzukommenden unerträglich kalt. Neben der Kuppel fand sich noch ein menschliches Skelett.
Was mich mehr besorgte: Als unsere komplette Gruppe die Lichtung erreicht hatte, erschienen plötzlich dunkle Gestalten am Tor, die den Rückweg versperrten. Es waren so viele, dass klar war: Ein Kampf um den Rückweg zu erzwingen, konnte verlustreich werden – bestenfalls. Bisher beschränkten sich die Dunklen auf ein bloßes Versperren des Weges. Es blieb nur die gewohnte Aufteilung: Die Krieger sicherten ab, die Gelehrten untersuchten und wir wenigen anderen standen beobachtend am Rand. So sah ich auch, dass der Herr der Schlange die Skelettreste begutachtete und den Toten identifizieren konnte – er bezeichnete ihn als seinen verschollenen Meister Haldred. Mir schien, dass die Suche nach Haldred der Hauptgrund war, dass der Herr der Schlangen uns half. Das machte jetzt aber keinen Unterschied mehr.
Derweil waren die Gelehrten zu einem Ergebnis gekommen: In jeder Säule war ein zylinderförmiger Mechanismus, den man nach einer Art Schaltplan beeinflussen konnte – letztlich mit dem Ziel, das Siegel, das den Sphärentausch stabil hielt, zu brechen. Beeinflussungsversuche änderten das Licht, das Ziel schien die Farbe Blau zu sein. Einfach war es offenbar nicht, aber endlich leuchtete einer der Kuppelbögen blau, ein zweiter, ein dritter…
In diesem Augenblick griffen die Dunklen an.
Die nächsten Minuten habe ich nur noch wie durch einen Nebel in Erinnerung. Die Angriffe kamen in Wellen und aus dem Nichts waren Gleißende dazugestoßen. Unsere Krieger kämpften verzweifelt auf engstem Raum, kaum zehn Schritte von der Kuppel entfernt, wir anderen an den Rand der Waldlichtung gepresst, hinter der diese Welt aufzuhören schien. Ein vierter Bogen wechselte die Farbe, die Krieger wurden zurückgedrängt, einige fielen zu Boden, die anderen mühten sich wieder vor, der fünfte Bogen wurde blau, die nächste Angriffswelle kam. Die sechste Säule schien Probleme zu bereiten, das Kampfgebiet hatte fast die Kuppel erreicht, wir waren zu wenige, es würde nicht reichen…
Plötzlich leuchteten alle Bögen im gleichen Blau. Dunkle und Gleißende hörten auf zu kämpfen und lösten sich auf.
Kurz war es ganz still.
Dann war ein leise mahlendes Geräusch zu hören, das aus der Kuppel aufstieg, ganz allmählich anschwoll und zunehmend von einem Knirschen überlagert wurde, das ebenfalls immer lauter wurde. Die Kuppel begann zu vibrieren, der Boden unter uns zu zittern, dann zu schwanken.
Die Lichtung – oder das Konstrukt, in dem wir uns befanden – war kurz davor zusammenzubrechen.
Wir rannten zum Tor.
Der Herr der Schlangen blieb mit dem Skelett seines Meisters zurück.
Befreiung
Wir retteten uns auf das Feld, wo wir die Dunam getroffen hatte. Auch hier schwankte alles, Steine fielen aus dem Nichts zu Boden und erwischten zumindest einen von uns. Der Rest raste weiter, über die drei anderen Lichtungen bis durch die äußerste Pforte.
Wir erreichten das Lager und es schien zunächst, als sei überhaupt nichts geschehen. Die letzten hier friedlichen Stunden hatten in der Dieswelt alle außer den Wachen in die Feldtaverne getrieben.
Die Araslaker allerdings horchten in sich hinein, unsere Gelehrten begannen ihre Analysen und beide Seiten konnte es schließlich bestätigen: Das tiefe Siegel war gebrochen. Kein Splitter anderer Sphären, kein Echo der gleißenden und dunklen Wesen, keine magischen Durchlässe mehr. Die Welt war wieder im Gleichgewicht.
Und dann kam sie. Eine weibliche Gestalt, von der ein feines Leuchten auszugehen schien, aber nicht zu vergleichen mit den Gleißenden, sanft und warm und für mich nicht ganz greifbar, als schwebe sie immer oder immer noch ein wenig neben unserer Wirklichkeit. Der Großteil unseres Trupps hatte sie ja nicht gesehen, aber die Traumreisenden und Araslaker erkannten sie sofort. Es war die Herrin des Herdfeuers, deren Zelt nun mitten im Lager stand. Sie wanderte mit einem Gefolge aus menschenähnlichen, aber magisch wirkenden Wesen durch das Lager, bedankte sich und hatte für jeden ein gutes Wort oder eine kleine Gabe. Die Zerstörung des Siegels hatte auch die Gefängnismauern aufgelöst. Besonders lange stand sie bei den Borharcônern, mit denen sie offenbar einiges zu besprechen hatte. Ihre Gefolgsleute streiften noch einen Gutteil des Nacht durch das Gelände.
Mehr habe ich nicht mehr beobachtet, meine Aufmerksamkeitsspanne war gänzlich ausgereizt und ich verbrachte die nächsten Stunden in der Taverne, bis ich schließlich einschlief. Am nächsten Tag zerstreute sich unser Trupp in alle Himmelsrichtungen. Die nach Drachenhain strebende Gruppe war eher klein, was letztlich aber gleichgültig war. Von feindlichen Begegnungen blieben wir auf unserem Heimweg verschont.
Hernach
Nun sitze ich am letzten Tag des vergehenden Jahres in meiner Stube und schreibe diese Zeilen. Allmählich möchte ich es glauben. Das verzweifelte Werkeln, um das tiefe Siegel zu brechen, nur wenige Schritt von einem kaum zu gewinnenden Kampf als Schlusspunkt von anderthalb Tagen voller Rätsel und Gefechte. Und dies wiederum als Ende zweier Jahrzehnte eines häufig kalten Krieges, voller Kämpfe und Wartephasen, Intrigen, fraglichen Zwischenerfolgen und seltsamen Wendungen?
Es ist zu früh für eine abschließende Beurteilung, aber ich möchte wirklich gerne glauben, dass dieser Bericht ein letztes Kapitel eines sehr viel längeren Kriegstagesbuches ist und nur noch Zusammenfassungen, Analysen und Ausblicke folgen werden.
Diese mögen aber andere schreiben.
Zenobia Zauberfeder, freie Berichterstatterin des Heliosboten















