Vor etwa einem halben Jahr gelang es den Angehörigen der arkanen Universität zu Talwacht den bis dato verschollenen Westflügel der Universität wiederzufinden. Grund genug, um mit einem gelehrten Experten für eben diesen Westflügel zu sprechen.
Portal: Magister Grimmsel, vielen Dank, dass sie sich Zeit nehmen, um uns in die Geheimnisse des Westflügels einzuweihen
Grimmsel: lacht. Ich fürchte, die Geheimnisse des Westflügels sind so unergründlich wie die Gedanken unserer Erzkanzlerin.
Portal: Was genau meinen Sie damit?
Grimmsel: Nun ja, selbst wenn man über einen Götterlauf, Verzeihung, über ein Jahr im Westflügel überlebt, hat man gerade einmal einen kleinen Blick auf all die Schrecken und Wunder darin werfen können.
Portal: Wenn das so ist, warum sind Sie dann aus dem Westflügel wieder herausgekommen?
Grimmsel: Erstens, weil ich nicht lebensmüde bin und zweitens materialisierte sich der Ausgang vor mir.
Portal: Könnten Sie kurz für uns Laien beschreiben, was der Westflügel ist?
Grimmel: Auf den ersten Blick ist er nur ein Gebäudeteil der arkanen Universität zu Talwacht, eben ihr westlicher Flügel.
Portal: Und auf den zweiten?
Grimmsel: Nun ja, wenn man verrückt oder betrunken genug ist, um ihn zu betreten, wird man feststellen, dass er die Verschränkung mehrere Globulen in sich birgt.
Portal: Bitte?
Grimmsel: seufzt. Unsere aktuelle Theorie ist, dass sich mehrere Orte gleichzeitig dort befinden.
Portal: Und warum ist das so?
Grimmsel: Tja, so genau weiß das niemand. Es kann sich auch niemand daran erinnern, den Westflügel gebaut zu haben. Er war irgendwie schon immer da, wahrscheinlich noch vor dem Bau der eigentlichen Universität. Oder eben auch nicht. Das kommt darauf an, ob Sie der Theorie von Magister Brambert Bordstein folgen oder eher der Theorie von Magistra Kunigunde Bürzelfieber anhängen.
Portal: äh…
Grimmsel: Und in unregelmäßigen Abständen verschwindet der Westflügel.
Bisher lagen diese Zeitpunkte immer ein paar Jahre auseinander. Dann wird jedes Mal ein Expeditionscorp aus fähigen Magistern und etlichen Eleven gebildet, um ihn wiederzufinden.
Portal: Und warum ist das so?
Grimmsel: Warum er immer wieder verschwindet? Das ist aktuell noch nicht ganz klar. Einige sagen, dass er arkan überlastet wäre und sich sozusagen eine Auszeit nehmen würde. Ich denke aber eher, dass er auf Schwingungen reagiert und davon angezogen wird. Wie ein dicker Käfer, der um eine Lampe kreist.
Portal: Sie sagten gerade, dass Teile des Westflügels sehr gefährlich sein könnten, warum holen Sie ihn dann wieder zurück?
Grimmsel: Bitte???? Er ist Teil der Universität und deswegen Teil unserer Tradition. Was ist denn das für eine Frage?
Portal: Sie selbst haben über ein Jahr den Westflügel bereist, was haben sie dort erlebt?
Grimmsel: Ha, ha, „Bereist“ ist ein schöner Euphemismus für „verirrt“, den muss ich mir merken. Über meine Erfahrungen habe ich einen Reisebericht geschrieben. Er erscheint im kommenden Frühjahr im Universitätsverlag und trägt den Titel: Hin und wieder zurück – Wie ich den Westflügel überlebte. Eine Geschichte von Magister Grimmsel. Ich kann all meine Erfahrungen hier unmöglich wiedergeben. Dann würde keiner mehr mein Buch kaufen.
Portal: Na gut, aber ein paar kleine Eindrücke können Sie uns vielleicht schildern?
Grimmsel: Natürlich. Nachdem ich den den Dottersümpfen und den Ameisensauriern entkommen war, bereiste ich ein tropisches Inselparadies, wo ich mich hauptsächlich von gelben, gebogenen Früchten ernährte. Ich kann mich noch daran erinnern, wie schön es war, als ich nach drei Wochen feststellte, dass man sie vor dem Verzehr schälen sollte. Also die Früchte, nicht die Ameisen. Letztere schälten sich von allein, um ihre diamantene Haut abzuwerfen.
Portal: Beeindruckend!
Grimmsel: Ja, aber auch ziemlich schwer. Wer will sich schon von einem Stück Diamantpanzer erschlagen lassen, der aus acht Meter Höhe fällt? Ich nicht!
Portal: Ich meinte ihre Erlebnisse.
Grimmsel: Stimmt. Mehr dazu in meinem Buch. Freuen Sie sich auf barbusige Kanibalenschnecken, grüne Matschschweine und die Schmetterlingsstadt der zierlichen Auberginenpflücker. Demnächst bei Ihrem Buchhändler.
Portal: Gut. Hat Sie ihr Aufenthalt im Westflügel in Ihrer Forschung weitergebracht?
Grimmsel: Mich und ganz Helegonia. Magister von Eschenbach gründete auf meinen Beobachtungen seine ausgezeichnete These zur Lokalisierung und Umgehung von Globulenübergängen. Es gelang ihm mithilfe von trainierten Sumpflichtern ein Frühwarnsystem in Flaschenform zu entwickeln. Kein Reisender muss in Heligonia jetzt noch in ein Portal fallen, wenn er eine solche Flasche bei sich trägt. Dieses nützliche Artefakt ist für den Laiengebrauch entwickelt worden und in gut geführten Läden für den magischen Eigenbedarf genehmigungsfrei erhältlich. In der aktuellen Portalkrise sollte jeder ein solches Fläschchen besitzen. Es gibt sie in den Sumpflichtfarben rot, grün, lila und aquamarin. Kommen Sie und kaufen Sie sich noch heute ein TEMPOO© .
Portal: Sie machen ganz schön viel Werbung in diesem Gespräch.
Grimmsel: seufzt. Die Erzkanzlerin hat sich diesen kleinen Hinweis gewünscht. Und die Wünsche der Erzkanzlerin liegen mir und dem ganzen Kollegium sehr am Herzen. Seufzt wieder.
Portal: Herr Grimmsel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Grimmsel: Sehr gerne.

Erschienen in Portal 22