Es ist endlich wieder soweit: der verehrte Landesherr wird auf seinen Balkon treten, um von dort zu seinen geliebten Untertanen zu sprechen. Die Kinder der schönsten Stadt verharren seit Stunden auf dem Platz vor dem gräflichen Palast und erwarten voller Ungeduld die süßen Worte des hochgeschätzten Herrschers.
Schmetternde Fanfaren künden den großen Moment an, als Graf Dedekien erscheint. Augenblicklich dröhnt ein Sturm der Begeisterung über den Platz, der noch weiter anschwillt, als der Graf seine Hände erhebt. Der ansonsten immer sehr prächtig gekleidete Herrscher ist in seinen fabulösen Staatsornat aus aurazitenen Brokat gehüllt. Die Edelsteine auf seinem gewaltigen Turban fangen die Heliosstrahlen ein und werfen sie in einem brillanten Farbspiel in die Menge zurück.
Graf Dedekien macht seinen Untertanen die Freude sich noch etwas an diesen Anblick zu ergötzen, bevor er feierlich die Stimme erhebt:

„Mein geliebtes Volk! Wir haben Großes zu verkünden.“

Der Graf hielt kurz inne. Die Spannung unter der Zuhörerschaft ist so groß, dass man in der Stille das Klingen einer herabfallenden Münze gehört hätte.
Er hob erneut an: „Der Ruf als Friedensstifter und hochrangiger Vermittler eilt Uns voraus. So wurden wir für eine äußerst schwierige diplomatische Aufgabe erwählt, die Wir selbstverständlich mit Bravour gemeistert haben. Auf Unser Betreiben hin haben Wir die seit Generationen verfeindeten Häuser Basonna und Guldenstein zurück an den Verhandlungstisch geholt, damit Friede zwischen ihnen geschlossen werde. In Kürze werden Wir in das Landschloss Valmerana, ein Juwel aus Stein inmitten beschaulicher Wälder gelegen, reisen.“
Bei diesen Worten verfiel die Menge in donnerbrausenden Beifallssturm, der nicht enden wollte. Mehrmals versuchte der Graf seine jubelnden Untertanen zu beruhigen, damit er seine Rede fortsetzen könne. Um seinem Verlangen nach Ruhe Nachdruck zu verleihen, trat Graf Dedekien noch einen Schritt vor und beugte sich über den Balkon. Doch dann nahm das Unglück seinen Lauf. Die Balustrade des Balkons brach ein, der beliebte Herrscher strauchelte – die Menge verstummte augenblicklich und musste mit ansehen, wie Graf Dedekien in die Tiefe stürzte.
Was dann geschah kann nicht tatsachensicher berichtet werden. Eilends herbeigeeilte Leibwächter trugen den Körper des geliebten Landesvater in Windeseile in den Palast, der sofort seine Tore schloss.
Die immer noch traumatisierte Menge zerstreute sich langsam in die zahlreichen Schänken der Stadt.
Es wurde getrunken und geweint bis in die Morgenstunden, so dass die Omus Mühe hatten, die traurigen Worte über das Unglück des mächtigen Herrschers in alle Winkel des Reiches zu rufen.

Erschienen in Helios-Bote 87