Am 28. Tag des 1.Helios im Jahre 38 n.A.III erfüllte in aller Frühe das poenagesegnete Schreien eines neugeborenen Kindes die Mauern des altehrwürdigen Mirainer Schlosses. Eilends wurde der junge Prinz Halmar Arwel und Prinzessin Alessia Velana geweckt, damit sie ihr kleines Schwesterlein Lenia Orwyn Sarava begrüßen und zärtlich in ihre Mitte nehmen mögen. Fünf weitere Tage sollte es dauern, da stieß der überglückliche Vater, Fürst Leomar von Drachenhain, zu seiner Familie und ließ, wie unsere rasch genesene Landesmutter Baronin Leabell, alle Staatsgeschäfte ob der Feierlichkeit für einige Tage ruhen.
Auch in den Straßen der Städte sowie in den Häusern des tlamanischen Landvolkes freuten die Menschen sich landauf, landab und priesen die große Gunst der Götter.
Publikation: Helios-Bote Seite 24 von 34
Hiermit sei es kundgetan, dass es unserem Herrn und König, Helos Aximistilius III. gefällt, nach 12 Jahren einen neuen Census im Reiche Heligonia durchführen zu lassen. Auf dass er weiß, wer in seinem Land lebt und so die Steuern schätzen lassen kann. Ein jeder, der von Stand ist und über Untertanen herrscht, hat aus diesem Grunde Steuerlisten zu erstellen.
Auf jenen seien alle Städte, Ortschaften und Weiler zu verzeichnen, alle Plätze die rechtschaffene Leute ihr Heim nennen. Und sind Zelte und Karavanen die Heimat, so ist auch das festzuhalten. Des Weiteren ist die Zahl der Bewohner, sowie deren Berufe und Einkünfte festzuhalten. Auf das alle Bewohner bekannt werden, die da sind im Land und die Gewerbe treiben.
Zu guter Letzt ist zu vermerken, welche Art, Güte und Menge von Waren in jedem Teil des Landes hergestellt wird und welche Gewinne damit gemacht werden. Zwei Abschriften der Listen sind zu erstellen, wovon die erste an den eigenen Lehensherren, die zweite an meiner selbst oder einen meiner Stellvertreter zu übergeben ist. So ist dem unmittelbaren Herren und auch dem König bekannt, wer sein Untertan ist. Es ist die Pflicht aller, die Listen zu erstellen haben, diese bis zum letzten Tag des 2. Saakra im Jahre
38 n.A. III fertig zu stellen und einzureichen. Respekt und Ehre sei allen, die da rechtschaffen ihre Pflicht tun, denn sie sind gute Untertanen und der König blickt wohlwollend auf sie. Schimpf und Schande aber jenen, die da versuchen ihren Herren und König zu übervorteilen.
Wie üblich werden wir euch wie für den Boten 84 wieder etwa einen Monat vor Erscheinen informieren. Es ist weiterhin jederzeit möglich, dass ihr uns einen Botenbericht für den kommenden Boten zusendet. Wenn es sich um besonders dringliche Nachrichten handelt, werden wir sie gern vorab online zur Verfügung stellen.
1. Ich hab´ mal in Darbor ´nen Dreimaster g´sehn
To my hooda, To my hooda
Die Masten so schief wie dem Skipper sein Been
To my ho da, hooda, ho.
Ref: Fahr, Schifflein fahr, bis nach Corenia
der Graf gab bekannt:
da gibt’s neues Land
An den Ufern von Modestia
2. Das Deck war ´ne Wuhling, voll Dreck und voll Schmier
To my hooda, To my hooda
Das war der Mannschaft ihr größtes Pläsier
To my ho da, hooda, ho.
3. Die Kombüs‘ voller Läus, die Kajüt´ voller Dreck
To my hooda, To my hooda
Und der der Schiffszwieback lief von allein schon weg
To my ho da, hooda, ho.
4. Das Salzfleisch war grün und die Maden im Speck
To my hooda, To my hooda
Und der Maat soff den Rum ganz alleine schnell weg
To my ho da, hooda, ho.
5. Und wollten sie segeln, ich sag es ja nur
To my hooda, To my hooda
ging´s drei Faden vor und vier dann retour
To my ho da, hooda, ho.
6. Und kommst du nach Darbor, so heuer nicht an
To my hooda, To my hooda
Sonst landest du auf diesem schrecklichen Kahn
To my ho da, hooda, ho.
Der Mensch denkt, der Fluss lenkt
Die Wahrheit liegt hinterm Horizont
Was die Fische nicht fressen würden, lass liegen
Du kanns dich mit allen anlegen, aber nich mitn Smutje
Watte in Hafen nich kriegs, brauchse nich
Wer vorangeht, fliegt als erstes ins Wasser
Die Käptn is die Schlaueste inne Stadt
Der Steuermann is der Schlaueste in Hafen
Aber ich bin der Schlaueste aufn Schiff!
In jedem Hafen, so ist’s Brauch
Ein Seemann hat sein Liebchen
Ob Maat, Matrose, Smutje auch
Er segelt in der Welt umher
und sie erwartet, Blick aufs Meer
Ihr flottes Seemannsbübchen!
Im ersten Hafen meiner Fahrt
Da wartet schon mein Liebchen
Sie ist von gar adretter Art
Ein langes Kleid, kokett geschnürt
Ein blonder Dutt, der mich verführt…
Hier kommt Dein hübsches Bübchen!
Im nächsten Hafen meiner Fahrt
Da wartet schon mein Liebchen
Sie ist von recht robuster Art
Mit festen Armen packt sie an
Kein Kniff, kein Griff, den sie nicht kann…
Hier kommt Dein starkes Bübchen!
Im nächsten Hafen meiner Fahrt
Da wartet schon mein Liebchen
Sie ist von sehr gewitzter Art
Ob Handel, Scherz, Gelehrsamkeit
Ihr Sinn gräbt tief, ihr Rat trägt weit…
Hier kommt Dein schlaues Bübchen!
Im letzten Hafen meiner Fahrt
Da wartet schon mein Liebchen
Sie ist von zugewandter Art
Die Haut so zart, die Lippen weich
Setzt sich auf meinen Schoß sogleich…
Hier kommt Dein schmiegsam Bübchen!
Doch… nenn ich nur ein Fährboot mein
Ich armes Seemannsbübchen
und schippere tagaus, tagein
nur zwischen Pier und Hafen
und abends heim zu Schlafen
Da wartet schon mein Liebchen
Mein Hübsches, Starkes, Schlaues, Schmiegsames
Mein Liebchen!
Joost van Goov nahm die Pütz und stülpte sie dem ollen Piet über den kahlen Kopf, der daraufhin, wie ein Thaler Göckele laut krakeelend im Kreis stolzierte. Während dessen nahm die Backbordwache in der Kuhl Aufstellung und ließ im perfekten Harmoniegesang den Ödländerchor aus Wolfgrimm Aramantus Mordsharts Oper Teemon, Kaiser von Teemooranien erschallen. Zur gleichen Zeit begann die Steuerbordwache das Großsegel zu bügeln, während der Stückmeister und der Bootsmann mit Belegnägeln jonglierten. Unbemerkt lief das Schiff auf eine Sandbank auf. Von dem Ruck umgeworfen, purzelten alle Seeleute auf Deck durcheinander. Kielholer erhob sich als erster wieder. „Bei Xurls Harnschlag! Joost Van Goov!“ stöhnte Kielholer, „Kannst Du nicht den Kurs ändern lassen, wie jeder andere auch?“
Kapitän Xurlsen Kielholer wagte nicht, sich umzudrehen… zu groß war die Gefahr, dass der Flamingo, welchen er auf seinem Kopf balancierte, das Gleichgewicht verlor und sich über sein Offizierspatent zu seinen Füßen ergießen würde. „Warum nur“, dachte Kielholer „habe ich mich auf diese verdammte Wette eingelassen? Und warum nur“, so dachte Kielholer weiter “muss ausgerechnet jetzt ein Bote mit einer Nachricht der Admiralität auftauchen?“. Doch ein echter Held kennt immer einen Ausweg! „Legen sie den Schrieb dort hinten auf das tlamanische Möbel. Nehmen sie sich noch einen Keks und gute Heimfahrt!“ Kaum war der Kurier nach einem zackigen Salut verschwunden, ließ Kielholer den Flamingo mit einer mühelosen Bewegung seines Nackens um sich selbst rotierend in die Lüfte steigen, während sich der Inhalt in seine Kehle ergoss, ohne dass auch nur ein einziger Tropfen den Boden benetzte. „Ah, das tut gut, bei der Hitz!“ rief Kielholer, fing das Glas mit der Ferse auf und schlenzte es mit gekonnter Finesse in den Trog für Schmutzgeschirr zu den restlichen Sachen. Nächste Woche würde der olle Piet kommen und den Abwasch machen. Ein tolles Leben, ein toller Landurlaub, eine tolle Jungesellenbude. Dann nahm er sich den Brief von der Chaise Longue (ein Geschenk einer wohlhabenden und einflussreichen Verehrerin) und informierte sich über sein nächstes Abenteuer.
In der Seefahrerschenke „Zum Fischmaul“ saßen bei Bier und Ischgi, die Fischerinnen und Fischer des Ortes beisammen, denn der Wirt war früher selbst ein Seebär gewesen. Nach den vielen Gesprächen mit welchen Knoten sich das beste Fischernetz knüpfen lässt, welches Boot bei hoher See am ruhigsten im Wasser liegt und wo gerade die besten Fischschwärme zu finden sind, kommt das Gespräch fast jeden Abend zum selben Thema. Wenn der ewige Kreislauf von Krugfüllen und leeren oft genug durchlaufen wurde, die Gesichtsfarben röter werden und die Stimmen lauter, dann schlägt die Stunde des Anglerlateins. Dann hängen die jungen Fischer an den Lippen der alten und hören, welche Kaventsmänner schon aus der See gezogen wurden. Die meisten Geschichten waren schon oft erzählt worden, doch wie die Kinder konnten die jungen Fischer sie nicht oft genug hören. An diesem Abend setzte sich auch der Wirt zu der Runde.
Wie so häufig begann der ungeduldige Sven mit seiner Geschichte. „Drei Tage jagte ich den Schwarm. Und als ich das Netz raufholte, war es so schwer, dass Fäden rissen und die kleinen Fische wieder ins Meer zurückfielen. Nur einige große blieben im Netz. Von dem Fang konnten wir einen Monat leben.“
Der schmale Björn nahm einen tiefen Schluck aus seinem Humpen und wischte sich den Schaum von seinem dichten Bart mit den Handrücken ab. „Nach fünf Tagen auf See habe ich einen Fisch gefangen, der war so groß, dass meine Frau sechs Tage lang die Schuppen von ihm abschrubben musste, bevor wir ihn essen konnten.“
Die Fischer lachten. „Dass deine Alte nicht die Schnellste ist, wissen wir!“, sagte die rote Venja und knallte ihr Ischiglas auf den Tisch. „Nach sieben Tagen habe ich einen Fisch rausgezogen, der war von hier“, sie streckte ihre linke Hand so weit nach links, wie sie konnte, und zählte laut die Leute auf der Bank ab. „Eins, zwei, drei, vier, fünf. He, Firn! Streck deine rechte Hand so weit aus, wie es geht!“ Firn streckte seinen muskelbepackten Arm soweit er konnte. Es lagen etliche Meter zwischen Venjas und Firns Hand. Anerkennendes Raunen ging durch ihre Reihen. „So lang war der!“
Der dicke Torleif beugte sich vor und als er sprach, dröhnte sein Bass durch die Schankstube. „Nach zwei Wochen auf See fingen wir einen Burschen, der war so lang, dass er von seiner Schwanzflosse bis zum Maul gerade auf unsere Bank hier gepasst hätte. Und hier sitzen zwölf Fischer und Fischerinnen nebeneinander!“
Wieder ging ein Raunen durch den Raum. Doch sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. „Das ist noch gar nichts“, sagte er. „Ihr wisst, dass auch ich früher als Fischer zur See gefahren bin?“ Die älteren nickten. „Ist euch in all den Jahren aufgefallen, dass die Rückwand meiner Schenke gebogen ist und dass die Bank, auf der ihr sitzt, genau in diese Biegung passt?“ Alle Köpfe drehten sich, um nach der der gebogenen Wand hinter ihnen zu sehen und manche standen auf und begutachteten die gebogene Bank, die von Wand zu Wand reichte.
Als sich alle wieder beruhigt hatten, fuhr der Wirt fort. „Das ist deswegen so, weil der Dachbalken über euren Köpfen nicht aus dem Wald stammt von einem gerade gewachsenen Baum, sondern der Knochen eines Fisches ist, den wir zwei Monate im eisigen Nordmeer gejagt haben.“
Alle Köpfe ruckten nach oben und bestaunten ehrfurchtsvoll den bleichen Knochen, der das Dach trug und dem die Biegung der Wand folgte, vor der ihre Bank stand.
„Ha!“, sagte der dicke Torleif und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Das Rückgrat deines Fisches Wirt, ist genauso lang wie mein Fisch war. Es steht unentschieden.“
Der Wirt schüttelte den Kopf. „Das ist nicht das Rückgrat des Fisches. Was ich als Balken für meine Schenke verwendet habe, ist der linke Unterkiefer und auf der anderen Seite des Hauses ist der rechte Unterkiefer. Deswegen heißt meine Schenke auch ,Zum Fischmaul‘.“
Die Fischer und Fischerinnen grölten vor Lachen und bestellen alle noch mehrere Runden Bier und Ischgi, um die Geschichte des Wirtes zu feiern. So machte der Wirt an diesem Abend wieder einmal einen guten Fang.
Francesca Quintanilla, Patrona einer der einflussreichsten Familien Betis, hatte in diesen Tagen einen herben Schicksalsschlag zu bewältigen. Sie beklagte den Verlust des Mopses „Sir Henry“, eines ihrer Lieblingshunde. Niemals zeigte sich die edle Dame ohne ihre Möpse in der Öffentlichkeit – vielmehr stellte sie diese stolz zur Schau. Die gepflegten Rassehunde unterstrichen perfekt das aristokratische Auftreten der Patrizierin und rundeten ihre prachtvolle Garderobe ab.
Stets sorgten ausgewählte Diener für ausreichend Auslauf, um dem Bewegungsbedürfnis gerecht zu werden und so die Vitalität der Möpse zu erhalten. Doch dieser Freimut sollte denjenigen Recht geben, die darin schon immer eine gefährliche Fahrlässigkeit gesehen hatten. So begab es sich, dass Sir Henry auf einem seiner Spaziergänge die Verfolgung einer Ratte aufnahm. Im Eifer des Jagdfiebers stürzte der todesmutige Mops in einen der Kanäle und entzog sich dort den Blicken seiner Diener. Als diese die Leine einholten, war daran weder der Hund, noch das Halsband.
An dem besonders fein gearbeiteten Halsband finden sich die gleichen Zierrate aus edlen Steinen wie im Halscollier der Herrin wieder.
Außer sich vor Wut und Trauer legte Francesca Quintanilla selbst Hand bei der Bestrafung der Diener an. Zwar wurde die Leiche von Sir Henry noch nicht geborgen, doch für die Patrizierin scheint ein Fortleben ihres Mopses ausgeschlossen. Wie könne er ohne sein feines Essen aus erlesenen Zutaten auch nur einen Tag überleben? Die aufwändige Zubereitung der Mahlzeiten, die fürsorgliche Pflege und nicht zuletzt die zärtliche Zuwendung könne der Mops keinesfalls außerhalb der Palastmauern des Anwesens Quintanilla erfahren.
So wird sie von nun an allen Menschen, die ebenfalls den Verlust eines geliebten Lebewesens zu beklagen haben, als leuchtendes Vorbild dienen. Mit hoch erhobenem Haupt zeigte sie Stärke in dieser verzweifelten Lebenslage. Den Tränen nahe, doch voller Selbstbeherrschung, verkündete sie, dass sie nicht eher ruhen möge, bis sie den Leichnam von Sir Henry standesgemäß bestatten könne.















