Boten-Teil: Fernrohr (Nicht-Königreich) Seite 1 von 2

Vorweg

Dies ist kein gewöhnlicher Botenartikel. Dies ist, obwohl letztlich wenig mehr als einen Tag abbildend, ein Kriegstagebuch.

Und wie es in Kriegen geschieht, gab es auch unter den Berichterstattern Verluste. Eine Lehrlingsschreiberin, ein halbes Kind, von einer mitziehenden Spielmannstruppe zu uns geweht wie ein Blatt und wieder davon geflogen. Adalbert Gradfeder, ein begnadeter Zeichner, ich habe mich in seine Skizzen verliebt und ihn seither nie wieder gesehen. Wer wird ihn nun bezahlen? Und Bernhard Letterschwung, nervtötender Lautsprecher, den die Dunkelheit am Ende verschluckte. Bleibe ich, Zenobia Zauberfeder, um alles aufzuschreiben.

Aber genug der Vorrede.

 

Der Auftrag

Es war im späten Frühling, den letzten Tagen des Jahres 52 nach HA III. Wir gehörten zu einem Stoßtrupp der Drachenhainisch-Ostarischen Allianz im Krieg gegen das weiterhin geheimnisvolle Reich Stueren. Der militärische Leiter Claas von Stockbach-Jungingen war tatsächlich Offizier der ostarischen Marine. Dies entsprach aber eher einer formalen Führung und er selbst bezeichnete sich als „Verbindungsoffizier“. Der Rest des Trupps war nämlich ein buntes Häuflein, das nur zum geringeren Teil aus Heligonia selbst kam und kaum aus Soldaten des Reiches bestand. Aus Drachenhain waren mir die Ritter des Licht und der Heliosgeweihte Everthun ein Begriff, aus Tlamana kannte ich die Namen Magistra Mabignon und Magister Zauberwacht, aus Ostarien die Navigatorin Wolkenstein und den Gelehrten Schwichtenberg. Eine Fraktion von „Ossiari“ stammte aus der Stadt Ossiaris, Nurian und Bornstein waren vertreten. Es gab aber noch viele andere Truppen und Trüpplein mit Bezeichnungen wie Spital Greyshire, Ramberger Haufen, 13. Fähnlein, Orden von Lomont und weitere Geweihte und Gelehrte.

Grund hierfür war wohl folgender: Nach einem plötzlichen, gewalttätigen Auftakt schleppte sich der Krieg seit mehr als einem Jahrzehnt in Erkundungen, Scharmützeln und wenig ertragreichen Verhandlungsansätzen dahin und die eigentlichen Heere waren längst wieder heimgekehrt. Die voraussichtliche Kärrnerarbeit unseres Spähtrupps, einen Überläufer sicher aus dem stuerener Grenzgebiet nach Heligonia zu bringen, sollte im Wesentlichen von uns freiwilligen Verbündeten geleistet werden.

So marschierte unser Trupp denn über Felder und an Waldrändern, um den vereinbarten Treffpunkt vor der Dunkelheit zu erreichen und dort ein Lager aufzuschlagen. Die Plaudereien waren längst ins Private abgedriftet und ich rief mir noch einmal einige Eckdaten der weiteren Fraktionen ins Gedächtnis, die im Kriegsverlauf und möglicherweise auch hier eine Rolle spielen mochten. 

Stueren: Ein Heligonia feindlich gesinntes Fürstentum, das allerdings nur noch einen Teil seines Reiches beherrscht

Die Borharcôner: Ehemaliges Sklavenvolk der Stuerener, im Kriegsverlauf befreit – zu ihnen gehörig ihre Schamanen, die Araslaker

Ossiaris: Ehemals zu Stueren gehörende bzw mit Stueren assoziierte Stadt, mittlerweile unabhängig und mit Heligonia vage verbündet

Die Dunam: Ein untergegangenes Volk, dessen Handlungen aber tief mit dem Reich Stueren verwoben sind und heute noch Auswirkungen haben

 

Der Herr der Schlangen

Diese Gedanken im Kopf trugen mich meine Füße in der Dämmerung einen Hügel hinauf, dem Treffpunkt entgegen, als unsere Vorhut Kontakt meldete – Feindkontakt, um genau zu sein, denn wir wurden ohne Umschweife angegriffen. Wir Schreiber konnten uns gerade noch zur Seite in ein Dickicht retten. Der Kampf war heftig, aber zum Glück kürzer als befürchtet, da wir Hilfe erhielten. Der Überläufer attackierte mit einigen sehr fähigen Mannen unsere Gegner von hinten, so dass wir letztlich mit minimalen Verlusten davonkamen.

Dieser Überläufer war ein seltsames Wesen – ein Mann mit den Augen eines Reptils, genannt der Herr der Schlangen. Vertrauenswürdig wirkte das nicht, aber wir hatten keine andere Wahl als ihn anzuhören. Er hatte diesen Treffpunkt nicht zufällig bestimmt.

In ferner Vergangenheit, so berichtete er, hätte jemand einen großen Frevel an diesen Landen begangen. Hier könne man ihn vermutlich wieder heilen, an der Grenze zum Stuerener Kernland. Allerdings sei dieser Ort auch wichtig für den Herzog von Stueren,  niemand dürfe hier siedeln und es gebe Verteidigungsmechanismen.

Das bedeutete, dass unsere Aufgabe hier größer und gefährlicher war als angenommen. Denn Stueren wusste vermutlich spätestens jetzt von unserer Anwesenheit und würde alles unternehmen uns zurückzuhalten, ja auszulöschen. Es blieb wenig Zeit.

Ich greife an dieser Stelle absichtlich ein bisschen vor, weil das die folgenden Geschehnisse für den Leser verständlicher macht: Wie sich später herausstellte, bestand der Frevel darin, dass Gebiete aus unserer und einer anderen Sphäre durcheinandergebracht, quasi vertauscht worden waren – als hätte man im Hochland Dies- und Anderswelt vermengt. Das erklärte absonderliche Phänomene der Gegend wie wechselnde Geländemarken und vermutlich auch einen Teil der schwer fassbaren magischen Fähigkeiten der Stuerener, die unsere Armeen immer wieder vor Probleme gestellt hatten. Die Gefahr war also sogar noch größer als wir vermuteten.

 

An der Grenze

Wir schlugen hastig unser Lager auf und es näherte sich erneut ein Trüppchen, das sich zum Glück als verbündet herausstellte: Borharcôner, ehemals den Stuerenern untergeben. Einige Kriegserfahrene konnten ihre Identität bestätigen. Die Borharcôner waren gelinde gesagt nicht erfreut, den Herrn der Schlangen zu sehen, den sie als Feind betrachteten, unterstützten aber indirekt einen Teil seiner Aussagen: In einer nahen Sphäre befänden sich wohlgesonnene mächtige Wesen, die ihren Schamanen, den Araslakern, Visionen sendeten. Es sei gut und richtig, sie zu befreien und hier sei eine bessere Kontaktaufnahme möglich.

Währenddessen untersuchten unsere Späher das umgebende Gelände genauer und entdeckten Feinde im Gelände, darunter seltsame, hell leuchtende Gestalten. Sowohl die Borharcôner als auch einige von uns kannten diese und nannten sie die Gleißenden. Sie waren nur mit speziellen Schutzmechanismen zu bekämpfen, darunter Segnungen, abschirmende Umhänge und einem Augenschutz. Zum Glück hatten die Borharcôner die Rohmaterialien für diesen Schutz bei sich, so dass hastig Amulette gegossen wurden, einige verlorene Mäntel konnten rasch wiedergefunden werden. Für den Segen des Feldes, auf der unser Lager stand, sorgte ein Poëna-, für den Waffensegen der Heliosgeweihte.

Bei Überschreiten einer unsichtbarer Barriere kam es tatsächlich zu einem Kampf. Kundige erkannten, dass der Feind sogenannte „Weber“ einsetzte, die es den Gleißenden nun ermöglichten, ins Lager vorzudringen. Dank der Schutzmittel konnten sie allerdings zurückgeschlagen werden. In der Folge konzentrierten sich unsere Krieger auf die Ausschaltung der Weber. Echte Angriffe auf das Lager erfolgten danach nicht mehr, nachdem wir die Barriere respektieren, blieben die Gegner auch auf ihrer Seite. Sie waren offenbar ein auf umgrenztes Gebiet beschränkter magisch gestützter Verteidigungsmechanismus und nach Verlust der Weber ohne echte strategische Fähigkeiten.

Einige weitere interessante Stätten und Objekte wurden von den Gelehrten näher untersucht. Auffällig war vor allem eine Pforte, die mitten in waldigem, aber nicht dichtbewachsenem Gelände stand und abgeschlossen war, aber auch einfach umgangen werden konnte. Die Gelehrten werteten sie als möglichen Durchgang zur einer anderen Welt. Außerdem fanden sich ein Brunnen, für den sich vor allem die Ossiari interessierten und ein Tierschädel, der sich nicht bewegen ließ. Auch hier schien Magie am Werk zu sein und möglicherweise in andere Sphären zu weisen.

Die Araslaker sahen derweil eine Möglichkeit, an dieser Stätte tatsächlich besseren Kontakt zu einem göttlichen Wesen aufzunehmen, benötigten hierzu aber Hilfe. Einer der Araslaker unternahm mit einigen von uns eine Art Seelenreise, die nicht ungefährlich war. Letztlich gelang es, das Zelt einer Präsenz zu erreichen, die sich Herrin des Herdfeuers nannte und mit ihr zu sprechen. Sie bestätigte, dass sie und andere höhere und niedrigere Wesen durch Handlungen machtgieriger Menschen seit langer Zeit eingesperrt waren, und hoffte, die nun geistig geknüpften Bande könnten zu ihrer Befreiung beitragen. In der Dieswelt hielt ein zweiter Araslaker das Tor zum Seelenweg offen, während jeder Traumreisende von einem von uns als Ankerpunkt geistig gehalten wurde – ich war selbst einer davon und es war anstrengender als es klingt. Letztlich kehrten aber alle wohlbehalten zurück.

 

Der Weg nach innen

Die Nacht verging voll dräuender Träume, aber friedlich. Erst am Vormittag standen plötzlich wieder Stuerener vor dem Lager. Sie verwünschten den Herrn der Schlangen als Verräter und schnitten einer Gefolgsfrau von ihm, die sie gefangen hatten, vor unseren Augen die Kehle durch. Dann griffen sie an, konnten aber relativ leicht zurückgeschlagen werden. Gleißende hatten sie nicht dabei. Das Ganze wirkte eher wie die Drohung eines immer noch unterbesetzten Fähnleins.

In der Folge wurde das Zelt der „Bären“, der größten Einzelgruppe unseres Stroßtrupps als Beratungsort bestimmt und deren Leiterin, eine Ritterin namens Anna zur Koordinatorin bzw militärischen Befehlshaberin. Es gab im Lager allerdings weniger zu koordinieren und zu befehlen als befürchtet. Ich erinnere mich an nur einen weiteren Angriff der Stuerener, der wieder mehr wie eine Warnung wirkte, dass wir weiterhin unter enger Beobachtung stünden. Die Ossiari besetzten unter mir fadenscheinig wirkenden Gründen die am Vortag entdeckte Quelle und hissten dort ihr Banner. Letztlich ließ man sie gewähren. Es hätte keinen Sinn gemacht, sich gegenseitig zu zerfleischen.

Die Bemühungen konzentrierte sich in der Folge auf die Pforte am Waldrand, für die eine Art Abdruck eines Schlüssel gefunden wurde. Als Gussform verwendet, konnte tatsächlich eine Schlüsselkopie hergestellt werden, die die Pforte öffnete.

Dieser Mittag und Nachmittag erschienen mir wie ein Abbild der letzten Kriegsjahre. Nach dramatischem Auftakt war ein zähes Ringen um Fortschritt in Gange: hier ein kleines Scharmützel, dort eine Wendung im Detail, während die Wissenden immer weiter forschten, bohrten und weiterkamen, ohne dass die Masse des Heeres bzw unseres Trupps benötigt wurde. Ich werde die nächsten Stunden hier deshalb eher kurz zusammenfassen. Letztlich gelangten wir durch verschiedene Tore auf jeweils eine neue Lichtung, wo eine Aufgabe zu lösen war. Die Gelehrten waren sich einig, dass dieser Weg zur eigentlichen Verknüpfungsstelle führte.

Hinter der ersten Pforte lag eine kleine, von hochragenden Bäumen umstandene Lichtung, auf der riesige Spinnen von den Ästen herunter angriffen (für mich gruselig, aber für die Krieger wenig gefährlich).  Ein Geist beeinflusste mehrere von uns mit dem Gefühl der Mut- und Sinnlosigkeit, konnte aber schließlich befriedet werden.

Es ließ sich ein nächstes Tor öffnen, hinter dem in etwas weitläufigerem Gelände verschiedene mit Symbolen bemalte geometrische Körper lagen. Aus diesen mussten einige ausgesucht und zu einem Muster zusammengesetzt werden. Welches die richtigen waren, ließ sich in einem Rahmen ablesen, der bei dem am Vorabend am Lager gefundenen Tierschädel erschienen war.

Das dritte Tor führte zu einem Muster aus Pfeilornamenten, das in der korrekten Reihenfolge begangen werden musste; es gab nur eine zwar logische, aber schwierig zu ergründende Möglichkeit. Falsche Tritte führten zu schweren Verletzungen. Von hier aus gelangten wir letztlich zu einem größeren Feld. Was wir vorfanden, war so faszinierend, dass sich bald ein Gutteil unseres Stoßtrupps dort versammelte.

 

Die Fehlentscheidung

Die Situation auf dem Feld war der, die wir verlassen hatten, in manchem erstaunlich ähnlich: Ein Lager aus kleinen Zelten, Gruppen unterschiedlich gekleideter Menschen, die aber doch zusammengehörten, Aufgaben, die zu erledigen waren für ein nicht ganz klares Ziel. Der fundamentale Unterschied war: Diese Menschen konnte es eigentlich nicht geben. Sie gehörten drei Clans eines Volkes an, das allenfalls noch Legende war. Sie waren Dunam.

Gelehrte berichteten flüsternd, dass man bereits in der Vergangenheit Kontakt zu Seelensplittern einzelner Dunam gehabt hatte, mit denen man in kleinen Blasen wie mit echten Personen interagieren konnte, denen aber ihre eigene eigentlich abgelaufene Existenz bewusst war. Dies war ein ganzes Lager. Und sie hielten sich für – und wirkten auch – absolut real. 

Letztlich standen diese Dunam vor einer wichtigen, aber noch nicht genannten Entscheidung und um diese zu treffen, mussten Aufgaben erledigt werden, in die man uns, die wir als unverhoffte, aber durchaus willkommene Gäste behandelt wurden, wie selbstverständlich einbezog. Die Erfüllung dieser Aufgaben im Einzelnen zu schildern würde den Rahmen meines Berichts sprengen. Beispiele waren ein Schachspiel, ein ritueller Kampf, ein philosophisch-logisches Rätsel, ein Gedichtwettbewerb, die Zuordnung eines jungen Dunam zu einer Kaste, das Leiten einer Beerdigung. Für jede erfülle Aufgabe gab es einen Stein und es wurde immer klarer, dass sich aus diesen Steinen ein weiteres Tor bauen ließ. Wir waren immer noch nicht ganz in der Anderswelt angekommen.

Persönlich empfand ich zwei Szenen als entscheidend.

Erstens: Drei Stuerener traten wie aus dem Nichts auf, nicht als Abgesandte ihres Fürstentums, sondern als abgerissene Gestalten eines verfolgten, bedrohten Volkes, die sich unter den Schutz der Dunam stellen und sich ihnen anschließen wollten. Über diese Aufnahme sollte ein Zweikampf entscheiden, in dem sich der Stuerener Kämpfer als hinterhältig und ehrlos erwies – und meine leisen Zweifel, ob die Stuerener wirklich Täter oder nicht selbst eher Opfer in diesem Konflikt waren, zerstreuten sich.

Zweitens: Eine Priesterin taumelte verwirrt durchs Lager und murmelte: „Ich sehe nichts, das kann nicht sein.“ Es gelang uns, ihren Geist wieder soweit zu klären, dass sie ihre Worte erläutern konnte: Sie hatte von den Göttern einen Blick in die Zukunft ihres Volkes erhalten und gesehen hatte sie – nichts.

Schließlich waren alle Aufgaben gelöst, alle Steine erspielt bis auf den Abschlussstein des Torbogens und die Dunam kamen zusammen, um ihre große Entscheidung zu beraten, die nun benannt wurde: Sollten sich für die Zukunft ihrer Volkes die Dunam von ihren Göttern abwenden und einem anderen Volk, den Ybolonern helfen, diese Götter in einer anderen Sphäre einzusperren?

Die Vision der Priesterin brachte letztlich die Entscheidung: Wenn das Volk der Dunam keine Zukunft hatte, musste man etwas ändern. Sie würden den Ybolonern folgen. Die Götter mussten verbannt werden.

Wir hatten die Essenz einer Entwicklung gesehen, die vor vielen Jahrhunderten den Verlauf der Geschichte beeinflusst hatte. Stueren war zur geheimnisvollen Macht aufgestiegen. Die Dunam hatten durch ihre Entscheidung den Weg ihres Volkes geändert und er führte ins Nichts.

Wir erhielten den Torbogen. Wir errichteten das Tor. Die Dunam verschwanden.

 

Das tiefe Siegel 

Wir durchschritten das Tor und erreichten eine ziemlich kleine Waldlichtung. An ihrem Ende stand eine Art gut mannshohe, offene Kuppel, deren sechs Bögen auf seltsame Weise leuchteten. Die Gelehrten näherten sich und begannen dieses eindeutig magische Konstrukt zu untersuchen, was Tücken hatte, denn wenn zu viele die Kuppel betraten, wurde es den Hinzukommenden unerträglich kalt. Neben der Kuppel fand sich noch ein menschliches Skelett.

Was mich mehr besorgte: Als unsere komplette Gruppe die Lichtung erreicht hatte, erschienen plötzlich dunkle Gestalten am Tor, die den Rückweg versperrten. Es waren so viele, dass klar war: Ein Kampf um den Rückweg zu erzwingen, konnte verlustreich werden – bestenfalls. Bisher beschränkten sich die Dunklen auf ein bloßes Versperren des Weges. Es blieb nur die gewohnte Aufteilung: Die Krieger sicherten ab, die Gelehrten untersuchten und wir wenigen anderen standen beobachtend am Rand. So sah ich auch, dass der Herr der Schlange die Skelettreste begutachtete und den Toten identifizieren konnte – er bezeichnete ihn als seinen verschollenen Meister Haldred. Mir schien, dass die Suche nach Haldred der Hauptgrund war, dass der Herr der Schlangen uns half. Das machte jetzt aber keinen Unterschied mehr.

Derweil waren die Gelehrten zu einem Ergebnis gekommen: In jeder Säule war ein zylinderförmiger Mechanismus, den man nach einer Art Schaltplan beeinflussen konnte – letztlich mit dem Ziel, das Siegel, das den Sphärentausch stabil hielt, zu brechen. Beeinflussungsversuche änderten das Licht, das Ziel schien die Farbe Blau zu sein. Einfach war es offenbar nicht, aber endlich leuchtete einer der Kuppelbögen blau, ein zweiter, ein dritter…

In diesem Augenblick griffen die Dunklen an.

Die nächsten Minuten habe ich nur noch wie durch einen Nebel in Erinnerung. Die Angriffe kamen in Wellen und aus dem Nichts waren Gleißende dazugestoßen. Unsere Krieger kämpften verzweifelt auf engstem Raum, kaum zehn Schritte von der Kuppel entfernt, wir anderen an den Rand der Waldlichtung gepresst, hinter der diese Welt aufzuhören schien. Ein vierter Bogen wechselte die Farbe, die Krieger wurden zurückgedrängt, einige fielen zu Boden, die anderen mühten sich wieder vor, der fünfte Bogen wurde blau, die nächste Angriffswelle kam. Die sechste Säule schien Probleme zu bereiten, das Kampfgebiet hatte fast die Kuppel erreicht, wir waren zu wenige, es würde nicht reichen…

Plötzlich leuchteten alle Bögen im gleichen Blau. Dunkle und Gleißende hörten auf zu kämpfen und lösten sich auf.

Kurz war es ganz still.

Dann war ein leise mahlendes Geräusch zu hören, das aus der Kuppel aufstieg, ganz allmählich anschwoll und zunehmend von einem Knirschen überlagert wurde, das ebenfalls immer lauter wurde. Die Kuppel begann zu vibrieren, der Boden unter uns zu zittern, dann zu schwanken.

Die Lichtung – oder das Konstrukt, in dem wir uns befanden – war kurz davor zusammenzubrechen.

Wir rannten zum Tor.

Der Herr der Schlangen blieb mit dem Skelett seines Meisters zurück.

 

Befreiung

Wir retteten uns auf das Feld, wo wir die Dunam getroffen hatte. Auch hier schwankte alles, Steine fielen aus dem Nichts zu Boden und erwischten zumindest einen von uns. Der Rest raste weiter, über die drei anderen Lichtungen bis durch die äußerste Pforte.

Wir erreichten das Lager und es schien zunächst, als sei überhaupt nichts geschehen. Die letzten hier friedlichen Stunden hatten in der Dieswelt alle außer den Wachen in die Feldtaverne getrieben.

Die Araslaker allerdings horchten in sich hinein, unsere Gelehrten begannen ihre Analysen und beide Seiten konnte es schließlich bestätigen: Das tiefe Siegel war gebrochen. Kein Splitter anderer Sphären, kein Echo der gleißenden und dunklen Wesen, keine magischen Durchlässe mehr. Die Welt war wieder im Gleichgewicht.

Und dann kam sie. Eine weibliche Gestalt, von der ein feines Leuchten auszugehen schien, aber nicht zu vergleichen mit den Gleißenden, sanft und warm und für mich nicht ganz greifbar, als schwebe sie immer oder immer noch ein wenig neben unserer Wirklichkeit. Der Großteil unseres Trupps hatte sie ja nicht gesehen, aber die Traumreisenden und Araslaker erkannten sie sofort. Es war die Herrin des Herdfeuers, deren Zelt nun mitten im Lager stand. Sie wanderte mit einem Gefolge aus menschenähnlichen, aber magisch wirkenden Wesen durch das Lager, bedankte sich und hatte für jeden ein gutes Wort oder eine kleine Gabe. Die Zerstörung des Siegels hatte auch die Gefängnismauern aufgelöst. Besonders lange stand sie bei den Borharcônern, mit denen sie offenbar einiges zu besprechen hatte. Ihre Gefolgsleute streiften noch einen Gutteil des Nacht durch das Gelände.

Mehr habe ich nicht mehr beobachtet, meine Aufmerksamkeitsspanne war gänzlich ausgereizt und ich verbrachte die nächsten Stunden in der Taverne, bis ich schließlich einschlief. Am nächsten Tag zerstreute sich unser Trupp in alle Himmelsrichtungen. Die nach Drachenhain strebende Gruppe war eher klein, was letztlich aber gleichgültig war. Von feindlichen Begegnungen blieben wir auf unserem Heimweg verschont.

 

Hernach

Nun sitze ich am letzten Tag des vergehenden Jahres in meiner Stube und schreibe diese Zeilen. Allmählich möchte ich es glauben. Das verzweifelte Werkeln, um das tiefe Siegel zu brechen, nur wenige Schritt von einem kaum zu gewinnenden Kampf als Schlusspunkt von anderthalb Tagen voller Rätsel und Gefechte. Und dies wiederum als Ende zweier Jahrzehnte eines häufig kalten Krieges, voller Kämpfe und Wartephasen, Intrigen, fraglichen Zwischenerfolgen und seltsamen Wendungen?

Es ist zu früh für eine abschließende Beurteilung, aber ich möchte wirklich gerne glauben, dass dieser Bericht ein letztes Kapitel eines sehr viel längeren Kriegstagesbuches ist und nur noch Zusammenfassungen, Analysen und Ausblicke folgen werden.

Diese mögen aber andere schreiben.

Das Bildnis des Albert Schürer

Auf eine besonders verstörende Art verließ der mutmaßlich verstorbene Maler Albert Schürer sein Selbstportrait in der Magier Akademie zu Moosbach im Hinterland. Die Magister und Adepten versetzte dies Drama in angsterfüllte Erregung. Doch vorab: wer war dieser Maler?

Der Meistermaler Albert Schürer wurde im Jahr 891 nach Tulkas im Dracconianischen Herzogtum Nurian geboren. Über seine Jugend in Greyvenburg ist recht wenig bekannt. Doch vermutlich gehörten seine Eltern zur wohl­habenden Schicht, so dass sie sich die schulische Bildung von Albert leisten konnten.

Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in der Heligonischen Lagunenstadt Betis bei Meister Leonardo Corvese. Doch diesen übertrumpfte er schnell in dessen Können. Insbesondere die Dramaturgie in der Bildsprache fesselt bis heuer den Betrachter.

Nach seinen Lehrjahren eröffnete Albert Schürer in Greyvenburg, der Hauptstadt des Herzogtum Nurians, eine eigene Kunst­werkstatt. Schon bald wollte jeder solvente Patrizier sich von ihm portraitieren lassen. Seine Ambitionen gingen weit über das Abliefern von Auftragsarbeit hinaus. Weiland wollte er Werke schaffen, mit denen er unsterblichen Ruhm erlagen konnte. Mit Fug und Recht gelang ihm dies mit seinen bekanntesten Bildern wie „50 Schattierungen von Weiß“ und „die weißen Grazien im Schnee“.

Böse Zungen sagen Schürer nach, er wäre ob dieses Erfolges so verblendet gewesen, dass ihn eine äußerst ungesunde Form des Ehrgeizes packte, die schon an Wahnsinn grenzte. Sein Arbeitseifer wäre zu einer Manie eines Besessenen verkommen. Und so mancher Neider munkelte, er würde für seine Bilder sich okkultem Wissen und der Hexerei bedienen. Ob Gerücht, üble Nachrede oder Tatsache, die Wahrheit über seinem Genius wird für immer verborgen bleiben.

Am 23. im Weinmond 919 n. T. schied der großartige Maler Albert Schürer viel zu jung aus dem Leben. Sein Schüler Berthold fand ihn eines Morgens leblos in seiner Geyvenburger Werkstatt. Albert wollte über Nacht sein aktuelles Bild „Die Selbstreflektion“ fertig stellen. Schürer starb mit nur 28 Jahren mutmaßlich an den Folgen seines exzessiven Schaffens. Laut Berthold fühlte sich der begnadete Künstler in letzter Zeit schwach und abgeschlagen. Dies gab Gerüchten Nahrung, er wäre schön länger unheilbar krank gewesen. Vielleicht aber hatte er sich auch beim Spitzen des Pinsels mit den Lippen am Bleiweiß der Farben vergiftet.

Im Folgejahr wurde der Schürer-Schüler Berthold wegen Mordes an einem Balingtoner Alchemisten hingerichtet. In Bertholds Augen war jener Alchemist für den Tod seines Meisters verantwortlich. Selbst am Galgenbaum zeigte Berthold keine Reue und überzog sein Mordopfer noch mit Schuldzuweisungen. Zur Ergreifung des Mörders Berthold hat maßgeblich die Ermittlung von Ritter Martin Dorn beigetragen. Der ehrenwerte Ritter vom Orden des Lichts war der letzte Empfänger eines echten Schürer Bildes, welches den Frater Primus in heldenhafter Pose verewigte.

Doch zurück zur Magier Akademie in Moosbach: Der Kunststudent Tim beschäftigte sich intensiv mit Schürers Frühwerken und nahm sie als Anregung für seine eigenen Zeichnungen. Das Studium von Schürers Selbstbildnis führte zu einem Dialog mit dem Meister. Und das ist nicht im Übertragenen Sinn gemeint. Er reiste dafür in das Bildnis hinein und saß ihm körperlich gegenüber. Was als unterhaltsame Episode begann, entwickelte sich schnell zum Alptraum. Denn Albert Schürer übernahm für diese Zeit den Körper des Studenten. Tim drohte immer mehr zu Schürer zu werden. Nun war plötzlich sein Gesicht in dem Selbstportrait und somit auch seine Seele.

Die anwesenden Magister erkannten die Gefahr eines feindlichen Seelentausches. Doch ihre unbedachten Rettungsversuche hätten fast zum Tod von Tim geführt. Der dümmste Versuch war wohl das Band zwischen Körper und Bild zu durchtrennen, während Tims Seele noch in Ölfarben gebannt war. Letztlich war es Tim selbst, der das kunstmagische Problem löste. Unter Tränen der Verzweiflung zeichnete er Albert Schürer ein neues Bildnis – in das eines Kerkers. Alsdann spürte er mit jeder Faser seines Körpers eine Art von Befreiung. Mit einem bitteren Beben auf seinen Lippen und zitternden Wort „Freiheit“, übereignete er dies neue Bildnis dem Feuer.

Vermutlich sah Schürer seinen eigenen Körper unter dem tödlichen Einfluss der Bleiweiß-Farben schwinden und rettete sich durch Kunstmagie in sein Selbstportrait. Aber welche Seele ist so verdorben, dass sie auf einen ahnungslosen Bewunderer wartet?

Feind Heligonias verbündet sich mit Feind Corenias?

Aroben wird der Schurke genannt, der über einen ungesicherten Riss aus Heligonia nach Corenia kam und nun im Tiefen Süden sein Unwesen treibt. Und ausgerechnet mit dem Reich der Mitte soll er sich verbündet haben.

Bisher ist nicht viel bekannt über diesen Aufrührer. Aus Heligonia kommen Geschichten, dass er vor etwa zweihundert Jahren Herzog von Beridhan, eines damaligens Herzogtums von Heligonia, war.

Er habe mit einem mächtigen Gelehrten nach dem ewigen Leben gesucht und dafür die Lebensessenz anderer gesammelt. Schließlich sei er aber wohl besiegt worden. Nun sei er vor einigen Jahren wieder auferstanden, um sein Recht auf das Herzogtum zurückzufordern, welches inzwischen auf verschiedene Herrscher aufgeteilt wurde.
Dies alles klingt wie eine Gruselgeschichte für adelige Kinder. Dennoch ist ein Schurke unter diesem Namen nun hier in Corenia und scheint tatsächlich ähnliche Ziele zu haben wie zuvor.

Zwar konnten vor zwei Jahren einige seiner Verbündeten aufgehalten werden, die einen Apparat gebaut hatten, dem nachgesagt wurde, dass er Seelen fangen kann, doch ist Aroben selbst weiterhin auf freiem Fuß, Gerüchten zufolge hat er bereits einen neuen Apparate-Bauer in seinen Reihen.

Sein Aufenthaltsort ist unbekannt, doch vermutet man, dass er sich weiterhin im Tiefen Süden aufhält, in der Nähe eines der Knoten des Reichs der Mitte, und dass er bereits neue Verbündete gefunden hat. Die Freien sammeln sich dort und auch ausländische Söldner wurden in Sarotal, Vidal und Enzen vermehrt gesichtet.

Die wenigen Siedler im Süden sind inzwischen ins nördliche Felsroog geflüchtet, da sie ihres Lebens nicht mehr sicher sind.

Doch wo sind die Heligonier, um uns zu schützen?

Mord auf Weinsymposium in Nurian

Aus Nurian erreichte mich die Kunde von einem rätselhaften Mord auf dem Weinsymposium des Barons von Dasenstein. Am 08. Tag im 1. Xurlmond, 48 n. A. III. ereilte alle Gäste eine plötzliche Bewusstlosigkeit mit einer einhergehenden Amnesie. Ein der betäubten Weinliebhaber konnte nicht mehr auch wachen, was augenscheinlich an seinem Kehlschnitt lag. Einer der Anwesenden musste ein Mörder sein! Da jeder sich weder an letzten Stunden noch Tage erinnern konnte, machte es die Mörderjagd umso schwieriger.
Der Fund von giftigem Bleiweiß, diverser Briefe und dem Umstand, dass die Weinberge in der Nähe zu Grunde gingen, legten einen Zusammenhang mit dem Weinkrieg zwischen Rebenhain und Nurian nahe.
Das Mordopfer stellte sich als Heligonischer Alchemist Specht (alias Meister Picus) heraus, welcher im Auftrag eines Störenweiler Winzers die Konkurrenz in Nurian ausschalten sollte. Doch offensichtlich wurde er zur Belastung für seinen Komplizen, einen Sold-Magier namens Birkenzweig (alias Schmutzfinger). Letzterer konnte zu den Vorfällen leider nicht mehr befragt werden, da er aus Unwissenheit von dem Aldradacher Richter Zenobius Pfeffersack aus dem Arrest entlassen wurde. Die anschließende Flucht des Hauptverdächtigen wurde als Schuldeingeständnis betrachtet. So bleibt auch ein rätselhafter Inhalt eines Briefs des Rebenhain-Störenweiler Weinhauses Öhlberg ungeklärt. Weiter warf auf Nurianischer Seite das Geschäftsgebaren der Traubengold Bank viele Fragen auf.
Geklärt wurde allerdings die Machtquelle des magischen Saboteurs Birkenzweig, welcher sich einer uralten und gefährlichen Kraft bediente, um einen derartig starken Amnesie-Zauber wirken zu können. Durch beherztes Eingreifen konnte jedoch eine ausufernde Gefahrenlage abgewendet werden.
Einige Wochen später konnten mit Saarkas Hilfe die Navigatorin Elisabeth Wolkenstein, Alchemistin Carolina von der Hochschule Jolbruck, Geweihter Kendril aus den Südlanden, Odilo Tangens aus Betis, Heliossohn Fernwyn und Ritter Martin Dorn vom Orden des Lichts, einige ihrer Gedächtnislücken schließen. So vermochten diese hartnäckigen Wahrheitsfinder mir ihre Ermittlungen wiedergeben.
So kann abschließend noch eine Sache zum Weinkonflikt gesagt werden: Der Nurianische Wein Edel-Rundling ist dieselbe Rebsorte wie der aus dem Heligonischen Rebenhain kommende Rundedling. Diese herausragende und ertragreiche Züchtung des ermordeten Winzers Sonnenstuhl wurde von dem windigen Schmuggler Kurt Küfer an beide Jolbornseiten verkauft; natürlich mit dem Versprechen der Exklusivität. Leider führte der massive Anbau zu einer Überproduktion in beiden Länder, was einen massiven Preisverfall nach sich zog. Die Hochschule Jolbenstein ist gerne bereit allen Winzern dabei zu helfen, künftig mit Rebenverjüngung einen vernünftigen Preis für ihre Arbeit zu erzielen. Zusätzlich schaffen wir in Jolbruck ein Studienfach zur Weinproduktion und nennen diese Önologie.

Dies ist das Tagebuch von Orella aus Corenia

Neun volle Heliosläufe sind nun bereits vergangen, seit ich mit ein paar Münzen meine Überfahrt nach Heligonia erkaufte. Ich tat was nötig war und an manchen Tagen scheint es, als wäre ich gänzlich eine andere geworden. Doch die Ereignisse von damals sind noch eingebrannt in mein Herz. An Tagen wie heute, wo Helios so kräftig vom Himmel herabglänzt und Xurls Winde einen feinen, salzigen Hauch mit sich tragen, steigt in mir die Erinnerung hoch an die Verzweiflung und unermessliche Hoffnung, die mich damals hierher brachte. Und so will ich in Kürze schildern, wie es mir seither ergangen ist.

Das Land betrat ich im Hafen Darbors. Zwischen schäbigen, mir riesig erscheinenden Kaschemmen, dem unendlichen Gewirr der Gassen und dem Lärm und Geschrei und Gestank der Einheimischen kann ich nicht mehr genau sagen, wie ich die ersten Tage überstand, die wie ein langer, unangenehmer Traum ineinander zu fließen schienen. Meinen Schmuck aus Muscheln und Steinen des Meeres sowie die wenigen Münzen vom Nähen des Ahnenzeltes hatte ich schon bald gänzlich eintauschen müssen und bald wanderte ich hungrig und ebenso schmutzig wie die Einheimischen durch die Gassen.
Darian hatte mich sich einverleibt, geschwindter als man zu befürchten wagte. Und in jedem Winkel in jedem mir fremdartigen Gesicht, dessen Züge hier allgegenwärtig waren, wie ich erkannte, wähnte ich für einen Wimpernschlag Walid wieder zu sehen.

Bei einer Herbergswirtin bat ich schließlich um ein Almosen in Form einer Schale Suppe und den Göttern sei dank bat sie mir an, in ihrem Haus die Laken zu flicken und die Nachttöpfe zu leeren und den Ofen sauber zu machen und welche kleinen Handgriffe auch immer sonst sie nicht gerne selbst machen wollte. Dies schien mir eine anständige Sache zu sein, und da ich in der Küche einen warmen Schlafplatz sowie die Reste der Herbergsgäste an Essen und Badewasser haben sollte, willigte ich ein. Ich lernte nach und nach ein paar wenige Worte zu lesen, die mir tagein, tagaus begegneten, darunter “Salz”, “Kaffee” und “Dattelwein”. Und spät nachts, wenn alles im Hause schlief, übte ich mich mit den Kohlen beim schwachen Schein eines Kerzenstumpens selbst im Schreiben von Buchstaben und einfachen Worten, die ich hier und da auf allerlei Flugblättern mit Bekanntmachungen darin tagsüber gesehen und mir eingeprägt hatte und die ich aus dem Gedächtnis abmalte.
Und wenn ich auf dem Basar ein neues Flugblatt sah, so wähnte ich, es sei eine Nachricht von der Academia Rocorion, die mir Walids Verbleib enthüllen könnte.

Nach einigen Monaten traf ich im Haus auf eine Gruppe Leute, an deren Kleidung und fremdartigem Akzent ich sofort erkannte, dass sie von weit her kommen mussten oder jedenfalls nicht aus Darian. Ich spitzte meine Ohren, um mehr zu erfahren und fand schließlich heraus, dass sich die Gruppe von Händlern aus verschiedenen anderen Teilen Heligonias zum gegenseitigen Vorteil zusammengetan hatte, um sich weiterhin in wenigen Tagen einer Karawane Richtung Nordwesten anzuschließen.
Ich spürte wieder dieses hoffnungsvolle und unerklärliche Kribbeln, das mich in die Fremde zog und nutzte einen günstigen Augenblick, um einen der Männer anzusprechen und zu bitten, sie mögen mich bei ihrer Abreise mitnehmen. Zunächst lachte er nur und lehnte ab. Nun hatte ich seither gelernt, wie es in der weiten Welt zuging und dass es immer darum ging, einen Tausch zu erhandeln oder sich selbst möglichst in einem Licht erscheinen zu lassen, welches einen für den anderen in irgendeiner Weise nützlich machte. Daher blieb ich in den nächsten Tagen hartnäckig, zeigte, was ich an nützlichen Arbeiten vermochte und deutete an, ich würde ihnen ohnehin bei ihrer Abreise folgen.
Auf diese Weise gelangte ich schließlich in die Dienste von Ras el’Hanout, einer reichen Gewürzhändlerin, die Saarka sehr verehrte. Ihr gehörte nämlich die Karawane, der die Gruppe Händler aus der Herberge und ich sich zwei Tage später anschlossen. Mehrere Jahre verbrachte ich so in der Wüste, fernab von Xurls Segen, indem ich Karawanen kreuz und quer durch das Land begleitete, in Oasen unter dem Sternenhimmel der Ahnen für die Reisenden Fladen buk und lernte, wie man Burais versorgte. Wann immer ich konnte, ließ ich mir von Reisenden vorlesen und ein paar neue Worte beibringen, sofern sie ein Buch mit sich führten, oder von ihrer Heimat erzählen, sofern sie keines hatten.
Und wenn der Vollmond auf die Dünen fiel, so wähnte ich ihre Wogen seien wie das Meer.

Das Wasser sah ich jedoch erst eine ganze lange Zeit später wieder, als eines Tages ein Auftrag von Ras el’Hanout mich den weiten Weg nach Betis brachte. In dieser Stadt besaß sie seit geraumer Zeit ein Badehaus und zu der Zeit weilte sie auch häufig dort und überließ die Karawanenzüge ihren erfahrenen Karwanenführern. Ein paar Darianer in ihren Diensten und ich sollten ein wichtiges, versiegeltes Schriftstück und eine kleine, ebenfalls versiegelte und mit einem komplizierten Mechanismus verschlossene Schatulle zu der Händlerin bringen. Ich weiß nicht, was sie enthielten und nicht, welcher Handel anschließend schief gelaufen sein muss, doch sah ich kurz nach unserer Ankunft ein paar finstere Gestalten um das Badehaus schleichen und zog mich in düsterer Vorahnung zurück. Es gab in dieser Nacht keinen wahrnehmbaren Tumult, und selbst die Hunde bemerkten nichts, doch fand man am Morgen die Händlerin mit durchschnittener Kehle in einem der Zuber, die Schatulle aufgebrochen und leer und das Schriftstück verschwunden.
Nach dem Tod der Händlerin schafften es einige langjährige Bedienstete das Badehaus zu übernehmen und zu betreiben, indem sie pikante und geheime Vertraulichkeiten einiger einflußreicher Stammgäste geschickt auszuspielen wussten. So gelangte ich in den Dienst des Badehauses “Stern des Südens” in Betis.
Von meiner Zeit dort gibt es vieles, was in den schummerigen, dampferfüllten Hallen oder in Nischen zwischen Rohren, Kesseln und Körben mit Tüchern geschah und das ich lieber vergessen möchte, teils zum Schutze derjenigen, die diesen Bericht dereinst lesen mögen, teils zum Schutze meiner selbst. Doch ich stellte fest, dass während meiner Zeit im Sandmeer eine neue Fähigkeit in mir erwacht war und zunächst gelegentlich, dann immer regelmäßiger unterhielt ich die Badehausgäste mit einer kurzen Geschichte oder dem ein oder anderen Lied aus fernen Ländern, das ich einst von Reisenden gelernt hatte. So erlangte ich gelegentlich eine hilfreiche Gunst oder entronn einem zermürbenden körperlichen Dienst.
Und wenn der Kerzenschein auf die dampfende, sanft schaukelnde Wasseroberfläche der Zuber fiel, so wähnte ich sein Funkeln sei ein Gruß der Ahnen.

Eines Tages muss mir beim abendlichen Reinigen und Auffüllen der Räucherschalen im Badehaus ein Quäntchen Räucherwerk zuviel in die Schale gefallen sein, denn in der darauffolgenden Nacht hatte ich einen sehr merkwürdigen und beunruhigenden Traum, und ich erwachte mit einem Gefühl unerklärlicher Dringlichkeit. Doch nur schemenhaft erinnerte ich mich an das, was ich im Schlaf gesehen hatte und in meinen Ohren hallte noch ein großes Gurgeln und Rauschen nach, welches ich jedoch zunächst mit den normalen Geräuschen im Badehaus verwechselt haben musste.
Eine Woche verging und in der Nacht zum Redontag träumte ich wieder unruhig. Ich begenete meinem Vater, Berthollo dem Hopfenschneider aus Lanum in Corenia. Als ich ihm um den Hals fallen wollte bemerkte ich die seltsamen Veränderungen an seinem Körper: anstelle von Ohren hatte dieser nun sich auffächernde Flossen an der Seite seines Kopfes, zwischen seinen Fingern waren Schwimmhäute und sein Bart bestand aus schillernden Schuppen.
“Vater, was ist mit dir geschehen? Bist du bei den Ahnen und wachst du über mich? Hat Xurl dich gesegnet?” fragte ich neugierig.
Doch als mein Vater den Mund öffnete, um mir zu Antworten, kam aus seiner Kehle nur ein dröhnendes Gurgeln und sogleich bemerkte ich, dass um meine Beine herum die Flut plötzlich rasch anstieg. Mit sich brachte das salzige Wasser allerhand halb-verweste Teile an Meeresgetier, die bestialisch stanken und mir sogar im Traum noch den Atem raubten. Zu meinem größten Entsetzen begannen einige der Teile zu zucken und sich von selbst zu bewegen und schmerzhaft an meinen Beinen und hernach an meinem Bauch und Rücken herum zu beißen. Als das Wasser meine Schultern erreicht hatte sah ich noch einmal Hilfesuchend hoch zu meinem Vater, der nun wild gestikulierte bevor das steigende Wasser schließlich mein Gesicht erreichte und ich unvermittelt mit einem Japsen und einem salzigen Geschmack im Mund erwachte und mich auf meinem Lager im Badehaus befand, wo ich eingeschlafen war.
In der darauffolgenden Woche war ich sehr unruhig und schreckhaft und hatte gelegentlich im Dämmerschlaf den Drang, meinen Körper nach Bissspuren abzusuchen. Doch noch wusste ich nicht, wozu die Erscheinung meines Vater mich hatte auffordern wollen.
Erst als ich zum dritten mal träumte, sollte ich wie in meinem eigenen Kopf eine unendlich tiefe und tausendfach widerhallende Stimme vernehmen und endlich begreifen und behalten, was sie mir sagte.
Noch jetzt bin ich sicher, es war eine Botschaft von Xurl, der mich aufforderte, entlang des großen Stroms nach Süden auf eine Suche zu gehen. Was genau ich suchen soll, vermag ich nicht mit Worten zu erklären, doch hat Xurl mir das Wissen sicherlich ins Herz gepflanzt und ich werde es erkennen, wenn ich es finde.

Und so reiste ich den Jolborn entlang, endlich wieder in Richtung des Meeres. Da ich dies Schreibe, befinde ich mich in Jalamanra in Sedomee und vertraue diesen meinen Bericht nun Euch an, bevor ich mich morgen ins Landesinnere begebe, wohin es mich mit unwiderstehlichem Sog anzieht.

Ein Blick über das Gebirge nach Süd-Nuremburg

Werte Leserschaft, immer wieder lesen wir von Menschen, die aus dem Süden von Nuremburg den Weg über das Gebirge wagen, um Sicherheit und Schutz zu suchen. So ganz genau weiß niemand zu sagen, was in diesem einst so stolzen und stabilen Reich vor sich geht. Ganz offensichtlich aber ist das Land tief in einen grausamen Bürgerkrieg versunken, mit Kriesgsbanden, Resten von Ordnungsmacht und heillosem Durcheinander. Von dort ist auch ein Lied über das Gebirge zu uns gekommen; es erhellt nicht die Details des Bürgerkriegs und seiner Fronten, aber es gibt einen Einblick in den Zustand des Landes und der Seelen der Menschen, mehr als eine gelehrte Abhandlung.

Der Tod im Nurem

Der Tod reit´t auf einem kohlschwarzen Rappen
Er hat eine undurchsichtige Kappen
Wenn Landsknecht´ in das Feld marschieren
Läßt er sein Roß daneben galoppieren
Nurem in Not
In Nuremburg reitet der Tod

Der Tod reit´t auf einem lichten Schimmel
So schön wie ein Sternbild vom Himmel
Wenn Mädchen ihren Reigen schreiten
Will er mit ihnen im Tanze gleiten
Nurem in Not
In Nuremburg reitet der Tod

Der Tod kann auch die Trommel rühren
Du kannst den Wirbel im Herzen spüren
Er trommelt lang, er trommelt laut
Er schlägt auf eine Totenhaut
Nurem in Not
In Nuremburg reitet der Tod

Als er den ersten Wirbel geschlagen
Da hat´s das Blut vom Herzen getragen
Als er den zweiten Wirbel schlug
Den Landsknecht man zu Grabe trug
Nurem in Not
In Nuremburg reitet der Tod

Der dritte Wirbel ist so lang gegangen
Bis der Landsknecht vom Einen den Segen empfangen
Der dritte Wirbel ist leis und lind
Als wiegt eine Mutter in Schlaf ihr Kind
Nurem in Not
In Nuremburg reitet der Tod

Der Tod kann Rappen und Schimmel reiten
Der Tod kann lächelnd im Tanze schreiten.
Er trommelt laut, er trommelt fein:
Gestorben, gestorben, gestorben muß sein.
Nurem in Not
In Nuremburg reitet der Tod

 

Die Bären unter Hauptmann Anna von Steinrich bedanken sich herzlich für die anhaltende Unterstützung ihrer Verbündeten und Freunde nach Ihrem Auszug aus den Sydlehen und der Erklärung ihrer Unabhängigkeit.
Besonderer Dank gilt hier dem Clan der O’Brians für die großzügige Hilfe und Gastfreundschaft. Die Bären vergessen nicht und versprechen anhaltende Freundschaft und Beistand, in dem was auch immer kommen möge.
Mit dem Nahen des Frühlings nehmen wir nun unsere alte, angestammte Aufgabe wieder auf, die Bevölkerung stets vor Gefahren und Unbill zu schützen. Sei es aus Überzeugung für die gerechte Sache oder in Diensten eines Auftraggebers. Bei Bedarf oder Interesse am Beistand der Bären ist sich an Hauptmann Anna zu wenden.
Im Zuge dessen wurden auch die Rekrutierungsmaßnahmen wieder aufgenommen. Interessierte können sich im Tross melden oder Kontakt zu örtlichen Vertretern oder Verbündeten aufnehmen.

Symposium in Moosbach

Es begab sich im zweiten Saarkamond als ich zu einen Akademie Symposium nach Moosbach geladen war. Ich versprach mir neue Erkenntnisse über Portale und wie man diese zum Wohle Heligonias einsetzen könne. Schon die Eröffnungsrede zeugte von einem wirklich extrem hohen Selbstbewusstsein des Lehrkörpers, welches nur von der fehlenden Moral übertroffen wurde. Neben meinem eigenen Vortrag war ich hauptsächlich damit beschäftigt, Geschichten die aus Büchern entflohen waren, wieder in diese zurückzustopfen. Die Geschichte des Aschenbrösels erforderte besonders viel Aufmerksamkeit. Die Studentenschaft kürte mich zum Weißen Prinzen, um eine Verbindung zu der Geschichte der ungeliebten Stieftochter herzustellen. Die Wissenschaft erforderte es, dass ich den ganzen Abend mit der hübschen Aschenbrösel tanzte. Nur mit einem vollendeten Ballabend war es möglich sie zur Rückkehr in ihre Geschichte zu bewegen. Als die Aufgabe vollendet war, fragte mich doch tatsächlich das Buch, ob ich für immer in der Geschichte bleiben wolle um in unendlicher Liebe mit Aschenbrösel verbunden zu sein. Der aufmerksame Leser wird sicher verstehen, dass ich dieses verlockende Angebot nicht annehmen konnte. Eine besondere Führungsrolle bei der Entschlüsselung der Bibliotheks-Geheimnisse nahm Shanti de Lysiere, Magistra in Silberquell, ein. So hoffe ich auf einen künftigen Wissensaustausch zwischen Heligonia und Silberquell.

Aufruhr in Herzogsbruck

Unglaubliche Szenen spielten sich heuer im Nurianischen Herzogsbruck ab. Kaum war das Handelsschiff aus Rebenhain im Hafen angekommen, ging ein Flüstern durch die Schar von Hafenarbeitern. Gerade als die Schiffsbesatzung die Fässer mit Rebenhainer Rundeldling abladen wollten, machte sich ein Haufen aufgebrachter Menschen auf, das Schiff zu stürmen. Sie jolten und schrien, als wollten sie es den Wasservöglen auf dem Jolborn gleich tun. Ihr Körper war mit Stofffetzen und Fellen behangen, im Gesicht prangten rotfarbige Striche, das Haar war mit Taubenfedern geschmückt und bewaffnet waren sie mit Stuhlbeinen und Brecheisen. Wenn mir die Gesichter nicht irgendwie bekannt vorgekommen wären, hätte ich die wilde Horde als Bewohnern der Ödlande verortet. Von diesem garstigen Anblick schockiert, ergriffen die Seeleute planlos die Flucht; einige sprangen panisch über Bord in den Fluss. Die Meute, welche nun freie Bahn hatte, schnappten sich die Fässer mit Rebenhainer Rundeldling, brachen sie auf und schmissen sie über Reling. Verzweifelt musste ich mit ansehen, wie die von mir orderte Ware von den Fluten des Jolborn geschluckt wurde. Doch was hatte diese Meute nur geritten diesen leckeren und preisgünstigen Wein zu vernichten? Dieser Tag wird mit Sicherheit einen unrühmlichen Platz in der Geschichte einnehmen.

Neue Borngarter Fürstin unterwegs zur Herrscherbegegnung

Wie im letzten Boten berichtet, erhielt Borngart nach dem Ableben von Fürst Arndt II mit Ihrer Hochgeboren Fürstin Mysille von Borngart, Gemahlin von Baron Sihran von Tolens, eine vielversprechende Nachfolgerin. Die Unruhen in Borngart haben sich bereits in den letzten Monden sehr gelegt und das Volk wartet gespannt auf den Besuch der Fürstin im Nachbarkönigreich Heligonia, wo Seine allerdurchlauchtigste Majestät, König Aximistilius III zur Herrscherbegegnung eingeladen hat.
Die nächsten Monde werden also nicht nur spannend für das heligonische Inland, sondern auch für die benachbarten Gebiete im zerfallenen Königreich, das jenseits des Jolborn liegt.

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