Publikation: Helios-Bote Seite 1 von 34

Das Bildnis des Albert Schürer

Auf eine besonders verstörende Art verließ der mutmaßlich verstorbene Maler Albert Schürer sein Selbstportrait in der Magier Akademie zu Moosbach im Hinterland. Die Magister und Adepten versetzte dies Drama in angsterfüllte Erregung. Doch vorab: wer war dieser Maler?

Der Meistermaler Albert Schürer wurde im Jahr 891 nach Tulkas im Dracconianischen Herzogtum Nurian geboren. Über seine Jugend in Greyvenburg ist recht wenig bekannt. Doch vermutlich gehörten seine Eltern zur wohl­habenden Schicht, so dass sie sich die schulische Bildung von Albert leisten konnten.

Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in der Heligonischen Lagunenstadt Betis bei Meister Leonardo Corvese. Doch diesen übertrumpfte er schnell in dessen Können. Insbesondere die Dramaturgie in der Bildsprache fesselt bis heuer den Betrachter.

Nach seinen Lehrjahren eröffnete Albert Schürer in Greyvenburg, der Hauptstadt des Herzogtum Nurians, eine eigene Kunst­werkstatt. Schon bald wollte jeder solvente Patrizier sich von ihm portraitieren lassen. Seine Ambitionen gingen weit über das Abliefern von Auftragsarbeit hinaus. Weiland wollte er Werke schaffen, mit denen er unsterblichen Ruhm erlagen konnte. Mit Fug und Recht gelang ihm dies mit seinen bekanntesten Bildern wie „50 Schattierungen von Weiß“ und „die weißen Grazien im Schnee“.

Böse Zungen sagen Schürer nach, er wäre ob dieses Erfolges so verblendet gewesen, dass ihn eine äußerst ungesunde Form des Ehrgeizes packte, die schon an Wahnsinn grenzte. Sein Arbeitseifer wäre zu einer Manie eines Besessenen verkommen. Und so mancher Neider munkelte, er würde für seine Bilder sich okkultem Wissen und der Hexerei bedienen. Ob Gerücht, üble Nachrede oder Tatsache, die Wahrheit über seinem Genius wird für immer verborgen bleiben.

Am 23. im Weinmond 919 n. T. schied der großartige Maler Albert Schürer viel zu jung aus dem Leben. Sein Schüler Berthold fand ihn eines Morgens leblos in seiner Geyvenburger Werkstatt. Albert wollte über Nacht sein aktuelles Bild „Die Selbstreflektion“ fertig stellen. Schürer starb mit nur 28 Jahren mutmaßlich an den Folgen seines exzessiven Schaffens. Laut Berthold fühlte sich der begnadete Künstler in letzter Zeit schwach und abgeschlagen. Dies gab Gerüchten Nahrung, er wäre schön länger unheilbar krank gewesen. Vielleicht aber hatte er sich auch beim Spitzen des Pinsels mit den Lippen am Bleiweiß der Farben vergiftet.

Im Folgejahr wurde der Schürer-Schüler Berthold wegen Mordes an einem Balingtoner Alchemisten hingerichtet. In Bertholds Augen war jener Alchemist für den Tod seines Meisters verantwortlich. Selbst am Galgenbaum zeigte Berthold keine Reue und überzog sein Mordopfer noch mit Schuldzuweisungen. Zur Ergreifung des Mörders Berthold hat maßgeblich die Ermittlung von Ritter Martin Dorn beigetragen. Der ehrenwerte Ritter vom Orden des Lichts war der letzte Empfänger eines echten Schürer Bildes, welches den Frater Primus in heldenhafter Pose verewigte.

Doch zurück zur Magier Akademie in Moosbach: Der Kunststudent Tim beschäftigte sich intensiv mit Schürers Frühwerken und nahm sie als Anregung für seine eigenen Zeichnungen. Das Studium von Schürers Selbstbildnis führte zu einem Dialog mit dem Meister. Und das ist nicht im Übertragenen Sinn gemeint. Er reiste dafür in das Bildnis hinein und saß ihm körperlich gegenüber. Was als unterhaltsame Episode begann, entwickelte sich schnell zum Alptraum. Denn Albert Schürer übernahm für diese Zeit den Körper des Studenten. Tim drohte immer mehr zu Schürer zu werden. Nun war plötzlich sein Gesicht in dem Selbstportrait und somit auch seine Seele.

Die anwesenden Magister erkannten die Gefahr eines feindlichen Seelentausches. Doch ihre unbedachten Rettungsversuche hätten fast zum Tod von Tim geführt. Der dümmste Versuch war wohl das Band zwischen Körper und Bild zu durchtrennen, während Tims Seele noch in Ölfarben gebannt war. Letztlich war es Tim selbst, der das kunstmagische Problem löste. Unter Tränen der Verzweiflung zeichnete er Albert Schürer ein neues Bildnis – in das eines Kerkers. Alsdann spürte er mit jeder Faser seines Körpers eine Art von Befreiung. Mit einem bitteren Beben auf seinen Lippen und zitternden Wort „Freiheit“, übereignete er dies neue Bildnis dem Feuer.

Vermutlich sah Schürer seinen eigenen Körper unter dem tödlichen Einfluss der Bleiweiß-Farben schwinden und rettete sich durch Kunstmagie in sein Selbstportrait. Aber welche Seele ist so verdorben, dass sie auf einen ahnungslosen Bewunderer wartet?

Das Ende Adveris

Landgang in Dedekistan erfolgt ohne Probleme, wir treffen Magister Falsam, der uns ins Landesinnere zu einem vorbereiteten Lager am Waldrand bringen soll. Leider ist es aufgrund eines heftigen Regenschauers schon dunkel, als wir endlich in die Ausläufer des Waldes gelangen, was unserem einheimischen Führer die Gelegenheit gibt, einfach zu verschwinden. Falsam erzählt, die „Ureinwohner“, die vor fünf Jahren von den Darianern angetroffen wurden, seien nichts weiter als Schiffbrüchige gewesen, die sich schon längere Zeit auf der Insel durchgeschlagen hätten. Wir stehen also im nachtschwarzen Wald, und das ist umso ärgerlicher, weil Falsam eindringlich vor dem Flirren und Schimmern gewarnt hat, das auch hier die Risse zu anderen Orten und Zeiten anzeigt. Tatsächlich finden wir nach einiger Zeit zu einem solchen Riss, um den eine Menge Leute stehen. Da die Welt ein Dorf ist, handelt es sich um den Clan O’Brian samt Kendril und einigen Seeleuten, die es auf das Kopfgeld von Aroben abgesehen haben. Sie schwärmen von den 1000 Dukaten, und niemand hat große Lust, sie über den Irrtum aufzuklären, dass es eigentlich 10.000 sind. Auch diese Gruppe wurde von ihrem Führer im Stich gelassen. Mit Falsams Hilfe gelangen wir schließlich doch noch zum vorbereiteten Lager und richten uns häuslich ein. Da kommen die wirklichen Ureinwohner ins Lager, es stellt sich bald heraus, dass es sich um Kernländer handelt, die sich hier Angyagi nennen. Wie und wann sie hergekommen sind, bleibt vorerst ein Rätsel. Ihr Schamane heißt Ulsar, der ja erstaunlicherweise eigentlich einer ihrer Götter ist. Die es nach ihrer Aussage inzwischen nicht mehr gibt, übrig sei nur noch Yag, die Große Urmutter. Und man versteht ihre Sprache erst, wenn man wahlweise einen Pilz gegessen oder an einer Kröte geleckt hat. Aber das nur für die Volkskundler am Rande.

Ulsar weist uns eindringlich darauf hin, erst die Blyska um Erlaubnis zu fragen, bevor man den Wald betritt. Er kann sie für uns herbeirufen, und tatsächlich erscheinen nach kurzer Zeit drei elbenartige Wesen, die sich auch so benehmen. Ihre Aussage ist klar: Wir können uns den Weg in den Wald erkaufen, wenn wir genügend Ameryll herbeischaffen.

Während ich im Zelt meine Aufzeichnungen in Ordnung bringe, stürmt ein Gruppe Schwarzgekleideter zum Lagerfeuer und zerrt Magister Falsam mit sich. Das geht so rasch und geplant vor sich, dass auch unsere aufgestellten Wachen viel zu spät reagieren und die Aktion so schnell wie ein Spuk vorbei ist. Es beginnt wieder zu regnen, und eine Verfolgung der Spuren scheint aussichtslos.

Kurz darauf erreicht ein darianisches Paar unser Lager, das auf der Flucht vor den Schwarzgekleideten ist. Sie erzählen, dass sie aus einem benachbarten Ameryllsammler-Lager kommen, das überfallen wurde, und die dortigen Nexus-Magier ebenfalls entführt wurden. Außerdem beschreiben sie ein Banner: Rabe und Bär. Aroben ist also vor uns angekommen! Und er hat eine ganze Kiste voller Ameryll mitgenommen. Was hat er vor? Besorgt gehe ich zu Bett.

Am nächsten Morgen brechen also verschiedene Trupps auf, um Ameryll zu sammeln. Dabei wird auch eine Notiz gefunden, eindeutig in Arobens charakteristischer Handschrift: Jemand wird angewiesen, weiterhin Informationen über uns zu liefern. Haben wir einen Verräter im Lager? Außerdem ist die Rede von einem Apparatus, der ihm erlaubt, die Nähe der Blyska zu erkennen und sie zum umgehen.

Als wir der Meinung sind, genug Ameryll gesammelt zu haben, treten wir mit den Blyska in Verhandlung. Hat Aroben auch Ameryll geliefert? Ja, und zwar in solcher Menge, dass er sogar eine Audienz bei ihren „Oberen“ bekam. Mehr ist nicht zu erfahren. Sie erlauben uns ebenfalls, den Wald zu betreten, und: Als ich ihnen die Notiz Arobens zeige, müssen sie erkennen, von ihm hintergangen worden zu sein. Sie sind nämlich besorgt darüber, dass er sich inzwischen in der „Halle der Echos“ verschanzt hat. Wir kommen zu einem Geschäft: Helft ihr uns, helfen wir euch! Sie bringen uns daraufhin eine Art Wegweiser, mit dem wir uns angeblich durch die „Echos“ im Wald bewegen können. Vermutlich meinen sie die Risse. Schamane Ulsar nimmt ihn an sich und wir brechen auf.

Kurz danach treffen wir auch schon auf das erste „Echo“: Nach einiger Verwirrung erkennen wir eine Szene, die wir vor zwei Jahren in einem Weiler in Dracconia erlebten. Die Dorfbewohner schienen unter einem Bann zu stehen. Als wir sie davon befreiten, verloren alle ihr Leben, eine schlimme Sache. Doch offenbar sollten wir hier die Möglichkeit erhalten, es besser zu machen. Nach einem ersten, wiederum gescheiterten Versuch bricht Martin Dorn zusammen. Auch andere, die dabei waren, verlieren massiv an Kraft. Mit jeder weiteren Version einer Lösung des Dilemmas werden die Betroffenen schwächer, bis es uns endlich gelingt, den Tod der Dorfbewohner abzuwenden.

Schon bald darauf treffen wir auf weitere „Echos“, immer wieder Erinnerungen von Anwesenden, die an einer Aufgabe gescheitert sind oder sich falsch entschieden haben. Und wir erkennen: Jeder Versuch kostet diejenigen, die sich erinnern, weitere Lebenskraft. Zahlreiche Echos gilt es zu meistern, und wir geraten dabei immer weiter zurück in die Vergangenheit. Die Erinnerungen verblassen immer mehr, die Betroffenen werden immer weniger, bis es sich nur noch um einmal gehörte Geschichten handelt. Als es dunkel wird, kommen wir immer mehr in Sagen und Erzählungen und können uns nur noch auf unser Gefühl verlassen.

Erstaunlich ist eine Erinnerung, die nur die Gelehrten zu deuten wissen: Die Flucht des Scherbenmanns zur Zerbrochenen Stadt soll verhindert werden, was dadurch gelingt, dass wir ihm uns einig entgegenstellen und er das Portal nicht erreicht. Gerade hier oder wenn Gwon oder Rabe mitmischen, haben wir jedoch das unbestimmte Gefühl, mehr als unsere Erinnerung zu revidieren. Verändern wir etwa gerade die Vergangenheit?

Außerdem gelingt es uns wiederum nicht, zu verhindern, dass Aroben durch Rabes Betrug „Gwons letzte Rast“ verlässt, da niemand weiß, was dort wirklich passiert ist. In einer Erinnerung treffen wir wieder auf Rabe, der sich erbittert darüber beschwert, dass alle nur von ihm wollen, aber niemals danken. Er wünscht sich, ebenfalls in Schreinen verehrt zu werden. Offenbar wurde ihm das von Aroben nach dessen Machtübernahme zugesagt. Ritter Martin Dorn ergreift die Gelegenheit, mit ihm zu verhandeln, und sagt seinerseits Unterstützung zu. Ob Rabe darauf eingeht, ist nicht ganz klar. So lange Aroben die Hilfe Rabes hat, ist er kaum zu besiegen, wir müssen beide voneinander trennen. Wenn es jemandem gelingen sollte, Aroben zu töten, müsste unbedingt Gwon als erster zur Stelle sein, der ihn sicher vor Helios bringt. Da zaubert Ritterin Mirabella eine Feder Gwons hervor, die sie seit Jahren mit sich herumträgt! Manchmal sind einem die Götter gewogen… die Reise durchs Labyrinth der Echos geht weiter.

Vielleicht drei oder vier Anwesende wissen noch das grauenhafte Zirpen und Klacken sofort den Mantiden zuzuordnen, weshalb wir deren Angriff glücklicherweise schnell abwehren können. In einem weiteren Echo taucht eine Wache aus dem unheimlichen „Fliranstett“ auf und verteilt Steckbriefe der Nexus-Magister, darunter aber auch einen von Adveri. Während ich noch darauf hinweise, dass da jemand einen argen Fehler in seiner Erinnerung hat, erscheint eine Art Alchemistenkammer. Es dauert ein paar Augenblicke, bis ich die Szene erkenne, die ich so oft in der Akte Beridhan gelesen habe: Der Tod Arobens, verursacht durch den Barden Lukan. Wir helfen diesem, die brennende Tür zuzuhalten und erleben den einstigen, dramatischen Tod Arobens. Während wir noch über das Erlebte reden, erfolgt ein Angriff, den nahezu alle zuerst für ein weiteres Echo halten: Der Anführer sieht aus wie Aroben, den ich in Corenia gesehen habe, auch die Kleidung passt. Das ist die Gelegenheit: Ich lande einen ordentlichen Bauchtreffer, doch er trinkt etwas (Heiltrank? Essenz?) und flüchtet in die Dunkelheit. Wir nehmen die Verfolgung auf, er wird nach kurzer Zeit gestellt und von mehreren Schwerthieben niedergestreckt. Seine letzten Worte sind „Aroben wird ewig leben“. Ich ziehe die Feder heraus und rufe Gwon. Dieser erscheint tatsächlich vor mir und sagt „Ich nehme ihn gerne mit. Aber das ist nicht Aroben. Das ist Adveri.“

Wie konnte das passieren? Wir waren so nahe dran. Wo ist Aroben? Es ist zum Verzweifeln!

Recht unerwartet taucht Magister Falsam wieder auf: Nachdem seine Bewacher fort waren, konnte er sich selbst befreien. Er zeigt uns Zeichnungen, die er von der Hafenmole in Dedekistan gemacht hat: Neben der bereits bekannten Flöte und dem Amulett ist dort ein Geweihtenstab eingraviert, bei dem es sich um den „Echo-Stab“ handeln soll. Nach Aussage der Blyska hat ihn Aroben aus der Halle der Echos gestohlen, die voller alter Artefakte ist. Die Nexus-Magier bitten uns, das Aussehen des Stabes vorerst geheim zu halten, weshalb ich ihn hier nicht weiter beschreiben werde.

Nun gilt es, Aroben zu finden, der noch nicht weit sein kann. Magister Quendan nimmt dazu eine Probe von Adveris Blut und stellt die Resonanz zu Aroben fest, da die beiden ja verwandt waren. Magister Falsam führt uns sicher durch Wald, am Ende sehen wir ein Schimmern vor uns. Ich schleiche ein Stück vorwärts und sehe einen Riss. Davor steht ein junger Mann, der mit dem geraubten Echo-Stab auf den Boden stößt und zunehmend verzweifelt wiederholt „Ich erinnere mich an den Riss in Corenia“. Schnell wird er entwaffnet und der Stab gesichert. Zu meiner Verblüffung handelt es sich um den deutlich verjüngten Aroben, der ruhig lächelnd sein Schicksal erwartet. Offenbar zählt er immer noch auf Rabes Gunst. Letztlich stehen Martin Dorn und ich vor der Entscheidung, wer von uns der Sache ein Ende macht. Martin betet und setzt das „Auge des Helios“ ein, und das Amulett richtet mit Helios Kraft den Mörder und Verräter mit gleißendem Strahl. Etwa ein Dutzend Zeugen wohnen dem Urteil bei. Ich stelle ordnungsgemäß Arobens Tod fest und nehme sein Rabenbanner an mich.

Zeitgleich tauchen Rabe und Gwon auf, doch wider Erwarten gibt es keinen Streit: Beide nehmen Arobens Seele in ihre Mitte. Bevor sie verschwinden, kann ich Rabe noch deutlich sagen hören: „Sei mein Gast!“ Nach reiflicher Überlegung denke ich, dass er damit nicht Aroben gemeint hat (und die ganze Gaukelei wieder von vorne beginnt), sondern Gwon, was auf ein Versöhnungsangebot schließen lässt. Dies mögen aber die Geweihten verifizieren. Was Arobens Verjüngung angeht, sind die Gelehrten der Meinung, dass er mithilfe des Echo-Stabes unsere Erinnerungen bewusst hervorgerufen hat, um unsere Lebensenergie für diese Verwandlung zu nutzen. Das würde auch Adveris letzten Satz erklären, da Aroben zeitlebens vom Wunsch nach Unsterblichkeit besessen war.

Leider ist es bereits spät in der Nacht, als ich den anderen Teil meines Auftrages erfüllen kann: die offizielle Landnahme der nördlichen Hälfte Redonias inklusive des zentralen Waldes für das Herzogtum Ostarien. Eine handvoll Zeugen findet sich noch bereit, dem urkundlichen Akt beizuwohnen. Ich verlese die vorgeschriebenen Worte und heiße die Flagge des Herzogtums. Ritter Martin Dorn vom Orden des Lichts bezeugt mit seiner Unterschrift die ordnungsgemäße Durchführung.

Lang lebe Herzog Angilbert I.! 

Großes Zeremoniell in Ankur

Schon seit 3 Tagen war die Stadt im Aufruhr. Offiziell wusste niemand etwas, aber unter der Hand raunte man es von den Docks bis zur letzten Amtsstube der Schustergasse: Zur Mittagsstunde auf dem Admiralitätsplatz! Am 8. Tag des 2. Xurlmondes! Da gibt es was zu sehen!

Kein Aushang kündete davon, kein Ausrufer tat es kund. Es war ja nur eine interne Sache der Ostarischen Marine. Nur etwas militärisches Klimbim, Formalitäten. Trotzdem waren die Straßen gefegt und mit Wimpeln geschmückt. Die Bürger hatten die guten Hemden aus dem Schrank geholt und die vorsorglich aufgebauten Absperrungen auf dem Admiralitätsplatz waren keine vergebene Mühe, denn der Platz füllte sich mehr und mehr. Bereits zur elften Stunde ließen die Büttel niemanden mehr ein, so voll war es bereits.

Selbstverständlich pünktlich zur zwölften Stunde begann, was von allen erwartet worden war. Unter Begleitung eines Spielmannszuges marschierten Schiffsbesatzungen von Hafen herauf zum Admiralitätsplatz. Aber es waren nicht irgendwelche Besatzungen. Die Frauen und Männer der Redon, der Brassach und der Wellenreiter marschierten heran, angeführt von niemand anderem als von Kommodore Kielholer höchst selbst. Die Expeditionsflottille! In Paradeuniform! Es wurde im Aufstellung genommen, den Blick zum Gebäude der Admiralität gerichtet.

Einige hohe Offiziere traten aus dem Gebäude heraus, namentlich der Admiralssekretär der Ostarischen Marine Wolfgrimm von Nigramsfall, der Kommandant der Brazachflotte Winderon von Norderstedt, der Obrist des Seesoldatenregiments Willmann von Hartland, und der Kommandant der Kolonialflotte Hinrich von Harkenberg. Man nahm Aufstellung und in einer komplexen Abfolge wurden nur Befehlsschriften verlesen und Dokumente ausgetauscht. Kielholer trat vor, auch ihm wurden Befehle verlesen und Dokumente überreicht. Und so sehr die Menge der Zuseher lauschte, es war kaum zu verstehen, was vor sich ging. Doch endlich trat Admiral von Harkenberg vor und verlas mit fester Stimme einen Text, der den anwesenden Seeleuten bereits bekannt zu sein schien.

„Aufstellungsbefehl

Die Admiralität zu Ankur erlässt in Abstimmung mit Baron Jareck von Jolberg, erstem Seeherrn von Ostarien und mit ausdrücklichem Wohlwollen seiner Durchlaucht, Herzog Angilbert I. von Ostarien folgenden Aufstellungsbefehl:

  1. Die vor 20 Jahren interimsweise aufgestellte 1. Ostarische Expeditionsflottille wird mit sofortiger Wirkung aufgelöst.
  2. Die Schiffe Brassach (Brassachflotte), Redon (Kolonialflotte) und Wellenreiter (Jolbornflotte) werden aus ihren bisherigen Flotten dauerhaft herausgelöst.
  3. Zum 4. Tag des 2. Xurlmondes 53 n.A.H. III wird die 1. Expeditionsflottille mit oben genannten 3 Schiffen als dauerhafte und ordentliche Einheit der ostarischen Marine neu aufgestellt.
  4. Das Kommando trägt Xurlsen Kielholer, der Dienstgrad wird von Kommodore (interimsweise) auf Kommodore (ordentlich) geändert.
  5. Die neu aufgestellte Einheit übernimmt die Tradition, Hierarchie und Ordnung der alten Einheit nahtlos.
  6. Heimathafen der Expeditionsflottille ist der Kriegshafen des Herzog-Uriel-II-Atolls.
  7. Organisatorisch wird die Expeditionsflottille der Kolonialflotte unterstellt.
  8. Die bedarfsweise Zuordnung der Schiffe Brassach und Wellenreiter zur Drachenheinsch-Ostarischen Allianzflotte ist von diesem Vorgang unangetastet.
  9. Der formale Aufstellungsappell findet am 8. Tag des 2. Xurlmondes 53 n.A.H. III zur Mittagsstunde auf dem Platz der Admiralität in Ankur statt, es wird das vollständige Antreten der Besatzungen erwartet.
  10. Details werden in separaten Ausführungsbefehlen geregelt.“

 

Die Menge der Bürger, an die diese Verlesung ganz offensichtlich gerichtet war brach in euphorischem Jubel aus. Als nach minutenlangen Beifall wieder Ruhe eingekehrt war ging der Blick der vor der Truppe stehenden Kommandanten hinauf zum Balkon des Admiralitätsgebäudes, von wo aus Herzog Angilbert I höchst selbst nebst der Erzvogtin Walluma und dem Ersten Seeherrn Jareck von Jolberg dem Zeremoniell beigewohnt hatten.

Mit knappen, aber sehr freundlichen Worten lud der Landesherr das Offizierskorps zum Empfang, während für die Mannschaften die Messe der Marinegarnison bereitet war.

Daraufhin marschierten die Besatzungen unter schneidigen Befehlsrufen und Jubelbekundungen ab.

2 Tage später liefen die 3 Schiffe der neu aufgestellten, nun permanenten Expeditionsflottille begleitet von 2 Schiffen der Kolonialflotte aus, um ihren neuen Heimathafen auf dem HUII-Atoll anzulaufen.

 

Feierlicher Beschluss für den Bau des neuen Jaruner Hafens

Aufgrund der vielen Schiffe und Handelsboote, die den Brazach flussauf und -ab befahren, legen immer mehr von ihnen im sicheren Hafen von Jarun, der Hauptstadt der Baronie Güldental an. Der alte Hafen, der vor allem für die Fischer und Flusshändler der Stadt selbst angelegt worden war, ist zu klein geworden, so dass es immer häufiger vorkommt, dass Boote in zweiter oder dritter Reihe angebunden werden müssen und es viele Manövriermanöver benötigt, wenn Boote auslaufen wollten.

Schließlich wurde das Gedränge so groß, dass die Hafenmeisterei, zusammen mit dem kleinen Rat der Stadt einen Plan zur Erweiterung des Hafens fassten, der Prinz Anselm von Thal, Baron von Güldental, Freiherr von Jaredon, die Provinz, in der die Stadt liegt, vorgelegt wurde. Dieser Plan sieht vor, nicht noch weitere Stege am Brazachufer zu bauen, da diese den Schiffsverkehr behindern könnten, und in harten Wintern von Eisschollen beschädigt werden. Am westlichen Ende der Stadt sieht der Plan vor, ein neues Hafenbecken auszuheben und mit einem Damm und einer befestigten Mauer vom Fluss abzutrennen und nur eine drei Schiffsbreiten große Verbindung zum Fluss offen zu lassen. So entstünde ein strömungsfreies Becken, in dem Schiffe in ruhigem Wasser sicher be- und entladen werden können. Zusätzlich sind Flächen für Lagerhäuser, Handelskontore und Handwerksstätten vorgesehen, sowie der Bau von Schreinen aller vier ogedischen Götter, damit jeder Händler, Hafenarbeiter, Flussschiffer, Handwerker, Reisende und alle anderen ihr Tagwerk unter dem Schutz der Viere verrichten können und jeder nach getaner Arbeit gesund nach Hause kehrt.

Finanziert wird diese Maßnahme von der Stadt, sowie vom Prinzen selbst, der zu diesem durchdachten Plan mit sichtlichem Wohlwollen seine Zustimmung gab. Die Unterzeichnung aller notwendigen Verträge fand unter freiem Himmel auf dem Jaruner Marktplatz statt, vor den Augen vieler Zuschauer. Das Projekt wurde von Geweihten aller vier Götter gesegnet. Im Anschluss wurde im Jaruner Rathaus festlich aufgetafelt. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete ein Ball auf dem Jaruner Schloss des Prinzen.

Langfristig tragen wird sich das Projekt durch Liege- und Umschlaggebühren, sowie durch die Einnahmen aus Zöllen und der Ansiedlung neuer Handwerker. Ohne die Großzügigkeit seiner Hochgeboren Prinz Anselm von Thal hätte dieses für die Baronie und Stadt so wichtige Vorhaben nicht so schnell und nicht in dieser weit vorausblickenden Ausführung in Angriff genommen werden können.

Helio Gratia,

Lang lebe Prinz Anselm

Die Hexe

Am Abend wurde sie gefasst
Die Schlinge hängt an starkem Ast
Der Scheiterhaufen ist geschichtet
Gleich morgen früh wird sie gerichtet
Sie ist so hilflos und so klein
Sie werden böse zu ihr sein
(Böse sein, ja)

Kehrreim:
Du willst
Du willst die Hexe
Du willst die Hexe nicht
Du willst die Hexe nicht peinigen
Du willst die Hexe nicht steinigen
Sie durch das Feuer nicht reinigen
Du willst Dich mit ihr vereinigen

Du warst als Häscher mit dabei
Gewissen lastet schwer wie Blei
Tief in der Nacht schleichst Du zum Anger
Allein steht sie halb nackt am Pranger
Du löst den Strick um Leib und Bein
Du weißt, sie kann nicht böse sein

Kehrreim: Du willst…

 

Zum Richtplatz ruft des Hornes Ton
Ein Schrei: Die Hexe ist entflohn
Wo warst Du heut vor Morgengrauen?
Man sagt, Du magst die Zauberfrauen
Sie greifen Dich, sie sperrn Dich ein
Denn einer muss der Böse sein

Kehrreim: Du willst…

Nun stehst Du selbst am Pfahl gebunden
Es rinnen Deine letzten Stunden
Die schwarzen Wolken tiefer drücken
Die Menge brüllt schon voll Entzücken
Der Regen prasselt auf Dich ein
Sie werden böse zu Dir sein

Kehrreim: Du willst…

Vom Himmel blitzt ein Strahl aus Licht
Er löst das Seil, doch brennt Dich nicht
Empor dich zarte Hände ziehen
Auf schnellem Besen zu entfliehen
Weit hinter Euch verklingt das Schrein
Warum muss einer der Böse sein?

Kehrreim neu:
Du wirst
Du wirst die Hexe
Du wirst die Hexe nicht
Du wirst die Hexe nicht peinigen
Du wirst die Hexe nicht steinigen
Sie durch das Feuer nicht reinigen
Du wirst Dich mit ihr vereinigen
Immer wieder vereinigen

Der Handelsprophet (HB 86)

Die Kanäle sind zugefroren. Die Märkte sind leer. In den Wochen um die Crelldinornacht tut sich wenig im Handel. Einzig die Tavernen sind voll und haben einen reißenden Umsatz zu verbuchen. Alles hofft darauf, dass Saarka nicht noch rauher wird.

Die unverzichtbare Liste des guten Geschmacks (HB 86)

Was sich schickt:

  • Gefüllte Tavernen
  • Lange Nächte
  • Gefüllte Feuerholzvorräte
  • Fleißige Schreiber und Bibliothekare

Und was nicht:

  • Leere Märkte
  • Kurze Tage
  • Eiseskälte
  • Verspätete Rückmeldungen

Neu-Esclarwehr – Eine stille Beerdigung

Das Tiefländerlehen Artir in Luchnar ist ja jüngst endlich gegründet worden, mit Eylwine von Kastelmond (früher Esclarmond) als herrschender Freifrau. Die Vorbereitungen liefen aber bereits seit Jahren. Als Hauptorte geplant waren Rotmark im Nordwesten und Neu-Esclarwehr im Südosten Artirs.
Rotmark sollte nahe der Grenze zur Baronie Flaitney liegen, unweit der Querstraße Q1, die Luchnar mit Flaitney verbindet. Neu-Esclarwehr sollte einige Meilen weit vom ehemaligen Esclarmond (neu Caistlemond) mit der Feste Esclarwehr entstehen, im Hinterland, am Rande von Feldern und Wald.
Nach Rotmark/Ruadhmora, wie es heute offiziell heißt, zog ein Gutteil der Tiefländ-Hochländer aus Norden und Mitte Luchnars. Die Lage fast in Sichtweite der Hochland-Querstraße war attraktiv, man wunderte sich fast, dass es dort noch keinen grenznahen Ort gab. Rotmark ist nach nur wenigen Jahren aktuell bereits die sechst- oder siebtgrößte Siedlung Luchnars.
Beim geplanten Neu-Esclarwehr wurden zwei Holzschuppen errichtet, um Baumaterial für die Siedlung zu lagern. Danach geschah dort kaum mehr etwas.
Die in Caistlemond verbliebenen Tiefländer zeigten wenig Lust, sich in einer kleineren, wirtschaftlich noch zu etablierenden Siedlung niederzulassen, wo sie doch in Caistlemond alles hatten, was sie brauchten. Wenige zogen nach Rotmark, einige auf die halb entvölkerte alte Feste Esclarwehr, einige blieben einfach in ihren Häusern nahe der Feste.
Die Lagerschuppen wurden schließlich in Speicher für Getreide und Feldfrüchte umgewandelt, die auf den Feldern der Umgebung ja dennoch angebaut werden mussten. Das schon gelieferte Baumaterial wurde für eine kleine Hütte verwendet, wo zur Erntezeit Feldarbeiter übernachten können. Wer hier nicht unterkommt, schläft einfach auf dem Heuboden. Die Leute nennen den Ort unter sich Feldhütte, vielleicht entsteht hier irgendwann einmal eine kleine Siedlung. Das eigentliche Projekt Neu-Esclarwehr wurde stillschweigend beerdigt.
Caistlemond ist als Caistlemond / Kastelmond heute der einzige Ort Luchnars, wo eine relevante Anzahl Tiefländer unter den Hochländern wohnt. Das Nioch gehört zum MadUaine-Gebiet, aber seine tiefländischen Bewohner und die ehemalige Feste werden zum Lehen Artir gerechnet. Das untere Stockwerk der Feste wurde von Eyllinde von Kastelmond (Schwester von Freifrau Eylwine) in eine Art Markthalle umgewandelt, mit Taverne, Schule, Heilerstube und verschiedenen Läden. Der sperrige neue Name Tych Caistlemond / Haus Kastelmond wird mittlerweile im Volksmund zu Tych Haus abgekürzt.
Wenn es einen Ort gibt, wo sich Hochland und Tiefland zu etwas Eigenständigem vereinigen könnten, dann ist das hier. Doch bleibt das abzuwarten. Erzwingen kann man im Hochland gar nichts.

Die verschlossene Kammer

Im Schankraum des Gasthauses zum Goldenen Stechapfel auf der Drachentrutz, an dem langen Ecktisch, der den Butzenscheiben zugewandt ist, die über dem steilen Hang hinunter zum Fluss liegen und auf denen die Wappen der Drachentrutzer Stutzer abgebildet sind, treffen sich abends gerne die Meister der Zunft der Eisengräber auf der Drachentrutz, die die Stempel und Sigel schneiden sowie Gravuren fertigen. Diese versehen ein Handwerk, das den hohen Herren auf der Drachentrutz oft zu Diensten ist und ihr Umgang mit denselben versetzt sie in die Lage, besser Kunde zu geben als andere und das eine oder andere zu erfahren, was sonst im Halbdunkel der Kanzleien und Schreibzimmer hoher Herrschaften verbliebe. Bei meiner Verrichtung in dieser Taverne nun hörte ich zuletzt den Alt-Zunftherrn Scheidner eine Geschichte erzählen, die es wert ist, hier niedergeschrieben zu werden:
Der Altherr erzählte bei einem dunkeln Bier, dass ihm der jüngst verstorbene Altknecht Wilbrod kurz vor seinem Ableben eine seltsame Kunde übermittelt habe, die ihm immer noch zu denken gebe. Wilbrod war vor etwa 10 Jahren in seinen Dienst getreten, um sein Altenteil zu verdienen, zuvor war er lange Geselle beim Hohen Zunftmeister Eisenbrecher gewesen, ehe der verstorben war. Zunftherr Scheidner nun berichtete Folgendes:
„Der Wilbrod, ich sags Euch, der kannte viele Geschichten und mehr, als manch einer denkt, denn er war lange im Haus des Eisenbrecher und der schnitt früher dem alten Drachen, seiner Durchlaucht Waldemar, die Sigel und Zierrate – da mag manches Wort gesprochen und gehört worden sein, das nicht für die Ohren eins jeden Gesellen bestimmt gewesen!
Aber diese Geschichte, die hat es in sich, und ich frage mich, was sie bedeuten mag: Der alte Wilbrod erzählte sie so, wenngleich nach einem Schnaps ein wenig ausgeschmückter:
„Als ich im Haus des Zunftherrn Eisenbrecher diente, hatte ich auch die Obhut über eine ganz sonderbare Sache: Es gab im Erdgeschoss, im hinteren Teil des Hauses – zur Stadtmauer hin, ein Zimmer, das stets verschlossen gehalten wurde. Nur manchmal wurde ich angewiesen, diesen seltsamen Raum mit einem großen Kamin einzuheizen und eine große Laterne, welche im Raum darinnen, mit Kerzen zu bestücken, was ich auch stets getreulich tat. Der Raum war einigermaßen schmucklos, aber in ihm standen Tisch und Stühle sowie ein Schrank, der verschlossen. Auch ein verriegelter Sekretär befand sich darin. An der Wand hingen Felle und ein großer Gobelin, der mir in guter Erinnerung ist, da er einen großen Drachen zeigte. Manchmal nun bekam ich am Morgen, nachdem ich dort eingeheizt hatte, den Auftrag, in dem Raum zu räumen und dann fand ich dort zuweilen Gläser oder eine leere Platte, als wäre jemand zum Mahl hier gewesen. Fast immer fanden sich Kerzenstummel und hin und wieder auch Krümel, wie sie beim Glätten eines Pergaments entstehen, und einmal fand ich einen abgebrochenen Federkiel am Boden liegen. Es bestand kein Zweifel, jemand musste in der verschlossenen Kammer gewesen sein – wohl die halbe Nacht – aber ich schwöre bei dem Einen, niemand ist ins Haus gekommen in jenen Nächten und die Herrschaft schlief vorne raus! Auch war der Raum ja stets verschlossen, es sei denn, der Herr gab mir den Schlüssel, zum Richten und Räumen, den er ansonsten stets bei sich trug.
Das alles war recht seltsam, und ich konnte mir lange nichts darauf reimen, aber einmal gab es doch noch etwas: Es war die Zeit des schlimmen Krieges in Drachenhain und keiner auf der Feste wusste, wie es ausgehen würde. Der Fürst Waldemar war verschwunden und der junge Herr Leomar schien die Oberhand zu behalten. Die Schlüssel der Trutz selbst jedoch waren noch beim Kanzler, Giselher von Mühlenheim, von dem man sagte, er sei weniger nach außen als nach innen herzlich. Nun, es waren schwere Zeiten, aber davon wusste ich nicht viel, ich hatte wieder den Kamin im Raum zu feuern und ich tat, wie mir geheißen, die Scheite glommen aber nicht recht und ich half mit Reisig nach, das rauchte aber stark, und ich brauchte dadurch länger. Auch wollte ich die Türe aufstellen, damit der Rauch besser abzog, was ich tat. Ich nahm mir vor, sie ein wenig offen zu lassen, und setze mich neben sie in den dunklen Hausgang, um zu warten. Dabei allerdings muss ich eingenickt sein, denn – im Schatten sitzend- wurde ich von einem Rums geweckt: Jemand hatte die Türe zugezogen und – klirr – den Riegel von innen davor gelegt. Ich wusste nicht, wie mir geschah, aber obwohl ich mir nicht erklären konnte, wie jemand in den Raum gekommen sein konnte, ohne an mir vorbei zu gehen und mich also zu entdecken – darob war mir mulmig -, blieb ich vor der Türe sitzen, ja mehr noch, die Neugier zwang mich, an der Tür so gut es ging zu lauschen. Ich hörte bald, dass wenigstens 2 Leute im Raum waren – offenkundig Männer. Sie sprachen miteinander, mal zu leise, um etwas zu verstehen, mal aber auch recht nah an der Tür, so dass ich deutlicher hörte, was gesprochen wurde. Mal sprachen die beiden erregt, mal ruhiger, aber einige Dinge konnte ich verstehen. Beide Stimmen zügelten sich offenbar nur mühsam und waren gewohnt, dass ausgeführt würde, was sie befahlen. Fetzen drangen so an mein Ohr: „Der Fürst….!“ „Nicht Euer Diener!“ … „Gedenkt des Schwurs…“… . Das ging eine Weile so und ich wusste das alles nicht recht zu deuten. Dann jedoch schien man sich zu einigen und nahe der Tür hörte ich sprechen: „Wohlan denn, Herr, wenn Ihr haltet, was ihr mir hier und heute für mein Haus verspracht, dann will auch ich meinen Teil des Handels halten und Euch Dienst leisten und Euch zu Willen sein.“
„So sei es, ich werde Euer dreierlei viergläubiges Geheimnis nicht preis geben und es wird für sie durch ein Allod auf der Feste gesorgt werden, das schwöre ich! Beachtet ihr Euren Teil der Abmachung, dann werdet ihr stets in meinem Dienste bleiben und Eure Macht wird größer sein als eh“.
„Das sollt Ihr mir siegeln!“
Dann sprach man an entfernterer Stelle weiter und auf einmal vernahm ich Worte des Abschieds. Schon hörte ich den Riegel zurückschieben… So überrascht war ich, dass ich mich nicht in Sicherheit bringen konnte und schon glaubte, meine Neugier sei mir allzu leichtfertig zum Verhängnis geworden, doch nichts dergleichen. Es ging niemand aus dem Zimmer!!!
Ich wartete dann am Fuße der Stiege, um rasch hoch zu schlüpfen, jedoch es kam niemand! Ich konnte es nicht glauben.
Am Morgen musste ich die Kammer räumen und offensichtlich hatte ich nicht geträumt, denn ich fand zwei Kelche und auch eine Petschaft frischen Wachses, ein Siegel schien gebrochen worden, darauf war noch ein halber Drache zu erkennen. Mehr ließ sich nicht deuten.
Beim Einen, das Ganze war eine seltsame Geschichte, aber es waren seltsame Zeiten. Wie indes die Herren die Stube verlassen, das vermag ich bis auf den heutigen Tag nicht zu sagen….“
So sprach Wilbrod, Knecht im Haus Eisenbrecher, und so sprach Zunftherr Scheidner und ich, Ernfried Bolzendreher, Schankgeselle im Goldenen Stechapfel, habe es aufgeschnappt.

Neunstadt Laurenat und das Fürstentum vertiefen ihre Beziehungen

Der Ausspruch „Die Laurenater sind dem Wesen den Drachenhainern am nächsten!“ kann zwar keiner bestimmten Person zweifelsfrei zugeordnet werden, doch veranschaulichen die Worte exakt das, was im Umgang miteinander – vor allem im Vergleich zu den unterschiedlichen südstuerener Allianz- und Subsidienvertretern – offenkundig ist: Man versteht sich!
Es ist beispielsweise kein Gerücht, dass Stadtvicaria Yasara von Hintergart und das Fürstenpaar einander auch öffentlich mit „Du“ anzusprechen pflegen und insbesondere die Fürstgemahlin, Baronin Leabell von Tlamana, sich eines regen Briefwechsels mit der Stadtoberen befleißigt.
Zusehends macht sich diese Nähe auch auf merkantiler und höfischer Ebene bemerkbar. So kam es zur Eröffnung von Handelsniederlassungen sowohl in der Neunstadt als auch auf der Feste Drachentrutz. Hierzulande erfahren insbesondere die Laurenater Glyptiker, mit ihrer phantastischen Gemenschneidekunst, beständigen Zuspruch, aber auch Camaieu-Maler und Celadon-Keramiker – gekennzeichnet mit dem Laurenater Rufhorn – erfreuen sich enormer Beliebtheit. Hinter vorgehaltener Hand ist gar von der Sondierung einer gemeinsamen Handelsgilde die Rede.
Dem nicht genug, vertraute Stadtvicaria Yasara der Fürstgemahlin jüngst sogar ihre älteste Tochter als Gesellschafterin an, um sie in Heligonia bei Hofe einzuführen. Dem Vernehmen nach verstehe diese sich insbesondere mit Prinzessin Lenia von Ardelun.
Dass diese Entwicklung sehr zum Missfallen des historischen Rivalen Ossiaris ausfällt, liegt auf der Hand und wird an entsprechenden Stellen der Stadt oft und gerne gerügt. „Eifersüchteleien“, die Schwertführer Ritter Samuel von Turlach als Stadtprotektor und seine Gemahlin Ildari von Ossiaris bislang virtuos mit Hinweis auf die Fokussierung der eigenen Belange einzudämmen wissen.

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