Baron Leomar von Tatzelfels sorgt sich um seine Zukunft. Wie schon seit langer Zeit bekannt ist, liegt ein Fluch über ihm, der es unmöglich macht seine Heimat zu betreten. Da seiner Hoheit viel daran liegt den Fluch zu brechen, wendet er sich hiermit an alle fähigen Gelehrten, um deren Hilfe zu erbitten. Sollte dies gelingen, so wird der Baron sich sehr erkenntlich zeigen
Publikation: Helios-Bote Seite 26 von 34
Der Sohn von Earl Arthur of Darkenwood verweilt derzeit auf Burg Tatzelfels. Gerüchten zufolge versuchen die beiden Herrscherhäuser Handelsbeziehungen aufzubauen. Der genaue Inhalt dieser Gespräche konnte jedoch nicht in Erfahrung gebracht werden.
Aufgrund der galoppierenden Inflation des alten Thaler-Gulden wurde dieser abgeschafft. An seiner Stelle wird nun der Dukaten eingeführt. Damit diese schwierige Aufgabe zur Zufriedenheit aller erfüllt werden kann, bekleidet Asgrimm Goldschild den Posten des Reichskämmerers. Bei ihm können auch fremde Währungen eingetauscht werden
Ein blutroter Streifen am Horizont über der Wüste im Westen war alles, was noch an den brütend heißen Tag erinnerte. Die Dämmerung war kurz in Darbor, der alten Hafenstadt Darians, und wie immer um diese Zeit kam vom Meer her eine frische Brise auf.
Nach der allmonatlichen (und wie gewohnt herausragend einzigartigen) Rede ihres geliebten Herrschers Graf Dedekien waren die Straßen noch immer gefüllt von glücklichen Menschenmassen, deren Euphorie sich langsam in wohlige Zufriedenheit wandelte, als man die kühlen Dachterrassen aufsuchte, um dort das müde Haupt zu betten. Leise Stimmen erfüllten die von Saarkas Sichelmond erhellte Nacht, sporadisch durchmischt von einem Lachen, einer zirpenden Grille, einer quietschenden Tür oder einem bellenden Hund.
Auch der uralte Onkel Faisal saß zurückgelehnt auf dem Dach seines Hauses auf einem riesigen Kissen, die Wasserpfeife in der einen Hand, einen Becher Wein in der anderen und zahlreiche Familienmitglieder um sich herum. Wieder einmal hatten sie darum gebeten, seine Geschichte vom Nech-Burai zu hören, dem sagenhaften, geflügelten weißen Burai, das er vor sehr langer Zeit einmal gesehen hatte. Wieder einmal erzählte er sie geduldig.
Als er geendet hatte, verabschiedeten sich seine Zuhörer nach und nach, um sich schlafen zu legen. Nur die kleine Nuha saß noch auf seinem Schoß.
Sie war den Sommer über bei Faisals Familie einquartiert. Wie viele Darianer waren auch Nuhas Eltern seit ein paar Jahren gezwungen, geschäftlich ins Ausland zu gehen. Während sie die Saison über in der Grenzgegend von Thal und Tlamana im Norden arbeiteten, erlebte Nuha eine großartige Zeit in Darbor.
„Onkel, diese Geschichte von dem geflügelten weißen Burai erzählst du so oft… ich weiß, alle mögen sie gerne, aber ich würde lieber etwas ganz neues hören… etwas, das du noch nie erzählt hast!“
„Etwas neues, ja?“ Nachdenklich strich sich Faisal durch den Bart. „Was möchtest du denn hören? Gibt es etwas, das dich besonders interessiert?“
Nuha überlegte nicht lange. „Ja, so etwas gibt es! Ich würde gerne wissen, warum deine Frau Salimah so jung ist, obwohl du doch schon so alt bist. So alt, dass die Leute sagen, niemand sei so alt wie du.“
Faisal schmunzelte. „Ja, so sagt man wohl… da ist dir eine gute Frage eingefallen und ich könnte dir erzählen, warum das so ist. Aber es ist ein Geheimnis, und wenn du es kennst, darfst du es nur weitererzählen, wenn Salimah oder ich es dir erlaubt haben.“
Nuha nickte eifrig. „Versprochen!“ flüsterte sie.
„Alles begann vor sehr langer Zeit. Damals waren Salimah und ich jung. Genau gleich jung! Und wir hatten uns sehr gern.“
„Wirklich? Gleich jung?“
Faisal nickte.
„Nein!“
„Doch.“
Faisal schloss für einen Moment andächtig oder vielleicht auch müde die Augen und fuhr fort. „Zu unserem Glück konnten sich unsere Eltern einigen und wir heirateten, sobald wir alt genug waren. Wir hatten ein großes Zelt, eine stattliche Buraiherde und im Handumdrehen viele Kinder, und wir alle lebten glücklich, bis eines Tages Salimah sehr schwer krank wurde. Du hast vielleicht gehört, dass sie lange fort war?“
„Oh ja! Sie war fort, das habe ich gehört.“
„So kann man es sagen, doch war sie wirklich unvorstellbar weit fort. Sie ist damals nämlich immer schlimmer krank geworden, und in einer dunklen Nacht hat sie die Welt der Lebenden verlassen.“
„Wirklich? Sie ist gestorben?“
Faisal nickte.
„Nein!“
„Doch.“
Faisal seufzte und blickte aufs Meer. „Wir alle waren sehr, sehr traurig. Und ich habe nicht glauben können, dass ich sie nie wiedersehen sollte. Ich hatte Angst, ohne sie alt werden zu müssen. Doch dann begegnete ich dem Nech-Burai… und ich hatte das Gefühl, dass ich warten musste. Bis sie wiederkommt.“
„Und vor ein paar Jahren ist sie tatsächlich wiedergekommen?“
„Ja. Und sie hat etwas ganz und gar Unglaubliches erlebt! Sie hat Gwon getroffen, den Götterfalken, der sie zu den Sternen ins Reich der Toten nehmen wollte. Er machte sich auf mit ihr, doch auf halbem Weg kamen sie an einen Ort, der Salimah an eine Karawanserei erinnerte. Dort wurde sie abgesetzt. Es gab dort auch andere Seelen, und es war für alle gesorgt. Manche waren schon länger dort, manche erst kurz. Hin und wieder, so schien es, bringt Gwon die Toten nur bis an jenen Ort und nicht bis zu den Sternen. Warum das so ist, hat Salimah nicht herausgefunden. Normalerweise, so sagte sie, werden die Seelen nach einem mehr oder weniger langen Aufenthalt abgeholt, um endgültig zu den Sternen zu reisen. Doch manche dürfen auch zurück.“
„Wirklich? Und sie durfte zurück?“
Faisal nickte.
„Nein!“
„Doch.“
Faisal schürzte die Lippen. „Es war aber nicht einfach. Von Zeit zu Zeit wird dort, in der Karawanserei zwischen den Welten, ein sehr kompliziertes Spiel gespielt. Wer es gewinnt, darf wieder zurück zu den Lebenden. Doch das gelingt nur selten.“
„Aber sag, Faisal, warum hat es denn so lange gedauert, bis sie wieder hier war?“
„Das weiß ich nicht. Für sie schien es aber nicht ganz so… lang wie für mich gewesen zu sein, wie man an unserem Altersunterschied sehen kann.“ Faisal seufzte schwer. „Jedenfalls weißt du jetzt, warum Salimah und ich gleich alt sind und ich trotzdem viel älter.“ Faisal lächelte. „Doch nun gehen wir schlafen.“
Die beiden gingen hinüber zum Nachtlager, wo die anderen Familienmitglieder schon schliefen. Eigentlich, dachte Faisal, hatte er großes Glück gehabt. Denn schöner hätte der Abend seines langen Lebens nicht kommen können.
„Gute Nacht, kleine Nuha.“
„Gute Nacht, Onkel Faisal!“
Auszug aus dem Tagebuch von Hannes Stielklauber, Thaler Söldner
16. Tag im 3. Saarkamond im Jahre 39 n.A.III.
„Endlich geht es los! Nach Wochen der Vorbereitung brechen wir auf. Mit der Kriegsbarkasse ‚Roter Lynx‘ schiffen wir uns nach Süden ein. Ich bin schon gespannt, welche Abenteuer uns erwarten. Unser Anführer Kasimir Eckberger hat uns kurz vor dem Ablegen noch einmal eingeschworen. ‚Ich weiß nicht, wie lange wir von Zuhause weg sein werden,‘ hat er gesagt. ‚Aber seid versichert: Unser Erfolg sichert die Zukunft des Fürstentums. Und solange das Fürstentum besteht, solange besteht auch unsere Heimat!“
2. Tag im 1. Poënamond im Jahre 39 n.A.III.
„Den Schutz der Wälder haben wir hinter uns gelassen. Vorsichtig bewegen wir uns durch das Borngarter Hinterland auf Fliranstedt zu. Kontakt zur hiesigen Bevölkerung haben wir bislang vermieden. Wir ernähren uns von dem, was wir selbst erjagen oder sammeln.“
17. Tag im 3. Poënamond im Jahre 39 n.A.III
„Graufeld. Unser neues Zuhause. In einem verlassenen Gehöft haben wir uns einquartiert und die Identität von Bauersleuten angenommen. Kasimir hat uns in Gruppen eingeteilt, die zum Spähen ausgesandt werden. Der Rest verrichtet sein eintöniges Tageswerk. Was mit den ursprünglichen Bewohnern passiert ist habe ich nie gefragt.“
5. Tag im 2. Heliosmond im Jahre 40 n.A.III
„Die Menschen von Borngart bauen wirklich seltsame Gebäude wie ich sie in Thal noch nie gesehen habe. Nobart, der gerade vom Spähen zurückgekehrt ist, erzählte mir von Türmen, an deren Spitze metallisch glänzende Schalen platziert sind. Er selbst kann sich keinen Reim darauf machen und auch Kasimir scheint ratlos.“
8. Tag im 3. Heliosmond im Jahre 40 n.A.III
„Ich habe sie jetzt selbst gesehen, die Türme mit den seltsamen Schalen an der Spitze. Sie sind wohl wichtig, denn sie sind sehr gut bewacht. Kasimir ist vor allem darüber besorgt, dass die Schalen alle in Richtung Heligonia zeigen.“
11. Tag im 1. Xurlmond im Jahre 40 n.A.III
„Der Informationsfluss innerhalb Borngarts scheint recht gut zu sein. Wir erfahren Neuigkeiten aus dem Königreich schneller als über unsere eigenen Meldeläufer.“
19. Tag im 1. Xurlmond im Jahre 40 n.A.III
„Gerüchte über einen neuen Heligonischen Gott machen die Runde. Die bäuerlichen Bewohner haben großes Interesse an dem jungen Gott namens Arden, der sich den Heligoniern scheinbar sehr oft in menschlicher Gestalt zeigt. Das gab es hier in Borngart schon lange nicht mehr.“
23. Tag im 2. Saarkamond im Jahre 40 n.A.III
„Ich soll Leutnant Roger nach Fliranstedt begleiten. Kasimir hat ihm einen Beutel zugesteckt – wahrscheinlich Geld.“
4. Tag im 1. Poënamond im Jahre 40 n.A.III
„Zurück in Graufeld. Das Glücksgefühl über die gewonnenen Erkenntnisse überwiegt die unendliche Müdigkeit. Roger konnte herausfinden, dass … das habe ich nicht ganz verstanden. Irgendetwas mit passiv-schwingender Obserbtion oder so ähnlich.“
29. Tag im 2. Poënamond im Jahre 40 n.A.III
„Saarka hat sich zurückgezogen und Helios strahlt über uns. Kasimir hat erneut Spähtrupps ausgesandt.“
14. Tag im 3. Poënamond im Jahre 40 n.A.III
„Die ersten Spähtrupps sind zurück. Es werden immer mehr solcher Schalen-Türme gebaut. Leutnant Roger zeigt sich zunehmend besorgt. Er redet häufig von sfärischen – schreibt man das so? – Schwingungen, die aufgefangen werden. Für mich ist das alles zu kompliziert.“
7. Tag im 2. Heliosmond im Jahre 41 n.A.III
„Es ist uns gelungen, Kontakt zu einer hiesigen Schmuggler-Truppe aufzunehmen. Die transportieren nicht nur Ware über den Jolborn hinüber nach Heligonia sondern nehmen auch Passagiere mit. Kasimir vermutet, dass es sich um Mitglieder des EOM handelt.“
21. Tag im 3. Heliosmond im Jahre 41 n.A.III
„Es handelt sich in der Tat um Mitglieder des EOM. Gunther konnte sich an die Fersen eines der Passagiere heften und ihm unbemerkt bis nach Fliranstedt folgen.“
9. Tag im 2. Xurlmond im Jahre 41 n.A.III
„Kasimir hat den Rückmarsch befohlen. Er will noch vor Einbruch der Saarkamonde zurück in Wulfenstein sein.“
27. Tag im 3. Xurlmond im Jahre 41 n.A.III
„Zurück in der Heimat! Während meine Kameraden und ich ausschifften ging Kasimir umgehend zu einer Audienz in die Feste Wulfenstein um Bericht zu erstatten. Ich freue mich schon darauf, in Kürze wieder daheim zu sein.“
Fast zweieinhalb Jahre sind seit dem 10. Heligonischen Adelstag auf Burg Sarniant in der Drachenhainer Baronie Wolfenfeld vergangen (der Helios-Bote berichtete). Fast zweieinhalb Jahre voller Gerüchte und stetig steigender Furcht vor einem bevorstehendem Krieg. Vor allem entlang des Jolborn, der Grenze zu Borngart, ist die Situation angespannt. Jeder Fremde, der Thaler Boden betritt, wird mit Argwohn beobachtet. Die sonst so geschätzte Gastfreundschaft leidet unter dem allgegenwärtigen Misstrauen.
Der gesamte Thaler Adel, vor allem aber Fürst Bartha, ist permanent bemüht, dem Volk Hoffnung zu geben. Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet. In einer seiner jüngsten Reden zerstreute der Fürst die Sorgen, es stünde ein Angriff Borngarter Truppen bevor. „Uns liegen Erkenntnisse vor, die ein Übersetzen über den Jolborn nach Thal unwahrscheinlich machen.“ Woher diese Erkenntnisse kommen ließ Fürst Bartha offen.
Mögen die Götter unsere Gebete erhören und weiterhin ihren Segen über unser Land ausbreiten.
Kalarun ist die südlichste der vier Güldentaler Provinzen. Ausgedehnte Waldgebiete und die ansteigenden Berge im Osten des Landes prägen das Landschaftsbild. Seit Wochen mehren sich die Berichte über das Verschwinden von Holzfällern und Bauern, die im Wald Feuerholz sammelten. Zwei der sieben fürstlichen Jägern, die in den Waldungen nach dem Rechten sehen, sind ebenfalls verschwunden. Man fand in den Schutzhütten, die sie bei ihren ausgedehnten Aufsichtswanderungen bewohnen, benutztes Geschirr und teilweise Essen in Töpfen auf dem Holzherd, welches im Zuge der Zubereitung unvollständig blieb. In einer Hütte war die Suppe völlig eingekocht, bis das Brennholz im Ofen aufgezehrt war. In der anderen Hütte lagen Essen, Geschirr und Besteck auf dem Tisch dergestalt, dass es den Anschein hatte, als habe der Jäger die Hütte nur kurz verlassen wollen um gleich wieder an seine Abendmahlzeit zurückzukehren.
Prinz Anselm, Baron von Güldental hat seinem obersten Förster mit der Suche nach den verschwundenen Personen beauftrag. Ihnen stehen dazu alle notwendigen Mittel zur Verfügung. Hierzu wurden hinzugezogen die Fürstlichen Thaler Späher und auch in der Bärenjagd Kundige. Mit dem Segen der Viere, gesprochen von der Geweihten Arnraufina ist die Suchgesandtschaft ihres Wegs in die Wälder von Kalarun gezogen.
Die inzwischen jedem Kind in Heligonia bekannte Orangerie des Prinzen von Thal, feierte ihre diesjährige erste Ernte mit einem Fest und einem Wettbewerb. Hierzu waren alle Citrus- und Orangenfrucht Kundigen des Königreiches eingeladen. In den Kategorien Saftigkeit, Wohlgeschmack, Wohlgeformtheit und Farbe wurden die besten Citrus- und Orangenfrüchte ausgezeichnet. Die meisten Preise konnte die Delegation des Herzog Uriel II Atolls für sich gewinnen. Aufgrund des milden Klimas der Insel wachsen die Früchte sogar wild auf der Insel. Die Citrus- und Orangezucht hat sich auf dem Atoll zu einem beliebten Zeitvertreib entwickelt und in jeden Garten, dessen Besitzer etwas auf sich hält und den erfrischenden Geschmack der Früchte schätzt, sieht man die Bäume mit ihren auffällig gefärbten Früchten.
Der Bote I.
Es geschah zur Kanzleraudienz, am 21. Tag im 2. Heliosmond, im Jahre 42 n.A.III, in der Drachentrutzer Fürstenburg, als ein sichtlich waffenfähiger Mann, mit festem Schritt aus der Menge an Kanzler Giselher von Mühlenheim herantrat, der hier und heut, in Vertretung des im Feld befindlichen Fürsten, Recht sprach und den Anliegen des Drachenhainer Volkes Gehör schenkte. Der Neuankömmling verbeugte sich flüchtig und brachte hernach ein gar erstaunliches Begehr vor:
„Mein Name lautet Laurenz Rudolf Doloros und ich bin ein Mann von Hans-Thiems-Haufen aus dem Lande, das Ihr Sengenberg zu nennen geruht. Mein Anliegen an Euch, Herr Kanzler, ist einfach und diffizil zugleich: Bestellt dem Fürsten von Drachenhain, dass in meiner Heimat endlich wieder Recht und Friede möglich ist. Denn unter dem Schutz unseres Haufen gedieh in den letzten Jahren diejenige heran, die von Legoddins und Frendals Blut ist. Alenka Sophie, so lautet ihr Name, ist die wahre Erbin von Drachenberg und sie will seiner Durchlaucht den Vasallenschwur leisten, um als legitime Nachfahrin Frendals über dessen Land und Volk zu herrschen.“
Da war mit einem Male Ruhe im Saal und auch der Kanzler benötigte einen kurzen Lidschlag, um das Vernommene zu verarbeiten:
„Für Sengenberg spricht er, soso! Nun sehe ich ihn aber in keinem Templerrock gekleidet und eine Legitimation, wie ein Heliosbrieflein, zeigt er auch nicht vor?“
Laurenz Rudolf Doloros, ob der Worte nur wenig eingeschüchtert, sprach:
„Herr Kanzler, meine Legitimation habe ich vom Volke meiner Heimat erhalten und die ist auf keinem Bogen Pergament verzeichnet. In der Tat bin ich kein Templer und auch nicht von Stand. Doch ist mein Anliegen wichtig und von größter Tragweite. Denn anders als Ihr und die Welt es vielleicht glauben mögt, ist in Sengenberg mitnichten alles still und friedlich, und alles fest im gutherzigen Beschlag des Templers! Im Süden, in den Städten und auf den Straßen, da mag dies stimmen, doch der Norden, das Hinterland und die Sümpfe? Alles in der Hand der drei Haufen, die schon seit den Zeiten Richildas Verschwinden – und im Grunde auch schon davor – gut für Ordnung und Ausgleich sorgen. Nun…“
Da unterbrach der Kanzler ruhig, aber mit kaltem Eisen in der Stimme:
„So, ist er also ein Verfemter und Rebell und gehört sofort in Ketten gelegt? Sehr wohl drangen und dringen noch immer die von ihm selbst genannten Schwierigkeiten der Templer an des Fürsten Ohr. Wir wissen wohl, dass die Brüder in diesem Lande keinen leichten Stand haben, da die Sengenberger verstockte Rückwärtsschauer sind. Von Glück kann er sprechen, dass derzeit Krieg herrscht und das Auge seiner Durchlaucht auf anderen Obliegenheiten ruhen muss.“
Da streckte der Besucher unschuldig die bloßen Hände vor:
„Keine Rebellen und keine Aufrührer vom Schlage eines Freiherrn Gellers von Mannseck sind wir, welcher stets nur an die eigene Börse dachte! Wir Männer der Haufen sind das, wozu die schlechte oder ausgerissene Herrschaft uns gemacht hat. Verfemte wurden wir genannt, nachdem wir das fortführten, worum sich über viele Jahre niemand ernstlich scherte: die Ordnung im Lande zu wahren und das Überleben der einfachen Menschen zu sichern. Nun aber, mit der Erbin, steht der einmalige Weg offen, Sengenberg ein für alle Mal zu befrieden und in die Gemeinschaft der Drachenhainer Baronien zurückzuführen. Das Volk und die Haufen wollen das Knie vor einer Baronin Alenka Sophie beugen, Haumesser und Pike wegwerfen und treulich ergeben sein“
Der Kanzler strich sich nachdenklich über das Kinn:
„Hmm, hmm, hmm…. Ich weiß, dass Euch Sengenberger das Blut und die Linie alles gilt, deshalb gab es damals ja diesen Zinnober im Schrifthaus und diese Frechheiten in Richilesruh, (der Helios-Bote 62 berichtete) was hatte es mit all dem auf sich, frage ich! Wie kam das Mädchen zu Euch und ist sie es überhaupt? Doch halt, bevor wir die Geschichte wiederbeleben, soll die Feder hinzukommen, um zu helfen, die losen Stücke geordnet zusammenzufügen. Das ist außerdem nichts für diesen Ort und auch ich bin nicht jene Person, die hierin zu entscheiden hat.“
Mit diesen Worten erhob sich der Kanzler Drachenhains und sprach zur gespannt lauschenden Menge:
„Die Audienz ist für heute beendet, soll aber ob der Kürze heute, am morgigen Tage weitergeführt werden. Ihn, Laurenz Rudolf Doloros, werden die Wachen bis zur Ankunft des Fürsten in unsere innersten Gemächer führen, damit diese interessante Unterhaltung dort ungestört fortgesetzt werden kann.“
Laurenz Rudolf Doloros nahm dies Urteil ergeben hin und rief lächelnd dem bereits gehenden Kanzler hinten nach:
„Nun, ich dachte mir schon, dass mir ob meines Ansinnens nicht gerade das Haar gestreichelt werden würde! Gerne wartet Sengenberg die Ankunft des Fürsten ab.“
Beigewohnt und aus der Erinnerung niedergeschrieben
In einem durch und durch formellen und glanzlos gehaltenen Akt, bestallte Fürst Leomar im Jolbrucker Stadtschloss Vater Anselmo zum Verwalter im Range eines Barons über die Abtei St. Aluin.
Ein Formfehler und Widerspruch zum Waldemarschen Stiftungsedikt – der Helios-Bote 75 berichtete – nötige zu diesem Kompromiss. Bekanntlich war Vater Anselmo ordnungsgemäß und mit großer Mehrheit des Richilesuher-Konzils in das Amt des Bischofs von Drachenhain gewählt worden, doch versäumte es der de jure noch amtierende Bischof, Erlind Hilarian, mit seinem „nächtlichen Verschwinden“ eine gültige Ablösung – so gab er weder Heliosbrief, noch Amtsstab oder Bischofsring zurück. Nach Erlind Hilarian wird weiterhin erfolglos gesucht. Berichten zufolge soll er sich von Darbor aus ins ferne Corenia eingeschifft haben, um den dort vor Generationen gestrandeten Heligoniern, das Licht des Einen zu bringen. Der Magistrat des heligonischen Anlegehafens in Modestia kann dessen Ankunft dort aber mitnichten bestätigen. Somit bleibt dessen Aufenthaltsort unbekannt und der ordentliche Verzicht auf die Bischofswürde bis auf weiteres ungelöst. Als ein Ausweg aus diesem mehr als unwürdigen Dilemma, hat sich Fürst Leomar an König und Primus gewandt, um Details im Waldemarschen Stiftungsedikt ändern zu lassen. Desweiteren verfügt Vater Anselmo mit seiner Amtseinsetzung zum Verwalter im Baronsrang, über macht und Befugnis, die Abtei bis dahin ordentlich zu führen.
Minhardt Balamus, Drachenhainer Hofberichterstatter















