Publikation: Helios-Bote Seite 27 von 34

Altes Blut und neue Herrschaft in Sengenberg?

Der Bote I.
Es geschah zur Kanzleraudienz, am 21. Tag im 2. Heliosmond, im Jahre 42 n.A.III, in der Drachentrutzer Fürstenburg, als ein sichtlich waffenfähiger Mann, mit festem Schritt aus der Menge an Kanzler Giselher von Mühlenheim herantrat, der hier und heut, in Vertretung des im Feld befindlichen Fürsten, Recht sprach und den Anliegen des Drachenhainer Volkes Gehör schenkte. Der Neuankömmling verbeugte sich flüchtig und brachte hernach ein gar erstaunliches Begehr vor:
„Mein Name lautet Laurenz Rudolf Doloros und ich bin ein Mann von Hans-Thiems-Haufen aus dem Lande, das Ihr Sengenberg zu nennen geruht. Mein Anliegen an Euch, Herr Kanzler, ist einfach und diffizil zugleich: Bestellt dem Fürsten von Drachenhain, dass in meiner Heimat endlich wieder Recht und Friede möglich ist. Denn unter dem Schutz unseres Haufen gedieh in den letzten Jahren diejenige heran, die von Legoddins und Frendals Blut ist. Alenka Sophie, so lautet ihr Name, ist die wahre Erbin von Drachenberg und sie will seiner Durchlaucht den Vasallenschwur leisten, um als legitime Nachfahrin Frendals über dessen Land und Volk zu herrschen.“
Da war mit einem Male Ruhe im Saal und auch der Kanzler benötigte einen kurzen Lidschlag, um das Vernommene zu verarbeiten:
„Für Sengenberg spricht er, soso! Nun sehe ich ihn aber in keinem Templerrock gekleidet und eine Legitimation, wie ein Heliosbrieflein, zeigt er auch nicht vor?“
Laurenz Rudolf Doloros, ob der Worte nur wenig eingeschüchtert, sprach:
„Herr Kanzler, meine Legitimation habe ich vom Volke meiner Heimat erhalten und die ist auf keinem Bogen Pergament verzeichnet. In der Tat bin ich kein Templer und auch nicht von Stand. Doch ist mein Anliegen wichtig und von größter Tragweite. Denn anders als Ihr und die Welt es vielleicht glauben mögt, ist in Sengenberg mitnichten alles still und friedlich, und alles fest im gutherzigen Beschlag des Templers! Im Süden, in den Städten und auf den Straßen, da mag dies stimmen, doch der Norden, das Hinterland und die Sümpfe? Alles in der Hand der drei Haufen, die schon seit den Zeiten Richildas Verschwinden – und im Grunde auch schon davor – gut für Ordnung und Ausgleich sorgen. Nun…“
Da unterbrach der Kanzler ruhig, aber mit kaltem Eisen in der Stimme:
„So, ist er also ein Verfemter und Rebell und gehört sofort in Ketten gelegt? Sehr wohl drangen und dringen noch immer die von ihm selbst genannten Schwierigkeiten der Templer an des Fürsten Ohr. Wir wissen wohl, dass die Brüder in diesem Lande keinen leichten Stand haben, da die Sengenberger verstockte Rückwärtsschauer sind. Von Glück kann er sprechen, dass derzeit Krieg herrscht und das Auge seiner Durchlaucht auf anderen Obliegenheiten ruhen muss.“
Da streckte der Besucher unschuldig die bloßen Hände vor:
„Keine Rebellen und keine Aufrührer vom Schlage eines Freiherrn Gellers von Mannseck sind wir, welcher stets nur an die eigene Börse dachte! Wir Männer der Haufen sind das, wozu die schlechte oder ausgerissene Herrschaft uns gemacht hat. Verfemte wurden wir genannt, nachdem wir das fortführten, worum sich über viele Jahre niemand ernstlich scherte: die Ordnung im Lande zu wahren und das Überleben der einfachen Menschen zu sichern. Nun aber, mit der Erbin, steht der einmalige Weg offen, Sengenberg ein für alle Mal zu befrieden und in die Gemeinschaft der Drachenhainer Baronien zurückzuführen. Das Volk und die Haufen wollen das Knie vor einer Baronin Alenka Sophie beugen, Haumesser und Pike wegwerfen und treulich ergeben sein“
Der Kanzler strich sich nachdenklich über das Kinn:
„Hmm, hmm, hmm…. Ich weiß, dass Euch Sengenberger das Blut und die Linie alles gilt, deshalb gab es damals ja diesen Zinnober im Schrifthaus und diese Frechheiten in Richilesruh, (der Helios-Bote 62 berichtete) was hatte es mit all dem auf sich, frage ich! Wie kam das Mädchen zu Euch und ist sie es überhaupt? Doch halt, bevor wir die Geschichte wiederbeleben, soll die Feder hinzukommen, um zu helfen, die losen Stücke geordnet zusammenzufügen. Das ist außerdem nichts für diesen Ort und auch ich bin nicht jene Person, die hierin zu entscheiden hat.“
Mit diesen Worten erhob sich der Kanzler Drachenhains und sprach zur gespannt lauschenden Menge:
„Die Audienz ist für heute beendet, soll aber ob der Kürze heute, am morgigen Tage weitergeführt werden. Ihn, Laurenz Rudolf Doloros, werden die Wachen bis zur Ankunft des Fürsten in unsere innersten Gemächer führen, damit diese interessante Unterhaltung dort ungestört fortgesetzt werden kann.“
Laurenz Rudolf Doloros nahm dies Urteil ergeben hin und rief lächelnd dem bereits gehenden Kanzler hinten nach:
„Nun, ich dachte mir schon, dass mir ob meines Ansinnens nicht gerade das Haar gestreichelt werden würde! Gerne wartet Sengenberg die Ankunft des Fürsten ab.“
Beigewohnt und aus der Erinnerung niedergeschrieben

Vater Anselmo zum Verwalter St. Aluins ernannt

In einem durch und durch formellen und glanzlos gehaltenen Akt, bestallte Fürst Leomar im Jolbrucker Stadtschloss Vater Anselmo zum Verwalter im Range eines Barons über die Abtei St. Aluin.
Ein Formfehler und Widerspruch zum Waldemarschen Stiftungsedikt – der Helios-Bote 75 berichtete – nötige zu diesem Kompromiss. Bekanntlich war Vater Anselmo ordnungsgemäß und mit großer Mehrheit des Richilesuher-Konzils in das Amt des Bischofs von Drachenhain gewählt worden, doch versäumte es der de jure noch amtierende Bischof, Erlind Hilarian, mit seinem „nächtlichen Verschwinden“ eine gültige Ablösung – so gab er weder Heliosbrief, noch Amtsstab oder Bischofsring zurück. Nach Erlind Hilarian wird weiterhin erfolglos gesucht. Berichten zufolge soll er sich von Darbor aus ins ferne Corenia eingeschifft haben, um den dort vor Generationen gestrandeten Heligoniern, das Licht des Einen zu bringen. Der Magistrat des heligonischen Anlegehafens in Modestia kann dessen Ankunft dort aber mitnichten bestätigen. Somit bleibt dessen Aufenthaltsort unbekannt und der ordentliche Verzicht auf die Bischofswürde bis auf weiteres ungelöst. Als ein Ausweg aus diesem mehr als unwürdigen Dilemma, hat sich Fürst Leomar an König und Primus gewandt, um Details im Waldemarschen Stiftungsedikt ändern zu lassen. Desweiteren verfügt Vater Anselmo mit seiner Amtseinsetzung zum Verwalter im Baronsrang, über macht und Befugnis, die Abtei bis dahin ordentlich zu führen.
Minhardt Balamus, Drachenhainer Hofberichterstatter

Neue Silberader im Erkenkarst entdeckt

Im Erkenkarst, am Rande der Vogtei Erkenay wurde am 26. im 3. Saarkamond eine neue Silberader entdeckt. So trägt die von Baron Leonidas initiierte Expedition zur Untersuchung der Erzvorkommen in Tatzelfelser Gebirgen erste Früchte. „Viele der Männer glauben an ein gutes Zeichen der Götter.“ sagte Vogtin Sysillia von Schwarzenbing auf die Frage, ob sie es für Zufall halte, dass das Silbervorkommen an der Rahalla-Quelle ausgerechnet am Geburtstag des jungen Argens entdeckt wurde. „Es hat sich sehr schnell herumgesprochen, was der Name in der Gelehrtensprache bedeutet. Und da war es uns klar: Dem Kind ist großes bestimmt.“ berichtete uns ein begeisterter Bewohner der weiter südwestlich gelegenen Mienensiedlung.
Weitere Grabungen sollen nun zeigen, ob dieses Vorkommen groß genug ist eine neue Siedlung zu bauen. In diesem Sinne: Xaroch schütz unsere Bergleute!

Bekanntmachung zum Krieg in den Südlanden

Im Namen von Leonidas von Rabenweil, Baron zu Tatzelfels ergeht folgende Verlautbarung: Solange sich das Fürstentum Drachenhain im Krieg mit dem Herzogtum Stueren befindet, stehen alle verfügbaren Kräfte jederzeit bereit Fürst Leomar in diesem zu unterstützen. Daher wird während der Dauer dieses Krieges kein tatzelfelser Soldat oder Milizionär in einen Krieg in den Südlanden ziehen, ungeachtet einer Involvierung des Heimatlandes der Baronsgattin.

Die Geburt eines neuen Krieges?

Die ganze Baronie frohlockt vor Freude über den neugeborenen Sohn des Barons Leonidas und seiner angetrauten Isabella. Doch bringt dieses Kind einen Krieg im Süden mit sich? Wohlinformierte Kreise sprechen von einem bevorstehenden Krieg zwischen Steinbeck, dem Heimatland Isabellas und dem sogenannten Reich der Mitte. Nun stellt sich für Kaufleute, wie für die treuen Streiter unserer wehrhaften Baronie natürlich die Frage: Wird Leonidas auf Bitten der Mutter seines Erben in diesen Krieg ziehen? Und wie viele Männer wird er mit sich nehmen um auf dem Südlandkontinent einen Krieg weitab der Heimat zu führen? Wie wird sich dies auf die politischen und Handelsbeziehungen Drachenhains auswirken? Auf diese und mehr Fragen hoffen wir baldigst eine Antwort von unserem geschätzten Herrscher zu erhalten.

Von wohlüberlegten Angeboten und überfälligen Erleuchtungen

Ein Erbe ist geboren! Preiset Poena, denn sie hat den Leib unserer Baronin gesegnet. Unser Baron Leonidas hat einen Erben, und einen männlichen dazu. Endlich sind die Sorgen um die Tatzelfelser Thronfolge zerschlagen und mit ihnen die Hoffnungen ausländischer Emporkömmlinge. Das erkannte auch der in Ungnade gefallene frühere Vogt von Tatzelfels, Gottfried von Norderstedt als unser weiser Baron so gnädig war ihm sein früheres Amt wieder anzubieten. Gottfried gab sich erleuchtet und tugendhaft und lehnte ab. Da zögerte der Baron nicht lange und nahm ihn als siebtes Mitglied in die Tatzelfelser Ritterschaft auf. Bedenkt man was dieser Orden schlagkräftiger Ritter aus ganz Heligonia und dem Ausland in der Vergangenheit hervorbrachte, läuft einem ein Schauer über den Rücken: Herrscher, früh Gefallene und Verräter, die ebenfalls nicht alt wurden. Nachdem er nun den politischen Ehren entsagt und seine Abneigung einem frühen Tod gegenüber bereits deutlich gemacht hat… Vielleicht sollte er auch aus diesem Ritterorden bald wieder austreten.

Weitere Reformen im Tatzelfelser Heer

Viele Veränderungen haben die Kriegszeiten bereits mit sich gebracht für das Tatzelfelser Heer. Doch wie wir erfahren, sind die Ideen zur Modernisierung unseres Barons und seiner Berater noch nicht erschöpft: Unlängst kehrte Korporal Berthold von den berittenen Bogenschützen aus dem ostarischen Neuenstein zurück, Pläne für neuartige Waffen im Gepäck. Nachdem er Baron Leonidas über drei Jahre als persönlicher Waffenknecht gedient hat, soll er nun zum Waibel befördert werden und die Ausbildung und Führung eines kleinen Trupps Armbruster übernehmen. Der Vorteil der Armbrust gegenüber dem Tatzelfelser Reiterbogen, so sagte uns Berthold, läge vor allem in ihrer Durchschlagskraft und einfachen Handhabung. Wir sind gespannt ob diese Neuerung eine entscheidende Rolle im Kriegsgeschehen spielen wird.

Gottfried von Norderstedt wird Mitglied der Tatzelfelser Ritterschaft

Nach nunmehr 15 Monaten in den Diensten des Ordens vom Weißen Wasser legte der ehemalige Vogt von Tatzelfels, Gottfried von Norderstedt, geläutert die Kutte des Ordensritters ab. Großzügig bot Baron Leonidas ihm das Amt des Vogtes erneut an, doch der Ritter lehnte demütig ab. Er habe sich in seiner Zeit beim Orden auf seine ritterlichen Tugenden besonnen und wolle nun seinem Schwur Baron und Baronie zu schützen sein weiteres Streben widmen. Der Baron nahm den Ritter beim Wort und nahm ihn in die Tatzelfelser Ritterschaft auf, jenen ehrwürdigen Ritterorden der noch auf Fürst Leomar zurückgeht, als dieser noch Baron von Tatzelfels war.

Tatzelfelser Stammhalter geboren

Am 26. im 3. Saarkamond wurde unserem allseits geschätzten Baron Leonidas von seiner Gattin ein männlicher Stammhalter geboren. Das Kind ist gesund und hört fortan auf den Namen Agens.

Die zugespitzte Unterredung

Erster Wendetag im neuen, dem dritten Xurlmond im 40. Regierungsjahr des guten Königs Helos Aximistilius. Ein frostig unfreundlicher Markttag neigt sich auf der Feste Drachentrutz im Fürstentume Drachenhain dem Ende zu. Krämer, Standleute und all jenen, die etwas feil zu bieten hatten, beladen vor der Markthalle müde ihre Wagen und Handkarren mit übriger Ware oder werfen Unrat sowie alles, was nicht mehr zu verkaufen ist, ins dunkle, stinkende Hundsloch gleich hinter dem großen, saalartigen Gebäude. Alles nimmt seinen geregelten Ablauf, Hand in Hand ist die Arbeit schnell geschafft, Abschiede werden ausgetauscht – hehle wie herzliche – alles verläuft wie ehedem.
Unweit der drachentrutzer Markthalle sammeln sich zeitgleich ein letztes Mal für diesen Tag Alt und Jung vor dem Marktbrunnen, füllen ihre Gefäße mit dem wertvollen Nass, mehr als einer in Gedanken schon beim Abendmahl und der wohlverdienten Nachtruhe. Klatsch und Tratsch hält die Müden wach und die Saumseligen eine Weile von der Arbeit im Hause fern – eine gute Übereinkunft, denn trotz des heuer erfreulich wohlgefüllten Brunnens muss angestanden und gewartet werden.
FLAAAAATSSSSSCH! Eine baumhohe Wasserfontäne schießt pfeilschnell aus der Tiefe des Marktbrunnens. Bis auf fünf Schritte sind alle umstehenden mit einem Mal bis auf die Haut durchnässt, viele gar vom Druck der einströmenden Wassermassen von den Beinen und zu Boden gerissen. Jedoch, nicht das Wasser allein ist es, was die Menschen vor Entsetzen erstarren lässt: es ist die menschenhafte Gestalt, die – inmitten der Fontäne – wie der Korken aus der Flasche heraus aus dem Brunnen geschossen kam und nun, gleich ein Marktschreier, auf dem schmalen Brunnenrand steht. „Ein Wassermann“ trauen sich die ersten Mutigen ungläubig zu flüstern. Rasch verstummen diese Stimmen jedoch, als man die großen und vor Zorn funkelnden Augen des Ankömmlings gewahrt. Mit rollender und donnernder Stimme, gleich einem bahnbrechenden Gebirgsbach, sagt er: „WER HAT HIER ETWAS ZU SAGEN?“

Giselher von Mühlenheim ist sichtlich schlechter Laune, die Hände hinter dem Rücken angespannt walkend, stiert er düster auf mehr rote denn schwarze Zahlen. Auch die etwa ein Dutzend Pergamente, die kreuz und quer den einzigen großen Tisch des Turmzimmers zur Gänze bedecken, scheinen dem scharfen Blick des drachenhainer Kanzlers nicht länger standhalten zu wollen und rollen sich – sehr zum zusätzlichen Verdruss desselben und trotz gut platzierter Bleiplättchen – von selbst immer wieder zusammen. Zornig knurrt er: „Verdammte Schafshaut, feine Bütte habe ich bei diesem Jungspund von einem Burgvogt bestellt. Doch was bekomme ich? Ziegenbalg! Danke, Herr von Tuachall, danke, verdammtes Luchnar, für nichts als bockige Stücke Fell!“ Giselher greift in seine Tasche und führt ein goldenes Gefäß zur Nase. „Sapperment, die Bisamkugel muss gefüllt werden“ denkt er sich und vertieft sich wieder in Pergamente. So vergehen die Momente, in denen der ärgerliche Kanzler in seiner betriebsamen Geschäftigkeit weder das Pochen an seiner Tür, noch die hastig heraneilenden Schritte gewahrt. Erst das unziemliche Rütteln an der gebeugten Schulter lässt den angestrengten Sinn des Mühlenheimers vom anvertrauten Fürstenschatz zum Hier und Jetzt wandeln. Zornig fährt er auf: „Was fällt Dir ein, Mann? Mich an der Schulter zu packen, eine Impertinenz sondergleichen!“ Der eifrige Rüttler, Leibdiener Meister Echaz Dattelboom, nun die Zerknirschtheit allselbst, hebt stotternd zur Verteidigung an, als schon von Richtung der Turmtreppen, die zu des Kanzlers Räumlichkeiten im Herzen der Feste führen, das Platschen schnell herannahender, nackter Füße zu vernehmen ist. „Ein Www…. Wasserweeee…sen wünschen seine Hochwohlgeboren zu sprechen, wenn es dem Kanzler belie…“ radebrecht der Diener noch in Giselhers Rücken, als ein recht absonderliches Wesen unter dem Türstock der Kammer steht. Einmal abgesehen vom schulterlangen Haupthaar – das nasssträhnig und voll Wassergras, verrottetem Laub, sowie allerlei Unrat wie Kohlblättern, Eierschalen und Hühnerbein behangen ist – imponiert den beiden Betrachtern vor allem die fahlgrüne und perlmuttglänzende Schuppenhaut, des vor Zorn bebenden Wassermannes, pardon Nöks. Auch die zitternden, rot angeschwollenen Kiemen ziehen im kommenden Moment mehr als nur einen Blick Mühlenheims und Dattelbooms auf sich. Sekunden verrinnen, keiner spricht, bis der fremdartige Eindringling mit ausgestrecktem, dürrem Finger in Richtung des Giselher sticht: „Bist Du der Kranzler, Gansler, Kansler, … oder wie das heißt? Bist Du es, der hier endlich etwas zu SAGEN hat?“
Der Angesprochene hatte sich indes gefangen, all seine gravitätische Contenance und, schlimmer noch, seinen heutigen glühenden Zorn auf die Welt wiedererlangt. Beide Fäuste in die Seite gestemmt donnert er: „Wer hat denn diesen laufenden Lurch raus aus seinem Käfig und hinein in meinen Turm gelassen?“

Später in Dattelbooms Kammer
Vor Meister Dattelbooms sonst so wachen Dienerblick konkurrierten in den nächsten Momenten, da der Kanzler dem Nök seine eigenwillige Begrüßung entgegenbrachte, eine Vielzahl denk- und unterbindungswürdiger Ereignisse um Beachtung, so dass der Diener nur stehen und schauen konnte und auch zur jetzigen späteren Stunde – da er in seiner Kammer haarklein berichtend bei seinem Weibe liegt – es nicht mehr zu rekonstruieren vermag, was sich eigentlich nacheinander zugetragen und an welcher Stelle er – um des Einen Willen – noch eine Wendung zum Guten hätte bewirken können. Erst das Schreien und Zetern der beiden Kombattanten, dann die Beschimpfungen und Drohungen, und letztlich die denkwürdige Kulmination des Ganzen in der schallenden Ohrfeige in des Kanzlers verdutztes Antlitz – Dattelboom kichert leise und verstohlen unter dickem Daunen in die vorgehaltene Hand. Auch wie hernach der junge Burgvogt von Tuachall in Mühlenheims Kammer gestürmt und die beiden Streithähne voneinander trennte, entzieht sich vollkommen seines sonst so versierten Erinnerungsvermögens. Erst als der rotwangige Kanzler die nachrückenden Wachen anwies, den tobenden Wassermann ins „tiefste Loch“ abzuführen, erinnert sich Dattelboom, wieder ganz Herr der Lage gewesen zu sein und emsig all das zerbrochene Geschirr zusammengefegt zu haben, so dass keiner der Anwesenden nachhaltigen Schaden durch Verletzungen nahm – wenigstens ein Erfolg an diesem Tag, denkt sich Meister Echaz, dreht sich zur Seite und sinkt sogleich in tiefen Schlaf. Das einsame Schimpfen und Wehklagen, zwei Etagen der Fürstenburg tiefer, hört er indes nicht.

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