Boten-Teil: Herzöglich-Ostarische Hofgazette Seite 1 von 2

Hohe Gäste, edle Gesten und Bande von Gewicht

Von der denkwürdigen Visite des Hauses Drachenhain-Tlamana bei Hofe zu Ankur

In diesen bedeutsamen Tagen, da Kriegssorge und steter Wandel die Herzen der Menschen in Ostarien und anderswo in Beschlag nehmen, ward unsere Stadt ein Licht der Hoffnung und der höfischen Eintracht beschieden. Denn erstmals überhaupt reisten Seine Durchlaucht Fürst Leomar von Drachenhain und Ihre Hochgeboren Fürstgemahlin Baronin Leabell von Tlamana, gemeinsam mit ihren beiden wohlgerühmten und anmutigen Töchtern, Prinzessin Alessia Velana und Prinzessin Lenia Orwyn Sarava, zu einem ausgedehnten Staatsbesuch an den Hof zu Ankur, wo sie Seine Erlaucht Herzog Angilbert I. von Ostarien in hohen Ehren auf Schloss Flurensteig, empfing. Allein der Drachenhainer Thronfolger, Prinz Halmar Arwel, musste aufgrund seines Studiums des Rechts in Marola verweilen. Die gemeinsam angereiste drachenhainer Delegation wies klangvolle und politisch gewichtige Namen auf, was sich in den ausgezeichneten Namen von Titel- und Würdenträgern auf ostarischer Seite widerspiegelte und durch die Präsenz von Gesandtschaften der Neun Städte und der freien Stadt Ossiaris zusätzlich ergänzt wurde.

Hohe Politik hinter verschlossenen Türen des Spiegelsaals

Während Fürst, Herzog, sowie versammelter Beraterstab, in vertraulicher Runde und hinter verschlossener Türe Flurensteigs die drängenden Fragen rund um das gefallene Stueren erörterten, entfaltete sich im Herzen Ankurs ein lebendiges Schauspiel höfischer Anmut und wahrhaft edlen Geistes.

Kunst, Wohltat und die Tugenden hoher Geburt

Ihre Hochgeboren, Baronin Leabell und die beiden jungen Prinzessinnen, erwiesen sich als gelehrte, kunstsinnige und volkstümliche Gäste. Unter der profunden Führung von Ratsherrin Hilaria Breiteneck-Wabenbach durchschritten sie sowohl die edlen Hallen der herzoglichen Kronbibliothek und des Naturkundemuseums als auch die einfachen Gassen des Hafenviertels, wo die Prinzessinnen, zur Rührung der Umstehenden, Seite an Seite mit den Ordensschwestern der Kosminerinnen, warme Speisung und tröstende Worte reichten, während die Fürstgemahlin die großzügige Stiftung eines Versehrtenhauses initiierte. Allenthalben zeigte sich das tief verankerte Pflichtbewusstsein, als auch die reizende Unterschiedlichkeit der beiden Prinzessinnen: Prinzessin Alessia Velana, von stillem, klarem Wesen, stellte mit leuchtenden Augen Fragen zur Tier- und Pflanzenwelt, begeisterte sich für die Bibliotheks-Sammlung seltener Folianten und war als erste zugegen, als ein verwaistes Kind im Gedränge der Straße auf dem Steinpflaster zu Fall kam. Es heißt, sie habe dem kleinen, weinenden Mädchen aufgeholfen und ihm zum Troste das eigene seidene Haarband geschenkt – eine Geste, die manch gestandenem Ankurer das Wasser in die Augen steigen ließ. Prinzessin Lenia Orwyn Sarava, voller lebendigen Geistes, zog es indes zu den Bühnen der Stadt. Mehrere Vorstellungen in Theater und Oper, darunter „Die Glut von Gyldencron“ und „Nachtlied des Borharcônerhirten“, wurden durch ihre Anwesenheit bekränzt. Auch ließ sie sich, zur Freude der Ratherrin, ausführlich über Baukunst und Kathedralgestaltung unterweisen.

Tanztees, Morgenpromenaden und eine zarte Annäherung

Sooft es die Staatsgeschäfte erlaubten gesellte sich Fürst Leomar zu Fürstgemahlin und Töchter. Überraschend häufig, so vermerkten es Augenzeugen mit leicht erhobenem Brauenbogen, gesellte sich auch Herzog Angilbert zu dieser illustren Runde. Ob beim morgendlichen Spaziergang durch den Rosengarten des bezogenen schmucken Anwesens, nahe des Herzog-Raimund-Platzes, bei Tlamanette-Partien auf dem Südhang von Flurensteig, bei abendlichen geschlossenen Gesellschaften in den Salons der Altstadt oder bei gelehrten Vorträgen zu Politik und Wissenschaft, beispielsweise über stuerener Globulendynamiken. Stets zeichnete sich der ostarische Herzog als überaus aufmerksamer, charmant-galanter Gastgeber aus – mit einem besonderen Blick, so raunt man, für Prinzessin Alessia.

Krönung des Besuches: zarte Bande für die Zukunft?

Am siebten Tage nun, nach Politik, Disput, Besichtigung, Tanz, Zerstreuung und zugeneigter Begegnung, gaben Seine Durchlaucht Fürst Leomar von Drachenhain und Seine Erlaucht Herzog Angilbert von Ostarien in feierlicher Runde und unter dem Jubel des geladenen Hofes die offizielle Verlobung von Herzog Angilbert und Prinzessin Alessia Velana von Drachenhain-Tlamana bekannt. Ein Bündnis, wie es weit über höfische Romantik hinausreicht. Denn mit ihm – so urteilen gelehrte Stimmen – schließt sich ein symbolischer Kreis zwischen den beiden großen Nachbarn Drachenhain und Ostarien, der der Allianz im Stuerenkonflikt neues Vertrauen, dem Königreich Heligonia Segen und dem Volk einen Traum von Hoffnung und Einigkeit schenkt, zumal die Baronie Tlamana dies Dreieck vollends vergolden wird. Die heligonische Schreibstube gratuliert dem hohen Paar im Namen der heligonischen Leserschaft und allen freien Bürgern Heligonias. Mögen ihre Wege gesegnet und ihr Bund stark und von klarem Lichte des Einen durchdrungen sein.

Das Ende Arobens

Landgang in Dedekistan erfolgt ohne Probleme, wir treffen Magister Falsam, der uns ins Landesinnere zu einem vorbereiteten Lager am Waldrand bringen soll. Leider ist es aufgrund eines heftigen Regenschauers schon dunkel, als wir endlich in die Ausläufer des Waldes gelangen, was unserem einheimischen Führer die Gelegenheit gibt, einfach zu verschwinden. Falsam erzählt, die „Ureinwohner“, die vor fünf Jahren von den Darianern angetroffen wurden, seien nichts weiter als Schiffbrüchige gewesen, die sich schon längere Zeit auf der Insel durchgeschlagen hätten. Wir stehen also im nachtschwarzen Wald, und das ist umso ärgerlicher, weil Falsam eindringlich vor dem Flirren und Schimmern gewarnt hat, das auch hier die Risse zu anderen Orten und Zeiten anzeigt. Tatsächlich finden wir nach einiger Zeit zu einem solchen Riss, um den eine Menge Leute stehen. Da die Welt ein Dorf ist, handelt es sich um den Clan O’Brian samt Kendril und einigen Seeleuten, die es auf das Kopfgeld von Aroben abgesehen haben. Sie schwärmen von den 1000 Dukaten, und niemand hat große Lust, sie über den Irrtum aufzuklären, dass es eigentlich 10.000 sind. Auch diese Gruppe wurde von ihrem Führer im Stich gelassen. Mit Falsams Hilfe gelangen wir schließlich doch noch zum vorbereiteten Lager und richten uns häuslich ein. Da kommen die wirklichen Ureinwohner ins Lager, es stellt sich bald heraus, dass es sich um Kernländer handelt, die sich hier Angyagi nennen. Wie und wann sie hergekommen sind, bleibt vorerst ein Rätsel. Ihr Schamane heißt Ulsar, der ja erstaunlicherweise eigentlich einer ihrer Götter ist. Die es nach ihrer Aussage inzwischen nicht mehr gibt, übrig sei nur noch Yag, die Große Urmutter. Und man versteht ihre Sprache erst, wenn man wahlweise einen Pilz gegessen oder an einer Kröte geleckt hat. Aber das nur für die Volkskundler am Rande.

Ulsar weist uns eindringlich darauf hin, erst die Blyska um Erlaubnis zu fragen, bevor man den Wald betritt. Er kann sie für uns herbeirufen, und tatsächlich erscheinen nach kurzer Zeit drei elbenartige Wesen, die sich auch so benehmen. Ihre Aussage ist klar: Wir können uns den Weg in den Wald erkaufen, wenn wir genügend Ameryll herbeischaffen.

Während ich im Zelt meine Aufzeichnungen in Ordnung bringe, stürmt ein Gruppe Schwarzgekleideter zum Lagerfeuer und zerrt Magister Falsam mit sich. Das geht so rasch und geplant vor sich, dass auch unsere aufgestellten Wachen viel zu spät reagieren und die Aktion so schnell wie ein Spuk vorbei ist. Es beginnt wieder zu regnen, und eine Verfolgung der Spuren scheint aussichtslos.

Kurz darauf erreicht ein darianisches Paar unser Lager, das auf der Flucht vor den Schwarzgekleideten ist. Sie erzählen, dass sie aus einem benachbarten Ameryllsammler-Lager kommen, das überfallen wurde, und die dortigen Nexus-Magier ebenfalls entführt wurden. Außerdem beschreiben sie ein Banner: Rabe und Bär. Aroben ist also vor uns angekommen! Und er hat eine ganze Kiste voller Ameryll mitgenommen. Was hat er vor? Besorgt gehe ich zu Bett.

Am nächsten Morgen brechen also verschiedene Trupps auf, um Ameryll zu sammeln. Dabei wird auch eine Notiz gefunden, eindeutig in Arobens charakteristischer Handschrift: Jemand wird angewiesen, weiterhin Informationen über uns zu liefern. Haben wir einen Verräter im Lager? Außerdem ist die Rede von einem Apparatus, der ihm erlaubt, die Nähe der Blyska zu erkennen und sie zum umgehen.

Als wir der Meinung sind, genug Ameryll gesammelt zu haben, treten wir mit den Blyska in Verhandlung. Hat Aroben auch Ameryll geliefert? Ja, und zwar in solcher Menge, dass er sogar eine Audienz bei ihren „Oberen“ bekam. Mehr ist nicht zu erfahren. Sie erlauben uns ebenfalls, den Wald zu betreten, und: Als ich ihnen die Notiz Arobens zeige, müssen sie erkennen, von ihm hintergangen worden zu sein. Sie sind nämlich besorgt darüber, dass er sich inzwischen in der „Halle der Echos“ verschanzt hat. Wir kommen zu einem Geschäft: Helft ihr uns, helfen wir euch! Sie bringen uns daraufhin eine Art Wegweiser, mit dem wir uns angeblich durch die „Echos“ im Wald bewegen können. Vermutlich meinen sie die Risse. Schamane Ulsar nimmt ihn an sich und wir brechen auf.

Kurz danach treffen wir auch schon auf das erste „Echo“: Nach einiger Verwirrung erkennen wir eine Szene, die wir vor zwei Jahren in einem Weiler in Dracconia erlebten. Die Dorfbewohner schienen unter einem Bann zu stehen. Als wir sie davon befreiten, verloren alle ihr Leben, eine schlimme Sache. Doch offenbar sollten wir hier die Möglichkeit erhalten, es besser zu machen. Nach einem ersten, wiederum gescheiterten Versuch bricht Martin Dorn zusammen. Auch andere, die dabei waren, verlieren massiv an Kraft. Mit jeder weiteren Version einer Lösung des Dilemmas werden die Betroffenen schwächer, bis es uns endlich gelingt, den Tod der Dorfbewohner abzuwenden.

Schon bald darauf treffen wir auf weitere „Echos“, immer wieder Erinnerungen von Anwesenden, die an einer Aufgabe gescheitert sind oder sich falsch entschieden haben. Und wir erkennen: Jeder Versuch kostet diejenigen, die sich erinnern, weitere Lebenskraft. Zahlreiche Echos gilt es zu meistern, und wir geraten dabei immer weiter zurück in die Vergangenheit. Die Erinnerungen verblassen immer mehr, die Betroffenen werden immer weniger, bis es sich nur noch um einmal gehörte Geschichten handelt. Als es dunkel wird, kommen wir immer mehr in Sagen und Erzählungen und können uns nur noch auf unser Gefühl verlassen.

Erstaunlich ist eine Erinnerung, die nur die Gelehrten zu deuten wissen: Die Flucht des Scherbenmanns zur Zerbrochenen Stadt soll verhindert werden, was dadurch gelingt, dass wir ihm uns einig entgegenstellen und er das Portal nicht erreicht. Gerade hier oder wenn Gwon oder Rabe mitmischen, haben wir jedoch das unbestimmte Gefühl, mehr als unsere Erinnerung zu revidieren. Verändern wir etwa gerade die Vergangenheit?

Außerdem gelingt es uns wiederum nicht, zu verhindern, dass Aroben durch Rabes Betrug „Gwons letzte Rast“ verlässt, da niemand weiß, was dort wirklich passiert ist. In einer Erinnerung treffen wir wieder auf Rabe, der sich erbittert darüber beschwert, dass alle nur von ihm wollen, aber niemals danken. Er wünscht sich, ebenfalls in Schreinen verehrt zu werden. Offenbar wurde ihm das von Aroben nach dessen Machtübernahme zugesagt. Ritter Martin Dorn ergreift die Gelegenheit, mit ihm zu verhandeln, und sagt seinerseits Unterstützung zu. Ob Rabe darauf eingeht, ist nicht ganz klar. So lange Aroben die Hilfe Rabes hat, ist er kaum zu besiegen, wir müssen beide voneinander trennen. Wenn es jemandem gelingen sollte, Aroben zu töten, müsste unbedingt Gwon als erster zur Stelle sein, der ihn sicher vor Helios bringt. Da zaubert Ritterin Mirabella eine Feder Gwons hervor, die sie seit Jahren mit sich herumträgt! Manchmal sind einem die Götter gewogen… die Reise durchs Labyrinth der Echos geht weiter.

Vielleicht drei oder vier Anwesende wissen noch das grauenhafte Zirpen und Klacken sofort den Mantiden zuzuordnen, weshalb wir deren Angriff glücklicherweise schnell abwehren können. In einem weiteren Echo taucht eine Wache aus dem unheimlichen „Fliranstett“ auf und verteilt Steckbriefe der Nexus-Magister, darunter aber auch einen von Adveri. Während ich noch darauf hinweise, dass da jemand einen argen Fehler in seiner Erinnerung hat, erscheint eine Art Alchemistenkammer. Es dauert ein paar Augenblicke, bis ich die Szene erkenne, die ich so oft in der Akte Beridhan gelesen habe: Der Tod Arobens, verursacht durch den Barden Lukan. Wir helfen diesem, die brennende Tür zuzuhalten und erleben den einstigen, dramatischen Tod Arobens. Während wir noch über das Erlebte reden, erfolgt ein Angriff, den nahezu alle zuerst für ein weiteres Echo halten: Der Anführer sieht aus wie Aroben, den ich in Corenia gesehen habe, auch die Kleidung passt. Das ist die Gelegenheit: Ich lande einen ordentlichen Bauchtreffer, doch er trinkt etwas (Heiltrank? Essenz?) und flüchtet in die Dunkelheit. Wir nehmen die Verfolgung auf, er wird nach kurzer Zeit gestellt und von mehreren Schwerthieben niedergestreckt. Seine letzten Worte sind „Aroben wird ewig leben“. Ich ziehe die Feder heraus und rufe Gwon. Dieser erscheint tatsächlich vor mir und sagt „Ich nehme ihn gerne mit. Aber das ist nicht Aroben. Das ist Adveri.“

Wie konnte das passieren? Wir waren so nahe dran. Wo ist Aroben? Es ist zum Verzweifeln!

Recht unerwartet taucht Magister Falsam wieder auf: Nachdem seine Bewacher fort waren, konnte er sich selbst befreien. Er zeigt uns Zeichnungen, die er von der Hafenmole in Dedekistan gemacht hat: Neben der bereits bekannten Flöte und dem Amulett ist dort ein Geweihtenstab eingraviert, bei dem es sich um den „Echo-Stab“ handeln soll. Nach Aussage der Blyska hat ihn Aroben aus der Halle der Echos gestohlen, die voller alter Artefakte ist. Die Nexus-Magier bitten uns, das Aussehen des Stabes vorerst geheim zu halten, weshalb ich ihn hier nicht weiter beschreiben werde.

Nun gilt es, Aroben zu finden, der noch nicht weit sein kann. Magister Quendan nimmt dazu eine Probe von Adveris Blut und stellt die Resonanz zu Aroben fest, da die beiden ja verwandt waren. Magister Falsam führt uns sicher durch Wald, am Ende sehen wir ein Schimmern vor uns. Ich schleiche ein Stück vorwärts und sehe einen Riss. Davor steht ein junger Mann, der mit dem geraubten Echo-Stab auf den Boden stößt und zunehmend verzweifelt wiederholt „Ich erinnere mich an den Riss in Corenia“. Schnell wird er entwaffnet und der Stab gesichert. Zu meiner Verblüffung handelt es sich um den deutlich verjüngten Aroben, der ruhig lächelnd sein Schicksal erwartet. Offenbar zählt er immer noch auf Rabes Gunst. Letztlich stehen Martin Dorn und ich vor der Entscheidung, wer von uns der Sache ein Ende macht. Martin betet und setzt das „Auge des Helios“ ein, und das Amulett richtet mit Helios Kraft den Mörder und Verräter mit gleißendem Strahl. Etwa ein Dutzend Zeugen wohnen dem Urteil bei. Ich stelle ordnungsgemäß Arobens Tod fest und nehme sein Rabenbanner an mich.

Zeitgleich tauchen Rabe und Gwon auf, doch wider Erwarten gibt es keinen Streit: Beide nehmen Arobens Seele in ihre Mitte. Bevor sie verschwinden, kann ich Rabe noch deutlich sagen hören: „Sei mein Gast!“ Nach reiflicher Überlegung denke ich, dass er damit nicht Aroben gemeint hat (und die ganze Gaukelei wieder von vorne beginnt), sondern Gwon, was auf ein Versöhnungsangebot schließen lässt. Dies mögen aber die Geweihten verifizieren. Was Arobens Verjüngung angeht, sind die Gelehrten der Meinung, dass er mithilfe des Echo-Stabes unsere Erinnerungen bewusst hervorgerufen hat, um unsere Lebensenergie für diese Verwandlung zu nutzen. Das würde auch Adveris letzten Satz erklären, da Aroben zeitlebens vom Wunsch nach Unsterblichkeit besessen war.

Leider ist es bereits spät in der Nacht, als ich den anderen Teil meines Auftrages erfüllen kann: die offizielle Landnahme der nördlichen Hälfte Redonias inklusive des zentralen Waldes für das Herzogtum Ostarien. Eine handvoll Zeugen findet sich noch bereit, dem urkundlichen Akt beizuwohnen. Ich verlese die vorgeschriebenen Worte und heiße die Flagge des Herzogtums. Ritter Martin Dorn vom Orden des Lichts bezeugt mit seiner Unterschrift die ordnungsgemäße Durchführung.

Lang lebe Herzog Angilbert I.! 

Großes Zeremoniell in Ankur

Schon seit 3 Tagen war die Stadt im Aufruhr. Offiziell wusste niemand etwas, aber unter der Hand raunte man es von den Docks bis zur letzten Amtsstube der Schustergasse: Zur Mittagsstunde auf dem Admiralitätsplatz! Am 8. Tag des 2. Xurlmondes! Da gibt es was zu sehen!

Kein Aushang kündete davon, kein Ausrufer tat es kund. Es war ja nur eine interne Sache der Ostarischen Marine. Nur etwas militärisches Klimbim, Formalitäten. Trotzdem waren die Straßen gefegt und mit Wimpeln geschmückt. Die Bürger hatten die guten Hemden aus dem Schrank geholt und die vorsorglich aufgebauten Absperrungen auf dem Admiralitätsplatz waren keine vergebene Mühe, denn der Platz füllte sich mehr und mehr. Bereits zur elften Stunde ließen die Büttel niemanden mehr ein, so voll war es bereits.

Selbstverständlich pünktlich zur zwölften Stunde begann, was von allen erwartet worden war. Unter Begleitung eines Spielmannszuges marschierten Schiffsbesatzungen von Hafen herauf zum Admiralitätsplatz. Aber es waren nicht irgendwelche Besatzungen. Die Frauen und Männer der Redon, der Brassach und der Wellenreiter marschierten heran, angeführt von niemand anderem als von Kommodore Kielholer höchst selbst. Die Expeditionsflottille! In Paradeuniform! Es wurde im Aufstellung genommen, den Blick zum Gebäude der Admiralität gerichtet.

Einige hohe Offiziere traten aus dem Gebäude heraus, namentlich der Admiralssekretär der Ostarischen Marine Wolfgrimm von Nigramsfall, der Kommandant der Brazachflotte Winderon von Norderstedt, der Obrist des Seesoldatenregiments Willmann von Hartland, und der Kommandant der Kolonialflotte Hinrich von Harkenberg. Man nahm Aufstellung und in einer komplexen Abfolge wurden nur Befehlsschriften verlesen und Dokumente ausgetauscht. Kielholer trat vor, auch ihm wurden Befehle verlesen und Dokumente überreicht. Und so sehr die Menge der Zuseher lauschte, es war kaum zu verstehen, was vor sich ging. Doch endlich trat Admiral von Harkenberg vor und verlas mit fester Stimme einen Text, der den anwesenden Seeleuten bereits bekannt zu sein schien.

„Aufstellungsbefehl

Die Admiralität zu Ankur erlässt in Abstimmung mit Baron Jareck von Jolberg, erstem Seeherrn von Ostarien und mit ausdrücklichem Wohlwollen seiner Durchlaucht, Herzog Angilbert I. von Ostarien folgenden Aufstellungsbefehl:

  1. Die vor 20 Jahren interimsweise aufgestellte 1. Ostarische Expeditionsflottille wird mit sofortiger Wirkung aufgelöst.
  2. Die Schiffe Brassach (Brassachflotte), Redon (Kolonialflotte) und Wellenreiter (Jolbornflotte) werden aus ihren bisherigen Flotten dauerhaft herausgelöst.
  3. Zum 4. Tag des 2. Xurlmondes 53 n.A.H. III wird die 1. Expeditionsflottille mit oben genannten 3 Schiffen als dauerhafte und ordentliche Einheit der ostarischen Marine neu aufgestellt.
  4. Das Kommando trägt Xurlsen Kielholer, der Dienstgrad wird von Kommodore (interimsweise) auf Kommodore (ordentlich) geändert.
  5. Die neu aufgestellte Einheit übernimmt die Tradition, Hierarchie und Ordnung der alten Einheit nahtlos.
  6. Heimathafen der Expeditionsflottille ist der Kriegshafen des Herzog-Uriel-II-Atolls.
  7. Organisatorisch wird die Expeditionsflottille der Kolonialflotte unterstellt.
  8. Die bedarfsweise Zuordnung der Schiffe Brassach und Wellenreiter zur Drachenheinsch-Ostarischen Allianzflotte ist von diesem Vorgang unangetastet.
  9. Der formale Aufstellungsappell findet am 8. Tag des 2. Xurlmondes 53 n.A.H. III zur Mittagsstunde auf dem Platz der Admiralität in Ankur statt, es wird das vollständige Antreten der Besatzungen erwartet.
  10. Details werden in separaten Ausführungsbefehlen geregelt.“

 

Die Menge der Bürger, an die diese Verlesung ganz offensichtlich gerichtet war brach in euphorischem Jubel aus. Als nach minutenlangen Beifall wieder Ruhe eingekehrt war ging der Blick der vor der Truppe stehenden Kommandanten hinauf zum Balkon des Admiralitätsgebäudes, von wo aus Herzog Angilbert I höchst selbst nebst der Erzvogtin Walluma und dem Ersten Seeherrn Jareck von Jolberg dem Zeremoniell beigewohnt hatten.

Mit knappen, aber sehr freundlichen Worten lud der Landesherr das Offizierskorps zum Empfang, während für die Mannschaften die Messe der Marinegarnison bereitet war.

Daraufhin marschierten die Besatzungen unter schneidigen Befehlsrufen und Jubelbekundungen ab.

2 Tage später liefen die 3 Schiffe der neu aufgestellten, nun permanenten Expeditionsflottille begleitet von 2 Schiffen der Kolonialflotte aus, um ihren neuen Heimathafen auf dem HUII-Atoll anzulaufen.

 

Heilige und Dämonen im Ehlerwald

Wie es scheint, kommt der Ehlerwald nicht zur Ruhe. Zuerst berichtete der
Klosterbruder Videtus aus Rodi über eine Erscheinung des heiligen Adrian
im Ehlerwald (siehe Helios-Bote 80).

Das bewog etliche Pilger sich dorthin aufzumachen, trotz der ständigen
Gefahr sich zu verirren oder gar überfallen zu werden. Im Vertrauen auf
den Beistand eines Heiligen (womöglich Adrian persönlich) begaben sie sich
tief in den Ehlerwald, und es ist nur aufmerksamen Bauern, Holzfällern
und der Ehlerwald-Patrouille sowie glücklichen Zufällen zu verdanken, dass
bisher niemand zu Schaden kam oder auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist.

Keiner dieser Pilger konnte die Erscheinung eines Heiligen bestätigen;
doch sind viele von ihnen der Ansicht, dass ein Heiliger oder sogar der
Eine persönlich die Finger im Spiel hatte, als sie aus der ein oder
anderen Notlage im Wald gerettet wurden, in welche sie sich aus purem
Leichtsinn gebracht hatten.

Es tun sich aber anscheinend noch ganz andere Dinge im Ehlerwald. Schon
mehrere Holzfäller haben berichtet, dass der Daimon tief im Wald sein
Unwesen treibe. Die meisten von ihnen trauen sich auch gar nicht mehr
weiter in den Wald als unbeding nötig. Von Blutopfern und Hexentänzen ist
die Rede, was allerdings von den verständigeren unter den Holzfällern als
Aberglaube abgetan wird.

Unbestritten sind jedoch die Berichte über daimonische Erscheinungen
von als vertrauenswürdig erachteten Holzfällern. So beschwört der alte
Hans Glockenschlag, er habe im Wald direkt vor sich einen Blitz gesehen,
von schrecklichem Donner begleitet; und dann habe er Schwefel gerochen.
Diese Aussage wurde bestätigt durch weitere Holzfäller, wie den allseits
geachteten Jakob Einbaum oder Friedrich Gerstensack, die an verschiedenen
Stellen des Ehlerwaldes dieselbe Beobachtung machten. Andere stimmten
darin zu, wenigsten von Zeit zu Zeit einen kurzen Donner tief im Wald
gehört zu haben.

Die Ehlerwald-Patrouille kann diese Begebenheiten bisher weder bestätigen
noch widerlegen, empfiehlt allerdings allen Reisenden, unbedingt auf den
Wegen zu bleiben und nicht tiefer in den Wald vorzudringen.

Unruhe im Hafen von Veitsburg

„Unfassbar!“ schallt es über den Kai, kurz nachdem das Admiralsschiff den Hafen von Veitsburg verlassen hatte. Völlig außer sich schritt Kapitän Xurlsen Kielholer an Bord der Brassach auf und ab. „Wie kann er nur?!“
Sein erster Offizier versuchte ihn zu beruhigen. „Frau Marinehauptmann hatte die Lage im Griff. Außerdem war Adminal Hinrich …“
„Es war pures Glück, dass der Admiral rechtzeitig zugegen war!“ fiel ihm der Kapitän ins Wort und wandte sich um. „Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn er nicht geplant hätte, dem Hauptmanöver beizuwohnen, um sich selbst ein Bild von der Schlagkraft unserer Expeditionsflottille zu machen.“ Schimpfend und fluchend setzte er seine Runde an Deck fort, ohne dass deutliche Worte zu vernehmen waren.
Auf dem Anleger begannen Matrosen und Hafenarbeiter zu tuscheln. Niemand wusste genau, was vorgefallen war. Es war lediglich bekannt, dass das Landungsunternehmen der Expeditionsflottille zum Manöver auf den Marinetruppenübungsplatz Veitsburg-Nord in Garstfeld abgerückt war. Dann tauchte ein Leutnant in Begleitung etlicher Amtspersonen auf, um nach einer kurzen Visite an Bord der Brassach nur mit einer Handvoll Begleiter im Schlepptau wieder zu verschwinden. Die Mehrzahl der Amtspersonen verblieb scheinbar auf der Brassach.
Nur wenige Minuten später legte das Admiralsschiff von Hinrich von Harkenberg in Veitsburg an. Man sah den Kommandant der Ostarischen Kolonialflotte eiligen Schrittes an Bord der Brassach gehen, ohne sich Zeit für die sonst üblichen Sitten und Gebräuche beim Betreten eines Schiffes zu nehmen. Am späten Nachmittag sah man den Admiral, ebenso eiligen Schrittes, von Bord gehen, sein Gesicht schwer in Sorge.
Am Abend kehrte der Admiral wieder zurück. Eine Last schien von ihm abgefallen zu sein. Kapitän Kielholer wechselte einige kurze Worte auf dem Anleger mit ihm, bevor Hinrich von Harkenberg sein Schiff bestieg und den Befehl zum Ablegen gab.
„Was immer es war,“ meinte ein Hafenarbeiter zu seinem Kollegen, „es schien glimpflich ausgegangen zu sein.“
„Du sagst es.“ antwortete er. „Hoffentlich können wir weiterhin auf unsere Expeditionsflottille zählen. Schließlich mehrt sie durch ihre großen Abenteuer das Wohl und Ansehen unseres Herzogtums. Du kennst ja selbst die Lieder, die in den Tavernen über sie gesungen werden.“
„Da sagst Du etwas. Komm, lass uns ein den ‚Goldenen Anker‘ gehen, und ein Glas zu ihren Ehren trinken.“

Brazfurter Mittsommer

On bisch Du ao a daube Sau
An baisa Mo, a wiaschte Frau
Odr no sonscht an Luada
An Mittsommr, da leh mer fei
Ao mol des Bockshorn grode sei:
Heit bisch ao Du an Guada!

Dunkelsteiner Schattentheater für gepflegte Zerstreuung

Holt euch anspruchsvolle Unterhaltung in die Stube. Von nun an könnt Ihr selbst für die abendliche Zerstreuung sorgen. Das Durchfüttern untalentierter BardInnen, die eh meist ums Gesinde schleichen ist jetzt überflüssig.
Noch heute per Depesche ordern!
Jedes Schattentheater wird individuell und kunstvoll gefertigt. Die Handhabung wird vor Ort fachgerecht vermittelt. Zur Grundausstattung gehört ein Abenteuer des legendären Kapitän Kielholer. Zusätzlich kann das Repertoire mit der ogedischen Mythensaga oder den ceridischen Lebensbilder ergänzt werden. In Arbeit befindet sich das Werk über wahre Verbrechen: „Die glaubhaftesten Lügen vor darianischen Kadis“. Ein Almanach, der für umfassende Unterhaltung während der kalten Saarkamonde sorgt.
Die vielbeachtete Vorführung bei der Novitätenschau zu Lodenburg sorgte für Aufsehen und Anerkennung. Schon bald könnt Ihr stolzer Besitzer dieses einzigartigen Unterhaltungs-Apparatus sein.
Selbstverständlich wurde das Schattentheater vom Herzoglich-Ostarisches Patentamt geprüft und mit der Patentnummer 57A672-ERPO-755 versehen.
Die Zulassung ist dortig bei der Abteilung Patenterteilung, Schustergasse 127c, Zimmer 665 einzusehen. Der Amtsleiter, Amtsdirektor Hilbert von Egelbrech sowie Sachbearbeiter Amtmann Parzifal Schwertfeger-Nadelbinder werden auf Nachfrage Einsicht gewähren.
Vor Nachahmern und minderwertigen Fälschungen wird gewarnt!

Expeditionsflottille auf Abruf

Die Admiralität zu Ankur lässt vermelden, dass die 1. Herzöglich-Ostarische Expeditionsflottille weiterhin im Dienste des Ersten Seeherrn, Jareck von Jolberg, steht. Jedoch steht sie fürderhin für die Dauer von zwei Jahren auf Abruf und unter strenger Beobachung. Zu diesem Entschluss kam es nach einer eingehenden Prüfung durch eine Kommission des Amts für Interne und Externe Revision unter der Leitung von Leutnant Damiano von Nigramsfall. Unterstützt wurde er dabei unter anderem von Hilltrud von Forsberg-Nieblschütz von der Zentralabteilung für Personalwesen sowie Gilbert Glitschaal vom Kontrollreferat für Organisatorische und Operative Abläufe.
Die längst überfällige Kontrolle fand ohne vorherige Ankündigung während des laufenden Manövers des Landungsunternehmens am 28. Tag des dritten Poënamond im Jahre 49 n.A.III statt. Die Entscheidung wurde den Offizieren und der Mannschaft noch am selben Tag und im Beisein des Admiral der Ostarischen Kolonialflotte, Hinrich von Harkenberg, verkündet.

Über die Namensgebung von Kriegsgerät

Neuerdings sind einige böswillige Gerüchte aufgekommen, die mich nötigen, persönlich das Wort an die ehrsamen und fleißigen Bewohner der stolzen Stadt Betis zu richten. Es ist in der Tat richtig, dass die vier Pavesen, die üblicherweise bei den Landungsmissionen der Ostarischen Expeditionsflottille mitgeführt werden, traditionell Betiser Vornamen tragen. So fiel den Matrosen vor geraumer Zeit der formschöne Gleichklang zwischen dem Defensivgerät „Pavese“ und dem allseits bekannten Namen „Corvese“ auf. Da sich die Pavesen schon oftmals als Speerspitze der Lagersicherung bewährt haben, war es somit nur eine Frage der Zeit, bis die stete Verteidigungsbereitschaft und Standhaftigkeit der Betiser Bürger hier in Form von klangvollen Vornamen ihren Niederschlag fand. Zum einen dienen die Namen der vier „Fratelli Pavese“ natürlich der Unterscheidbarkeit der einzelnen Defensivwaffen. Zum anderen soll (im Verbund aller vier) der traditionell starke Familienzusammenhalt in der freien Reichsstadt geehrt werden. Die Benennung der Pavesen ist somit auch ein Ausdruck der langjährigen und gewinnbringenden Zusammenarbeit der Ostarischen und der Betiser Flotte. Nur Personen ohne jeden maritimen Hintergrund und in Unkenntnis Ostarischer Traditionen können hierin einen Akt böswilliger Beleidigung erkennen.

Expeditionsbericht

Wie befürchtet, gestaltet sich die Orientierung im Ödland schwierig: Obwohl die Gegend nördlich von Härtwigs Hafen noch grün und fruchtbar ist und es an markanten Landschaftspunkten nicht fehlt, ist der Kompass schier nutzlos. Himmelsrichtungen scheinen keine Rolle mehr zu spielen, und die Landschaft, die man eben noch durchwandert hat, verändert sich im Rücken auf subtile Weise. Wir versuchen, mehr oder weniger nördliche Richtung zu halten und erreichen schließlich eine Burgruine. Dort entdecken wir eine Tafel mit den Symbolen der Viere, durchbrochen mit einem ceridischen Kreuz. Im Innenhof kämpfen drei Männer miteinander, augenscheinlich unsere ersten Ödländer. Als wir zu Hilfe eilen, stellt sich heraus, dass es sich nur um ein Kräftemessen handelt, dem sie aber enorme Wichtigkeit beimessen. Stolz erklären sie uns „Mein Gott ist Javare!“ oder „Mein Gott ist Vahrim!“ Während wir noch verblüfft nachfragen, bricht ein Sturm brüllender, Waffen schwingender Ödländer über uns herein. Die drei machen keine Anstalten, uns zu helfen, und kehren uns lachend den Rücken. Nur mit knapper Not können wir uns erwehren, doch kaum einer bleibt ohne Verwundung. So schnell der Angriff über uns kam, so schnell ist er auch wieder vorbei, die Horde zieht weiter, nur eine Eule flattert herum.

Um unsere Verwirrung noch zu vergrößern, verwandelt sie sich in einen Menschen und lädt uns zum Ulsari-Fest in eine Taverne in der Nähe ein. Die Eule, vielmehr der Mensch, behauptet, ein Formwandler zu sein, eine Begabung, die hier wohl öfter vorkommt. Wir erkundigen uns nach dem Sinn des Ulsari-Festes und erfahren, dass es ein großer Tauschtag ist. Besonders begehrt sind magische Fokusse, aber so etwas haben wir natürlich nicht im Gepäck.
Unterwegs erfahren wir noch, dass das Ulsari-Fest für Erneuerung und Fruchtbarkeit steht, eigentlich nicht ungewöhnlich, da heute ja auch das ogedische Laubfest mit ähnlicher Bedeutung ist. Interessant ist auch, dass in letzter Zeit mehr Fremde in der Gegend aufgetaucht sind, darunter auch Heligonier. Letztere retten uns vor einem weiteren Angriff, als wir mehr tot als lebendig in den Hof der Taverne humpeln: Eine Gruppe aus Ankur um Ritter Gerdhelm, die die Leomark über den Landweg erreichen wollte, hängt hier schon seit mehreren Wochen fest. Alle Bemühungen, den Ort zu verlassen, führen immer wieder zum Haus zurück.
Beim Tauschtag erzählt man uns, dass es in der Nähe Orte mit Ameryllvorkommen gibt. Wir sammeln einiges davon ein, doch die Ulsari verlangen, es weit außerhalb der Taverne zu deponieren. Ulsar könne sie dann nicht mehr sehen und beschützen. Vor den Angreifern? Keine Antwort. Unsere Vermutung, es könnte der Weg aus der Tavernen-Falle sein, bestätigt sich nicht, jedenfalls solange keiner das Reisen durch Ameryll beherrscht. Für Ceriden scheint es ohnehin unmöglich zu sein.

Über unsere Angreifer erfahren wir, dass sie „Unberechenbare“ genannt, von allen Ödländern gefürchtet werden und es kein Mittel gegen sie gibt. Die Katze, ein weiterer Gestaltwandler, erzählt mir, dass die Angriffe der Unberechenbaren in letzter Zeit mehr geworden sind, dass zunehmend alte Tabus gebrochen wurden. Und obwohl die Taverne von Ulsar geschützt wird, kamen die Angreifer ungewöhnlich nahe. Es ist also eine Veränderung im Gange.

Ein Wildschwein-Gestaltwandler erklärt mir bereitwillig die Stämme der Ödländischen Gesellschaft, wobei eher die Bezeichnung Kasten passen würde:
Die Ulsari sind die Zauberer und Formwandler, sie haben verschiedene Begabungen.
Die Wogu sind die Bauern, die den Acker bestellen und für Nahrung sorgen.
Die Gorsan reden mit den Göttern.
Die Bensur arbeiten mit Papier, sie schreiben und forschen.
Die Dechmol sind die Heiler und Schamanen, sie haben Kontakt zur Geisterwelt.
Die Javare sind die Krieger. Innerhalb dieses Stammes gibt es die Garde: Sie sorgt für Recht und treibt Steuern ein.
Zudem gibt es verschiedene Aspekte, die die Stellung innerhalb der Kaste beeinflussen können, aber das erschien mir etwas unklar. Kommt etwa zu einer Berufung zum Javare der Aspekt „Glück“ hinzu, so will er sich ständig beweisen und fordert jeden zum Kampf – er wird zum Unberechenbaren.
Überraschend taucht ein Ritter des Ordens vom Wahren Wort auf, nach dem wir auf der Suche sind. Er scheint öfter anwesend zu sein und lehrt einige Kinder aus einem Buch die ritterlichen Tugenden. Jener Kodex stellt sich als verfasst von „Jorin“ heraus, einer äußerst geheimnisvollen Person in arkanen Kreisen, wenn ich mich recht erinnere. Als Ritter Larion von den acht Artefakten, nach denen wir auf der Suche sind, keinen blassen Schimmer hat, wird er uns verdächtig. Tatsächlich handelt es sich um einen Hochstapler, der die Ausrüstung des toten Larion an sich genommen hat.

Wir machen uns auf die Suche nach den Überresten des echten Larion und finden schließlich seine Gebeine im Wald. Eines der sechs Kinder ist in der Lage, mit Kobolden zu sprechen, diese haben den Ritter vom Felsen stürzen sehen, dabei sei ein großer Vogel weggeflogen.

Ob es sich dabei um Gwon, Rabe oder einen weiteren Formwandler gehandelt hat, muß offenbleiben. Die beiden Heliosgeweihten Metabor und Fernvihn Evertun wollen aber Gwon ausschließen, da der Vogel bereits anwesend war, als der Ritter noch im Fallen, also am Leben war.

Kurz darauf ist ein Tagebuch Larions in Umlauf, offenbar im Besitz der Kinder, in das ich kurz Einblick nehmen kann: Er wurde zusammen mit weiteren Ordensrittern von seinem „Patron“ ausgesandt, um die Artefakte zu finden. Man müsse sie (wieder?) sammeln und bewahren, weil sie zu große Macht hätten. Das Tagebuch schreibt er, um sich immer wieder daran zu erinnern, wer er ist und welche Aufgabe er hat. (Er schreibt auf, „um nicht vom Weg abzukommen“. Vielleicht auch für uns ein Hinweis im Umgang mit den Phänomenen des Ödlands?) Larion habe den aktuellen Besitzer des Dolches ausgemacht, einen gewissen Arwaatz. Dieser bewahrt ihn in einem Versteck auf. Larion müsse ihn nun jede Nacht beobachten, um es zu finden und hofft, dass er die Macht des Dolches nicht kennt und einsetzt.

Eines der sechs Kinder, die offenbar verschiedene Begabungen haben, spricht über das Gebein mit Larions Geist: Es sei kein Mord gewesen, er geriet mit Arwaatz in Streit und stürzte den Felsen hinab. Arwaatz werde den Dolch nun zu den Hohepriestern ins Zentrum der Ödlande bringen.

Das Ulsari-Fest endet am Abend mit der Verbrennung von alten Dingen und dem Aussprechen von Wünschen für das neue Jahr.
Wir wissen also nun, dass eines der acht Artefakte ein Dolch ist und dieser sich auf dem Weg in das zentrale Heiligtum der Ödlande befindet. Die Kinder, welche sich „Sechskant“ nennen, erklären sich bereit, uns dorthin zu führen. Die Gruppe um Ritter Gerdhelm dagegen wird zum Jolborn und damit zurück nach Heligonia gebracht werden, ihm gebe ich diesen Bericht mit. Wir anderen ziehen nun weiter in die Ödlande hinein.
Bis auf die Angriffe relativ kleiner, offenbar unabhängiger Gruppen von „Unberechenbaren“ habe ich bis jetzt keine kriegerischen Handlungen erkennen können, auch keine Vorbereitungen zu größeren Zurüstungen. Galten die Ödländer im letzten Krieg noch als bunt bemalte, mit Leder und Fellen bekleidete, Speer schwingende Krieger, so sind die Menschen hier völlig normal gekleidet, es gibt keine auffälligen Tracht-Merkmale. Bei den Unberechenbaren sah ich höchstens Lederschutz, aber keine schweren Rüstungsteile. Insgesamt stellt sich die Gesellschaft etwas komplexer dar als in den alten Kriegsberichten beschrieben. Einen Kriegs-Schamanen oder gar zusätzliche Körperteile oder andere Modifikationen aus Ameryll sah ich bis jetzt nicht.

Ebenso versicherten mir die Ulsari, dass bei ihnen niemand Boote oder gar Schiffe besitzt. Sie zeigten sich sehr überrascht vom Angriff auf dem Jolborn. Entweder geht hier etwas vor, von dem auch die „gewöhnlichen“ Ödländer nichts wissen, oder es sind bisher nur die ersten Auswirkungen einer Veränderung spürbar. Wir vermuten allerdings, dass dieser so mächtige Dolch in den falschen Händen die Krieger der Unberechenbaren und Javare vereinen und wieder gegen unser Reich aufstacheln könnte. Wem eine Kriegsfront im Norden nützt, dürfte klar sein. Ebenso klar ist uns, dass wir diese Hohepriester davon überzeugen müssen, uns beziehungsweise dem Orden des Wahren Wortes den Dolch zu sicheren Aufbewahrung zu überlassen. So wird aus unserer Expedition nun tatsächlich eher eine diplomatische Gesandtschaft – wenn wir glücklich in ihrem Heiligtum ankommen, eine Reise, die wohl mehrere Wochen dauern wird. Sofern es möglich ist, werde ich weitere Nachricht schicken.

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