Nach wenigen Stunden wußte es das ganze Tal: Die Auswanderer waren wieder zurück! Aber sie gingen nicht zu ihren Familien, sondern lagerten auf dem Thingplatz. Warum? Eilig packte ich ein paar Dinge zusammen und traf in der Abenddämmerung dort ein. Über ein derartiges Ereignis mußte ich dem Baron von Luchnar aus erster Hand berichten! Verblüfft stellte ich fest, daß auch die Bardin zurückgekehrt war, und sie begrüßte mich freundlich: „Jerronum, der Druidh, den Herr Koldewaiht geschickt hat, ich freue mich, dich kennen zu lernen. Man hat mir schon von dir erzählt, ich danke dir für deine Bemühungen. Ich hoffe, die Dinge werden sich nun zum Besseren wenden.“ Auf meine Frage, warum sie hier auf dem Thingplatz blieben, antwortete Findabair: „Weil wir unsere Kraft sonst zersplittern würden. Jeder müßte in seiner Familie dann allein gegen den Streit ankämpfen, so aber kämpfen wir zusammen.“ Ich gab zu bedenken, wie sie die Leute denn abhalten wolle, nach so vielen Jahren ihre Verwandten wiederzusehen. Natürlich würden sich einige in der Nacht davonstehlen, lachte sie, aber genau die würden dann die alten Sturköpfe überreden, endlich einzulenken. Und viele würden morgen hierher kommen und die gleichen Fragen stellen wie ich.
Und tatsächlich, im Laufe des folgenden Tages kamen immer mehr Angaheymer zum Thingplatz, es gab Szenen voll Wiedersehensfreude, aber auch kühles Willkommen, und manche warteten gar vergeblich auf Verwandte. Und immer wieder die gleiche Frage: Warum kommt ihr nicht mit uns nachhause? Und die immer gleiche Antwort: Wir wollen, dass es zuerst Versöhnung gibt! Es dauerte noch zwei Tage, bis sich endlich alle Angaheymer aufgerafft hatten, zum Thingplatz zu kommen, Männer und Frauen, Alte und Junge. Fast alle, denn Nial, der Stammesfürst, und der alte Druide Marlyn fehlten. Die Anwesenheit des ersten erschien in den Augen seiner Sippe nutzlos, der zweite zu alt, um ihm noch so eine Reise zuzumuten. Erst als Rimgar, Tallrims jüngerer Bruder, auf der Teilnahme der beiden bestand und eine Gruppe mit einem Tragesessel Richtung Skagen schickte, ließ auch die Maerach-Sippe kopfschüttelnd Nial holen. So begann am dritten Tag die Versammlung.
Publikation: Helios-Bote
Um der 15 Jahre währenden Regentschaft seiner Großmutter und Witwe Herzog Uriels II. ein Denkmal zu setzen, stiftete Seine Erlaucht Herzog Angilbert I. im 3. Saarkamond, 45 n.A.III die Regentin-Walluma Spange. Walluma von Ostarien arbeitete seit dem Tode ihres Gemahls maßgeblich an der Einheit Ostariens über die Religionsgrenzen hinweg. Die Regentin konnte erfolgreich die innerostarischen Konflikte beenden, welche das Herzogtum beinahe zerrissen hätten und die hauptsächlich durch Glaubenszwistigkeiten verursacht wurden. Heutzutage, so Herzog Angilbert in seiner Stiftungsansprache, wäre man mit ganzem Herzen Ostarier und erst in zweiter Linie Ceride oder Ogede.
Die Walluma-Spange verbindet gleichsam zwei Mantelsäume (als Symbol der Religionen) miteinander, dem Herzogtum und damit auch dem Königreich Heligonia und den Menschen darin zum Wohle.
Die ersten, denen die Ehre zuteil wurde, die Spange entgegen zu nehmen, waren Seine Hochwohlgeboren Richard von Arnach, Baron zu Arnach, Seine Hochwohlgeboren Adalbert von Torpstein, Baron zu Hohenforingen und der Edle Normund von Lodenburg, Ritter der Templer von Ankur. Die Herren hatten sich, als ceridische Adlige, bei den Ereignissen auf dem Vortreffen zur Herrscherbegegnung, am Gutshof des Reichsritters Raphael von Sarmand nicht nur durch ihren selbstlosen Einsatz um das Reich verdient gemacht, sondern sich auch über die religiösen Grenzen hinweg für das Wohl aller eingesetzt.
Die Überreichung fand am 4. Tag des 1. Poenamondes 45 n.A.III im herzöglichen Familien-Stadtpalast in Escandra unter Beisein von Herzogen-Großmutter Walluma und Herzogen-Großonkel Herian statt.
Seltsames ereignete sich vor kurzem in der Provinz Celvar auf dem Plan der vor langer Zeit verschwundenen Burg Talwacht.
Leset im Folgenden die exklusiven Bekanntmachungen unseres Schreibers Rüdiger Purzelboom, der sich todesmutig an den Ort des Geschehens begeben und vor Ort Gespräche mit Augenzeugen geführt hat.
Im kalten, verschneiten Winter des Jahres 45 n.A.III manifestierte sich plötzlich über mehrere Tage am Standort der ehemaligen Burg Talwacht ein neuer Bau. Erst waren nach Augenzeugen¬berichten nur Umrisse einzelner Mauern, Häusern und Türmen geisterhaft zu erkennen. Dann erschien mit einem Donnerschlag ein neuer Gebäudekomplex auf dem Berg und hüllte diesen in eine dichte Wolke aus aufgewirbeltem Schnee. Erst nach Stunden war das neue Gemäuer erkennbar auf der Berghöhe wieder sichtbar.
Schon aus der Ferne fällt die ungefähr dreizehn Fuß hohe Mauer, die zwar Teils beschädigt ist, aber dennoch das gesamte Areal zu umschließen scheint, auf. Umringt ist die Mauer von einer Vielzahl von Trümmen und halbzerstörten Hütten und Häusern, die über das Geröll des Berghangs um den Gebäudekomplex verteilt sind. Nur einzelne Häuser scheinen noch mit des Einen Hilfe gerade zu stehen.
Hinter den hohen Mauern kann man eine seltsame, bunte Mischung von Baustilen erkennen: Neben bekanntem Mauerwerk, Zinnen und Schindeldächern, wie sie in aller gesitteten Länder bekannt und bewährt sind, reihen sich fremdartig wirkende, an das Land Darian erinnernde, Häuser und Türme auf, mit reichverzierten Kuppeln und Fensterbögen. Allein die blauen Dächer, ob nun mit Schindeln bedeckt oder aus Kuppeln bestehend, scheinen als Merkmal diese von unterschiedlicher Meisterhand erbauten Werke zu vereinen. Nur im Osten des Komplexes scheint unpassender Weise ein großer Platz angelegt zu sein, auf dem kein Gemäuer steht.
An Kuriosität übertroffen wird diese wilde Mischung an Stilen nur durch das Objekt, welches zwischen den Kuppeln und Türmen im Herzen des Komplexes alles andere überragt: ein hoher wie über Generationen gebauter, abgerissener, neu – neugebauter, wieder teils abgerissener und ausgebesserter Turm. Immer wieder ungleich verteilt sind an einzelnen Stockwerken in unterschiedlichen Höhen Anbauten am Mauerwerk befestigt worden. Gekrönt wird dieser Finger eines Titanen von einer chaotisch aussehenden Anordnung von mysteriösen Gerätschaften, die mit Gläsern und Linsen versehen sind, welche im Schein der Sonne aufblitzen. Seiner imposanten und architektonischen Finesse wird nur durch seine leicht schiefe Lage ein wenig Abbruch getan.
Wenn man sich dem Ort nähert, fallen dem aufmerksamen Beobachter weitere Kleinigkeiten auf. Vereinzelt lassen sich aufgeregte Rufe vernehmen und hinter einzelnen Fenstern der Bauten im Inneren kann man immer wieder Gestalten huschen und seltsame Lichter aufleuchten sehen.
Wer also mehr über diese Bewohner dieser Erscheinung in Erfahrung bringen möchte, muss an einem recht imposanten Eichentor mit kleinem Pförtnerhäuschen um Einlass bitten. Dem Besucher wird momentan allerdings rüde durch einen Sehschlitz mitgeteilt, dass ein Besuch aufgrund „arkaner Indifferenzen und backtechnischer Unannehmlichkeiten“ momentan nicht möglich sei.
In der nächstgelegenen Taverne „Zum lachenden Auerhahn“ kann man allerdings von der ortsansässigen Bevölkerung einige Dinge in Erfahrung bringen:
Purzelboom: Wann habt Ihr den Gebäudekomplex in Talwacht entdeckt?
Herr Kraut (Bauer): Vor gut sieben Tagen flimmerte die Luft dort so seltsam, ich dachte
zuerst, das würde an meinem Rübenschnaps liegen, war aber nicht so.
Frau Kraut (Bäuerin): Dann war da dieses Donnern, die Luft wurde schwer, wie vor einem
Gewitter und es roch nach Sellerie.
Purzelboom: Sellerie?
Herr Kraut: Ja, Sellerie. Am dritten Tag dann tauchten auf einmal verschwommene Umrisse auf, ich dachte, es liegt am Bier, war aber nicht so.
Frau Kraut: Da hab ich zu meinem Mann gesagt, Gustav, habe ich gesagt, hol die Lisbeth und die Adelheid da weg.
Purzelboom: Wen?
Frau Kraut: Unsere beiden besten Milchkühe
Herr Kraut: War leider schon zu spät, plötzlich standen die Häuser da, wo gerade noch die Kühe waren.
Purzelboom: Die Gebäude sind einfach aufgetaucht?
Frau Kraut: Nein, es hat gewaltig gerumst und der Boden hat noch hier im Dorf gewackelt.
Herr Kraut: Über der Talwacht gab es eine Wolke, so etwas habe ich noch nicht gesehen, das war schlimmer als damals, als dem Jan der Brennkessel explodiert ist.
Purzelboom: Seid Ihr nach Talwacht gegangen, um nachzusehen, was passiert ist?
Frau Kraut: Natürlich nicht, wir sind doch nicht bescheuert. Was denkt Ihr denn?
Herr Kraut: Wir haben uns in unseren Häusern versteckt und der Helmut, der
Ortsvorsteher, hat die Bürgerwehr zusammengetrommelt, falls da noch mehr kommt.
Purzelboom: Und kam denn noch mehr?
Frau Kraut: Ein paar sehr nette Männer in seltsamen Anzügen und eine noch nettere Frau mit einem spitzen Hut tauchten ein paar Tage später hier im Dorf auf und fragten nach Gebäck.
Purzelboom: Gebäck?
Herr Kraut: Ja, das war ihnen ziemlich wichtig.
Purzelboom: Haben sie gesagt, wer sie sind und was sie hier wollen?
Frau Kraut: Nein, nicht wirklich. Sie meinten aber sie seien „Magister“ und fragten eben nach dem Gebäck
Purzelboom: War das alles?
Frau Kraut: Sie wollten außerdem noch wissen, wie der Ort hier heißt und wo sie denn nun sind.
Herr Kraut: Genau und dann haben sie mit uns Schnaps getrunken und anschließend die Kühe bezahlt. Wie es sich gehört!
Frau Kraut: Außerdem haben sie ein paar von unseren besten Handwerkern für Renovierungsarbeiten angestellt.
Purzelboom: Also geht von diesem Ort und seinen Bewohnern keine Bedrohung aus?
Herr Kraut: Bisher ist bis auf ein paar komische Lichter und ein paar Geräusche alles ruhig geblieben.
Purzelboom: Vielen Dank für das Gespräch.
Die Herkunft dieser rätselhaften Residenz und die Gründe ihres Erscheinens sind bisher noch völlig ungeklärt. Es wird daher nicht ohne Grund im Volk gemunkelt, dass Fitzzeug im Spiele sei.
Der wagemutige Schreiber Purzelboom wird Euch auch weiterhin über die rätselhaften Geschehnisse hier in Talwacht auf dem Laufenden halten.
Rüdiger Purzelboom für den Kronkurier
In immer mehr ogedischen Städten und Dörfern zeigt sich die Beliebtheit des Götterkindes Arden. Seit einigen Monden gibt es nun auch erste Schreine zu Ehren Ardens. Der wohl prunkvollste Schrein entstand am Rande des Schlangenkamms in Darian, wo eine Theater-Bühne in den Fels geschlagen wurde, um Lieder und Geschichten zu Ehren Ardens vorzutragen.
Nicht allen Geweihten ist diese neue Art des ogedischen Glaubens zwar recht, aber sie betonen auch, dass Arden als Kind der Viere durchaus das Recht habe, einen Platz im Ogedentum zu erhalten.
Die wohlfeile Stadt Solodgia, man spricht ihr gerne den Zusatz „Zwischen-Baum-und-Feld“ zu, gilt als bedeutendste Ansiedlung der tlamanischen Provinz Ardelun. Gemessen an ihren Nachbarinnen Mirain und Tabruk allerdings, geht es hier das Jahr über höchst beschaulich, ja recht betäubend, zu.
Gänzlich anders gestaltete sich diese Gewohnheit jedoch in den ersten Tagen des 2. Xurlmonds, als Solodgia sich in ein fürwahr festlich Prachtgewand kleidete. Mensch, Haus, Strauch und gar Getier waren mit farbigen Glasperlenbändern und bunten Federn geschmückt. Spiel, Spaß und Spectaculum zogen Jung und Alt in Bann. Es wurde vortrefflich von Poenas Gaben getafelt und gebechert, die Ernte fiel in diesem Jahr reichlich aus, und so währten die ausgelassenen Feierlichkeiten – von einem einzelnen Fest kann gar nit mehr die Rede sein – ganze drei Tage und Nächte.
Denn es trug sich zu, dass Prinzessin Lenia Orwyn Sarava mit der Mark belehnt und in den Rang einer Freifrau von Ardelun erhoben worden war.
Wie in Tlamana bewährte Sitte, fällt die Verwaltung der „lieblichen Mark“ Ardelun dem zweitgeborenen Kind des herrschenden Linienstammes zu. Obschon es Absicht ist, auf diese Weise monäre Ausstattung und politische Betätigung zuzuführen, handelt es sich bei diesem Ausgleich mitnichten um die Gründung einer unabhängigen Nebenlinie. Die Belehnung Ardeluns beinhaltet gewissermaßen eine Reserveposition, also die Möglichkeit des Nachrückens, so die eigentliche Thronfolgerin – dieser Tage Erbprinzessin Alessia Velana – aus drängenden Gründen die Baronswürde nicht anzutreten vermag. Bekanntlich kam diese Regelung erst in jüngster Zeit zur Anwendung, als Baronin Tamara von Tlamana zugunsten ihrer jüngeren Schwester, unserer heutigen Baronin Leabell, abdankte.
Als der drachenhainisch-tlamanische Hausvertrag (der Helios-Bote berichtet) am 1.Tag des 1. Helios, 45 n.A.III, durch das Licht Seiner Allerdurchlauchtigsten Majestät Gültigkeit erhielt, war auch die Neubelehnung der Mark erforderlich, welche bislang noch unter der zuverlässigen Verwaltung der inzwischen siebzigjährigen Freiherrin Ambrosiata von Perltautal stand.
Da die Prinzessin zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch erst sieben Sommer zählt, bestallte Baronin Leabell ihren getreuen Ritter Elluard von Eberkling zum neuen Verwalter der Mark, bis Prinzessin Lenia ihr 21. Lebensjahr erreicht hat.
Auch eine Wappenänderung der Mark bringt die Neubelehnung traditionell mit sich. Ihre Hochgeboren Prinzessin Lenia Orwyn Sarava von Tlamana, Freifrau von Ardelun, erwählte sich den aurazithenen Pfau auf schwarzem Grund. Und freilich wart auch der tlamanische Stern nit vergessen, ehrfurchtsvoll schaut der Vogel zum Gestirn empor.
Mark Ardelun
Eine Eigenheit, fern der tlamanischen Gepflogenheiten – dies vergaß ihre Baronin Leabell von Tlamana während der Einsetzung ihrer Tochter nicht zu erwähnen – beinhalte der drachenhainisch-tlamanische Hausvertrag indes doch: sollte es Erbprinz Halmar von Drachenhain nicht gegeben sein, sein Amt anzutreten, so fällt Prinzessin Lenia im Erbfall die Thronfolge des fernen Fürstentumes zu.
Die Vier Götter mögen dies verhüten!
Die beiden Adelshäuser Drachenhain und Tlamana – vor den Vier Göttern durch Lebensehe ihrer Häupter, Fürst Leomar und Baronin Leabell, verbunden – hinterlegten bei Seiner Allerdurchlauchtigsten Majestät jüngst als einvernehmliche Empfehlung, wie nach ihrem Ableben hinsichtlich Thronfolge und Erbe in Drachenhain und Tlamana zu verfahren sei, einen drachenhainisch-tlamanischen Hausvertrag.
Bekanntlich entstammen der poenagefälligen Verbindung drei Thronprätendenten. Namentlich der männliche Erstgeborene Prinz Halmar Arwell, dann die weibliche Erstgeborene Prinzessin Alessia Velana, sowie die weibliche Zweitgeborene Prinzessin Lenia Orwyn Sarava.
Entsprechend des drachenhainisch-tlamanischen Hausvertrages würde beim Tod ihrer Eltern folgende Regelungen, gemäß primo genitur, gewollt sein:
I. Prinz Halmar Arwell soll dereinst Nachfolge und Erbe seines Vaters, Fürst Leomar von Drachenhain, antreten und mit seinen Nachkommen die Linie des Hauses Drachenhain fortführen.
II. Prinzessin Alessia Velana, soll dereinst Nachfolge und Erbe ihrer Mutter, Baronin Leabell von Tlamana, antreten und mit ihren Nachkommen die Linie des Hauses Tlamana fortführen.
III. Sollte eine dieser vorgenannten Linien erlöschen, so geht jene Nachfolge an Prinzessin Lenia Orwyn Sarava über, die mit ihren Nachkommen die entsprechende Linie fortführen soll.
Sollte eine weitere der vorgenannten Linien erlöschen, so verliert dieser Heliosbrief seine heliosgefällige Kraft und fällt an Seine Allerdurchlauchtigste Majestät zurück.
Inzwischen wurde verlautbart, Seine Allerdurchlauchtigste Majestät, König Helos Aximistilius III, geruhte dem drachenhainisch-tlamanische Hausvertrag zu entsprechen und die Helios-Briefe Fürst Leomars von Drachenhain und Baronin Leabells von Tlamana um diese Devolutionsartikel zu erweitern.
Nicht wenig erstaunt war der Glefenbacher Fuhrmann Ingfred, als er – wie mehrmals im Jahr – am 27. des III. Saarka mit seinem Ochsenfuhrwerk eine Ladung Buchweizen über die neue Straße nach Schwarzsee karren wollte.
Natürlich hatte er damit gerechnet, dass es nach den ausgiebigen Regenfällen der letzten Wochen hier und da ein paar Stellen gibt, an denen auf der nur dürftig befestigten Straße die Räder etwas tiefer als sonst einsinken. Darum hatte er auch zwei kräftige Helfer mit Schaufeln dabei, die gemächlich neben dem Fuhrwerk entlangtrotteten und allzu matschige Stellen geschwind ausbessern könnten. Sie waren schon bei Morgengrauen aufgebrochen, auf dass sie bis zur Dämmerung auch sicher an ihrem Ziel ankommen würden.
So ging es zunächst recht zügig dahin. Auf der hervorragend ausgebauten Aximistiliusstraße ohnehin, und zunächst auch von der Abzweigung den dicht bewaldeten Hang hinauf Richtung Schwarzsee. Das ein oder andere Mal kamen die Schaufeln zum Einsatz, doch das war um diese Jahreszeit nichts Ungewöhnliches. Auch einen vom Sturm entwurzelten Baum, der die Straße versperrte, konnten sie mit dem kleinen Fuhrwerk noch umfahren.
Doch kurz bevor sie in einer natürlichen Scharte zwischen zwei Felswänden die Passhöhe des Weges erreichen hätten sollen, stießen sie auf ein Hindernis, das die drei Mann mit ihren zwei Schaufeln unmöglich beseitigen konnten: Es war als hätte der Berg den Weg verschluckt. Denn die Straße führte nun geradewegs hinein in einen mehrere Meter hohen Haufen aus Lehm und Geröll, der den Pass komplett versperrte. Einer der Begleiter kletterte auf den Geröllhaufen, um herauszufinden, wie breit der Erdrutsch denn war und wieviele Leute und Zeit man denn wohl brauche, um den Weg wieder passierbar zu machen. Doch das Hindernis war so groß, dass er es nicht einmal bis ganz nach oben schaffte. Unverrichteter Dinge musste der Fuhrmann also mit seinen Gehilfen umkehren.
Der neue Weg nach Schwarzsee ist damit auf unbestimmte Zeit gesperrt. Bis auf weiteres ist nun wieder der alte Weg durch die Schwarzbachklamm, der bekanntermaßen nur zu Fuß begehbar ist, die einzige Möglichkeit das Hochtal von Schwarzsee zu erreichen.
An eine Räumung des Erdrutsches ist vor dem Frühling nicht zu denken. Doch auch danach ist die Zukunft des Weges offen: Denn spätestens seit der Xurlgeweihte von Schwarzsee in der Kanzlei der Antrutzen vorstellig wurde, um zu fordern, dass die neue Straße aufgegeben werde, mehren sich die Stimmen, alles so zu belassen wie es ist. Denn es sei gegen Xurls Willen gewesen, dass die neue Straße errichtet werde, so habe er sie durch seine göttliche Kraft zerstört und Xurl werde auch weiterhin diese Straße nicht dulden. Diesmal sei es glimpflich ausgegangen, doch sollte man versuchen, die Straße wieder nutzbar zu machen, könnte das schlimme Folgen für die Beteiligten haben.
In der Tat hatten die Geweihten schon vor der Errichtung des neuen Weges davor gewarnt, die Bedeutung des alten Xurl-Schreins am Weg durch die Schwarzbachklamm durch den Bau eines neuen Weges zu verringern, da Xurl dadurch verärgert werden könne. Nach Ansicht der Schwarzseeer ist das nun eingetreten.
Als die Welt noch jung war, hauchte Saarka einigen Geschöpfen mit sanftem Wind Leben ein, auf dass sie ihre Schuld an den Tumulten tilgen möge, die während der Schöpfung der Welt von ihr daselbst verursacht worden waren. So berichten die Ogeden-Priester seit uralter Zeit über die Entstehung der Menschen.
Es gibt Angehörige des Shamanka Clans, jenes Clans in Sedomee, der seit jeher sich um die Pflege des heiligen Haines kümmert, die davon berichten, in der Nähe von Eibenbäumen, bei uns genannt Khashab, eine gewisse Präsenz, ja gar Zuneigung Saarkas – so dies denn möglich ist – zu empfinden. Auch heißt es unter der Landbevölkerung gelegentlich, man solle sich bei Vollmond und ganz besonders in den Nächten rund um die Crelldinornacht nicht unvorsichtig den Eiben nähern und falls es keinen Umweg gäbe, selbst wenn die Gegend einem vertraut wäre, sich lieber vorsichtshalber laut und ehrerbietig vorstellen und angeben, warum man sich nähere. Andernfalls könne man versehentlich in die Unterwelt geraten – ohne Wiederkehr, versteht sich.
Vernehmt nun folgende Erzählung, die da heißt:
Der hundertjährige Eibenbaum
Es war einmal ein hundertjähriger Eibenbaum, der trug sowohl männliche als auch weibliche Blüten, was zu dieser Weltenzeit noch seinem üblichen Wesen entsprach. Diesen Baum besuchten nun regelmäßig Menschen von nah und fern, aus vielen verschiedenen Clans und Sippen, die von ihm gehört hatten, denn der Baum war ein Lehrer.
Er lehrte die Menschen, die zu ihm kamen, die Gaben der Götter zu ehren, ja, sich an ihnen derart zu freuen, dass sie fast wie von Sinnen wirkten oder glaubten, einen flüchtigen Einblick in die Unterwelt erhalten zu haben. Er lehrte sie, die Jahreszeiten zu beobachten, und gleich ihnen stets ihr ehrliches Gemüt zu zeigen, sei es sanft oder tobend, aber einander genauso schnell wieder zu vergeben. Und der Baum lehrte diese Menschen auch, dass die Gemeinschaft des Clans ewiglich besteht und doch ewig im Wandel begriffen ist, denn mehrere Generationen zugleich sind in ihm verbunden im ewigen Kreislauf des Wachsens und Vergehens. Und ganz besonders dies: ein jeder solle alle Clanschwestern und -Brüder gleichermaßen achten, in Vergangenheit bis an den Anfang der Welt und in Zukunft bis an ihr Ende.
Unglücklicherweise begab es sich jedoch, dass mehrere der Sippen, die regelmäßig zu dem Baum gekommen waren, diesen ganz für sich beanspruchen wollten. Eine besonders entschlossene unter ebendiesen schmiedete einen tolldreisten Plan, den Baum auszugraben und in eine Höhle zu setzen, die nur ihnen selbst bekannt sein sollte.
Ein Mädchen namens Nesrin, das es sich zum Brauch gemacht hatte, wegen der abenteuerlichen Träume, die der Baum schenkte, eingerollt zwischen dessen Wurzeln zu schlafen, hörte zufällig einige Worte darüber mit. In ihrem Entsetzen weinte sie heftig und weckte damit auch den Baum aus dem Dämmerschlaf.
“Schwestern verraten Schwestern und Brüder verraten Brüder? Dies ist nicht, weshalb ich in diese Welt gekommen bin und auch nicht, was ihr von mir lerntet!” donnerte die Eibe und rief sogleich die Göttin Saarka um Hilfe an. Diese entfesselte daraufhin einen heftigen Sandsturm, der volle zwei Jahre andauerte.
Als sich die letzten Sandkörner endlich gelegt hatten, sahen die Menschen, dass der Stamm des Baumes nun in zwei gespalten war, von der Krone bis zum Boden, obgleich er noch zu leben schien. Die beiden Hälften aber bogen sich wie in heftiger gegenseitiger Abscheu voneinander weg. Auch die Natur des nun gespaltenen Baumes schien sich vollkommen gewandelt zu haben.
Die eine Hälfte trug hernach stets mehr und saftigere Blätter und Blüten als ihr Gegenüber, da ihre Wurzeln sich nach und nach in Richtung einer bisher verborgenen Wasserader gruben. Auch fand man an dieser Hälfte weiterhin die roten Beeren, die die Menschen vormals als eine der traumschenkenden Gaben geehrt hatten, die nun aber giftig geworden waren und nur noch von Saarkani mit besonderem Wissen angerührt werden konnten. Mit Worten sprechen konnte diese Hälfte ebenfalls nicht mehr, doch besuchten sie einige treue Menschen weiterhin und pflegten sie, da sie den Baum wie eine ihrer Clanschwestern betrachteten.
Die andere Hälfte dagegen konnte sehr wohl noch sprechen, gab nun aber mit einer gewissen Regelmäßigkeit allerhand Gerede bis hin zu düsteren Weißsagungen von sich, was die Menschen verwirrte – wie der Hinweis an einen Bauern, sein Burei leide unter heftigem Husten und bräuchte dringend einen Einlauf – und gelegentlich ängstigte – wie der Ausruf, die dunkle Zeit der Dattelpest stünde unmittelbar bevor. Karg war das Erscheinungsbild dieser Hälfte des Baumes, weshalb einige Menschen versuchten, ihn mit dargebrachten Datteln zu nähren oder mit Bureimist zu düngen. Gierig schien der Baum die Nahrung aufzusaugen und fragte gelegentlich auch nach mehr, verblieb indes aber in dem Zustand wie zuvor. Schließlich begannen die Menschen, die dürren Äste mit allerhand bunten Bändern und glitterndem Tand zu behängen, um den Baum aufzumuntern, da sie ihn wie einen ihrer Clanbrüder betrachteten.
Nesrin, bald zur jungen Frau gereift, schlug ihr Lager in der Nähe der zwei Bäume auf – denn als solche wurde der Eibenbaum nun von den Menschen betrachtet – und wiederholte jedem, der es hören wollte, die Lehren des Baumes an die sie sich erinnern konnte Wort für Wort.
Eines Nachts fiel ihr während sie schlief eine der Beeren in den Mund, doch sie erwachte erst am Morgen und es war bereits zu spät. Ihr Körper schüttelte sich vor heftigen Krämpfen und bevor sie starb erzählte sie den Menschen, die ihr zu Hilfe geeilt waren, unter großen Mühen noch von dem letzten Traum, den ihr geliebter Baum ihr geschenkt hatte:
Sie hatte alle Clans und Sippschaften erblickt, die den Baum in seinem langen Leben aufgesucht hatten und diese formten ein endloses Band bis zum Horizont und an den Rand der Weltenschale. Daraufhin hatte sie eine Vision der zwei Baumhälften erblickt, die sich, zunächst zaghaft, dann immer deutlicher aufeinander zubewegten um sich schließlich wieder wie zu einem Stamm ineinander zu verwinden, woraufhin die Zweige sich sogleich in üppiges Grün wandelten, über und über mit Blüten und Beeren besetzt. Gleichzeitig hatte die junge Frau die Stimme der Eibe vernommen, die die Menschen gemahnte dieses endlose Band zu ehren. Die Stimme prophezeite, dass goldene Zeiten des Überflusses und des Segens anbrächen, sobald dies in den Herzen der Menschen ihren Platz gefunden habe.
Seit dieser Zeit nun ist allgemein bekannt, dass die Eibe, eine der von uns hochgeschätzten Baumarten, ebenso wie die Menschen sich stets in einem dieser beiden Zustände des Körpers oder des Gemüts in der Welt zeigt, als da wären männlich oder weiblich.















