Tritt ein in das

Portal

Im 1. Xurl, 30 n.A.III
Ausgabe XV
Phantastischer Reisebericht

Eines Abends vor nicht allzulanger Zeit gab im „Irrlicht“ zu Arnstein ein junger Ziegenhirte namens Ames Bund folgende Erzählung zum Besten:

„Heda, Leute, hört mich an! An diese Geschichte denkt ihr noch in Jahren. Ich kann sie selbst kaum glauben, doch sie ist passiert, so wahr ich hier sitze!
An einem schönen Tag im Frühling habe ich die Ziegen zum Bröller geführt – ihr wißt schon: Da, wo der Finsterbach im Berg verschwindet. Und als ich die Herde durch die Furt treiben wollte, da ging zuerst alles gut, aber dann wurde eines der Tiere von der Strömung erfaßt und weggetrieben. Ich überlegte nicht lange, sondern jagte den Rest der Herde kurzerhand auf die jenseitige Wiese, ließ sie allein und rannte der Ziege am Ufer hinterher. Bald hatte ich sie eingeholt, aber der Bröller war schon gefährlich nahe. Also rannte ich weiter, bis ich sie überholt hatte, sprang in das eiskalte Wasser und versuchte, sie im Vorbeitreiben zu erwischen. Leider trübte die schräg stehende Sonne meinen Blick, und so entging mir das arme Tier. Es trieb in den Bröller hinein, wurde verschluckt und war verschwunden.
Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich habe noch nie ein Tier verloren. Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und tauchte in den dunklen, kalten Bröller hinein.

Ihr müßt wissen, daß ich keine Furcht kenne und die Gefahr mindestens genauso liebe wie schöne Frauen und guten Wein.
Anfangs dachte ich, ich würde ertrinken, doch dann tauchte mein Kopf wieder aus dem Wasser auf und ich atmete begierig die kalte, nasse Luft. Es war stockdunkel, aber ich konnte vor mir die Ziege meckern hören. Als ich auf sie zuschwimmen wollte, merkte ich, daß ich von einer starken Strömung weitergetragen wurde. In völliger Finsternis ging es über allerhand Stromschnellen hinweg. Nur mein Gehör sagte mir, daß ich mich der Ziege näherte. Und während ich so schwamm, fragte ich mich, wohin dieser unterirdische Fluß wohl führen möge… ob er wohl jemals wieder zutage treten würde?

Plötzlich sah ich vor mir einen geheimnisvollen Lichtschein. Ich wunderte mich, was das wohl für ein unterirdisches Leuchten sei. Wohnte etwa jemand hier, an diesem unheimlichen Ort?
Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: es war die magische zerbrochene Stadt, die nur die allerweisesten der Gelehrten kennen. Fahles Licht leuchtete über den grauen Ruinen und die Abbilder vergangener Menschen wandelten ohne Ziel in den staubigen Gründen herum und suchten nach Dingen, die längst vergangen sind. Ich aber wurde weitergerissen, fortgetragen von den unterirdischen Strömen hinab in die Schwärze, immer tiefer hinab, bis ich dachte, nun sei es um mich geschehen. Doch plötzlich sah ich abermals einen fahlen Lichtschimmer. Ich fragte mich schon, ob ich wieder in der magischen zerbrochenen Stadt sei, doch dann vernahm ich plötzlich ein Hämmern. Um mich herum verbreiterte sich die Höhle zu einer großen Halle und das Wasser floß merkbar ruhiger. Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: es waren die sagenhaften Zwergenminen von Doromanosch. Und dann gewahrte ich die Zwerge, wie sie mit spitzen Hacken und Hämmern und Meißeln den Fels aufbrachen und ich sah, wie ihnen der Schweiß von der Stirn und den nackten, muskulösen Oberkörpern rann und ich schaute ihre traurigen Gesichter. Hier war also der Ort, wo all die Kristalle und Edelsteine gewonnen wurden. Und mir war, als würde ich ganz deutlich ihre tiefen und klagenden Gesänge aus den rauhen, jahrhundertealten Kehlen hören. Sie handelten von kostbaren Gemmen, großem Reichtum und verlorenem Glück. Gerne hätte ich etwas von dem Reichtum mitgenommen, aber ich wurde weitergerissen, durch wilde Strudel hindurch in lange, unheimliche Höhlengänge hinein. Hätte ich nicht ab und zu meine Ziege meckern hören, hätte ich aufgegeben, das könnt ihr mir glauben. Aber plötzlich wurde es wieder hell und luftig und ich merkte, daß ich in einem frischen, kleinen Bach schwamm, der plätschernd und murmelnd ins Freie hinaus führte. Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: Es war der verwunschene Parimawald. Warm schien die Sonne durch die Zweige und ich sah wundersame Blumen und freundliche Phiaræ standen drumherum und die Vögel zwitscherten und die Bienen summten und alles war voll Zauber und mir war, als würde ich in der Zeit vor- und zurückblicken können, vieles habe ich gesehen, fürwahr – fragt mich nachher, wenn ihr noch Geld habt, ihr Leute! – Ich jedenfalls wurde weitergerissen, dorthin wo der Fluß sich wand, wieder hinab in die finsteren Abgründe, und als ich gerade dachte, es würde gar nicht mehr hell werden, sah ich in einem flackernden Lichterschein hohe, uralte Holzregale vor mir aus der Dunkelheit auftauchen. Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: Es war das geheimnisvolle unterste Kellergeschoß der Universitätsbibliothek in Escandra. Denn die Regale, es waren Bücherregale mit schweren, staubigen Tractaten darin über die Gestalt der Welt, über die wahre Absicht der Götter, über den Sinn des Seins und die Geheimnisse der Gestirne. Nur die Eingeweihtesten der Eingeweihten wissen von diesen Regalen und nur die Gelehrtesten der Gelehrten verstehen, was in den Büchern dort zu lesen ist. Ich aber sah, wie ein Mann mit einem Studiermantel und einem wunderlichen Hut auf dem Kopf auf einer hohen Leiter stand. Seine Schultern hingen herunter und er hatte auf der obersten Sprosse eine Kerze abgestellt, damit er mit beiden Händen sein gar schweres Buch halten konnte. Und mir war, als würde er sich zu mir herumdrehen und mich ansehen mit seinen tief in den Höhlen liegenden Augen, und er winkte mir freundlich zu mit seinen dünnen, knochigen Fingern und ich erkannte, es war Rolvanus Esgadran, der Klügste der Klugen unter all den gescheiten Escandrinischen Gelehrten. Er sah mich irritiert an, und sein Gehilfe rannte stotternd auf mich zu, um mich zu ergreifen. Ich aber wurde weitergerissen, hinein in einen gurgelnden Höllenschlund, und es war nichts als Schwärze um mich, aber ich verzagte nicht, denn ich wußte, gleich würde wieder eine neue Ungeheuerlichkeit die Dunkelheit erhellen. Und sowie ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, nahte sie auch schon: Ich erkannte ein düsteres, unheimliches, mit unfaßbar grausamen Schriftzeichen verziertes Portal, auf das ich unaufhaltbar im Strom des unterweltlichen Flusses unweigerlich zuraste. Zuerst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: Es war das magische und höchst geheime Tor der Unschuld. Niemand darf von ihm wissen, denn wer von ihm erfährt, wird hindurchgehen wollen und sogleich seine Unschuld verlieren. Ich versuchte natürlich, gegen die Strömung anzuschwimmen, aber ich wurde weitergetrieben, immer weiter auf das Tor zu. Und ich bekam große Angst, weil ich ein rechtschaffener Ceride bin, dem seine Unschuld lieb und wichtig ist, aber ich konnte nichts mehr tun, als hindurchgerissen werden durch jenes grauslige Portal der Verrohtheit und ich selbst fühlte mich auch ganz grauslig und schuldig und ich hatte ein rabenschwarzes Gewissen. Was würde nur mit mir geschehen, wenn ich nicht mehr unschuldig sein würde?
Dann stieß ich hindurch.

Und ich schaute mich um und rätselte, was sich wohl hinter jenem wunderlichen Tor verbörge und lustig und froher Dinge, wie ich war, war ich höchst beruhigt, daß der Fluß nicht darauf zufloß, sondern davon weg. Irgendwie glaubte ich, daß mein naives und unverdorbenes Wesen dahinter ein Ende genommen hätte. Lustig, nicht war?

Doch ich hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Plötzlich war nämlich alles ganz hell und weiß und voller Licht und Frische. Ein kühler Wind wehte und ich fröstelte ein wenig. Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: Es war ein milchiggrauer, reißender und eiskalter Gletscherbach in den verschneiten, unerreichbaren Eisregionen des Schlangenkamms. Niemals war diese Landschaft von eines Menschen Fuß betreten worden, und doch war mir, als würde ich ein Singen hören, so süß und sehnsuchtsvoll, daß ich glaubte, ich müsse sterben, und da begriff ich, daß es Saarka selbst war, die nur allein und in der Einsamkeit singen darf – seit der Zeit, als sich ihr unbedachtes Singen einmal gegen den Göttervater gewandt hat.

Bevor ich aber von ihrem Singen gefangen war, wurde ich zum Glück weitergerissen, hinein in einen tiefschwarzen Schlund und in rasender Geschwindigkeit durch einen engen Tunnel immer weiter durch die felsigen Urgründe des Königreiches.

Als ich schon dachte, es würde nimmer enden mit dieser schauerlichen Höllenfahrt, lichtete sich die Schwärze um mich herum. Das Wasser floß langsamer und ich war fürwahr verwundert: Die Wände, sie waren mit den gar allerprächtigsten und kostbarsten Kacheln gekachelt, die ich in meinem jungen Leben als Ziegenhirt zu Gesicht bekommen habe. Dann verbreiterte sich der Kanal zu einem riesigen Saal. Wunderschöne Kristallleuchter erhellten kunstvolle Deckenfresken, filigrane Rundbögen wurden von schlanken, weißen Marmorsäulen getragen. Es gab wunderschöne Statuetten aus Marmor, die Körbe unter dem Arm trugen mit allerhand Obst und Gemüse darin. Alles war dermaßen opulent geschmückt, daß mir sogleich klar war, was das alles war: Es konnte nur die prunkvolle Lustbadetherme des Prinzen Anselm von Thal sein. Warm schien die Sonne durch hohe, hellbunte Bleiglasfenster auf ein Sprungbrett aus Parimafederholz, und ich sah, wie ein anmutiger, junger Mann mit einem wahrlich schwungvollen und eleganten Sprung ins Wasser eintauchte. Und als er direkt neben mir wieder auftauchte und mich freundlich grüßte, erkannte ich ihn: Es war Prinz Anselm von Thal. Natürlich entgegnete ich den Gruß, schließlich habe ich schon viel gehört von dem jungen Prinzen und seinen abenteuerlichen Abenteuerreisen. Der junge Adlige wollte sich auch sogleich mit mir unterhalten und meine romantische Geschichte anhören – ich aber wurde leider weitergerissen, wieder hinein in den unterirdischen Kanal.
Nach einiger Zeit sah ich noch einen anderen Kanal, und dann noch einen anderen, noch einen und noch einen. Die Kanäle wurden immer mehr. Bald waren sie neben mir, hinter mir, vor mir, über mir, unter mir und so weiter. Alles schien nur noch aus Kanälen zu bestehen. Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: Es konnte nur das überaus verschlungene Kanalgewirr des Betiser Hafenviertels sein. Überall war zwielichtiges Volk, Verkäufer, Reisende und wunderschöne Frauen, die mir interessierte Blicke zuwarfen. Manche schienen von mir angetan, denn sie sprachen mich an und wollten etwas von mir – ich aber wurde weitergerissen, fort von jenen wunderschönen Geschöpfen des Luxus und der Anmut wieder hinein in die dunklen, brodelnden Abgründe. Und es ging immer tiefer und tiefer hinunter, bis alles ganz schwarz und schaurig war. Uhuuu!

Ich fragte mich schon, wohin ich als nächstes gelangen würde, als ich vor mir ein Hämmern vernahm. Die Höhle um mich herum verbreiterte sich zu einer großen Halle und das Wasser floß merkbar ruhiger. Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: Es waren die sagenhaften Zwergenminen von Tikon. Und dann gewahrte ich die Zwerge, wie sie mit spitzen Hacken und Hämmern und Meißeln den Fels aufbrachen und ich sah, wie ihnen der Schweiß von der Stirn und den nackten, muskulösen Oberkörpern rann und ich schaute ihre traurigen Gesichter. Hier also war der Ort, wo all die köstliche Schokolade gewonnen wurde. Und mir war, als würde ich ganz deutlich ihre tiefen und klagenden Gesänge aus den rauhen, jahrhundertealten Kehlen hören. Sie handelten von dunkler, cremiger Süße; von mit Honig durchsetzten Schokoladenbergen; von tiefbitterem Kakao und dem ewigen Kampf gegen den Liebeskummer. Gerne hätte ich etwas von den Köstlichkeiten mitgenommen, aber ich wurde weitergerissen, hinab in die Schwärze, die sich allerdings langsam in ein tiefes Blau wandelte. Aber auch das Blau um mich herum wandelte sich, es wurde heller, und mir war, als würde ich im Ozean selbst durch eine Röhre schwimmen. Bald machte ich etwas unter mir in den Wässern aus, und ich wunderte mich, was es wohl sei. Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: Es war das legendäre Xurliana. Das uralte und wegen eines lange vergangenen Frevels im Meer versunkene schönste Reich Heligonias. Es gab üppige, reichgeschmückte Gärten mit saftigen Früchten; es gab wunderbare, prächtige Städte, ganz aus edelsten Edelsteinen und kostbarstem Perlmutt manufaktiert. Alles war so wunder- wunderschön, daß es fast ein wenig an Prinz Anselms Hallenbad erinnerte. Doch kuriose Fischmenschen schwammen auf den aurazithenen Straßen herum, die mit reinem Septonith gepflastert waren und ein weiser Alter mit einem Silberbart hielt ein gestrenges Gericht über diejenigen, die sich versündigt hatten gegen ihren Herren und Vater, den Gott des Meeres, Xurl selbst…

Ich aber wurde weitergerissen, in eine starke Strömung hinein. Zunächst dachte ich, daß es etwas völlig anderes wäre, aber dann erkannte ich: Es war der unheimliche, auf keinen Seekarten verzeichnete Malström in der mittleren Jolsee, vor dem sich alle Seeleute fürchten, aber nicht ich, weil ich gleich mit erkannt hatte, daß meine Irrfahrt nun ein Ende haben könnte. Als ich nämlich einen kurzen Blick auf den blauen Himmel hoch über dem Strudel erhascht hatte, schwamm ich wie ein Ostarier nur schwimmen kann rückwärts den Malström hinauf und gelangte endlich in das ruhige Wasser der südlichen Jolsee, wo ich alsbald eine Insel am Horizont ausmachte. Meine Ziege war auch schon unterwegs dorthin, und ich, nicht faul, folgte ihr natürlich.
Ich dachte zunächst, daß es etwas völlig anderes wäre, aber irgendwie hatte ich es schon erwartet: Das Herzog-Uriel-II.-Atoll. Endlich konnte ich wieder Ostarischen Boden betreten. Ich wurde von einer Menge begeisterter Betiser Bürger empfangen, die gerade Urlaub machten und die mich mit exotischen Cocktails stärkten. Enthusiastisch lauschten sie meinen abenteuerlichen Berichten und später am Abend machten sie am Strand ein schönes Feuer und wir tranken Zuckerrohrschnaps und tanzten Flamingo.

Tja, der Rest ist schnell erzählt. Ich bin mit dem nächstbesten Schiff nach Darian gereist und von dort auf Schusters Rappen wieder nach Hause, nach Ostarien, nach Arnstein. Und heute bin ich hier und habe nichts als diese Ziege und meine romantische und abenteuerliche Geschichte. Ihr Leute, ich frage euch: Bin ich nicht ein reicher Mann?“

Soweit der Bericht des Ziegenhirten. Über den Wahrheitsgehalt der Erzählung mag ich nichts sagen. Da ich die Geschichte aber dennoch sehr amüsant finde, hoffe ich, auch Euch damit etwas Unterhaltung und Kurzweil beschert zu haben.

Kilian vom Ebersbrunn

Von der Definition von Ritualen

Eine kurze Zusammenfassung
von Gedanken und Überlegungen

Als ich vor kurzem über einen Text stolperte, welcher betitelt war mit ‚Kleine Ritualkunde‘, verfasst von einem gewissen Gared Le Mur der Magiergilde zu Etraklin stieß ich auf eine Beschreibung, die mir seltsam erschien:

[..] Typische Rituale sind Wiederbelebungen, Dämonenbeschwörungen oder die Verbannung solcher Kreaturen, Teleportationen oder aber auch die Schaffung magischer Gegenstände. Wie man aus dieser Aufzählung ersehen kann, handelt es sich hierbei meist um größere Mengen der Magie, die hier geformt werden. [..]

Nun stellt sich für einen unbedarften Leser doch die Frage, ob diese ‚Definition‘ denn überhaupt richtig ist bzw. stellte sich mir die Frage, wie man ein Ritual denn am geschicktesten definieren sollte. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass ich mitnichten die Kompetenz des verehrten Gared Le Mur anzweifle, der in seinem Text auch eher die praktische Seite von Ritualen anschneidet und diese theoretischen Dinge nicht näher behandelt, sondern es war vielmehr ein Stein des Anstoßes, der mir diese Frage in den Geist stieß.
Stellen wir uns also die Frage ‚Was kennzeichnet ein Ritual?‘ oder ein wenig anders formuliert: ‚Wie unterscheidet sich ein Ritual von einer anderen magischen Handlung?‘
Ein Ritual will, durch Benutzung verschiedener Techniken, einen magischen Effekt erzeugen. In diesem Fall soll die Frage nach den Grundlagen der Magie ernachlässigt werden und auch die eigentliche Definition von ‚magischer Effekt‘ wird einfach als gegeben vorausgesetzt. So scheint es also, dass ein Ritual denselben Zweck verfolgt wie ein gewöhnlicher Zauberspruch, nehmen wir als Beispiel ‚Isadurils kleine Heilung‘.
Trotzdem bleibt die Frage nach den Unterschieden von Ritualen und Zaubersprüchen, welche ich hier als Beispiel für im Volksmund als nicht-rituelle magische Handlungen gelten lassen möchte. Der erste Unterschied der uns meist auffällt ist die Tatsache, dass ein Ritual meist für einen speziellen Zweck entworfen wird und selten sehr oft Verwendung findet, während Zaubersprüche für immer wiederkehrende Problemstellungen benutzt werden. Ein anderer Unterschied ist die Kraft, welche ein Ritual von einem gewöhnlichen Zauber unterscheidet: Viele Rituale bündeln wesentlich mehr Energie als für einen gewöhnlichen Zauberspruch Verwendung finden würde (und benötigen daher mehrere Magier oder eine spezielle Kraftquelle). Alternativ sind manche Rituale auch gar nicht so kraftintensiv, sondern zeichnen sich durch ihre große Komplexität aus: Viele Rituale werden abgehalten um Ziele zu erreichen, die nur durch komplizierte Methoden und Techniken erreichbar sind, weshalb sie sich meist mehrer Magier bedienen. Es gibt auch eine Grauzone im Bereich sehr mächtiger Zauberformeln, welche noch einmal im Verlaufe dieses Texts erwähnen finden wird: Einige wenige Zauberformeln sind hochkomplex und fordern selbst den Besten unserer Zunft alles ab, teilweise mehr als manch ‚leichtes‘ Ritual.
Die Tatsache, dass Rituale meist wesentlich länger dauern als gewöhnliche Zaubersprüche liegt wohl in den oben genannten Tatsachen begründet: Zum einen sind Rituale meist weniger gut vorbereitet und perfektioniert als Zaubersprüche, welche teilweise über Jahrhunderte hinweg entwickelt wurden. Zum anderen verlängert sich die Dauer natürlich auch durch die größeren Energiemenge oder den erhöhten Komplexitätsgrad des gewünschten Effekts. Schließlich wird bei den meisten Ritualen in sehr kleinen Schritten vorgegangen, während Zaubersprüche meist komprimierter sind. Diesbezüglich ist die Dauer zwar ein Unterschied zwischen Zauberspruch und Ritual, wohl aber nur ein abgeleiteter aus den anderen Unterschieden.
Fassen wir also die wichtigen Unterschiede noch einmal zusammen:
1) Zaubersprüche finden für häufig gebrauchte Effekte Anwendung
2) Zaubersprüche benötigen weniger Energie und/oder
3) Zaubersprüche besitzen einen wesentlich niedrigeren Komplexitätsgrad als Rituale.
Aus dieser Grundlage lässt sich leicht eine einfache Tatsache ableiten: Zaubersprüche sind Rituale.
Dies erkennt man daran, dass ein (im Volksmund so genanntes) ‚Ritual‘ sich nur in Stärke, Komplexität oder Spezialisierung von einem Zauberspruch unterscheidet. Und wirklich, wenn man einen beliebigen Zauberspruch mit einem (sog.) Ritual vergleicht, erkennt man die Ähnlichkeiten: Zwar verwendet man für Zaubersprüche eigentlich keine Kreise oder Vielecke, aber die Verwendung von Komponenten, Gesten, speziellen Worten, Konzentrationsübungen, etc. findet bei beiden Verwendung. Wenn also sich zwei Dinge nur im Grad, nicht aber in ihrer Art unterscheiden, dann können sie wohl unter einem gemeinsamen Begriff verbunden werden, was der Wirklichkeit auch reichlich näher liegt als eine strikte Trennung von zwei Dingen, die eigentlich nicht wirklich getrennt sind. Dementsprechend führt die Verwendung von zwei komplett verschiedenen Begriffen für zwei eigentlich gleichartige Dinge höchstens zu Verwirrung und falschen Herangehensweisen.
Dementsprechend kann man allgemein ableiten:
‚Jede Handlung, welche dazu dient, einen magischen Effekt herbeizuführen ist ein Ritual.‘
Nun unterscheiden sich die verschiedenen Arten von Ritualen wohl voneinander:
1) mindere Rituale – zum Beispiel Zaubersprüche – sind relativ einfach in Struktur und verwenden nur wenig Energie. Meistens sind sie hochspezialisiert.
2) große Rituale – wie sie der Volksmund kennt – unterscheiden sich in zwei Arten, nämlich nach dem Grund ihrer Anwendung, welche dazu führen, dass meist mehrere Magier teilnehmen:
– um größere Energien zu bündeln
– um komplexere Effekte zu erreichen
Daran erkennt man auch, warum es eine Grauzone geben kann zwischen diesen beiden Unterteilungen, denn diese Grenze ist natürlich fließend.
Theoretisch gibt es eine dritte Form (nennen wir sie ‚primitive‘ Rituale), welche nur kleinste Effekte besitzen oder nur pseudo-magischen Zwecken dienen. Hier ist die Grauzone zum puren Aberglauben wohl aber recht groß und umfassende Definitionen und Studien wären für eine wirklich exakte Einteilung nötig.
Damit hoffe ich, einen kleinen Anstoß zur Nomenklatur gegeben zu haben. Doch nicht nur dazu soll diese Definition dienen, denn wenn man versteht, was Rituale sind, dann versteht man auch, dass verschiedene Techniken, welche nur in ‚Ritualen‘ respektive nur in Zaubersprüchen vorkommen wohl durchaus für das jeweils andere verwendet werden können. Wie bereits geschrieben wurde: Wenn man zwei Dinge, die eigentlich gleichartig sind, als verschiedenartig betrachtet, kann dies nur zu falschen Ideen führen.

mit freundlichen Grüßen,
Irian

Von den Laufmaschinen

In den Studentenkneipen der Oase Gebeh, dem Haupthaus des Ordo Mechanicus, hört man so manches. Wie unter allen Studenten üblich, werden die gängigen Späße getrieben, obskure Spiele gespielt und gewisse Rituale gepflegt, die wohl jeder von uns während seiner Lehrzeit miterlebt hat. Wie es unter Studenten so üblich ist, kreisen aber auch Geschichten von besonders kühnen, dreisten oder dummen Taten, die Kommilitonen oder Magister leisteten. Viele jener Geschichten sind schon so alt, daß keiner mehr sagen kann, was daran echt und was Ausschmückung ist, aber das ist auch nicht wichtig, denn allein das Amüsement ist der Zweck dieser Legenden, die mit Begeisterung weitergegeben werden. Jede Fakultät hat gemäß ihres Fachgebietes und ihrer Mentalität einen eigenen Schatz an Zitaten und Mähren und so kreisen denn die meisten Geschichten in Gebeh – natürlich – um Apparati. Wer wurde dort nicht als Erstsemester mit dem Scherz der Kolbenrückholfeder gefoppt und wurde nicht jeder einmal zu den Gärtnern geschickt, um einen Resonanzrechen zu holen (Ganz zu Schweigen von den Jaldi-Lufthaken)?
Die Geschichte, die ich hier aber niederschreibe, wird nicht so offen erzählt, da sie nachweislich wahr ist und so, oder so ähnlich, vor ungefähr 60 Jahren tatsächlich passierte.

Vor eben jener Zeit arbeitete in den Werkstätten von Gebeh eine kleine Gruppe äußerst talentierter Apparatisten, fünf an der Zahl. Ihre Leidenschaft war der Bau von Fortbewegungsmitteln. Es gibt viele Gerüchte warum und weshalb, aber es sei wie es sei, ihre Leidenschaft galt vor allem Wagen, die sie zur Perfektion brachten. Sie alle arbeiteten üblicherweise am selben Gefährt, aber noch in stetem Wettbewerb. Wenn sich der Eine eine bessere Lenkung ausdachte, baute der andere noch bessere Achsen und der Dritte konstruierte die unglaublichsten Antriebe. Genauso geschah es mit dem Korpus und der Aufhängung. Und jedes Modell, das sie bauten, war grandioser als das vorige, angetrieben vom heimlichen Wettstreit, wer der beste Mechanikus der Fünfe sei.
Eines Abends jedoch, als sich die Herren wieder mit ihren Ideen übertrumpfen wollten, sprach einer von Ihnen: „Ach, ich mag keine Karren mehr bauen. Unser Ziel ist es doch, die Mechanik der Welt zu verstehen. Nun, ich weiß nur zu gut, wie ein Rad rollt und wie man es antreibt, aber ich sehe keinen Gewinn darin, Kleinigkeiten immer noch weiter zu treiben. Ich will Neues tun. Laßt uns die Mechanik der Natur betrachten und sie nachbauen, auf daß wir aus ihr lernen. Laßt uns die Eleganz der Lebewesen beobachten, um sie unseren Maschinen einzuverleiben. Räder sah ich in der Natur noch keine, aber Beine hat es viele. Laßt uns Laufmaschinen bauen!“
Die ersten Blicke seiner Kollegen waren verwundert und es herrschte langes schweigen. Dann jedoch stürzten sich die Fünfe in eine hitzige Diskussion, die erst mit dem Morgengrauen endete und ihre Ideen benötigten in dieser Nacht viel Schmierstoff.
An den nächsten Tagen und auch in den Nächten wurde eifrig geplant und gedacht, aber es zeigte sich, daß jeder eine andere Vorstellung hatte, wie denn eine Laufmaschine zu sein hätte. Letzten Endes einigte man sich, daß jeder seine eigene Idee verfolgen und bauen sollte und insgeheim war denn auch jeder froh darum. Denn so konnte ihr heimlicher Wettstreit, noch besser weiter geführt werden. Jeder von ihnen konnte nun beweisen, daß er der Beste sei.

Der Erste machte sich die Spinnen zum Vorbild. Nicht die Schnelligkeit mancher dieser Tier faszinierte ihn. Vielmehr war für ihn die Fähigkeit interessant, Wände zu erklimmen, ohne erkennbaren Halt und Tritt. Der Mechanikus baute also ein achtbeiniges Gerät von seltsamem Aussehen. An den Enden der Beine befanden sich eigenartige Vorrichtungen, einer Käseglocke nicht unähnlich. Der Mechanikus nahm auf dem Steuersitz Platz und setzte das Ganze in Bewegung. Der Gang der mechanischen Spinne war weder schnell noch elegant. Um es genau zu sagen mußte man sich in der Nähe des Gerätes vorsehen, nicht von einem umherwirbelnden Bein getroffen zu werden. Aber es erfüllte seinen Zweck. Zuerst erklomm der Mechanikus die höchste Düne im Umkreis der Oase, danach einen Lagerschuppen und zum krönenden Abschluß machte er sich an das Hauptgebäude des Ordens, um es zu besteigen. Aber auf halbem Wege, also doch in beträchtlicher Höhe, blieb das Gerät stehen. Oder besser hängen. Der Mechanikus hatte die Kraftreserven der Maschine überschätzt und die vorhergehende Versuche hatten schon zu viel der Leistung aufgesogen. Da hing der Mechanikus nun und das Erstaunen der Zuseher schlug sehr schnell in Erheiterung über. Nachdem sich die Menge vom Gelächter erholt hatte, dauerte es 2 Stunden, bis man einen Weg fand, den Lenker der Maschine aus seiner Lage zu befreien. Nach weiteren 2 Tagen war auch die Maschine, die an der Wand verharrte, geborgen. Nach diesem Vorfall widmete sich der erste der Fünf anderen Gebieten der Mechanik. Die Maschine verschwand in den Archiven und kommt bis heute einmal im Jahr zum Einsatz, wenn der große Kuppelbau der Versammlungshalle gereinigt wird.

Der zweite der Fünf war ein Perfektionist. Er war der Meinung, daß die höchste Kunst darin läge, den Gang des Menschen bis ins kleinste Detail zu kopieren. Also tat er sich mit einem Anatomen zusammen und begann seine Arbeit. Aber je länger er arbeitete, desto größer wurden die Fragen und um so komplizierter wurde es. Er erforschte Muskeln und Sehnen, Gelenke und Knochen. Aber immer wenn er eines erforscht hatte, entdeckte er zwei neue Dinge. Nun, es kam wie es kommen mußte: Die Arbeit dauerte und dauerte und verschlang immer mehr vom Vermögen des Mechanikus. Der Anatom konnte bald auch nur noch Ratschläge, aber kein Wissen mehr beisteuern, denn solche Details, die der Mechanikus zu Tage brachte, hatte er noch nie gesehen. Immer wirrer wurden die Gedanken und Theorien des Wissenschaftlers und immer kleiner seine Barschaft. Doch die Arbeit ließ den zweiten der fünf nicht los, obwohl er sehenden Auges in den Ruin steuerte. Und wenn man Jahre später in Darbor einen Bettler in Lumpen sah, der im Wahn den Passanten auf die Beine starrte, dann war es der Mechanikus, der über der unlösbaren Aufgabe all seine Habe verbrauchte und dem Irrsinn verfiel. Der Anatom jedoch machte sich einen guten Namen, wenn es um die Heilung von Brüchen und Verrenkungen der Beine ging und verdiente so manchen Dukaten. Sein Name wird noch heute in so manchen anatomischen Büchern erwähnt, obwohl man munkelt, daß es nicht sein Wissen, sondern das des Mechanikus war, welches ihn berühmt machte.

Der dritte entschloß sich, etwas zu bauen, was noch nie da war. Er nahm sich kein Vorbild an der Natur und war der festen Meinung, nur etwas völlig neues könnte neue Erkenntnisse bringen. So baut der werte Herr ein sternförmiges Gebilde mit 5 Beinen. Der Mechanikus war fest davon überzeugt, dass sich dadurch ganz neue Möglichkeiten ergeben würden. Man könne sich doch in alle Richtungen gleichermaßen bewegen, ohne das Gerät zu wenden, denn der Winkel zischen den fünf Beinen war gleich groß, wie bei einem Seestern. Die Gangart bereitete gewisse Schwierigkeiten. Man konnte ja kein Tier mit fünf Beinen beobachten, um seine Schrittfolge nachzuvollziehen. So ersann sich der Gelehrte einen eigenen Bewegungsablauf. Das war das Problem. Um den genauer Hergang des Unglücks zu verstehen sollte man zumindest die Vorlesungsreihe „Stabwerksgetriebe Räumlicher Art“ genossen und verstanden haben. Für alle anderen sei kurz gesagt, dass sich in dem Bewegungsablauf ein winziger Fehler befand und sich nach einigen Schritten das zweite mit dem fünften Bein verhackte. Unglücklicherweise wurden die Beine von langen Antriebshebeln mit Kraft versorgt. Einer dieser Hebel brach und einige Zahnräder wurden durch die geballte Kraft eine halbe Meile weit geschleudert. Das führte dazu, dass die Maschine noch heute in der Inoffiziellen Liste der spektakulärsten Fehlschläge eine Sonderstellung einnimmt, denn so ein „Wurf“ gelang seitdem keinem anderen Apparatisten bei einem Fehlschlag. Hier bewahrheitet sich wieder die alte Weisheit „Gewaltig ist des Schlossers Kraft, wenn er am langen Hebel schafft“. Offensichtlich gilt das auch – und ganz besonders – für Maschinen. Der Mechanikus, der das ganze halbwegs unbeschädigt überstand, stellte zwar weitere theoretische Grundlagen für den Gang mit fünf Beinen auf, eine Maschine dieser Art baute er aber nicht mehr.

Der Vierte und der Fünfte waren die härtesten Rivalen. Die beiden Herren versuchten sich zu übertrumpfen, wo es nur ging. In diesem Falle jedoch hatten sich die beiden an der Geschwindigkeit festgebissen. Der eine baute eine Maschine, die ähnlich wie der Vogel Strauss auf zwei Beinen einher schritt, der andere imitierte den vierbeinigen Gang der Pferde. Keines der beiden Geräte war sonderlich schön, außerdem verbreiteten sie auch fürchterlichen Lärm und Gestank. Ihr Rütteln war so stark, dass nach jedem Test die Schrauben neu festgezogen werden mussten und die „Reiter“ verschütteten ob des Zitterns immer die Hälfte des ersten Getränks nach dem Absteigen. Doch eines musste man den beiden Gefährten lassen: Sie waren schnell. Selbst bei den ersten Proberitten hatten die Pferde, die sie begleiten wollten, nicht die geringste Chance. Und das, obwohl die beiden Gelehrten fest versicherten, bei weitem nicht die Endgeschwindigkeit erreicht zu haben. Nun, das Unheil nahm in Form einer Wette in einer Taverne seinen Lauf. Ausgelöst von den ersten gesetzten Dukaten, wer das schnellere Gefährt baue, hatte nach einem Mond fast jeder auf einen der beiden Konkurrenten gesetzt. Und so wurde ein Rennen vereinbart. In diesem Moment kamen die Heilkundigen zu Wort, die sich sehr kritisch ob der hohen, bis dato unbekannten Geschwindigkeiten äußerten. Man hörte eine Menge mehr oder weniger glaubhafter Aussagen von ihnen. „Ihr werdet blind werden!“ „Euch wird das Blut in den Adern gerinnen!“ „Die Haut wird euch abgehen!“ Aus unerklärlichen Gründen kamen die Heiler nicht auf das einfachste und auch naheliegendste: „Ihr werdet euch den Hals brechen!“. Genau dieser Fall trat ein. Die beiden Reiter hatten sich einige Meilen entfernt von der Oase (die Magister hatten das Rennen in Gebeh selbst untersagt) und starteten unter dem Jubel ihrer Anhänger die Maschinen. Was genau geschah, kann keiner sagen. Unter ohrenbetäubendem Lärm wurde eine Wolke aus Sand aufgewirbelt, vermischt mit dem Rauch der Maschinen. Diese Wolke war so groß und dicht, dass kein Zuseher von sich behaupten kann, das Rennen auch nur ansatzweise gesehen zu haben. Erwiesen ist jedoch, dass wenige Augenblicke später ein äußerst unangenehmes Geräusch zu vernehmen war, welches nur entsteht, wenn Gerätschaften an einem Hindernis zerschellen. Der Haufen aus verformten Gerätschaften befand sich über 500 Schritt weit weg und aus diesem konnten die beiden Gelehrten nur noch leblos geborgen werden.

Und wo finden wir die Moral dieses Irrsinns? Wenn du einen Apparat bauen willst, dann hast die selben Dinge zu beachten wie beim setzen einer Schraube: Erfinde die Schraube nicht jedes mal neu. Platziere sie da wo sie auch trägt, sonst ist sie umsonst. Überlege, ob es nicht auch eine einfache Niete tut. Und wenn du die Schraube anziehst, dann denke immer daran: Nach Fest kommt Ab!

Gehört und niedergeschrieben zu Gebeh
im 1. Poena 29 n. H.A.III
Hannes Reichenbach

Warum Maschinen ?

„(…) Warum Maschinen, liebe Zuhörer, warum? Immer wieder bricht der Disput zwischen den Gelehrten aus, wo denn die Vorteile der Apparati liegen und ob denn überhaupt ein Vorteil besteht. So möchte ich denn hier noch einiges dazu sagen, was jedoch nur meine Überzeugung wiederspiegelt und sicher nicht die der Allgemeinheit.
Zuvorderst ist zu klären, warum denn nun die Apparati gerade in Heligonia so weit verbreitet sind. Bei genauer Betrachtung muss dieser Punkt aber anders hinterfragt werden. Warum sind sie in anderen Ländern so selten? Nun, dafür gibt es 2 Gründe. Der erste ist jener, dass ein oder zwei der Vorteile der Hohen Mechanik (vor allem bezüglich der Dämpfung) in Heligonia ganz besonders vorteilhaft sind. Der zweite ist das Wissen über diese Kunst. Auch wenn man in vielen Ländern hin und wieder Kundige findet, so ist denn das einzig mir bekannte Land, das eine entsprechende Organisation beheimatet – nämlich den Ordos Mechanicus – unser geliebtes Königreich.
Eines eben jener speziell heligonischen Vorzüge ist die Dämpfungseignung der Maschinen. Auch wenn ein Apparatus von Magie durchdrungen ist, so ist denn diese für das Auge des Unsichtbaren wesentlich schwerer zu entdecken, als dies sonst der Fall wäre. Die Theorie besagt, dass die Mechanik an sich schon auf dem richtigen Wege ist und die Magie nur den letzten Schritt tut, um die gewünschte Funktion zu ermöglichen. Ein interessantes Beispiel wäre eine gasgefüllte Kugel aus Metall. Nun wurde schon öfter ein dünner Ballon mit Gasen gefüllt, auf dass dieser auch aufstieg, aber die Kugel ist denn nun deutlich zu schwer. Hier hilft die Kraft der Magie. Der natürliche Effekt des Schwebens eines solchen Ballons würde dermaßen verstärkt, dass auch die Kugel abhebt. Es wird also kein neuer Effekt geschaffen. Und gerade dieses Nicht-Erschaffen von etwas Neuem sondern das geschickte ausreizen von Vorhandenem bewirken die dämpfungstechnisch günstigen Eigenschaften.
Allerdings wurden in den letzten Jahren immer wieder – wenn auch äußerst selten – rein magische Konstrukte gefunden, die einen ähnlichen Effekt aufwiesen. Die Fäden waren so geschickt gewoben, dass es so etwas wie nach außen abstrahlende Kraft nicht gab. Alle Kraft war ihrem Zweck zugeführt, nichts ging nach außen. Wo nichts abstrahlt, kann nichts wahrgenommen werden. Wo nichts wahrgenommen wird, da wird auch nichts erkannt. Wo nichts erkannt wird, da ist auch keine Schuld. Der Effekt ähnelt also dem der Apparate, wenn auch auf einem anderen Weg. Leider ist das Wissen um diese Kunst der Konstrukte äußerst komplex und wohl kaum jemandem bekannt.
Auch der Zeitaufwand, um einen Apparatus zu aktivieren wird oft als äußerst günstig gesehen. Einen oder zwei Schalter umgelegt, ein paar Räder gedreht und schon entsteht ein kleines Wunder. Wie kurzsichtig diese Meinung doch ist! Kaum einer, der eine Maschine bei ihrer Arbeit betrachtet, denkt daran, wie sie entstand. Die Idee zu haben, diese Idee in Skizzen zu bannen und diese Skizzen schlussendlich in einen Apparatus umzusetzen, das geht nicht über Nacht. Meist ist die Zeit, die eine Apparatur zum Bau benötigt nicht in Stunden und Tagen zu messen, sondern in Wochen und Monaten. Und damit ist mitnichten eine ruhige Zeit des Studiums und der Theorie gemeint. Mal ist die Arbeit schwer, mal diffizil. Nie jedoch so, dass man unachtsam sein dürfte. Und ist dann nach langen Mühen das Werk einmal vollbracht und funktioniert, dann will das Gerät gewartet werden. Die Kraft zehrt die Teile aus und die Reparaturen nehmen ihren Teil der Zeit. Der Schein der schnellen Funktion ist zwar und nicht völlig falsch, doch man bedenke die lange Zeit davor. So mancher Zauber ließe sich wirken in dieser Zeit. So mancher Kreis würde gezeichnet, voll von großer Macht. Doch der Mechanicus weiß, Geduld ist seine Tugend und Geschwindigkeit ist nicht der Weg, der zu einem neuen Apparat führt.
Doch wenn eine neue Maschine durch die kundige Hand des Apparatisten geboren wurde, dann zeigt die lange Zeit der Arbeit ihre Wirkung. Kaum ein Apparat wird erschaffen, nur um ein kleines Licht zu erzeugen, es sei den zur Übung. Meist ist die Dichte der Kraft, die dem Gerät innewohnt so groß wie seine Komplexität. Für die schwere Aufgaben wurden die Werke der Apparatisten schon eingesetzt, großes bewegten sie. Und wieder erklingt der Ruf, die Apparati seien mächtiger als die gewöhnliche Magie. Doch auch wenn dies die Hoffnung vieler ist, so ist es denn falsch. Die Kraft der Maschinen liegt nicht in ihrer Natur, sondern in ihrem komplexen und doch soliden Aufbau. Es wäre denn durchaus möglich, das gleiche zu tun, auf anderem Wege. Ein Detail darf aber nicht verschwiegen werden: Die Präzision. Nun ist es allen Kundigen bekannt, dass bei der Magie Kräfte im Spiel sind, die den Nutzer ohne weiteres in den Wahnsinn, ja den Tod treiben können, vom Unsichtbaren ganz zu schweigen. Wird ein Zauber erst einmal gewirkt, so ist der Sprechende doch sehr anfällig für Störungen und Ablenkungen und selbst der mächtigste Kreis kann wertlos sein, wegen einer einzigen falschen Rune. Sicher hat ein trockener Hals und das dadurch entstandene Räuspern schon mehr als einem Beschwörer das Leben gekostet und finstersten Kreaturen ein unerwartetes Mahl beschert. Die Maschine jedoch wird während des Baus immer wieder getestet, Teil für Teil und am Ende in Einem. Immer wieder geschmiert und kalibriert. Und so kann der Apparatist sicher sein, dass die Funktion des Tests auch genau so zu Tage tritt, wenn es darauf an kommt. Das kalte Funktionieren ersetzt das menschliche, aber fehlerhafte des Zaubernden. Wehe aber dem, der den Apparat falsch plante und baute. Wehe dem, der Versuche unterließ und blind auf seine Fähigkeiten vertraute. Denn die Maschine wird dann eben so präzise den Fehler des Erbauers wiederholen. Denn der Apparat kennt weder Freund noch Feind und auch keine Gnade.
Manchmal zum Segen, manchmal aber auch zum Fluch zeigt sich hier aber auch eine weiter Eigenschaft, die aus den bereits genannten erwächst. Ein Apparat ist geradezu beneidenswert effizient! Wurde der Weg konsequent beschritten, so geht kaum Kraft verloren, die Funktion wird exakt erzeugt und die Kraft der Mechanik durch die Kraft der Magie verstärkt. Wohl kein anderer Zauber kann mit ähnlich geringen Mengen der Kraft so viel bewirkten. Und doch, was ist dieser Vorteil schon, gegen den Pferdefuß der Zeit, die aufgewendet wurde, um das Gerät zu bauen. Alles und doch nichts. Gerade hier ist es schwer zu sagen, wo der größere Vor- oder auch Nachteil liegt, so wie bei vielem.
Lange könnte die Liste der Beispiele geführt werden und noch weiteres wäre auffindbar, das die Apparati bestärkt oder auch abschwächt. Aber eine Erkenntnis würde immer stärker werden. Weder der Zauber noch der Apparat hat die größere Macht. Jedes hat den seinen Vorteil. Jedes seinen Nachteil. Alles ist eines und doch nicht.
Wo aber liegt der Grund, dass die Apparaturen so großes Aufsehen auf sich ziehen, auch wenn nur wenige ihre Funktion begreifen. Wo ist die Ursache zu suchen, dass Menschen, die kaum wissen was des denn sei, staunend vor laufenden Zahnrädern stehen? Der Grund liegt tief im Geist der Menschen. Es ist die Faszination, die diese Dinge ausstrahlen! Die pure Begeisterung, die ein Apparat in einem Betrachter hervorruft. Wer könnte sich schon der Urgewalt erwehren, wenn riesige Wasserräder stampfend an Zylindern arbeiten? Wer fühlt nicht die schiere Kraft, wenn sich ein Druckkessel mit Dampf füllt und zischend und bebend den Kolben hebt? Und oh welch Genuss ist der Anblick, wenn Zahnräder zum ersten mal ineinander greifen und ihren gleichförmigen und schnellen Tanz beginnen, ohne Makel und Fehl. Nur wenige sind unter uns, die je die Ehre hatten, die Großen Maschinen zusehen, deren Funktion hier nicht genannt wird. So gewaltig, dass sie ein einzelner weder bauen noch begreifen kann. Welche Ehrfurcht sie erwecken!
Und vielleicht findet jeder in dieser Begeisterung und dem kaum verständlichen Erstaunen einen Funken von sich selbst. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass die Welt an sich einer Maschine gleicht und jeder, wie ein kleines Zahnrad seinen Tanz vollführt. Frei und doch gebunden in der Funktion, im Schicksal der Welt. Vielleicht ist es dies, vielleicht auch nicht, aber wer möchte das begründen? Denn wird es begründet, wird es dadurch vielleicht auch zerstört. Und wer möchte es missen, wohl keiner derer, die unter uns weilen. Dieses Gefühl, das unser Antrieb ist. Die Faszination der Maschinen.“

Gehört von einem neugierigen Ohr
im Sommer 30 n. H.A. III

Traktat über die edlen Gesteine fertiggestellt

Mira Mabignon, Magistra an der Academia Rei Praeheliotica und Geweihte der Saarka, hat rechtzeitig zum diesjährigen Gelehrtenconvent in Idyllie, Tlamana, ihr Werk „Traktat über die edlen Gesteine“ fertiggestellt. Das Buch widmet sich vornehmlich den magischen und invokatiblen Kräften der Steine. Es ist ab sofort in der Bibliothek von Idyllie einzusehen und dort auch käuflich zu erwerben. Voraussichtlich wird es in einigen Monden auch in anderen Bibliotheken zur Verfügung stehen.

Ausgabe 15 des Portals im September 2002
© 2003 Waldfaun-Verlag, Aalen-Waldhausen
Alle Rechte vorbehalten

Berichte von Andreas Hils, Günther Merk, Florian Schätz