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Im 1. Saarka, 31 n.A.III
Ausgabe XVII
Die Mantiden

Nachdem vor kurzem im Heligonischen Boten bereits ein Bericht über die Ereignisse auf Burg Ipptalblick veröffentlicht wurde, ist die Bedrohung durch die „Halbinsekten“ – Mantiden genant – wohl den meisten Heligoniern ein Begriff. Doch fehlte es bisher an genaueren Details über diese Spezies, welche mit diesem Bericht hoffentlich geliefert werden können. Mehrere Monate lang wurden auf Burg Ipptalblick und in Truesstett mit eifriger Hektik die Forschungen vorangetrieben, um mehr über diese Spezies herauszufinden und so die Gefahr besser einschätzen zu können. Nicht ohne ein gewisses Quentchen Stolz kann ich behaupten, dass bei diesen Forschungen, an denen ich die Ehre hatte, beteiligt gewesen zu sein, viele unserer ursprünglichen Fragen beantwortet und noch mehr neue Fragen gefunden werden konnten, die zweifelsohne bald zu noch mehr Antworten führen werden.
Obwohl bereits die Bezeichnung „Mantiden“ beziehungsweise „Riesenmantide“ irreführend ist, so hat sich diese Bezeichnung doch mittlerweile ein wenig verbreitet und so wollen wir diesen Begriff auch weiterhin als kurze Bezeichnung für jene Spezies, die auf eine so grausige Art und Weise zu einer Bedrohung für die Niederlormark, vielleicht sogar für ganz Heligonia geworden sind.
Da eine genaue Spezi-fikation dieser Spezies zur Zeit noch schwierig ist – und es an geeigneten Vergleichen in der uns näher bekannten Fauna fehlt – mag ich als vorläufige, konkretere Bezeichnung Mantis Giganta Humaniforma Communis – gewöhnliche, menschenförmige Riesenmantide – vorschlagen, die Zeit wird zeigen, ob dieser Begriff Einzug in die Lehrbücher halten wird.
Die Einordnung dieser Spezies wird vor allem dadurch erschwert, dass sie die Eigenschaften verschiedenster anderer Spezies in sich vereint, so besitzt sie gar Anteile menschlicher Eigen-schaften, aber genauso solche von staatenbildenden Insekten und – offensichtlich – solche der Orthopteden, zu welchen die in manchen Teilen von Heligonia heimische Gottesanbeterin – Mantis religiosa – zählt.

Der erste Anblick einer der herausragenderen Vertretern dieser Spezies drängt den Vergleich mit einer Gottesanbeterin förmlich auf, denn wenn auch natürlich vielerlei Unterschiede deutlich zu Tage treten, gibt es doch Gemeinsamkeiten in der Anatomie, welche sich beispielsweise besonders an der Form des Kopfes zeigen, bei der wir durchaus die Ähnlichkeit bemerken können, sowohl der Form nach als auch nach Aussehen und Position der Augen, wobei sich diese bei der Riesenmantide durch ihre grüne Färbung vom Schwarz ihres Körpers abheben und scheinbar auch leicht fluorisizierend sind, d.h. sie leuchten. Aber auch eine genauere Untersuchung des Körpers bestätigt zumindest eine Ähnlichkeit, insbesondere der schützenden Panzer, welches den Körper umgibt, dessen Material durchaus mit dem von Insekten vergleichbar ist – Untersuchungen haben zwar durchaus Unterschiede aufgezeigt, aber dennoch erkennen lassen, dass die Materialien sehr ähnlich sind – stellt eine größere und natürlich angepasste Variante des Außenskeletts einer Mantide dar. Im Gegensatz zur Mantis religiosa besitzt diese Spezies keinerlei Flügel, nicht einmal in rudimentärer Form, so dass sie in jedem Fall auf den Landweg angewiesen sein dürften. Ein Faktor, der die Riesenmantide eindeutig von den Insekten unterscheidet, ist die humanoide Form, d.h. die Riesenmantiden besitzen nur zwei Paar Extremitäten, ebenso wie die Menschen: Hinterbeine und Arme, welche auch im groben genauso eingesetzt werden wie bei allen anderen Humanoiden auch.
Mag man sich nun ein zwei Schritt großes Insekt vorstellen, so ist dies eigentlich mehr als ausreichend um selbst in den tapfersten Soldaten ein gewisses Unbehagen hervor zu rufen, aber leider liegt die wahre Gefahr dieser Spezies bei weitem nicht darin, groß und stark zu sein – obwohl dieser Faktor natürlich nicht unbeachtet bleiben darf.
Wie bereits geschrieben wurde, besitzen die Riesenmantiden Eigenschaften staatenbildender Insekten, ein gewaltiger Unterschied im Vergleich zu den gewöhnlichen Mantiden, welche ausschließlich einzelgängerisch leben. So bilden die Riesenmantiden einen Staat aus, welcher um eine Königin und deren Gelege – Nest – zentriert ist. Die Versorgung der Königin und des Nachwuchses übernehmen die Arbeiterinnen, welche sich auch um andere Aufgaben kümmern. Der Schutz des Staates und Beutezüge in das Umland wird von den Kriegern übernommen, welche von allen Mitgliedern des Staates die größte Ähnlichkeit zu Insekten aufweisen, denn bei den oben beschriebenen großen, insektenähnlichen Riesenmantiden handelt es sich um die Krieger, da die Arbeiterinnen (und die Nymphen, auf die wir später zu sprechen kommen werden) eine stark abweichende Form aufweisen.
Beginnen wir aber mit den auffälligsten Vertretern dieser Spezies, den Kriegern. Wie bereits beschrieben sind sie leicht zu erkennen, da zwei Schritt große Insekten einen gewissen Hang zur Auffälligkeit besitzen. Die Augen sind seitlich am leicht dreieckig geformten Kopf angebracht und außergewöhnlich groß, für gewöhnlich schimmern sie leicht grünlich. Ihr Körper ist von einem starken aber dennoch erstaunlich leichten Panzer aus Chitin-artigem Material umgeben, der vor allem eine Schutzfunktion übernimmt, aber auch einen Teil zur Stabilisierung des Körpers beiträgt, da zwar im Gegensatz zu den Insekten ein inneres Skelett vorhanden ist, dieses aber durch das äussere Skelett unterstützt wird. An diesem Punkt sei bemerkt, dass die Krieger über die Fähigkeit verfügen, Werkzeuge beziehungsweise Waffen – insbesondere auch Bögen – zu führen, ein Detail dessen Bedeutung bei der Frage nach der Intelligenz der Riesenmantiden später diskutiert werden wird. Die Krieger sind nach unseren aktuellen Erkenntnissen nicht in der Lage, die menschliche Sprache zu benutzen – ob sie diese verstehen bleibt fraglich.
Ebenso kaum zu verkennen sind die Larven der Riesenmantiden, welche nach etwa vier Wochen Bebrütung aus den etwa eineinhalb bis zwei Ellen durchmessenden Eiern schlüpfen. Sie werden schnell bis zu zwei Schritt lang, bewegen sich aber langsam und scheinen stark auf den Schutz der Arbeiterinnen und Krieger angewiesen zu sein. Nachdem sie eine gewisse Größe erreicht haben – für gewöhnlich nach weiteren vier Wochen – machen sie eine Metamorphose durch und nehmen dabei ihre endgültige Form an. Dieser Prozess der Metamorphose dauert etwa 3 Monate. Welche Form eine Larve endgültig annimmt, wird von verschiedenen Faktoren bestimmt, zu denen Temperatur, Ernährung, und verschiedene andere Dinge zählen. Die Heranzucht von Arbeiterinnen und Kriegern ist dabei wesentlich unkomplizierter zu erreichen als die einer neuen Königin. Es sei am Rande erwähnt, dass nach den Funden auf Burg Ipptalblick feststeht, dass eines der Hauptnahrungsmittel, mit denen die Larven gefüttert werden, Menschen sind.
Wesentlich weniger offensichtlich und aus diesem Grunde eine ebenso große Gefahr sind die Arbeiterinnen, die allesamt über eine hervorragende Tarnung verfügen, denn sie besitzen die äußerliche Gestalt von Menschen, genauer gesagt von menschlichen Frauen. Diese Gestalt erlaubt es den Arbeiterinnen, unerkannt unter Menschen zu leben und so ihren Aufgaben nachzugehen. Während die Krieger also normalerweise versteckt bleiben, halten die Arbeiterinnen Kontakt zu den Menschen aufrecht und beeinflussen diese. Anatomisch gesehen besitzen die Arbeiterinnen aber durchaus einige Eigenschaften, zu denen vor allem eine stabile Brustplatte gehört, welche die Innereien schützt aber von außen unter der Kleidung nur schwer auszumachen ist. Zu den Arbeiten, welche die Arbeiterinnen durchführen, zählen nicht nur die Aufzucht und Pflege des Nachwuchses, sondern durchaus auch seltsam menschlich wirkende Arbeiten wie es beispielsweise die Benutzung eines Labors auf Burg Ipptalblick war. Die Fähigkeit, solche Arbeiten durchzuführen, lässt, ebenso wie die Fähigkeit, Werkzeuge zu verwenden, bereits auf eine gewisse Intelligenz schließen, genauso wie die Fähigkeit, mit Menschen zumindest oberflächlich gesehen normale Unterhaltungen zu führen.
Zu den Arbeiterinnen zählen auch die – fälschlicherweise so benannten – Nymphen, die ebenso wie diese menschliches Aussehen besitzen, aber eine höchst spezielle Aufgabe aufweisen, sie sammeln den Samen männlicher Menschen und bewahren diesen in einem speziellen Körperorgan auf, mit relativ großer Sicherheit zu dem Zweck, um ihn der Königin zuzutragen und so deren Eierproduktion zu sichern. Zu diesem Zweck scheinen sie auch zu versuchen, die Männer dazu zu bewegen, untereinander Kämpfe auszutragen, um den stärksten zu finden, dessen Samen natürlich von ihnen bevorzugt wird. Die bisher entdeckten Nymphen hatten die Gestalt schöner weiblicher Damen, besaßen aber die gleiche unter der Kleidung versteckte Brustplatte wie die gewöhnlichen Arbeiterinnen. Scheinbar versuchen die Nymphen sich als Ogeden-Priesterinnen zu tarnen, was auch damit in Zusammenhang steht, dass die Population der Nymphen scheinbar recht konstant bei vier pro Nest zu liegen scheint. Die Nymphen sind ebenso in der Lage, mit Menschen zu kommunizieren und nutzen dies, um in näheren Kontakt mit Männern zu kommen, wobei ihnen auch ein Duftstoff hilft, welchen ein spezielles Organ produziert, das im Nacken der Nymphen lokalisiert ist. Dieser Duftstoff stellt neben den Kriegern die wohl stärkste Waffe der Riesenmantiden dar, denn er macht den Nymphen die menschlichen Männer überaus gewogen. Zwar wurde noch nicht bekannt, dass ein Mann durch den Duftstoff vollkommen verändert wurde, aber er führt dazu, dass die Männer überaus große Sympathie für die Nymphen empfinden und dadurch von deren reiner Unschuld überzeugt werden. Dieser Duftstoff, der ausschließlich von den Nymphen produziert wird, kann allem Anschein nach auch von den Arbeiterinnen auf alchemistische Weise zu einer anderen Droge weiterverarbeitet werden, die weiter unter beschrieben wird.
Schließlich bleibt, als zentrales und wichtigstes Mitglied eines Staates, die Königin, das eierlegende Weibchen der Spezies. Nach den bisherigen Erkenntnissen wird sie von den Nymphen mit Samen und von den Arbeiterinnen mit Nahrung versorgt und schafft, ausreichend mit diesen Dingen versorgt, ein recht großes Nest. Es ist anzunehmen, aber noch nicht bewiesen, dass die Königin auch die Herrschaft über das Nest ausübt, zumindest insoweit, als dass ihre Befehle entgegen angeborener Instinkte ausgeführt werden können. Das Aussehen der Königin ähnelt wesentlich mehr den Kriegern als dem der Arbeiterinnen, sie ist von festen, schwärzlich gefärbten Platten umhüllt und besitzt, genau wie die Krieger die versetzten Augen, wird normalerweise aber etwas größer als die Krieger. Die hervorstechendste Besonderheit der Königin ist zweifellos ihr ausgeprägtes, hinteres Segment, welches der Eierproduktion dient und sie recht gut von den Kriegern unterscheidet. Da die Königin pro Tag etwa ein Ei von beachtlicher Größe legen kann, ist sie wohl die meiste Zeit ihres Lebens mit Nahrungsaufnahme beschäftigt. Da bei taktischem Vorgehen natürlich die Königin ein primäres Ziel darstellt, wird sie stets von den Kriegern ausnehmend gut – also auch unter Opferung deren Lebens – geschützt, trotzdem ist es natürlich wichtig, bei einer Schlacht die Königin nicht entkommen zu lassen. Ob eine erfolgreiche Entfernung der Königin aus dem Nest dieses seiner Führung beraubt und somit ein leichteres Ziel werden lässt, ist bisher noch nicht ausreichend geklärt, es kann aber angenommen werden, dass die Krieger auch ohne die Königin in einem gewissen Rahmen koordiniert vorgehen können. Die wirkliche soziale Bedeutung der Königin innerhalb eines Nestes wurde aber, genau wie die generelle Hierarchie eines Nestes noch nicht ausreichend erforscht.

Wie bereits erwähnt wurde, verfügen die Nymphen über einen Duftstoff, mit welchem sie Männern den Kopf verdrehen können. Dies ist allerdings nicht die einzige „alchemistische“ Waffe der Riesenmantiden: Kurz wurde es schon angesprochen dass die Arbeiterinnen scheinbar in der Lage sind, aus diesem Duftstoff eine Droge herzustellen, welche Menschen – gleich welchen Geschlechts – lethargisch und gleichgültig werden lässt, was dem Zwecke dient, sie leicht kontrollieren beziehungsweise sich besser vor ihnen verbergen zu können. Diese Droge, welche wir einfach nach dem Ort ihrer Entdeckung das „Ipptalblicker Wasser“ nennen wollen – wirkt auf Menschen scheinbar ebenfalls stark süchtigmachend. Die Vermutung liegt nahe, dass die Droge von den Riesenmantiden in Brunnen eingebracht werden kann, so dass die Bevölkerung den ersten Kontakt unwillkürlich macht, was erklären würde, warum die Menschen auf Burg Ipptalblick die Droge als „Wasser“ bezeichneten und wie alle Menschen dazu gebracht wurden, die Droge einzunehmen. In diesem Falle ist anzunehmen, dass die Droge eine gewisse Zeit braucht, um Wirkung zu zeigen, da bei den meisten der Expeditionsteilnehmer nach kurzer Zeit noch keine Wirkung zu erkennen war.
Mit der Kenntnis über diese Droge ergibt sich bereits ein recht gutes Bild über die Vorgehensweise diese Spezies: Es beginnt damit, dass eine Königin, höchstwahrscheinlich unterstützt durch mehrere Arbeiterinnen und Nymphen sowie vermutlich Kriegern, ein neues Nest beziehen, vorerst noch gut versteckt. Die Nymphen und Arbeiterinnen beginnen mit ihren Aufgaben, wozu vordringlich die Verteilung der Droge gehören dürfte, um die weiteren Schritte zu erleichtern. folgenden fünf Monate kann man als die kritische Zeit betrachten, da in dieser Zeit noch kein ausgewachsener Nachwuchs zu erwarten ist und es recht unwahrscheinlich erscheint, dass die Mantiden in gewaltigen „Herden“ – und vor allem zusammen mit Larven – zu einem neuen Nest ziehen, so dass das Nest eventuelle Verluste nicht ausgleichen kann. Aus diesem Grund kann man annehmen, dass die Vorgehensweise der Riesenmantiden während dieser Zeit vorsichtig und vorbereitend, eine Konfrontation vermeidend ist. Trotzdem dürfte die Verbreitung der Droge dazu führen, dass die Macht des Nestes über die Menschen während dieser Zeit stark ansteigt.
Die Ausbreitung und damit Gründung eines neuen Nestes dürfte in jedem Fall erst nach etwa einem Jahr zu erwarten sein, nachdem die Zahl der Riesenmantiden im Nest eine Zahl erreicht haben, welche als stabil zu betrachten ist. Die Frage, ob sich bei diesem Vorgang nur eine neue Gruppe Mantiden aus dem alten Nest löst oder deren mehrere, ist noch nicht geklärt, trotzdem kann man davon ausgehen, dass, obwohl sich diese Spezies wesentlich schneller ausbreiten kann als die Menschen, die Geschwindigkeit der Invasion durch die Riesenmantiden glücklicherweise noch nicht besonders hoch ist – aber doch mit jedem neuen Nest zunimmt, so dass trotzdem ein rasches Handeln Not tut: Denn selbst wenn wir annehmen, dass jedes Nest jedes Jahr nur eine neue Königin hervorbringt, verdoppelt sich damit die Zahl der Königinnen jedes Jahr. Aber glücklicherweise stehen wir allem Anschein noch am Anfang der Entwicklung, denn es erscheint unwahrscheinlich, dass sich die Riesenmantiden schon länger als wenige Jahre innerhalb der Grenzen Heligionias aushalten.
Zu Anfang schrieb ich, dass die Riesenmantiden eindeutigerweise über menschliche Anteile verfügen. Die Ursache für diese Tatsache wurde bereits beschrieben, nämlich in der Tatsache, dass die Nymphen den Samen menschlicher Männer sammeln und ihrer Königin zutragen, damit diese Nachwuchs zeugen kann. Untersuchungen an der Anatomie dieser Spezies haben recht eindeutig gezeigt, dass selbst beim Körper der Krieger, die ja von allen Mitgliedern dieser Spezies am wenigsten menschlich aussehen, viele Gemeinsamkeiten zum menschlichen Körper bestehen. Genauer gesagt kann man fast sicher davon ausgehen, dass viele Eigenschaften der Riesenmantiden durch ihre Verbindung zu den Menschen entstanden sind, Eigenschaften wie beispielsweise ihre Größe oder der humanoide Körperbau. Leider beantwortet die Tatsache, dass die Königin menschlichen Samen zur Fortpflanzung benötigt nicht die Frage, woher diese menschlichen Anteile ursprünglich kamen, da selbst die Königin diese Anteile besitzt. Die Suche nach der ersten, der ursprünglichen Vermischung muss als fortgeführt werden.
Kommen wir zu einer weiteren wichtigen Frage um die Bedrohung durch die Riesenmantiden verstehen zu können: Verfügt diese Spezies über Intelligenz? Die Antwort, so erschreckend dies auch klingen mag, lautet: Ja. Nach meinen bisherigen Erkenntnissen verfügen die Riesenmantiden nicht nur über rudimentäre sondern sogar über eine Intelligenz, die durchaus mit der menschlichen vergleichbar ist. Aber natürlich mag so eine gewagte Behauptung nicht so einfach hingenommen werden, weshalb ich die Indizien für diese Theorie hier noch einmal kurz erläutern will: Erstens sind die Riesenmantiden in der Lage, Werkzeuge zu verwenden, was wir bisher als eine der wichtigen Eigenschaften der Intelligenz angesehen haben. Bei diesen Werkzeugen handelt es sich auch nicht um primitive Dinge, sondern beispielsweise um Fernkampfwaffen und alchemistisches Gerät – Werkzeuge, die durchaus mehr als ein wenig Übung für ihren effektiven Einsatz benötigen. Zweitens verfügen die Riesenmantiden auch über ähnliche Organe wie die Menschen, auch und besonders über solche, die für gewöhnlich als der Sitz des Geistes angesehen werden. Diese Organe sind den menschlichen wie bereits beschrieben wurde sehr ähnlich, so dass zumindest anerkennt werden muss, dass ein Geist, der ähnlich weit entwickelt ist, wie der des Menschen, in diesen Organen zumindest existieren könnte.
Drittens sind die Riesenmantiden – vor allem Arbeiterinnen und Nymphen – durchaus in der Lage, sinnvolle Gespräche zu führen und auch bei noch nicht beeinflussten Menschen als menschlich zu erscheinen, eine Fähigkeit, die selbst den erstaunlichsten „sprechenden“ Vögeln mancher Länder weit überlegen ist. Viertens sind die Handlungen der Riesenmantiden als Ganzes gesehen zwar sehr stark von natürlichen Instinkten getrieben und scheinen auch stark an angeborenem Verhalten orientiert zu sein, doch hat es sich gezeigt, dass die Riesenmantiden sich auch intelligent und sinnvoll auf neue Situationen einzustellen vermögen, an denen angeborene Instinkte versagen würden. All diese Gründe sind ausreichend, um die Möglichkeit einer Intelligenz dieser Spezies zumindest nicht auszuschließen. Persönlich denke ich aber, dass die Intelligenz der Riesenmantiden der unseren ebenbürtig ist, ihr Verhalten aber zu stark von angeborenem Verhalten dominiert wird, so dass sie daraus nicht den vollen Nutzen ziehen können. Auch darf natürlich nicht vergessen werden, dass, obwohl diese Spezies viele menschliche Eigenschaften besitzt, ihr Wesen sich natürlich stark von dem unseren unterscheidet, so dass eine vorhandene Intelligenz keineswegs bedeuten muss, dass sie auch wirklich ähnlich denken wie wir – obwohl ich persönlich das Gefühl habe, dass gewisse grundlegende Antriebsmotive gleich sein könnten.
Die Frage nach der Herkunft dieser Spezies gehört zu den größten Rätseln, vor denen wir bisher stehen. Da aus den Landen Heligonias und den umliegenden Reichen eine solche Spezies nicht bekannt ist, muss fast zwangsläufig angenommen werden, dass sie aus weiter Ferne stammen oder erst vor kurzem geschaffen wurden. Wenn wir annehmen, dass sie aus ferneren Gebieten eingewandert sind, bleibt die Frage, wie dies möglich war und vor allem, wieso sie sich ausgerechnet in Heligona niederließen – denn aus den benachbarten Reichen ist bisher nichts über eine solche Spezies bekannt, obwohl diese, sofern sie sich dort niedergelassen hätten, länger dort aufhalten müssten als hier. Eine Möglichkeit, welche hierbei in Betracht gezogen werden muss, ist natürlich das Wasser, über welches sie gekommen sein könnte, allerdings muss man sich hierbei ins Gedächtnis rufen, dass diese Spezies weder über Flügel verfügt noch sonderlich gut schwimmen können dürfte, sie also für den Weg über Wasser genau wie wir auf ein Transportmittel angewiesen wären, wie beispielsweise das Schiff, welches damals die Expedition auf das Herzog-Uriell II Atoll brachte. Dieses Schiff könnte insbesondere deshalb von Bedeutung sein, dass Friedrich von Illmenau – Baron genau jenes Landstriches, welcher heute von dieser Spezies heimgesucht wird – noch immer verschwunden. Zumindest der Verdacht liegt also nahe, dass die Expedition auf das Atoll mehr nach Heligonia gebracht hat, als man damals offen sah. Natürlich fragt man sich, in welcher Form die Riesenmantiden nach Heligonia kamen, den zwei Meter große Insekten wären auf einem Schiff doch sicherlich aufgefallen. Die Frage nach ihrer Herkunft muss also weiter genau untersucht werden, auch wenn man sich darüber im Klaren sein sollte, dass der Ursprung dieser Spezies vielleicht nicht nur ein Landstrich, sondern auch eine gänzlich andere Kreatur sein könnte.
Zuletzt sollen noch die militärischen Details erläutert werden, welche unsere Forschungen ergeben haben, denn obwohl wir bisher siegreich blieben, muss man annehmen, dass die Riesenmantiden durchaus in der Lage sind, aus ihren Fehlern zu lernen, so dass wir jeden Vorteil brauchen können. Da die Krieger die größte aggressive Gefahr darstellen, ist natürlich wichtig, zu wissen wo deren Schwachpunkte liegen, da sie durch ihren Panzer leider recht gut geschützt sind. Die für den Angriff verwundbarsten Stellen liegen zwischen den Panzerplatten, welche besonders seitlich am Körper zu suchen sind. Diese Stellen dienen dazu, den Riesenmantiden eine möglichst große Bewegungsfreiheit zu geben und sind deshalb kaum gepanzert, sondern werden nur durch die sich teilweise überlappenden Ränder der Platten geschützt. Außerdem hat sich gezeigt, dass für den Angriff besonders schwere Armbrüste und Bögen geeignet sind, wobei die Spitzen der Bolzen und Pfeile von möglichst schmalem, rundem Querschnitt und ohne Widerhaken beschaffen sein sollten. Aber neben dem aktuellen Angriff sollte bedacht werden, dass es zweifelsohne wichtig sein wird, gegen die Auswirkungen des Duftstoffes und der Droge vorzugehen und schnell auf die Bedrohung zu reagieren. Wachsamkeit ist nun in den gefährdeten Gebieten strikt einzuhalten und wenn möglich, sind Kontrollen jeder größeren Stadt oder Burg durchzuführen, um Merkwürdigkeiten im Verhalten der Menschen festzustellen.

Niedergeschrieben nach bestem Wissen und Kenntnissen im 3. Xurl 31 n. A. III

Inurinai Ni Faërynne,
Irian vom Weg

Auf den Spuren des hl. Aspitanius,

während der ersten beiden Poenamonde 30 n.A. III

Nach eingehenden Vorbereitungen in der Bibliothek brachen Magister Londae, Magister Arwed sowie dessen Lehrling Ealdor nach Betis auf, um sich dort mit Magistra Tiziana di Rosa und deren Begleiter Felice an der Academia der Schönen Künste zu treffen.
Im Zuge unserer Erkundigungen im Vorfeld hatten wir auch über Magistra Mira von den Schwestern des Saarkaschreins bei Burg Talwacht erfahren, daß es dort wohl vor rund 100 Jahren einen Zwischenfall mit einem ceridischen Missionar gegeben hatte. Für eine Unterredung mit den dort lebenden Schwestern gab uns Magistra Mira ein entsprechendes Schreiben mit.
Unser Weg zu unserem ersten Anhaltspunkt, führte uns am Bannkreuzlerkloster Murbach vorbei; Magistra Tiziana unterhielt sich mit den dortigen Ceriden, jedoch besaßen sie weder Informationen über einen frühen Ceriden noch frühceridische Gegenstände, die aus der Zeit von Hilarius stammen könnten.
Als wir schließlich den Saarkahain bei den Mauerresten von Burg Talwacht erreichten, wurden wir von einer der Saarkani begrüßt. Nachdem wir uns vorgestellt und das Schreiben von Magistra Mira ausgehändigt hatten, erhielten wir freundlich Auskunft. Die Geschichte des durchreisenden Ceriden war ihr entfernt bekannt; genaue Auskunft könnten wir aber von der ältesten der im Schrein ansässigen Saarkani erhalten. Diese würde sich aber im Moment in Seranhest bei den Festivitäten anläßlich der Minenöffnung aufhalten.
Also führte uns unsere Reise weiter nach Seranhest. Unser Weg führteuns in die Nähe der Niemandsschlucht – die örtlichen Legenden besagen, daß sich am Grunde der Schlucht eine Geisterstadt, regiert von einem Geisterkönig befände; niemand, der die Schlucht hinuntergeklettert wäre, sei je zurückgekommen.
Nachdem wir in Seranhest ein Quartier bezogen hatten, inspizierte Tiziana die Stadt; wir fanden jedoch weder alte ceridische Artefakte noch sonstige Spuren von Aspitanius. Am nächsten Morgen sollte ein großes Saarka-Ritual stattfinden, wo wir hofften, die Tochter der Saarka aus Talwacht anzutreffen. Das Ritual sollte mit einem Gottesdienst beginnen, gefolgt von einem Mysterienspiel.
Eine große Menschenmenge hatte sich zu dem Spektakel eingefunden. Umso größer war die Unruhe, als das Ritual auch eine halbe Stunde nach der angekündigten Zeit noch immer nicht begonnen hatte. Mit knapp einer Stunde Verspätung begann das Ritual, gefolgt von dem Schauspiel.
Nun trafen wir auch endlich die von uns gesuchte Saarkani an. Sie erzählte uns, daß sie selbst die Geschichte von ihrer Vorgängerin erfahren hatte – diese mußte sie wohl selbst erlebt haben. Aspitanius sei eines Tages an ihrem Schrein
aufgetaucht. Dabei hatte er eine große Steinplatte auf einem Esel. Außerdem trug er ein Kreuz um den Hals, und mehrere Bücher, die er mit sich führte, waren ebenfalls mit dem Ceridenkreuz verziert. Aspitanius versuchte, die Saarkani zu bekehren.
Schließlich zog er vier Steinplatten, die die ogedischen Göttersymbole trugen, hervor – er bezeichnete sie als sein privates Eigentum. Letztlich wurde es den Schwestern zuviel und sie verjagten ihn – die Steinplatten nahmen sie ihm ab und legten sie in ihren Schrein. Aspitanius zog nach Osten weiter. Die Platte, die Aspitanius auf seinem Esel trug, wurde wie folgt beschrieben: Sie war groß, aus dunklem Stein; auf ihr war das Ceridenkreuz aufgemalt, außerdem stand auf ihr ein Text geschrieben. Wir gingen bereits zu diesem Zeitpunkt davon aus, daß es sich hierbei um den jetzigen Grabstein von Aspitanius handeln mußte.
Wir beschlossen, den Versuch der Rekonstruktion von Aspitanius‘ Reiseweg zu unternehmen. Dazu reisten wir zurück nach Talwacht; in jedem Dorf unterwegs fragten wir die älteren Dorfbewohner, ob Geschichten über einen wundersamen Mann, der eine Steinplatte auf einem Esel transportierte, aus der entsprechenden Zeit bekannt sei. In mehreren Dörfern erinnerten sich Einwohner an eine solche Erzählung – der Wanderer wirkte verwirrt und nicht ganz bei sich. Die Erzählungen ließen sich alle auf eine Zeit datieren, kurz bevor Hilarius bekannt wurde. Eine weitere Geschichte berichtete davon, daß Aspitanius in einer Höhle im Schlangenkamm von einem Erdrutsch verschüttet wurde; in dieser aussichtslosen Situation hatte er ein helles Licht gesehen und die Stimme des Einen gehört, der ihn errettete.
Am Saarkaschrein angekommen, versuchten wir die Spur zu verfolgen. In vielen Dörfern fanden wir nichts, so daß wir davon ausgingen, daß Aspitanius das Land nicht systematisch bereist hatte, sondern nur eine Strecke entlanggezogen war. Der Weg führte vom Saarkahain parallel zum Parimawald bis zu dem Wald nördlich von Seranhest; dort bog die Spur in den Wald ein, führte durch Seranhest durch, um schließlich – parallel zur Grenze des Schlangenkamms – direkt nach Gregorsruh zu führen.
In Gregorsruh sahen wir uns schließlich das Grab aus der Nähe an. Nach der Art der Schrift vermuten Tiziana und Arwed, daß der Text vor etwas mehr als 100 Jahren verfaßt wurde – also zu Lebzeiten von Aspitanius.
In der Nähe des Grabes trafen wir Sabrizius, den Abt des dortigen Ceridenklosters an. Er berichtete uns von der Geschichte, wie Aspitanius hier beerdigt wurde: Ein Unbekannter, der bereits den Glauben an den Einen angenommen hatte, wurde auf seiner Reise an diesem Ort erschlagen aufgefunden. Das einzige, was er noch bei sich hatte, war die Steinplatte, die man dem Unbekannten kurzer-hand als Grabstein setzte.
Der Abt hatte diesen Ort schon immer gern gemocht und sich hierher zu Gebeten oder zum Nachdenken zurückgezogen. Als er vor dem großen Ceridenkonvent wieder einmal hier saß, sei er plötzlich von großem inneren Frieden erfüllt worden; eine Stimme sprach zu ihm: „Sei ohne Furcht, denn ich bin der Eine, dem Du Dein Leben geweiht hast. Gehe hin zur Stadt der Erleuchteten und trage Sorge, daß der Ort der Erkenntnis allen Erkenntnis bringe.“ Für ihn war damals klar gewesen, daß die „Stadt der Erleuchteten“ der Hauptsitz der ceridischen Kirche war; und da ihm der Platz beim Stein Erkenntnis gebracht hatte, mußte dies wohl ein Zeichen sein, den Ceridenconvent in Gregorsruh abzuhalten.
Nach den Untersuchungen in Gregorsruh reisten wir abermals zurück nach Talwacht, um die Spur Aspitanius‘ in die Gegenrichtung zu verfolgen. Dies war schwieriger als die andere Wegrichtung; die Berichte über den verwirrten Mann mit der Steinplatte ließen sich bis in die Provinz Escandra zu dem „Fingerfelsen“ zurückverfolgen, an dem auch Hilarius erleuchtet worden war. Der Fingerfelsen schien aus demselben Gestein zu bestehen wie die Grabplatte auf dem Grab von Aspitanius. Als sich hinter dem Fingerfelsen die Spur verlor, gaben wir unsere Suche auf und reisten zurück.

Niedergeschrieben von Arwed von Lauenburg
im 3. Poena 30 n.A.

Ausgabe 17 des Portals im Dezember 2003
© 2003 Waldfaun-Verlag, Aalen-Waldhausen
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Berichte von Stefan Schlott, Evelyn Feierabend, Florian Schätz